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Verwaltungsbau in neuer Hülle

15.11.2019

Während die massive Stahlbeton Villa, das Wittgenstein-Haus aus den 1920er Jahren gepflegt und geschätzt, unumstößlich in ihrem ­Dasein altert, wurde für den Verwaltungsbau mit der Ausschreibung eines zweistufigen, EU-weiten, nicht offenen ­Realisierungswettbewerbs im Jahr 2015 eine Sanierung und Neugestaltung beschlossen. Eine Chance, die Nachbarschaft nochmals neu zu beginnen.

von Christine Bärnthaler

Sorgfältig hat die Bauherrschaft mit Architekt Markus Göschl als Projektleiter und Koordinator im Vorfeld ihre Möglichkeiten sortiert und sich sowohl aus Gründen der Kosten­effizienz wie auch aus planungsrechtlicher Sicht für eine Generalsanierung des Turms entschieden, denn ein Neubau dieser Höhe würde heute nicht mehr der Flächenwidmung entsprechen. Der siebenstöckige Akademietrakt entlang der Kundmanngasse sollte abgerissen werden, neue Konferenz- und Seminarräume geschaffen werden und vor allem eine neue, angemessene Eingangssituation hergestellt werden. Dabei muss erwähnt werden, dass die Zentrale des Hauptverbands der österreichischen Sozialversicherungsträger als Dachverband für die Unfall-, Kranken- und Pensionsversicherungen jährlich etwa 3.000 Weiterbildungs- und Schulungsveranstaltungen durchführt. 465 Büroarbeitsplätze werden nach Sanierung zur Verfügung stehen und bis zu 1.000 Personen die immobilie gleichzeitig nutzen können.

Städtebauliche Geste
Aus dem Wettbewerb ging das französische Architekturbüro Chaix & Morel et Associés mit der Christian Anton Pichler ZT GmbH in Wien als Sieger hervor. Die große Qualität dieses Projektes liegt in der Öffnung des Grundstücks als Piazza für Passanten, Beschäftigte und Konferenzbesucher gleichermaßen. Die Stadt wird eingeladen, hereingelassen, in einen Dialog geführt und mit einem Café empfangen. Private Fläche wird als öffentlicher Raum dem Grätzl zurückgegeben. Diese städtebauliche Geste ist ein mutiger Wettbewerbsbeitrag, der weit über urbane und architektonische Gestaltungsfragen hinausreicht und das Image des Hauptverbandes sowie dessen Bezug zur Gesellschaft neu formuliert. In der Gegenüberstellung zum Altbestand wird die Außenwirkung ins Gegenteil verkehrt. Der dunkle, hermetisch abgeschlossene Block ohne Eingang (der Zutritt erfolgte an der Rückseite des Turms neben der Tiefgaragenabfahrt) wurde aufgelöst und deklariert sich nun als öffentliche Fläche. Der Turm wird in ein helles Kleid gepackt, das in seiner Reflexion des Himmels mitunter flüchtig erscheint und auf den gesamten Umraum wie ein riesiger Belichtungsreflektor wirkt. Straßenraum, Kundmanngasse mit Gymnasium, wie auch das Wittgenstein-Haus erhalten eine neue Tageslichtsituation. Über ein Arrangement von Kuben tritt das Hochhaus selbst in den Hintergrund zurück und stellt den gesamten Komplex, ohne Abstandsfläche, in den öffentlichen Raum. Der Wettbewerbsbeitrag von Chaix & Morel et Associés war das einzige Projekt mit einem derart radikalen Ansatz einer Neudefinition. Auch im Kontext der Nachbarschaft, wo in unmittelbarer Nähe in den letzten Jahren große Sanierungsprojekte, Fiftyfive und die Post am Rochus, realisiert wurden, ist diese Geste einzigar tig und lässt erahnen, dass über eine nüchterne Analyse der Gegebenheiten und Möglichkeiten auch der französische Bezug zum Stadt- und Außenraum, frei von Agoraphobie, auf den Entwurf Einfluss genommen hat. Dem Bauherrn ist zugutezuhalten, dieses Angebot verstanden und angenommen zu haben.

Jetzt, in der Schlussphase der Bauarbeiten, sind die zweigeschoßigen Baucontainer entlang der Kundmanngasse entfernt und der Blick frei auf den entstehenden Freiraum und die Sockelzone, die sowohl im Turm wie auch in den neu errichteten Kuben weitgehend transparent gestaltet ist. Die Erschließung über die Piazza zum Haupt- und Nebeneingang, hinauf zu den Konferenz- und Veranstaltungsräumen ist über weitläufige Treppen und Passagen entlang der Glasfassade als transparentes, bauliches Leitsystem ausgestaltet, die Bewegungsströme werden sich selbst organisieren. Acht große Bäume werden auf der Piazza dieser Tage gepflanzt, eine Reminiszenz an den ehemaligen Kastanienwald, aber auch an den großen eingezäunten Garten hin zur Parkgasse während der letzten 40 Jahre. Im Erdgeschoß des Baukörpers, der die ursprüngliche Bauflucht der Erd­berger Straße wieder aufgreift, wird ein öffentlich zugängliches Café und Mittagsrestaurant eingerichtet, darüber, mit Blick zum Rochusmarkt, entsteht ein großer Veranstaltungssaal. Überlegungen, diesen zusätzlich zur eigenen Nutzung auch dem Grätzl anzubieten, sollen nach Anlaufen des Betriebs evaluiert werden.

Nachhaltige Sanierung
Der Grünraum zieht sich über eine extensive Begrünung des Eingangsgebäudes und intensive Begrünung der Terrassen auch in die höheren Geschoße, allerdings nicht, wie ursprünglich geplant, auch auf das Dach des Veranstaltungssaals. Eine 148-kWp-Photovoltaikanlage wurde hier zugunsten des Energiekonzeptes des Hauses installiert. Architekt Christian Pichler, Ansprechpartner vor Ort für die Generalplanung und seit vielen Jahren eng mit dem Büro Chaix & Morel et Associés verbunden, auch im Wettbewerb bereits involviert, gibt dazu sein Bedauern zum Ausdruck: „Grünraum ist immer nachhaltiger als Photovoltaik.“ Trotzdem, eine Energieautarkie wird hier angestrebt. Der Bürobetrieb des Hauses soll über die eigene Photovoltaik mit Strom bespeist werden. Womit wir beim Thema Nachhaltigkeit und Energie angelangt sind, eine Anforderung, die im Wettbewerb klar formuliert wurde.

„Für Chaix & Morel et Associés beginnt Nachhaltigkeit bereits bei der Entscheidung für eine Sanierung. So werden Ressourcen geschont, Substanzen erhalten und vor allem auch Graue Energie eingespart. Im Grunde stellt jeder Abriss bereits einen Ressourcenverlust und eine CO₂-Emission dar“, erklärt Jan Horst, der für das Projekt bei Chaix & Morel et Associés verantwortlich zeichnet. „Bauten aus den 1970er Jahren, wie dieser, eignen sich aufgrund ihrer rationellen Planung besonders gut für Sanierungen.“

Den Abbrucharbeiten ging eine Prüfung und Entfernung von Schadstoffen voraus. Ein sehr geringes Volumen an Asbest im Bereich der Brandschutzklappen wurde vor der Entkernung entfernt. Das Stahlbetonskelett, geschlossen über die letzten 40 Jahre vor Witterung geschützt, erwies sich als sehr gut erhalten und ausreichend dimensioniert für den Umbau. Lediglich dort, wo im Sockelbereich neue Erschließungen in den Bestand geschnitten wurden, musste punktuell mit Kohlefaserarmierungen verstärkt werden. Dagegen erwies sich der Abriss selbst, der Zwischendurch-Erhalt und die wechselnden Bauzustände viel mehr als statische Herausforderung. Um die schweren Abrissmaschinen tragen zu können, musste der gesamte Bestandskeller vollflächig unterstellt werden, und für den angrenzenden neuen Keller kam eine Deckelbauweise zur Anwendung.

Das Energiekonzept
Neben der grundlegenden Entscheidung, mit Fernwärme zu heizen, mussten alle ursprünglichen Pläne für eine energieschonende Nutzung des Grundwassers zum Kühlen ad acta gelegt werden, vor allem ob der nahe gelegenen U-Bahn-Trasse, die einen stabilen Grundwasserspiegel fordert. Gekühlt wird daher mit einer Kältemaschine über eine Heiz-, Kühl- und Akustikdecke. Die energietechnische Hauptdarstellerin ist jedoch die ausgeklügelte Doppelfassade. Während die innenliegende Fassade mit einem Uw-Wert von
0,77 W/m2K als winterlicher Kälteschutz dient, bietet die außen liegende Prallscheibe Schutz vor Witterung und starken Winden. So kann in dieser klimatischen Pufferzone ein außenliegender Sonnenschutz angebracht werden, der letztlich das effektivste Werkzeug gegen eine sommerliche Überhitzung darstellt. Über eine Gebäudesimulation, durchgeführt vom Wiener Büro IPJ Ingenieurbüro P. Jung, wurden diese Komponenten im Zusammenspiel mit der Haustechnik, die zweigeteilt vom Keller und vom Dach aus das Gebäude bedient, präzise gestaltet. Der Reflexionsgrad der Verglasung, der für die Architekten aus ästhetischem Empfinden höher hätte liegen dürfen, sollte das Tageslicht farblich möglichst wenig beeinflussen, um nicht in die Nähe eines „Sick Buildings“ zu führen und vor allem im Winter genügend solare Wärme einlassen, um den Betrieb energiesparend fahren zu können. Gleichzeitig wurde die Farbe der Parapet-Verkleidungen in ihrem Absorbtionsgrad optimiert. Ein ­„Feintuning“ der Haustechnik für einen optimierten Betrieb wird über die nächsten zwei Jahre erfolgen. Neben der Abwärme der Bürogeräte wird vor allem die Schulung und dann das Nutzerverhalten der Mitarbeiter über die tatsächliche Energieeffizienz entscheiden. Der gesamte Büroturm ist mit öffenbaren Fensterflügeln ausgestattet. Die Komfortlüftung erfüllt vorrangig einen psychologischen Wohlfühlaspekt, birgt jedoch eben deswegen die Gefahr des falschen Lüftens. Bei Hitze tendieren Menschen dazu, die Fenster zu öffnen. Geschieht dies, schaltet sich die Kühlung für diesen Büroraum automatisch ab, die Raumluft erwärmt sich, und schließlich kann es auch zu Kondenswasserbildung führen. Das Monitoring des Gebäudes und die Nachjustierung der Haustechnik über zwei Jahre hinweg ist Teil der Klima-Aktiv-Zertifizierung, EnerPHit, die bauphysikalisch von Schöberl & Pöll betreut wird. Dazu gehört im Übrigen auch ein Chemikalienmanagement, über welches gewährleistet wird, dass verwendete Materialien im Innenraum für eine gesunde Raumluft keine Schadstoffe (VOC, Formaldehyd, ...) abgeben. Weitgehend kommen geschliffene Estriche und geölte Holzböden zur Anwendung, in den Büroetagen Teppichfliesen.

Zusammenfassend darf sich der Hauptverband der Sozialversicherungsträger über eine gelungene Generalsanierung freuen. Neben der hohen städtebaulichen Qualität ist das neue Gebäude eines der wenigen Bürohochhäuser in Österreich mit EnerPHit-Standard, die Baukosten werden eingehalten, die Bauzeit endet planmäßig Ende des Jahres. Und als Extra, vorrangig für die Architekturszene relevant, steht das Wittgenstein-Haus fortan nicht mehr im Schatten, sondern über die Reflexion der Glasfassade in neuem Licht.

Mehr Informationen: www.chaixetmorel.com

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