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Vom Einlenken und Umdenken

22.07.2013

„Zu arm, um nachhaltig zu wohnen?“ – diese Frage stellten sich Experten im Rahmen der 16. Podiumsdiskussion der Bundeskammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten.

Energiearmut – dieser Umstand, wenn Menschen das Heizen nicht mehr bezahlen können – ist ein Phänomen, mit dem sich immer mehr Haushalte konfrontiert sehen. Damit wohnen leistbar bleibt, stehen zahlreiche Ideen zur Diskussion: intelligentes Wohnen, Deregulierung von Normen und Gesetzen oder die Technologie des Passivhauses. Ob ökologisches, sozial verträgliches und dennoch günstiges Wohnen eine überzogene Forderung ist, dazu nahmen Experten Stellung. Kontrovers waren dabei der Themenumfang von Kostenspirale und Verteilungsproblematik, bis hin zum Ende der Fahnenstange und zur Expertokratie.

 

Planerinnen und Planer haben den gesellschaftspolitischen Auftrag, leistbares Wohnen möglich zu machen, sagte Christian Aulinger, Bundesvorsitzender der Architekten (bAIK). Notwendig sei kostengünstiges Bauen: „Dafür brauchen wir Rahmenbedingungen, die uns Bewegung erlauben, planerische Entscheidungen zu machen.“ Qualitätsstandards seien in verschiedenen Bereichen nach oben geschraubt worden und die resultierenden Zwänge führten zu keinem guten Ergebnis. Aulinger forderte eine radikale Evaluierung aller Regulative. Dann gäbe es Bewegungsspielraum, um sozial-nachhaltig zu Planen und zu Bauen sowie qualitätsvollen, leistbaren Wohnraum zur Verfügung zu stellen.

 

Benachteiligung durch sozialen Status  

Energiearmut nach Architekt Martin Treberspurg (Boku Wien) heißt, mehr als zehn Prozent des Einkommens für Energie aufzuwenden. Betroffen davon seien vor allem Menschen im untersten Einkommensquartil, die zur Miete in Wohnungen mit sehr schlechtem Baustandard wohnen. Treberspurg ist demnach dafür, thermische Sanierung und Passivhausstandards im Wohnbau zu fördern und den Heizkostenzuschuss an ökologische Kriterien zu binden.  

„Der Begriff Energiearmut ist nicht gut, weil diese nur ein Aspekt der sozialen Benachteiligung ist“, sagte Angela Köppl vom Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO). Einer Stichgruppen-Erhebung zufolge ist der Wohnkostenanteil an den Konsumausgaben zwischen 2005 und 2010 um sieben Prozent gestiegen und liegt im untersten Einkommensquartil bei fast dreißig Prozent. Dabei hätten die Mietpreise den größten Zuwachs, während der Energiekostenanteil mit zirka fünf Prozent relativ konstant geblieben sei. Köppl wies auf den überdurchschnittlichen Anstieg der Baukosten im Wohnungs- und Siedlungsbau hin, der sich aber nur zu einem Teil in den Wohnbaupreisen niedergeschlagen habe. Wohnen könne und müsse zu mittelfristigen ökologischen Zielen beitragen – dafür seien sozialpolitische Maßnahmen notwendig.

Margit Appel von der Katholischen Sozialakademie Österreichs sieht in Energiearmut das Zusammenspiel mehrerer Faktoren. „Soziale, gesundheitliche und ökologische Aspekte sind miteinander verbunden und verstärken einander“, meint Appel. Preise für Energie und neue Technologie, Region und Infrastruktur, Wohnsubstandards nehmen genauso Einfluss auf die Entwicklung wie der Zugang zum Arbeitsmarkt, niedriges Einkommen und Gesundheitsdefizite. „Soll jemand überhaupt einen der minderwertigsten und unter Umständen gesundheitsschädigenden Wohnstandard vermieten dürfen?“ Ökologisches, sozial verträgliches und kostengünstiges Wohnen sei „die richtige Forderung“ an die Politik.

 

Die Forderung nach Kostenoptimierung

Laut Wolfgang Liebl, Geschäftsführer der Gemeinnützigen Wohnungs- und Siedlungsgenossenschaft Amstetten, leben 22 Prozent der österreichischen Haushalte in gemeinnützigen Wohnbauten. Wohnbauförderungszusicherungen im Neubau seien gesunken, geförderte Sanierungsinvestitionen gestiegen. Kritik übt Liebl an privaten Mieten, diese seien kaum bis gar nicht geregelt. Ihr Anstieg in den letzten Jahren liege am Wohnungsmangel. Ebenso gestiegen seien die Baukosten. Darüber hinaus sieht Liebl die Gefahr, die Menschen mit den Kennzahlen des Energieausweises zu verwirren, da diese kaum etwas mit dem tatsächlichen Bedarf zu tun haben. Ein kostenoptimaler Heizwärmebedarf im großvolumigen Wohnbau liege bei dreißig bis vierzig kWh/m²a – ohne Berücksichtigung von Förderungen. „Bei Passivhäusern habe ich kein gutes Gefühl, wenn die Mehrkosten bei der Errichtung von Förderungen getragen werden müssen.“ Architekt Georg Reinberg aus dem Publikum widerspricht: Ein überdurchschnittlicher Beitrag zum Klimaschutz sei von gesellschaftlichem Interesse und rechtfertige daher den Einsatz von öffentlichen Mitteln.

Bei der Frage nach Kosteneffizienz im innovativen Wohnungsbau schließt sich Walter Hüttler, Geschäftsführer der e7 Energie Markt Analyse GmbH, an: Niedrigstenergiegebäude, Passiv- und Plus-Energie-Häuser seien zwar technisch machbar und praxistauglich, aber nicht kostenoptimal: „Die höheren Investitionskosten beim Passivhausstandard werden im Durchschnitt nicht durch geringere Kosten im Betrieb kompensiert, sondern durch Förderungen.“ Die EU-Gebäuderichtlinie fordere zwar kostenoptimale Gebäudestandards, doch dies heiße nicht zwingend leistbares Wohnen.

 

Vom gordischen Knoten zur Lösung

Die übliche Berechnung eines Lebenszyklus und eine Amortisierung von Kosten bei dreißig Jahren ist zu wenig. „Wir sollten auf achtzig bis hundert Jahre denken“, forderte Treberspurg. Außerdem müsse es Studien mit mehr Objekten auf eine längere Zeit geben, um aussagekräftigere Daten und Fakten zu erhalten. Der erforderlichen Evaluierung von Normen und Vorschriften wurde breit zugestimmt. Architektin Ursula Schneider, Veranstalterin der Diskussionsreihe, forderte eine Trennung von Wohnen und teuren Stellplätzen. „Der Autobesitzer muss den Stellplatz nachweisen, nicht die Wohnung“. Nach Köppl soll kein Feilschen zwischen Niedrig- oder Passivhaus im Fokus stehen, sondern Energiekostenersparnis durch Sanierung. Es müsse dafür gesorgt werden, dass Wohnsubstandards durch Sanierung oder durch sozial nachhaltiges Bauen reduziert werden.

 

Sport der planenden Zunft

Die Politik, Wohnbauträger sowie Individuen sollen in die Pflicht genommen werden: Subventionen und Förderungen überdenken, Regulative evaluieren und lockern, Einführung einer CO2-Steuer, konsequente Umsetzung von Forschungsergebnissen und das Hinterfragen eines überzogenen Lebensstils. Eine Lösung in beidseitigem Interesse – sozial und ökologisch – forderte Aulinger: „Spielräume müssen aufgemacht werden und eine Verhandlungsbereitschaft über Ziele und für den Bereich des Gestaltens und des Planes geschaffen werden.“

 

Die nächste Veranstaltung zum Thema „Nachhaltiges Planen und Bauen“ findet im Februar 2014 statt. Vorzumerken ist ein weiteres Event, der 2. Sanierungstag am 5 November 2013 im Architekturzentrum Wien – veranstaltet vom Ausschuss nachhaltiges Bauen und der Wirtschaftskammer Österreich.

www.arching.at

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