Direkt zum Inhalt

Volker Giencke: Vom Bauen und vom Lehren

03.12.2015

Eine ganze Generation von Architekten wurde durch das Institut für experimentelle Architektur ./studio3, das Volker Giencke über 30 Jahre geleitet hat, geprägt. Zur Emeritierung widmeten ihm das aut-Architektur und Tirol eine Ausstellung und seine Assistenten und Absolventen den bilderreichen 600-Seiten-Band „15 years studio3 ­tangible utopias“.

Gretl Köfler im Gespräch mit Volker Giencke

Sie zählen zu den Mitgliedern der „Grazer Schule“, was haben Sie davon nach Innsbruck mitgenommen?
Die Autonomie der Zeichensäle. So wie ich die Zeichensäle verstehe, haben die Lehrer und Lehrerinnen dort nichts verloren. Diese Zeichensaalmentalität ist durch Graz geprägt, zumindest in Innsbruck. Für mich waren Zeichensäle immer Orte studentischer Autonomie unter dem Aspekt der Qualität. Da gab es familiäre Sozialhelfer und intellektuelle Vordenker – wenn man so will. Die Leute, die die Zeichensaalautonomie mit dem Auftrag, Neues zu schaffen, begründet haben, waren Helmut Richter, Bernhard Hafner, Heidulf Gerngroß, Konrad Frey u. a. Ich gehörte der nachfolgenden Generation an. Für mich war es ganz wichtig, dass es in Graz zum ersten Mal so etwas wie einen Bezug nach außen gab. Man hat Leute geholt, die im Nachkriegsdeutschland alternative Professuren bezogen haben, zum Beispiel den Bauhäusler Hubert Hoffmann oder Günther Gottwald. Die hatten mit neuem Baustoff aus Trümmerziegeln experimentiert, haben ganz einfache Häuser mit einem atmosphärischen Wert gebaut, ohne den energetischen Plunder, der heute nur belastet. Diese Leute hat es in Graz von der professoralen Seite her gegeben. Ihr größter Verdienst als Lehrer war, dass sie gewähren ließen. Die Studenten, die sich nicht als Schüler ihrer Professoren sahen und international vor allem der Architektur und dem Städtebau in den USA verbunden waren, haben dann nach 1965 ihren Abschluss gemacht und sind ins Ausland gegangen, nach Los Angeles, nach Paris. Teils sind sie dort geblieben, teils zurückgekommen. Die Rückkehrer glaubten, sie würden mit offenen Armen empfangen, aber das war nicht der Fall. Man hat sie abgewehrt, sie sind oft auf der Strecke geblieben. Aber in der Architektur hat danach nicht mehr Europa Amerika, sondern Amerika Europa beeinflusst. 

Und was versuchen Sie als Lehrer Ihren Studenten mitzugeben?
Die Leidenschaft, die man selbst in sich trägt. Das Besondere an unserem Institut für experimentelle Architektur ./studio 3 an der Universität Innsbruck ist, dass wir nur Grundlagen vermitteln. Was wir brauchen, ist das Engagement der Lehrenden, um das Interesse der Studenten zu wecken und sie zu fördern. Wenn jemand Architektur wirklich ernsthaft und interdisziplinär betreibt, dann hat er sich sehr schnell das nötige Wissen angeeignet. Wir gehen davon aus, dass in jedem kreatives Potenzial steckt. Wir wollten eigentlich – und da war ich mit meinem Kollegen Josef Lackner einig – in den ersten Semestern nicht unterrichten, sondern die Studenten der Kunst näherbringen. Das haben wir am Anfang, als wir zwei noch etwas zu reden hatten, auch durchgezogen.

Wie war Ihr Verhältnis zu Josef Lackner ?
Ich habe mich mit ihm sehr gut verstanden. Trotzdem haben wir viel gestritten, uns aber immer wieder versöhnt. Er war ein Philanthrop. Nach seinem Tod hat er mir gefehlt. Ich habe damals das ./studio 3 gegründet in der Nachfolge seines Instituts für bildnerische Gestaltung. Das hat man mir zwar zugeschanzt, aber ich habe es immer als eine Art Auszeichnung empfunden. Der künstlerische Aspekt ist mir immer wichtiger geworden. Für mich ist analoges und digitales Entwerfen völlig gleichwertig. 

Wie sehen Sie die Entwicklung an Ihrem Institut innerhalb der Fakultät?
Ich tue mir immer ein bisschen hart, wenn ich über die Fakultät spreche, weil für mich unser Institut eine andere Posi­tion bezieht. Mit Abstrichen und Einbrüchen ist unsere Position extrem gut. Wir haben uns immer an internationalen Fixpunkten orientiert, haben mit anderen, bekannten Architekturschulen gleichgezogen und erhalten dafür uneingeschränktes Lob von außen. Das will ich den Studenten vermitteln. Wir haben etwa Kjetil Thorsen und Patrik Schumacher nach Innsbruck geholt, das waren anfangs extreme Impulsgeber. Dann haben sie mit dem Bauen durchgestartet, Schumacher mit Zaha Hadid, Thorsen mit Snøhetta. Ich wollte immer, dass die Leute, die an die Uni berufen werden, besser sind als wir, dass sie eine Herausforderung für mich sind, auch wenn ich mich manchmal geirrt habe.
Und in den vergangenen zehn Jahren hat sich mit „die Portugiesen“ eine Art Pressure Group herausgebildet – Studenten, die bei mir im vierten Semester an einer Klausur für Entwerfen in Portugal teilnehmen. Da wird ein anderes Bewusstsein von Architektur weitergetragen. Wir müssen nicht immer freundlich zu den Bauherren sein, dass die ab und an ignorant sind, muss man ganz deutlich sagen. Sie sind schuld an der Miserabilität dessen, was passiert. Das sagt keiner, weil alle in der Existenzangst verharren. Wenn man Bauherren kritisiert, kriegt man keine Aufträge. Ich sehe es als Auftrag der Universität an, aus gesicherter Position zu kritisieren. Das tun meiner Ansicht nach viel zu wenige. Und wenig Lehrende, die Entwerfen unterrichten, bauen selber. Ich verlange von einem Lehrenden, der Architektur unterrichtet, dass er – wenn er schon nicht baut – zumindest plant. Die Architektur läuft immer auf eine Realisierung hinaus. 
Heute gibt es eine ganz andere Gesinnung unter diesen engagierten Studenten. Sie sind viel stärker nach außen orientiert, es gibt ein stärkeres Bewusstsein für das, was man macht, was Architektur kann und will. Man strengt sich mehr an, man leidet ein bisschen.

Ist Architektur Leiden?
Wenn man die Situation quer durch Europa anschaut, was sich da in Ländern wie Portugal abspielt, das sind Armutsoffenbarungen. Und so viel besser ist es bei uns auch nicht. Durch die ganze Informationstechnologie sind die Firmen imstande, perfekte Systeme anzubieten, dazu liefern sie noch eine Zehnjahresgarantie. Es besteht überhaupt kein Bedarf mehr an der Entwicklung von Details oder besonderen Konstruktionen. Vor allem nicht für den Bauherrn, weil der Bauherr mit der Garantie keine Notwendigkeit sieht, sich auf einen Architekten einzulassen. 
Die Diskrepanz zwischen Utopie und Realität.
Auch das ist ein Auftrag an die Fakultät, dass natürlich dieser utopistische, surrealistische Zug hier passieren muss. Wenn man die Studentenarbeiten vergleicht mit dem, was in der Realität passiert, dann glaubt man, wir sind über die Gründung des internationalen Stils nicht hinausgekommen. Im Bauen passiert gar nichts, europaweit.

Sie haben in Afrika mit den Studenten gebaut. Was waren Ihre Erfahrungen?
Wir haben in Südafrika in einer schwarzen Township eine Volksschule („primary school“) gebaut. Das ist noch immer eine separierte Klassengesellschaft, in der die einen nichts mit den anderen zu tun haben. Gebaut haben wir mit den Möglichkeiten, die wir hatten, und wollten die Leute vor Ort miteinbeziehen. Das war unmöglich. Von den Leuten zu verlangen, dass sie – wie unsere Studenten – zwölf bis 14 Stunden am Tag arbeiten, konnten nach Ansicht der Bewohner nur kapitalistische Dummköpfe machen; das grenzte an Selbstausbeutung. Unsere Arbeit und ihr Ergebnis aber haben alle bis in höchste Regierungskreise hoch geschätzt. Die hatten allerdings alle ihre Firmen und haben mitverdient.

Was ist Ihre Kritik an Architektenwettbewerben?
Eine größere Gemeinschaft von Fachleuten hat den Hang dazu, das beste durchschnittliche Projekt auszuwählen. Da kommt ein Punktesystem zur Bewertung zum Tragen, wo plötzlich als bestes Projekt eines herauskommt, das man gar nicht im Visier hatte. Ich habe mich da immer extrem dagegengestellt und habe gesagt, ich möchte Entscheidungen mittels Diskussionen, das passiert überhaupt nicht mehr; zuletzt war das der Fall beim Kunsthaus in Graz. Es ist schön, wenn professionelle Leute miteinander diskutieren, wenn jeder sein Expertenwissen einbringen kann. Es hat aber in Graz wenig Nachwirkungen gehabt. 
Sie sind zwar als Universitätsprofessor emeritiert, als Architekt aber noch höchst aktiv. Sie bauen unter anderem in Lettland. Wie erleben Sie das?
Wir bauen in Liepaja (Libau), einer 100.000-Einwohner-Stadt an der Ostseeküste, der drittgrößten Stadt Lettlands, eine Konzerthalle, für deren Errichtung der Chefdirigent einen weltweit ausgeschriebenen Wettbewerb initiiert hatte. Gedacht als eine Art Aufbruch für die Stadt, die vor 1989 sowjetisches Sperrgebiet war. Den Wettbewerb haben wir 2003 mit einem riesigen Eingangsgeschoß, einer 3.000 Quadratmeter großen, als öffentlicher Raum geplanten Civita nova, gewonnen. Damit wollten wir der Stadt eine neue kulturelle Identität verpassen. Dann passierte lange nichts. Es kam der EU-Beitritt und in der Folge die großen Supermarktketten. Plötzlich ist das kulturelle Zentrum geschrumpft, die Supermärkte haben zugenommen, aber die Idee vom großzügigen Raum haben wir immer noch. 

Und wie ist es mit der Umsetzung?
Die Umsetzung unseres Entwurfs ist kein Problem, obwohl es ein unglaublich komplexer Stahlbau ist. Es gibt die modernsten Sachen, alles wird neu angeschafft oder kopiert. Das ist auch viel billiger. Die Konzerthalle würde bei uns das Fünffache kosten. Die Angestellten im lettischen Architekturbüro verdienen ein Viertel bis ein Drittel unserer Gehälter, doch die Lebenshaltungskosten sind nicht so viel niedriger als bei uns. An unserem Projekt arbeiten 35 Planer und 50 Firmen, ein Partnerbüro in Riga, es gibt einen beinharten Wettbewerb unter den regionalen Firmen, aber die Technologien kommen von überall her. Alles, was man bestellt, wird sofort angeliefert, eingeflogen, wie auch immer. Aber die Finanzierung ist das Problem. Um die Kosten nicht allzu hoch anzusetzen, kämpfe ich wie verrückt. Um für wenig Geld so viel wie möglich umzusetzen, sind unsere Büros beschäftigt, alles irgendwie hinzubiegen. Dann gab es die Idee einer Bankenfinanzierung. Das Glasdach war immer Teil des Wettbewerbs. Das Geld war schon da, dann kam der Ukraine-Konflikt und die Angst vor dem russischen Nachbarn. Und jetzt braucht man 70 Panzer, und das Glasdach ist weg – es hätte allerdings nur einen halben Panzer gekostet.

Werbung

Weiterführende Themen

Christian Hammerl (links) und Elias Walch
Gespräche
02.03.2020

Über das Banale hinaus Die Architekten Christian Hammerl und Elias Walch – beide Jahrgang 1985 – kennen einander seit der Schulzeit. Seither haben die beiden viele Stationen ihres Lebens, privat ...

Aktuelles
26.02.2020

Seit vier Jahren lebt Hanna Burkart bewusst ohne festen Wohn- und Arbeitsplatz. Sie wohnt an den Orten, mit welchen sie sich beschäftigt. Diese werden in Form von Analysen und Dokumentationen ...

Gunther Wawrik
Gespräche
06.11.2019

Architekt Gunther Wawrik öffnet die Tür seines Ateliers in der Rechten Wienzeile 29 und erzählt bei einem kleinen Rundgang, dass in dieser Wohnung einst der Kabarettist Fritz Grünbaum gelebt hat. ...

v.l.: Ulrike Tinnacher, Leo Habsburg und Alexandra Isele
Gespräche
21.10.2019

Tiburg ist ein sehr junges Büro, es besteht erst seit sechs Monaten. ­Entsprechend ­verrät die Website nicht allzu viel – wie bei einem Teaser zeigt sie ästhetische und minimalistische Fotos und ...

Gespräche
03.07.2019

Das italienische Büro Mario Cucinella Architects (MCA) gewann 2017 den Wettbewerb mit vorgeschaltetem Bewerbungsverfahren für zwei Hochhäuser im Wiener Viertel Zwei. FORUM traf den Architekten ...

Werbung