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coloniarchitects: Vom Suchen und Finden in der Architektur

27.09.2010

Reisen heißt lernen und reifen. Zwischen Triest und Laibach aufgewachsen, studierte Alessio Coloni Architektur bei Aldo Rossi, Manfredo Tafuri und Luciano Semerani in Venedig. Danach begab er sich auf Wanderschaft – mit Stationen in Laibach, Wien, Berlin, Köln und einem Überseeaufenthalt in Kalifornien – und formte dabei sein architektonisches Selbstverständnis. Die Suche nach individuellen Lösungen und die kritische Haltung gegenüber modischen Strömungen in der Architektur sind die augenfälligsten Charakteristika seiner Arbeit. Gemeinsam mit seinem Bruder Marko betreibt Alessio Coloni seit 2004 ein Architekturbüro in Wien. In der heimischen Planerszene ist das Architektenduo bislang ein nahezu unbeschriebenes Blatt. Das soll sich jetzt ändern: Eine aktuelle Ausstellung im Kulturzentrum Korotan in Wien zeigt Werke, Kunstprojekte und gibt einen Einblick in die Philosophie der Architektenbrüder.

Tom Cervinka im Gespräch mit Alessio Coloni

coloniarchitects: "Architektur alleine kann eine Gesellschaft nicht ändern. Vielmehr ist die Architektur ein Barometer oder ein Spiegelbild einer Gesellschaft oder Zivilisation und im Idealfall zeigen die Architekten einen Weg auf."

Zwei Brüder – zwei Architekten – ein gemeinsames Büro. Woher kommt die Affinität zur Architektur?
Das liegt bei uns tatsächlich in der Familie. Unser Großvater war Ingenieur und seine Tochter – unsere Mutter – war Architektin und hat viel von zuhause aus gearbeitet. Die Architektur wurde uns also quasi in die Wiege gelegt, wir sind mit Plänen auf dem Wickeltisch aufgewachsen. Planen und Bauen war in unserem Elternhaus immer präsent. Wir haben die Höhen und Tiefen dieses Berufes von Kleinkindesbeinen an hautnah miterlebt. Modelle im Wohnzimmer, Pläne an der Wand – es gab eigentlich kein Vorbeikommen an der Architektur.

Sie haben in Berlin, Köln, Laibach und in Kalifornien gelebt und gearbeitet. Ihr Büro haben Sie vor gut sechs Jahren aber in Wien gegründet. Warum Wien? Was hat Sie nach Österreich verschlagen?
Seit meiner Geburt ist meine Familie immer zwischen Laibach und Triest gependelt. Meine Studienzeit habe ich zum Großteil in Venedig verbracht. Als junger Architekt wollte ich dann auch einmal etwas anderes kennen lernen. Die Lehre in Venedig ist geprägt von der Postmoderne. Ich wollte den Dekonstruktivismus in Kalifornien sehen und ich wollte zur Jahrtausendwende in Berlin sein. Berlin war damals eine Stadt, wo man als Architekt einfach hin musste. Nirgendwo anders herrschte eine derartige Aufbruchstimmung und wurde zu der Zeit so viel gebaut. Das wollte ich mir ansehen und berufliche Erfahrungen sammeln. Das erste Mal nach Österreich gekommen bin ich schon 1993, kurz nach Abschluss meines Studiums. Dann bin ich für vier Jahre nach Köln gegangen, usw. Letztendlich in Österreich sesshaft geworden bin ich vor allem, weil mir die hiesige Kultur und Architektur sehr nahe sind. Während meines Studiums in Venedig waren Architekten wie Fischer von Erlach, Adolf Loos oder Otto Wagner sehr präsent. Ich habe das Gefühl mit dem kulturellen Erbe und dem architektonischen Ambiente hier sehr vertraut zu sein – mehr als in Köln, L.A. oder anderswo. Und so macht es für mich auch Sinn, in diesem Kulturkreis zu arbeiten. Man muss die zeitgenössische Architektur auch kritisch sehen. Architektur wird immer mehr zu einer Marketinginstrument und viele Architekten verkaufen lieber „ihre“ Marke als gute Architektur. Es wird kaum noch auf die regionale Baukultur oder den Ort selbst eingegangen. Allzu oft passt das Gebaute nicht mehr in sein Umfeld. Allerweltsarchitektur, die losgelöst ist von der Region, in der sie entsteht und keinen Bezug nimmt auf das Leben und den kulturellen Kontext, ist nicht mein Denkansatz und widerspricht meiner Überzeugung. Mit Österreich bin ich vertraut, hier kann ich der Kultur, den Menschen und der Landschaft entsprechend angepasst bauen. Für mich ist das der einzig richtige Weg.

Wenn man „angepasst“ baut, läuft man dann aber nicht Gefahr als „stillos“ oder „ohne persönliche Note“ abgestempelt zu werden?
Nur weil man einen „Coloni“ nicht gleich als solchen erkennt, fürchte ich nicht um unsere persönliche Note. Ein charakteristisches Merkmal unserer Architektur ist es beispielsweise, jede Bauaufgabe als eigenständiges Projekt zu betrachten. Gerade weil unsere Projekte so unterschiedlich sind und auf räumliche sowie geografische Gegebenheiten und Besonderheiten reagieren, tragen sie umso mehr unsere persönliche Handschrift, die in unserem Fall jedes Mal ein wenig anders ist. Selbst sehr ähnliche Bauaufgaben sehen bei uns nie gleich aus, weil wir auf das, was da ist, reagieren. Und schließlich ist auch der Bestand, das Umfeld, die Umgebung oder der Bauherr bei jeder neuen Bauaufgabe anders und das erfordert unterschiedliche architektonische Interventionen und Lösungsansätze.
Und stillos in dem Sinne, dass man sich keinem Stil oder Style verpflichtet fühlt, ist a priori schon mal nichts Schlechtes. Abgesehen davon gibt es diese Stil- oder Gestaltungsparadigmen nicht mehr.

Haben sich die Architekten emanzipiert und lassen sich keine Gestaltungsdogmen mehr aufzwingen?
Das ist die positive Sichtweise. Man kann es aber auch kritischer sehen: Ein Stil braucht in erster Linie Zeit um sich zu profilieren. Zeit, die in unserer schnelllebigen Gesellschaft nicht mehr vorhanden ist. Wir leben in einer so kurzlebigen Zeit, dass sich Stilüberzeugungen nicht mehr entwickeln können und vielleicht ist auch die Notwendigkeit dafür nicht mehr vorhanden. Jeder will um jeden Preis anders sein. Stil wurde abgelöst von Modeerscheinungen und die visuell fixierte Konsumgesellschaft konsumiert alles. In diesem Sog verkommt auch die Architektur immer mehr zu einem Konsumgut und ist nicht besser oder anders als jedes x-beliebige Shampoo im Supermarkt. Man wechselt von einem Shampoo zum nächsten und weiter zu einem noch besseren, das noch mehr verspricht als das alte. Es gibt immer mehr und immer bessere und immer neuere Produkte. So ist es auch beim Bauen: Ein steter Wandel zu neueren, vermeintlich immer besseren High-tech-Produkten. Und wir Architekten spielen da mit, die Architektur selbst gerät dabei oft ins Hintertreffen.

Ist es aber nicht auch Aufgabe der Architektur, respektive der Architekten genau solchen Entwicklungen entgegenzusteuern?
Konsumzwang ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen und Architektur alleine kann eine Gesellschaft nicht ändern. Vielmehr ist die Architektur ein Barometer oder ein Spiegelbild einer Gesellschaft oder Zivilisation und im Idealfall zeigen die Architekten einen Weg auf. Viele Standeskollegen fallen aber wirtschaftlichen Interessen anheim, gesellschaftliche und menschliche Fragen treten dabei in den Hintergrund. Nicht von ungefähr ist die aktuelle Wirtschaftskrise nur die dramatische Folge der vorausgegangenen, streckenweise völlig absurden Immobilienspekulationen. Jede Krise birgt aber auch die Chance für einen Neuanfang. Und wenn die Krise auf die Architektur irgendeine positive Auswirkung haben sollte, dann hoffentlich die, dass man gewisse Praktiken und Haltungen überdenkt und zu einer Neudefinition kommt, was Architektur eigentlich leisten kann und soll und welche Aufgabe und Verantwortung die Architekten dabei tragen.

Das heißt die Krise auch für Selbstreflexion nutzen?
Das ist die beste Gelegenheit – wenn nicht jetzt, wann dann?

Ist Ihre aktuelle Ausstellung bzw. das Buch, das parallel dazu erscheint, so ein Akt der Selbstreflexion? Oder schwingt da auch ein wenig die Eitelkeit des Architekten mit, zu zeigen, was man schon alles geschaffen und geschafft hat?
Ich glaube nicht, dass es Eitelkeit ist, aber in jedem Fall ist es ein guter Anlass. Andrej Hrausky, der uns eingeladen hat diese Werkausstellung zu machen, hat uns auch angeregt, zur Ausstellung einen Katalog herauszubringen. Aus diesem ist in weiterer Folge das Buch entstanden, das jetzt zeitgleich mit der Ausstellung erscheinen wird. Es gibt meiner Meinung nach einen guten Zeitpunkt ein Buch über sein Schaffen zu machen und zwar dann, wenn man auf eine ausreichende Zahl an Projekten zurückblicken kann und gleichzeitig noch ein gutes Stück des Weges vor sich hat. Man bekommt quasi die Gelegenheit, sich selbst kritisch zu hinterfragen, zu analysieren und im Idealfall kann man daraus für sich Schlüsse für die Zukunft ziehen. In diesem Sinne ist das Buch tatsächlich eine Art der Selbstreflexion.

Sie haben Ihr Buch Bogdan Bogdanovic gewidmet. Warum?
Als Student und junger, engagierter Architekt war ich von den Arbeiten und der Philosophie von Bogdanovic sehr angetan. Als er aus Belgrad nach Österreich geflüchtet ist, habe ich mit ihm Kontakt aufgenommen und wir haben uns danach regelmäßig getroffen. Über die Zeit entwickelte sich eine enge Freundschaft. Er hat mir Mut gemacht als Architekt meinen eigenen Weg zu finden und mir viel Vertrauen gegeben. Und er hat auch den Anstoß gegeben mich als selbstständiger Architekt zu versuchen.

„On the road“ ist der Titel Ihres Buches. Sind Sie noch auf dem Weg oder sind Sie schon irgendwo angekommen?
Ja und ja! Wir sind da angekommen, wo wir jetzt sind. Aber das ist noch lange nicht das Ende des Weges, also sind wir ­natürlich auch weiterhin noch „on the road“. Darum geht es doch letzten Endes in der Architektur – das man sich weiter entwickelt, nicht aufhört Neues zu entdecken und nie aufhört zu suchen.

Und was suchen Sie eigentlich?
Die beste Lösung – immer, überall, für alle am Bauen beteiligten. Für den Bauherren, für den Ort, die Region in der wir bauen und letztendlich auch für uns als Architekten, damit wir am Ende des Tages wissen, dass wir unser Bestes gegeben haben – jeden Tag aufs Neue.

Eine letzte Frage: Welches Shampoo verwenden Sie eigentlich?
Pantene – immer schon, zumindest soweit ich mich zurück erinnern kann. Hauptsächlich deshalb, weil es mich an Pantonefarben erinnert und das kann ich mir leicht merken, wenn ich einkaufen gehe.

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