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© Richard Zeitlhuber© Richard Zeitlhuber© Richard Zeitlhuber© Margherita Spiluttini© Margherita Spiluttini© Sam Architects© Sam Architects© Sam Architects© Rita Newman

„Was wäre Morgen ohne Gestern?“

09.10.2017

Baudenkmäler zeugen von der langen Historie unserer Kultur und prägen die Identität eines Landes. 10.500 historische Bauten stehen in ­Niederösterreich unter Denkmalschutz, das sind 1,4 Prozent des baulichen Gesamtbestandes. 15 Spezialisten des Bundesdenkmalamts (BDA) sorgen in Niederösterreich für deren ­Erhalt und behutsame Modernisierung, geht es doch um das Freilegen und Fortschreiben von Geschichte, um ein Gleichgewicht zwischen Bewahrung und Entwicklung.
 

Heidrun Schlögl im Gespräch mit dem Landeskonservator Hermann Fuchsberger, Restaurator Christoph TinZl, Baudenkmalpfleger Gerold Eßer sowie mit den ­Architekten Ernst Beneder, Franz Sam und Richard Zeitlhuber über Notwendigkeiten und Grenzen baulicher Veränderungen, die Umnutzung von Denkmälern sowie 
die nötige Aus- und Bewusstseinsbildung von Architekten.

Wie wird ein Bauwerk eigentlich zum Denkmal?
Hermann Fuchsberger: Im Sinne des Denkmalschutzgesetzes sind Baudenkmale von Menschen geschaffene, unbewegliche Gegenstände von geschichtlicher, künstlerischer oder sonstiger kultureller Bedeutung. Unter Denkmalschutz gelangen sie im Zuge eines Unterschutzstellungsverfahrens, das mit einem Bescheid abgeschlossen wird. Wesentlicher Teil des Verfahrens ist 
die Erhebung der Denkmaleigenschaften. Diese Erhebung schließt in aller Regel Archivrecherchen, Planaufnahmen und Befunduntersuchungen mit ein.

Welche besonderen Kompetenzen brauchen Planer für Sanierungen oder Umbauten historisch wertvoller Substanz?
Gerold Eßer: Jedes Denkmal weist bestimmte Eigenschaften und eine Geschichte auf, für die es unter Schutz gestellt wurde, und diese gilt es in einem Veränderungsprozess zu bewahren. Dafür braucht es Wissen über das Bauwerk, die Fähigkeit zur Einschätzung der Wertigkeit und Besonderheiten des Denkmals sowie Sensibilität und Urteilsvermögen. Damit einher gehen Kenntnisse von Baukonstruktion und -materialien, die in dem historischen Bauwerk verwendet wurden, da diese zu erhalten bzw. wiederherzustellen sind. Der Planer muss sich auch mit der Form der Erweiterung auseinandersetzen und klären, wie neues Material mit dem alten zusammenwirkt. Das Denkmal steht in einem Stadt-Land-Kontext, deshalb muss der Planer auch alle Maßnahmen mit dem Umfeld akkordieren, sodass die gewachsene Einheit von Denkmal und Denkmalkontext ein harmonisches Ganzes bleibt.
Franz Sam: Meines Erachtens sind viele Planer auf diesem Gebiet aber gar nicht alphabetisiert. Sie verzichten selbst auf eine Bauaufnahme.

Die Umnutzung historischer Gebäude stellt Planer vor besondere Herausforderungen. Worin liegen die wesentlichsten?
Richard Zeitlhuber: Ein altes Sprichwort sagt: „Heut ist heut, und gestern war gestern.“ Es gilt, eine Balance zwischen dem Alten und dem Neuen herzustellen.
Gerold Eßer: Gutes kann aber nur entstehen, wenn das Neue mit den Raumressourcen und der Bedeutung des Gebäudes kompatibel ist. Daher muss im Planungsprozess bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt überlegt werden, welche eine angemessene Nutzung für dieses Denkmal wäre.
Franz Sam: Die größte Herausforderung besteht für mich darin, einen Bauherrn davon überzeugen zu müssen, dass seine beabsichtigte Nutzung nicht in das historische Gebäude passt.
Hermann Fuchsberger: Ich möchte gerne auf die Räumlichkeiten verweisen, in denen wir uns befinden – die Gozzoburg aus dem 13. Jahrhundert. Der Bau hat im Laufe der Jahrhunderte viele neue Nutzungen erfahren. Gerade jetzt sind Bauarbeiten im Gange, um aus bisherigen Büros Seminarräume für Studierende zu machen. Erfahrungsgemäß sind historische Gebäude von der Substanz her so gut, dass sie fast alle Nutzungsänderungen mitmachen. Das können heutige Bürogebäude kaum leisten.
Christoph Tinzl: In meinen Arbeitsbereich fällt unter anderem eine alte Schule, die nun zu einem Wohnbau umgebaut werden soll. Zu spät erkannten Planer und Investor, dass die Kubatur dafür nicht passt. Wichtig wäre gewesen, sich rechtzeitig zu überlegen, ob das historische Schulgebäude herkömmliche Sozialwohnungen nach Wohnbauförderungsrichtlinien verträgt.

Wird das Umbauen denkmalgeschützter Substanz zunehmend komplizierter?
Richard Zeitlhuber: Das hängt zwar von der Bauaufgabe ab, doch erschweren die technischen Anforderungen das Bauen im Denkmal erheblich. Ich hatte die Aufgabe, in das barocke Kellerschlössel in Herzogenburg, das die Chorherren des Stiftes ausschließlich im Sommer nutzten, eine Wohnung einzubauen, die ganzjährig Komfort bietet. Die Auflage des BDA lautete: Die Maßnahmen müssen reversibel sein. Folglich haben wir die Raumschale nicht angetastet und die gesamte Technik so installiert, dass man sie jederzeit wieder entfernen kann.

Denkmalschützer müssen sich oftmals den Vorwurf der Modernisierungsverhinderung oder Musealisierung gefallen lassen. Was halten Sie dem entgegen?
Gerold Eßer: Ich denke, der Vorwurf rührt daher, dass viele Architekten nicht verstehen, warum eine gewisse Planungsfreiheit, die sie im nichtgeschützten Bestand haben, bei einem Denkmal nicht gestattet werden kann.
Hermann Fuchsberger: Die größeren Beschneidungen zeitgenössischer Architektur finden in Wahrheit durch die Wohnbauförderung, die Bautechnikverordnung, die OIB-Richtlinien und Normen statt.

Wie sensibel zeigen sich Architekten in ihrer Planungsarbeit an Kulturgütern?
Franz Sam: Die Masse meiner Kollegen spricht und handelt völlig empathielos gegenüber historischer Bausubstanz.
Ernst Beneder: Der Begriff des Kulturgutes 
geht weit über den Rahmen der „abgezählten“ ­geschützten Bauten hinaus, er betrifft unseren Alltag, unsere Lebensform, unsere Arbeitswelt und damit unsere Landschaft. Die Frage des Kontextes – des Erkennens von Zusammenhang und Sinn – ist bei jeder Bauaufgabe zu thematisieren. Dazu braucht es viel mehr an Bewusstseinsbildung, als dies derzeit in der Bauproduktion der Fall ist.

Wie schwer ist es für Architekten, sich zugunsten eines Baudenkmals künstlerisch zurückzunehmen?
Richard Zeitlhuber: Roland Rainer hat gesagt: „Der Architekt soll sich kein Denkmal setzen, sondern eine Bauaufgabe lösen.“ Das unterschreibe ich. Wenn eine Bauaufgabe gut gelöst ist, kann der Architekt zufrieden sein.
Ernst Beneder: Das Werk steht immer vor dem Planer und nicht umgekehrt. Denkmalwürdige Substanz hat an sich schon hohe Aussagekraft und ein komplexes Narrativ, das auch bereits in Alois Riegls Denkmalwerten umschrieben ist. Mit dem Stellenwert des Baudenkmals rückt auch der Planer in eine andere – höhere – Kategorie der öffentlichen Aufmerksamkeit. Er vergibt seine Chancen, wenn er das Potenzial eines Denkmals in dessen Räumen, Sinnzusammenhängen und Materialqualitäten nicht erkennt und damit arbeitet.
Franz Sam: In den meisten Fällen hat das Denkmalobjekt mehr Bedeutung als das, was man als Architekt hinzufügen will, trotzdem ist die Verbindung alter und neuer Bausubstanz sehr wichtig.

Wie fundiert wird Bauen im historischen Bestand in der heimischen Architektenausbildung vermittelt?
Gerold Eßer: In Österreich gibt es mehrere Fakultäten, die entsprechende Lehrveranstaltungen anbieten, aber es fehlt jedoch ein Fokus auf dieses Thema. Während theoretische Fächer verpflichtend sind, erfolgt das Entwerfen im historischen Bestand oder gar im Denkmalbereich lediglich auf rein freiwilliger Basis. Wer sich also nicht dafür interessiert, kommt um dieses Thema weitgehend herum, und somit beenden viele ihr Studium ohne Kenntnis dieser Materie. Tritt man für die Denkmalpflege und den Schutz historischer Ortsbilder und Kulturlandschaften ein, ist eine Reform in der Ausbildung unvermeidlich.
Richard Zeitlhuber: Wir dürfen nicht vergessen, dass der Architektenberuf einer der ganz wenigen Professionen ist, die – rein theoretisch – ein riesiges Feld abdecken: vom Tischbein bis zur Stadt. Ich denke, jeder muss sich selbst weiterbilden und spezialisieren, was ja oft erst anlassbezogen getan wird.
Hermann Fuchsberger: Nicht nur Architekten, auch viele planende Baumeister, die eine völlig andere Ausbildung genossen haben, arbeiten in historischer Substanz. Auch in dieser Profession braucht es eine bessere Ausbildung, denn der Großteil der Bauten in den historischen Ortskernen Niederösterreichs wird nicht von Architekten, sondern von örtlichen Baumeistern geplant.

In welchen Nachbarländern wird Denkmalschutz beispielgebend praktiziert?
Christoph Tinzl: In Bayern verfügen die Planer über eine gute handwerkliche Grundschulung, und die Restaurierung ist auf hohem wissenschaftlichem Niveau. Denkmalpflege ist in Bayern nationales Anliegen, in das nach wie vor sehr viel Geld investiert wird. Nennenswert sind auch Italien und Südtirol, weil es dort den sogenannten Umgebungsschutz gibt, der in Österreich fehlt. Dadurch kann ein Denkmal hierzulande durch einen Bau in unmittelbarer Nähe sehr zu seinen Ungunsten beeinträchtigt werden.

Welche Hürde für den Denkmalschutz sollte als erste beseitigt werden?
Hermann Fuchsberger: Österreichs neun Bauordnungen. Es brauchte eine einheitliche Bundesbauordnung, in der Denkmäler den ihnen gebührenden Platz finden.

Autor/in:
Heidrun Schlögl
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