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Von der Stadtbrache zum Stadtteil

26.09.2013

Das Projekt „Stadtwerk Lehen“ ist Teil eines ambitionierten Programms zur städtebaulichen Aufwertung eines vernachlässigten Salzburger Stadtteils. Die Transformation einer Stadtbrache zu einem Wohn- und Wissensgebiet geht mit den von den Wiener Architekten Berger + Parkkinen geplanten Baukörpern des Competence Parks Lehen in die letzte Runde.

Der benachteiligte Stadtteil Lehen besitzt ein ausgeprägtes Viertelbewusstsein. Schon vor Jahrzehnten hatten die Bewohner der Politik Verkehrsberuhigung und Grünräume abgerungen. Als später mehrere große Flächen frei wurden, kam neben der Grünraumplanung den architektonischen Konzepten herausragende Bedeutung zu.

Das von den Stadtwerken geräumte zirka 4,25 Hektar umfassende Areal war eines der drei städtebaulichen Hoffnungs-gebiete in Lehen. Begleitet von intensiver Bürgerbeteiligung, hatte Max Rieder 2004 einen Masterplan erarbeitet, wobei die kooperative und transdisziplinäre Vorgangsweise bei der Entwicklung einer innerstädtischen Konversionsfläche österreichweit als einzigartig galt. Geplant wurde ein autofreier Stadtteil. Öffentliche Freiräume für unterschiedliche Benutzergruppen, fußläufige Erschließung, großzügige Grünraume und ein vielfältiges kulturelles und soziales Angebot sollten den Bewohnern des neuen Quartiers zu urbanem Lebensgefühl verhelfen. Und über die Grenzen des Stadtwerkareals hinaus sollte eine zukunftsorientierte neue Identität für Lehen und ein zeitgenössischer Gegenpol zum historischen Stadtzentrum geschaffen werden – ein hoher Anspruch.

Dank eines EU-Projektes wurde der gesamte Wohnbau im Niedrigenergiestandard mit Solaranlagen am Dach errichtet, ein silbrig glänzender Pufferspeicher besetzt mitten im Zentrum einen prominenten Platz. Das Areal wurde in zwei Bereiche unterteilt: Der etwas größere Nordteil war dem sozialen Wohnbau vorbehalten inklusive eines Studentenheims und eines Kindergartens mit einer Investitionssumme von zirka 56,5 Mio. Euro; beim Südteil war an gewerbliche Nutzung gedacht.

Vielseitig nutzbares Nebeneinander
2006 folgte ein städtebaulicher Wettbewerb für das Gesamtareal, bei dem das Architekturbüro transparadiso den Sieg davontrug. Das Projekt zeichnete sich durch seine vielseitige Nutzbarkeit und das Nebeneinander von unterschiedlichen Strukturen, Sockelzonen und Turmbauten aus. Die architektonische Ausarbeitung des nördlichen Teils übernahmen neben transparadiso (149 Wohneinheiten) der Wiener Architekt Bernd Vlady (86 Wohneinheiten) sowie Dietmar Feichtinger (54 Wohneinheiten und Kindergarten) und Christoph Scheithauer/Thomas Forsthuber (Studentenheim).

Durch die Beauftragung unterschiedlicher Architekturpositionen wurde versucht, die visuelle Vielfältigkeit des neuen Quartiers zu sichern. Überall wurden die Sockelzonen konsequent für kulturelle und soziale Nutzungen freigestellt. Die Gemeinschaftsräume in den Wohnbauten stehen über die Hausgemeinschaften hinaus für das Quartiermanagement und die NGOs zur Verfügung, um die soziale Dichte zu erhöhen. Das Areal mit seinen vielfältigen Wohnungsmilieus erstickt förmlich unter seinen Nutzungen und Nutzungskonflikten, denn auf engem Raum muss vieles Platz finden. Der großzügig geplante Grünraum wurde arg beschnitten, der Nord-Süd Korridor ist vom teilweise abgesenkten grünen Band zu einer schmalen Passage geschrumpft.

„Die städtebaulichen und architektonischen Ergebnisse“, so Max Rieder, „klaffen in der Ausarbeitung und im verfügbaren Budget des öffentlichen Raumes auseinander.“ Die gemeinnützigen Wohnbaugenossenschaften haben – entgegen dem Baubescheid – massiv bei Grünflächen und Außenanlagen gespart. Die immer präsente Bürgerinitiative „Stadtwerk Lehen“ moniert zu dichte Verbauung und vermisst gestaltete Freiflächen. Für Max Rieder wurde „die erforderliche gestalterische Sorgfalt eines konzentrierten, kompakten öffentlichen Raumes durch Auftraggeber und Stadtpolitik zu wenig eingefordert oder in der zukünftigen Tragweite nicht ausreichend erkannt.“ Der grüne Stadtrat Johann Padutsch verspricht Nachbesserung. Der Ost-West-Boulevard (Inge-Morath-Platz) – durch das Galerienangebot und die Volkshochschule mit kultureller Bedeutung aufgeladen – markiert die Trennung zwischen Wohnbebauung und gewerblicher Nutzung; eine Platzgestaltung war zwar im Wettbewerb vorgesehen, sie hat sich aber auf ein Asphaltband reduziert.

Platz für Forschung und Kreativität
Der Südteil des Stadtwerkareals wurde vom Vorarlberger Standortentwickler Prisma angekauft und zum Teil schon an neue Benutzer weitergegeben. Auf dem Gelände stand bereits das Stadtwerkhochhaus aus den Sechzigerjahren – eine Art Landmark – und die historische Freyvilla. Geplant war ein Competence Park für Unternehmen und Institutionen aus den etwas nebulös gefassten Bereichen „Creative Industries“ und „Life Science“ mit 500 bis 700 Arbeitsplätzen und einer Investitionssumme von 75 Mio. Euro. Beim Wettbewerbsverfahren war eine Gesamtlösung gefordert, danach wurde geteilt: Riepl/Riepl erneuerten das Hochhaus für die Volkshochschule, Boris Podrecca sollte ein Hotel errichten, das inzwischen zum Wohnbau mutierte. Das Wiener Architekturbüro Berger + Parkkinen erhielt den Löwenanteil für Forschungseinrichtungen aus dem medizinischen Bereich. Spatenstich war im März 2012, im kommenden Jahr soll der noch nicht voll ausgebaute Campus besiedelt sein.

Zum Schweben gebracht
Das Baufeld Mitte besetzen bisher in hoher Dichte sechs paarweise gekoppelte Häuser, jeweils durch einen eingeschobenen Glaskörper verbunden. Ein Komplex beherbergt ein Forschungshaus für die Paracelsus Medizinische Privatuniversität (PMU), der nächste ein modernes Blutlabor, der dritte – noch im Besitz von Prisma – ist zur Unterbringung von Ordinationen und Büros vorgesehen. Die massiven Bauten mit einheitlichem Farbputz, ausgeführt als Stahlbetontragwerke, überraschen durch ihre frei geformte Untersicht. Als hätten große Kräfte den Stahlbeton mit elegantem Schwung ausgehöhlt, wölben sie sich nach vorne, berühren sich beinahe – eine Aufgabe für gefinkelte Statiker, die ihren Rechnern Hochleistungen abverlangten. Ein Rost aus tragenden Wandscheiben ermöglicht im ersten Obergeschoß die Lastableitung der Innenstützen der auskragenden Bereiche.

An der Fassade erfolgt die Lastableitung und Aussteifung über die Parapetträger, die in Kombination mit den Stützen und Scheibenelementen eine steife Hülle bilden. Dadurch wird die Auskragung über dem Erdgeschoß ermöglicht. Die Fensteröffnungen sind entsprechend der statischen Beanspruchung optimiert. Die zurückgesetzten transparenten Glaskörper in den Erdgeschoßzonen bringen die Volumina zum Schweben; eine reflektierende Metalluntersicht scheint den Grünraum des Campus zu verdoppeln. So soll für den Competence Park das von Max Rieder gewünschte „Boden- und Topografieerlebnis“ geschaffen werden.

Attraktiver Erlebnisraum
Die PMU orientiert sich mit ihrem Haupteingang zum Altbestand in der Strubergasse. Der Straßenraum soll in diesem Bereich als „Shared Space“ gestaltet werden. Über der großzügigen Eingangshalle führen freischwebende Treppen nach oben, sie werden zur Galerie und zum Erlebnisraum. Im Erdgeschoß vervollständigen eine Studentenlounge und das Audimax die studentischen Gemeinschaftsräume. Alles andere sind Labor- und Arbeitsbereiche mit einem beneidenswert attraktiven Blick über die Stadt. Das Reinraumlabor im vorletzten Geschoß wurde als Raum im Raum konzipiert und ist nur durch Schleusen zu betreten. Die Farbpalette der Innenräume ist sehr reduziert, die Fenster von Möblierung freigehalten, allein leuchtendes Grün akzentuiert bestimmte Zonen.

Das Blutlabor eines bekannten Salzburger Anbieters ist im Grunde ein Industriebetrieb mit großen Maschinenhallen und entsprechenden Spannweiten. Der Eingangsbereich ist ähnlich großzügig verglast wie die PMU, doch wegen der Patientenabschirmung wurde Glas teilweise durch Profilit ersetzt. Der dritte Baukörper harrt noch der Besiedlung. Die eingeschoßige Tiefgarage erstreckt sich über das gesamte Areal. Aus ihren Tageslichtinseln sprießt munteres Grünzeug, das sich mit der ambitionierten Grünraumplanung ringsum verbinden soll. Angedacht ist ein Stadtgarten mit einheitlichem Belagssystem, Rasenbänken und vielfältiger Bepflanzung, durchquert von einer Erschließungsdiagonale zwischen Inge-Morath-Platz und Strubergasse.

Max Rieder indes hofft für das Stadtwerkareal noch immer auf die Chance einer „substanziellen zusammenhängenden Nachrüstung des öffentlichen Raumes“, denn „Stadtregierungen haben sich für den öffentlichen Raum gestaltend verantwortlich zu zeigen, anstatt nur in raumtrennende infrastrukturelle Einrichtungen wie Poller, Verkehrsleiteinrichtungen, Parkplatzbewirtschaftungen, Schanigartenmanagement und Hochwasserschutz und dergleichen unzusammenhängend zu investieren“.

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