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Veech.Media.Architecture: Den Raum neu erfinden

02.05.2006

Think global – be global. Wem könnte es leichter fallen, nach diesem Motto zu leben, als den Architekten Mascha Veech-Kosmatschof und Stuart A.Veech. Der in Chicago geborene Stuart Veech und die aus Moskau stammende Mascha Veech-Kosmatschof hatten sich während ihres Studiums an der Architectural Association in London kennen gelernt und 1993 in Wien ihr Büro gegründet. Ihr Ehrgeiz gilt einer „Neudefinition von Architektur des 21. Jahrhunderts als der Überschneidung von Raum, Medien, Design und Kommunikation“. Soweit, so gut. Auf dem Weg dorthin entstand ihr wohl bekanntestes und meistgesehenes Projekt: die Gestaltung des ZIB-Studios für den ORF, der weitere Studiodesigns folgten. Kunstobjekte, Installationen, Prototypen oder Schauräume – als VMA arbeiten beide an einer „kosmopolitische Sozialisation“, die hier in Wien ihre Basis gefunden hat. Mit FORUM sprachen sie über grenzenlose oder mediale Architektur, neue Formen der räumlichen Kommunikation und der Form als Folge von Material und Programm.

Manuela Hötzl im Gespräch mit Mascha Veech-Kosmatschof und Stuart A.Veech

Veech.Media.Architecture: „ Vor dem Hintergrund der täglichen Informationsüberflutung betreiben wir eine Art räumliche Ökologie der Information. Wir verstehen Medien letztlich nur als ein anderes Material der Architektur und Architektur als einen anderen Massstab von Medien.“

Ihr seid als internationales Architektenpaar in Wien gelandet – warum diese Stadt?
Die geografische Lage von Wien ist eigentlich perfekt. Diese Stadt ist das zentrale Bindeglied in Europa – historisch und kulturell. Und im Hinblick auf die Architektur. Hier gab und gibt es eine sehr spannende Tradition des visionären Denkens. Die Umsetzung dessen ist dagegen eine Frage des Mutes, aber natürlich auch eine Frage der Möglichkeiten.

Und des Geschichtsbewusstseins? Und welcher „Mut“ von Architekten in diesem Zusammenhang?
Man muss diese Identität stiftende Kulturgeschichte ständig wiederholen und unter neuen Aspekten präsentieren, um es im Selbstbewusstsein besser zu verankern. Wiener Komponisten wie Mahler und Schönberg, Kafka und Musil als Literaten oder ein Otto Wagner, der mit seinen innovativen Konzepten seiner Zeit weit voraus war, sind nur einige Beispiele, die für Wien sprechen. Stattdessen wird Österreich gerne „zerstückelt“ präsentiert. Damit geht das Grundsätzliche und Ganzheitliche verloren. Einmal gibt es Mozart, ein anders Mal Freud und dann nochmals Mozart … Es wird immer weit zurückgegriffen, aber nicht, um den Mut als eine neu kulturelle Authentizität im globalen Kontext zu fördern, sondern eine Neuauflage des glorreichen kulturellen Erbe zu inszenieren.

Welche Tradition lässt euch so über Österreich nachdenken? Was hat euch geprägt?
Wir kommen aus zwei verschiedenen Ländern und Traditionen, Amerika und Russland, aus beiden haben wir ein starkes Selbstbewusstsein mitbekommen. Mit unserer Kultur und Geschichte wurden ganze Generationen ständig konfrontiert und vielleicht einer Gehirnwäsche unterzogen – aber dieser grundsätzliche Positivismus hat uns beide stark geprägt. Nun sind wir bemüht, diese Grundeinstellung in Wien auf den österreichischen Kontext umzulegen. Wir sind von manchen Zwängen frei und erlauben uns daher auch, Dinge zu hinterfragen, die für gebürtige Österreicher vielleicht, aus einem bestimmten kulturellen Selbstverständnis gesehen, nicht hinterfragt werden. Und in diesem Dazwischen versuchen wir, einen globalen, weit über die jetzigen Grenzen Österreichs reichenden Maßstab zu leben und zu denken.

Sieht das ganz Österreich täglich an eurer Gestaltung der ZIB?
Während unserer Zeit an der Architectural Association (AA) in London haben wir nach einer neuen Richtung in der Architektur gesucht. Die AA, dafür bekannt, die Grenzen des Diskurses ständig weiterzutreiben, war auch der Inkubator für die meisten zeitgenössischen Avantgardisten von Archigram bis Coop Himmelb(l)au, Zaha Hadid, Bernhard Tschumi, Rem Koolhaas oder Future Systems etc. Die digitale Revolution begann damals, die Architektur zu bereichern, und wir haben angefangen, über die Zukunft der Architektur in der digitalen Welt nachzudenken. Es wurde offensichtlich, dass die abgegraste Medienwelt ein Katalysator für die Veränderung wird – manchmal in positiver, manchmal in negativer Hinsicht – und sich ein neuer Hybrid entwickeln würde: Medien Architektur. 1993 fingen wir an, unsere Strategien zu testen. Der Anlass war der Auftrag, in Zusammenarbeit mit Neville Brody die ORF-Studios zu redesignen. Damit tat sich eine neue Welt auf, eine Welt, wo die virtuelle und reale Umgebung koexistieren und Themen wie Licht, Material, Funktionalität und Flexibilität im Design in einem drei bis vier Wochen Projekt zusammengepresst wurde. Vom Design bis zur Produktion.

Inwieweit spielt die Form oder sagen wir die Ästhetik in der „digitalen Welt“ eine Rolle?
Wir sind mehr an programmatischer Architektur als an reinen Designstrategien interessiert. Natürlich ist das ORF-Studio auf Grund seiner 365-Tage-im-Jahr-Präsenz sehr bekannt und eines der bisher herausforderndsten Projekte gewesen. Aber das Entwerfen kommunikativer Räume für Information und Kultur erfordert einen tieferen Umgang mit Strukturen dieser Räume. Ästhetische Fragen sind dabei sekundär. Es zählt mehr die Flexibilität, Funktionalität und natürlich eine Identität, der „Brand“ der Studioarchitektur ist wichtig. Wir sind immer noch in ständigem Dialog mit der Redaktion, den Moderatoren und den Technikern, modifizieren die Räume und nehmen eine Feinabstimmungen vor, um die Effizienz und Anwendbarkeit zu steigern – auch für neue Programmideen.

Was bedeutet Veech.Media.Architecture? Wofür steht ihr?
In einer Zeit der medialen Expansion und einer zunehmenden Virtualisierung unserer Umgebung beschäftigen wir uns seit der Gründung von VMA immer intensiver mit der bewussten und innovativen Verbindung von Medien und Architektur. Mit dem Ziel, neue Formen der räumlichen Kommunikation für das Informationszeitalter zu erzeugen. Vor dem Hintergrund der täglichen Informationsüberflutung betreiben wir eine Art räumliche Ökologie der Information. Eine enge, von der ersten Projektskizze an gedachte Verknüpfung von Medien und Architektur ist dafür eine wesentliche Bedingung. So wie Medien den Raum durch Information animieren, verleiht Architektur der Information eine räumliche und greifbare Dimension. Wir verstehen Medien letztlich nur als ein anderes Material der Architektur und Architektur als einen anderen Maßstab von Medien.

Was bedeutet Material oder Materialität bei VMA?
Wir verfolgen kontinuierlich Innovationen der zeitgenössischen Herstellungsprozesse und experimentieren mit neuen Materialien, die ursprünglich im Flugzeug- und Automobilbau, der Textilindustrie oder der Medienproduktion entwickelt wurden. Die Neuheit solcher Materialien dient uns dazu, Formen von Raum, Repräsentation und Kommunikation zu erproben, die bisher nicht möglich waren. 2002 hat Jan Tabor sehr treffend unsere Projekte mit „Form follows Material“ beschrieben. Wir experimentieren und erforschen neue Materialien nach wie vor, aber die Gewichtung hat sich in Richtung Programm verlagert. Die Herausforderung sehen wir heute in der Aufgabe, ein Programm, ein „Drehbuch“ für ein Gebäude zu schreiben.

Ein weiterer Begriff taucht immer wieder bei euch auf: Mobilität. Wie mobil kann Architektur sein? Oder wie mobil ist unsere Gesellschaft wirklich?
Mobilität liegt in unseren Genen. Im mobilen und flexiblen Ansatz der Architektur liegt auch ein wesentlicher Teil unserer Kompetenz. Mobilität ist ein Werkzeug, um neue Formen der Repräsentation, der Kommunikation und der Vernetzung zu erproben, die bisher in einem globalen Maßstab nicht möglich waren. Die Idee einer mobilen Architektur ist aber nicht neu. Neu ist die Möglichkeit einer gleichzeitigen medialen Vernetzung.

Ihr entwickelt sehr oft Gebäude als Prototypen. Wie entsteht der Kontext dazu?
Kontext ist ein von Architekten immer wieder angegriffenes und aufgegriffenes Thema. Einen Kontext gibt es immer, auch wenn man ihn verneint. Unser Kontext ist eine Formel, in der sich das gesamte Spektrum der kulturellen, wissenschaftlichen und politisch-sozialen Aspekte einer Gesellschaft spiegelt. Man könnte es auch als Zeitgeist bezeichnen, der uns die Zusammenhänge des Momentanen begreifen und die aktuellen Themen eines neuen Diskurses erraten lässt. Aus diesen neuen Themen entstehen unsere Prototypen. Es sind Experimente auf inhaltlicher Basis des jeweiligen Projekts. Der Kontext ist dabei nicht im klassischen Sinn eines genius loci zu verstehen, sondern als Zusammenspiel des Projektinhalts mit den kulturellen, soziologischen, politischen und ökonomischen Faktoren. Die Rolle des Architekten ist für uns die des kritischen Analytikers.

Analytiker, Drehbuchautor, Regisseur oder Manager? Wie schaut die Arbeit eines Architekten in der Zukunft aus? Was gebt ihr euren Studenten mit?
Die digitale Revolution in der Architektur hat den Architekten nicht nur mit neuen Werkzeugen der Visualisierung und der Kommunikation von Visionen ausgestattet, sondern sie hat auch die Entwicklung von sehr komplexem Design oder Formen ermöglicht. „Cutting edge design technologies“ und die Erweiterung der digitalen Prototypen-Maschine überbrückt die Kluft zwischen virtueller und realer Welt. Die Rolle des Architekten hat sich dabei in den letzten zehn Jahren in eine Richtung verschoben, mehr zum Regisseur, dessen Job es ist, die umfassende Vision zu vermitteln und dabei ein interdisziplinäres Team zu rekrutieren. Dieses Team inkludiert Architekten, Designer, Techniker, Programmierer, Wissenschaftler oder Technologen in der Entwicklung wie Produktion. Der Regisseur konzentriert sich auf die flüssige Choreografie der einzelnen Teammitglieder und deren kreativen Diskurs, der während der Entwicklung eines Projekts immer entsteht. Dieser dynamische Zugang ermöglicht Forschung und Experimente und lässt parallel zu den evolutionären Designprozessen und -ergebnissen die Verschiebung von Grenzen und Barrieren zwischen Design und Konstruktion stattfinden.

Ihr macht es euch aber nicht leicht mit dem Anspruch, immer etwas Neues zu erfinden. Was ist eure Vision, was wollt ihr realisieren oder bewirken, damit diese Anstrengung sich lohnt?
Ich sehe unseren Anspruch nicht in der Erfindung von etwas Neuem, vielmehr als Suche nach Authentizität. Neu ist nur im Sinne der neuen Anwendung von entstehenden Technologien zu verstehen. Ein befreundeter Ingenieur aus London, den wir für ein Projekt gewonnen hatten, sagte nach kurzer Erläuterung: „It’s a nice problem.“ Deswegen lohnt es sich auch. Jedes Projekt beruht auf dem unermüdlichen Streben nach Realisierung mit möglichst wenigen Kompromissen. Dieser Weg ist eine Möglichkeit, sein Repertoire ständig auch spielerisch zu erweitern. Ein wichtiges Feld dahingehend ist natürlich auch die Universität, da wir beide auch in der Lehre tätig sind – dort sind die Architekten und die Architektur der Zukunft.

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