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Visionen für die Smart City

13.06.2013

Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou hat ihre Ressorts mit der Erstellung eines neuen Stadtentwicklungsplanes, des Step 2025, beauftragt. Das Dokument, in dessen Erstellung partizipativ die Ergebnisse zahlreicher unterschiedlicher Interessengruppen und Experten aus dem In- und Ausland mittels future.labs einfließen und subsumiert werden sollen, will man bereits 2014 beschlussreif haben. Die Ergebnisse sollen ab Mitte Oktober 2013 in einer Ausstellung mit dem Titel „Step 2025 & Wien 2025“ in der Planungswerkstatt präsentiert werden und dienen als Impuls für zukünftige Befassungen in Politik und Verwaltung. Sie werden der MA 18 zur freien Verwertung zur Verfügung gestellt.

Experten des international besetzten „Sounding Boards“ berichten dem Architektur & Bau FORUM exklusiv über Schwerpunkte, Themen und den aktuellen Stand des Prozesses:

Juliane Kürschner, Amsterdam (JK): Wien versucht beim neuen Step nicht isoliert zu operieren, sondern international zu schauen, wohin sich die Stadt bewegt. Erfahrungen zu teilen, die etwa Amsterdam 2010 mit einem neuen Strukturplan und Kommunikationsangebot an die Stadt machte, mit dem man versuchte, breite Bevölkerungsschichten zur Mitarbeit am Thema Stadtentwicklung anzuregen.

Sonja Beeck, Berlin (SB): In Wien überschneiden sich Felder und Probleme, manche sind global, manche speziell wienerisch. Der Blick von außen ist wichtig, schon um zu sagen, nee, lasst das mal, das haben wir schon ausprobiert, das birgt diese und jene Risiken. Viele Dinge müssen nicht neu erfunden werden, sondern können dem Kontext entsprechend modifiziert werden.

Stephan Reiß-Schmidt, München (SRS): In München wurde bereits vor 15 Jahren der zunächst klassisch-räumliche Stadtentwicklungsplan auf einen integrierten, strategischen Plan – Perspektive München – umgestellt. In Wien ist die Entwicklung eines gemeinsamen Zielkonzepts über die Fachressourcen hinweg zentral. Das ist schwierig, weil es fachliche und politische Grenzen bei dieser Integration gibt. Beim Thema Mobilität beispielsweise kann man nicht nur über Verkehrsplanung diskutieren, es geht dabei auch um Fragen des Wachstums der Stadt, der Veränderung der Lebensstile, um soziale und wirtschaftliche Fragen. Diese integrierte Sichtweise wird in vielen europäischen Städten auf unterschiedliche Weise entwickelt, da man Entwicklungen nicht mehr mit herkömmlichen Instrumenten steuern kann. Angebote wie zum Beispiel Car Sharing lösen das Problem Mobilität nicht. Das Auto bedeutet nicht nur Lärm und Abgase, sondern vor allem „Platz“, der in kompakten Städten nicht vorhanden ist, Platz zum Bauen, um sich bewegen zu können, öffentlicher Raum. Ziel ist die Förderung nichtmotorisierter Mobilität im sogenannten Umweltverbund.

Kürschner: Ein Beispiel für die zunehmende Komplexität der Themen, die man nicht sektoral, sondern nur querschnittsorientiert lösen kann, ist „Essen“. Ein Großteil der Nahrungsmittel kommt aus anderen Weltteilen, die Bürger wollen wieder mehr lokale Nahrungsmittel haben, was mit städtischer Landwirtschaft in den Stadtrandgebieten, Dachgärten, Freiflächen in der Stadt möglich ist. Aspekte wie Nachhaltigkeit, erneuerbare Energien, Reduktion des CO2-Ausstoßes, soziale Aspekte, neue Verdienstmöglichkeiten sowie die Fragen, wer von zur Verfügung gestellten Brachflächen profitiert und wo man diese zur Verfügung stellt, sind zu klären.

Beeck: Ein positiver Aspekt bei integrierter Arbeit ist die Tatsache, dass man sich gemeinsam und sektionsübergreifend auf den Weg macht. Diese Erfahrung, die gemeinsamen Ziele und der Arbeitsprozess bringen für den eigenen Arbeits- und Verwaltungsbereich mehr, als wenn es den Step nur in gedruckter Form gäbe.

Reiß-Schmidt: Wien als eine auf zwei Millionen Einwohner wachsende Stadt ist eine Herausforderung, mit der wir umgehen müssen. Zwei Schlüsselbegriffe dabei sind die Leistbarkeit und die Lebensqualität der Stadt. Was kann die Stadt angesichts steigender Immobilienpreise, Mieten und Lebenshaltungskosten tun, um sie leistbar zu halten, und wie kann man die in Wien von außen und innen sehr hoch eingeschätzte Lebensqualität bei hohem Wachstum erhalten?

Kürschner: Die Erhaltung der Lebensqualität ist sowohl für wachsende als auch für schrumpfende Städte ein zentrales Thema. Es ist auf soziale Durchmischung, den Mix Arbeiten/Wohnen, Alt/Neu zu achten. Die Grenzen sind auszuloten. Schanigärten etwa bereichern die Stadt, der Lärm kann aber zur nicht mehr akzeptierten Belästigung werden.

Beeck: Regularien und Gesetze des 20. Jahrhunderts wie die strenge Trennung von Wohnen und Arbeiten müssen überwunden und in eine neue Planungskultur rückgeführt werden. Diese Umkehrung ist schwierig, denn sind Handwerksbetriebe im Hof oder Flexibilität bei der Nutzung von Erdgeschoßzonen möglich? Ein Ja zur Urbanität ist gewünscht, doch die Leute regen sich auf, wenn nach 22 Uhr eine Tasse klappert. Die offene Kommunikation dieses Konfliktstoffs ist ein entscheidender Punkt.

Reiß-Schmidt: Die Münchner Stadtbaurätin Elisabeth Merk sagt dazu immer: „Urbanität muss man aushalten können.“ Lärmbelastungen, die es in vielen Gründerzeitquartieren mit Lokalen und Handwerksbetrieben gibt, werden in Neubauquartieren nicht akzeptiert. Stadtplanung ist eben kein räumliches und technisches Konstrukt, sondern vor allem eine kulturelle Frage mit vielen Implikationen zu den Lebensweisen und Haltungen der Menschen.

Kürschner: Eine Frage ist auch, wie man Ergebnisse des Step-Prozesses positiv visualisieren kann, ohne im Entwurfsstadion bereits alles festzulegen. Jeder Strich kann potenziell politischen Sprengstoff beinhalten. Trotzdem muss man gewisse räumlich gebundene Aussagen treffen.

Reiß-Schmidt: Bürger wollen allgemein keine Veränderung. Das Dilemma ist, wie man die Notwendigkeit einer Bürgerbeteiligung an der Zukunftsentwicklung mit einer Art Lernprozess verbinden kann. „Erwartungsmanagement“ ist das Stichwort. Die Frage nach Wünschen führt, das wissen wir alle aus Erfahrung, nicht unbedingt zu umsetzbaren Ideen, sondern bremst auch vieles. Mit Bürgerbeteiligungsprozessen muss man vor Beginn eines Projekts beginnen, und man muss sagen, was man mit den Vorschlägen macht und dass am Ende eine Entscheidung der politisch legitimierten Vertretungskörperschaft des Gemeinde- oder Stadtrates steht, dessen Gremien Grenzen, Zwängen und Notwendigkeiten unterliegen. Man darf weder als Politiker noch als Planer den Eindruck erwecken, dass alles umgesetzt werden kann, das wäre nicht ehrlich. Die Wünsche der heute lebenden Bürger können nicht der Maßstab für das sein, was die Generationen danach vorfinden werden. Das liegt in der Verantwortung von Politikern und Fachleuten, die versuchen, mit weitem Blick in die Zukunft zu sehen.

Beeck: Bei Bürgerbeteiligungsprozessen sind wir in einem großen Lernprozess. Ich mache nach einigen Jahren die Erfahrung, dass bestimmte Formate immer schlechter funktionieren, das Format der Bürgerversammlung ist vollkommen untauglich und selten konstruktiv oder nur dort tauglich, wo man dem Ärger-Luft-Machen Raum geben will. Laien sollen letztendlich nicht entscheiden, es sei denn, sie sind für einen Teilbereich der Stadt verantwortlich. Bürgerbeteiligung heißt Bürger aktivieren, Verantwortung für die Stadt zu übernehmen, dann dürfen sie auch mitentscheiden. Ansonsten halte ich nichts von Wunschkonzerten. Gut meinende Stadtplaner, die durch die Stadt laufen und alle fragen, was sie sich wünschen, erwecken eine Erwartungshaltung, die dann sowieso nicht erfüllt wird. Bürger beteiligen soll nicht Bürger verarschen sein. Es sollte besser ein Format entwickelt werden, wo man gemeinsam etwas auf spielerische Art und Weise erarbeitet, wo man Optionen auslotet, Spielräume für Veränderungen offen lässt. Das ist wesentlich anschlussfähiger, um Bürger zu aktivieren und mitzunehmen.

Kürschner: Ich glaube, es geht um das Zuhören und nicht so sehr um die Wunschliste. Es gibt das Recht, gehört zu werden. Als öffentliche Verwaltung haben wir das Gemeinwohl im Blick. Es geht nicht um Realisierung einer Momentaufnahme, sondern um die Einbindung von Ideen in einen größeren Kontext.

Beeck: Das Strategiepapier sollte mit einer Prozessbindung kombiniert werden, um Antworten zu geben, wie man gemeinsam gestellte Ziele erreichen will. Daraus sollte eine Verabredung entstehen, wie in Zukunft mit diesen Prozessen umgegangen werden soll. Wir empfehlen die Einrichtung von Test- und Laborräumen und die Öffnung bestimmter Gebiete oder Quartiere dafür.

Reiß-Schmidt: In München haben wir bereits 1998 Leitprojekte, ähnlich Laboren, versehen mit Zeitplänen und Verantwortlichkeiten, entwickelt. Es sind dies punktuelle Interventionen mit Themen wie neue Wohnformen, Mobilitätskonzepte, Finanzkonzepte, die exemplarisch ausprobiert werden sollen, um zu sehen, ob sie funktionieren. Trotz allen Know-hows können wir verschiedene Entwicklungen der Stadt nicht vorhersehen.

Kürschner: Sektorale Arbeit muss man durchbrechen und ressortübergreifend experimentieren, denn Stadt macht man nicht allein, sondern zusammen.

Reiß-Schmidt: Vorzugeben ist ein Rahmen für das, was wir mit Daseinsvorsorge bezeichnen, wie die grundlegende räumliche Disposition der Flächen, die bebaut oder freigehalten werden sollen, sowie für die Infrastruktur in und über dem Boden, die man verantwortlich von der öffentlichen Hand steuern muss und nicht dem Zufall oder Experiment überlassen darf. Ebenso braucht man exemplarische, unverrückbare Vereinbarungen zur Bebauungsdichte oder zu Qualitätsstandards.

Beeck: Um öffentliche Gemeinschaftsgüter wie Wasser, Energie und Straßen soll man sich mit höchster Sorgfalt kümmern. Die Erfahrung zeigt, dass deren Privatisierung kein nachhaltiger Weg ist. Staatliche Hoheit über Gemeingüter ist durchaus sinnvoll.

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