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Velux/Adam MørkVelux/Adam Mørk

We shape our buildings – thereafter our buildings shape us

06.07.2018

Mit diesem Zitat beschrieb der britische Premierminister und spätere Literaturnobelpreisträger Winston Churchill, angesichts des Wiederaufbaus der im 2. Weltkrieg zerstörten Commons Chamber des Britischen Parlaments, den Einfluss von architektonischer Gestaltung auf Mensch und Gesellschaft.

Ergebnisse aus Energiemonitoring-Projekten und sozialwissenschaftliche Analysen von Gebäuden zeigen oft deutliche Abweichungen zwischen den in der Planung angestrebten Zielen – etwa niedrige Energieverbräuche und eine hohe Akzeptanz in der Nutzungsphase – und der im Betrieb tatsächlich erzielten Performance. Solche Abweichungen sind auch dann zu beobachten, wenn in der Planungs- und Errichtungsphase die neuesten technischen Entwicklungen und Strategien zum Einsatz kommen. Eine Ursache für diese Diskrepanz liegt häufig in der unzureichenden Kenntnis von Wechselwirkungen zwischen gebauter Umwelt und den Menschen, die darin leben und agieren. Die fehlende Beachtung menschlicher Bedürfnisse und Verhaltensweisen kann nicht nur zu einer ungünstigen und damit ineffizienten Nutzung führen, sondern darüber hinaus auch zu einer Beeinträchtigung des Wohlbefindens oder sogar der Gesundheit der Nutzer.
Tageslicht kommt in diesem Zusammenhang eine herausragende Rolle zu, die weit über das Sichtbarmachen der Dinge und die Inszenierung von Räumen hinausgeht. Als Teil des gesamtsolaren Strahlungsspektrums ist Licht nicht nur hinsichtlich bauklimatischer und gestalterischer Eigenschaften von Räumen relevant, sondern auch für das physische und psychische Befinden der darin lebenden Menschen von grundlegender Bedeutung. Für die volle Ausnutzung des mit dem adäquaten Einsatz von Licht verbundenen Potenzials bedarf es sowohl der Zusammenführung von bautechnischem und gestalterischem Fachwissen mit aktuellen humanwissenschaftlichen Erkenntnissen als auch der Überwindung von Denk- und Sprachbarrieren zwischen den Akteuren unterschiedlicher Fach- und Wissenschaftsdisziplinen.

Die Wahrnehmung des Lichts
Der kulturelle (und spirituelle) Stellenwert von Sonnenlicht verdeutlicht sich in seiner frühen Sakralisierung, wobei neben seiner allgemeinen Existenz vor allem das zyklische Verhalten des Lichts maßgeblich war. Auf der archetypischen Beziehung der Menschen zur Sonne und ihrem Licht sowie zu ihrem Substitut dem Feuer basieren zahlreiche theologische Erklärungsmodelle zur Entstehung und Entwicklung der Welt.1 Als das Phänomen Licht nach und nach entmythologisiert wurde, versuchten die Gelehrten des Altertums nicht nur das Licht, sondern insbesondere den Sehvorgang ohne göttliche Attribute zu erklären. Dabei entwickelten sich unterschiedliche Theorien des Sehens, die bis in die Zeit der Renaissance verfochten wurden. Im Widerstreit um die Richtigkeit der sogenannten Sende- und Empfangstheorien konnte der Astronom und Theologe Johannes Kepler (1571–1630) mit seiner Theorie des Netzhautbildes die Empfangstheorie (gegenüber der Sendetheorie) endgültig verifizieren. Dabei konnte er zeigen, dass im Augenhintergrund ein reelles Bild der aktuellen Szenerie entsteht, das die Primärstufe der visuellen Wahrnehmung bildet.2
80 bis 90 Prozent der Informationsreize werden vom Menschen visuell aufgenommen, entsprechend stark hängt unsere Wahrnehmung der Umgebung vom Sehsinn ab.3 (vgl. Reichel u.a., 2012, S. 49) Neben der Bedeutung von Licht für die visuelle (Raum-) Wahrnehmung sind jedoch auch nicht-visuelle Aspekte der Lichtbetrachtung für die Planung relevant.

Die biologische Wirkung von Licht
Infolge seiner evolutionären Entwicklung ist der Mensch grundsätzlich für das Leben im Freien unter den Bedingungen eines strahlungsintensiven Klimas konzipiert. Die intensiv besonnten Gebiete, von denen aus der Mensch nach und nach strahlungsärmere Regionen der Erde besiedelte, weisen jährliche Globalstrahlungssummen von bis zu 2.500 kWh/m² auf. Nördliche Regionen Europas erreichen hingegen lediglich etwa ein Drittel dieses Strahlungsangebotes. Um sich diesen veränderten Bedingungen anzupassen, vollzog sich bei den in höheren Breiten lebenden Menschen innerhalb eines evolutionär kurzen Zeitraums eine auffallende Veränderung, die etwa an Haar- und Hautpigmentierung erkennbar ist. Diese vergleichsweise rasche Anpassung macht deutlich, dass die solare Strahlung von grundlegender Bedeutung für den menschlichen Organismus ist.
Seit etwa hundert Jahren befasst sich die Human-Photobiologie mit der biologischen Wirkung von Licht auf den Menschen. Diesem Wissenschaftsgebiet kommt in der modernen Gesellschaft insofern eine steigende Bedeutung zu, da die Verweildauer im Freien immer kürzer wird. Unter anderem aufgrund der Erfindung leistungsfähiger künstlicher Lichtquellen ist unsere Gesellschaft innerhalb weniger Generationen in den Innenraum „übersiedelt“, wo ein Lichtangebot vorherrscht, das mit den hohen Beleuchtungsstärken- und Helligkeitsniveaus des Außenraumes nicht vergleichbar ist. Aktuellen Schätzungen zufolge verbringen Menschen in Europa im Schnitt mehr als 90 Prozent ihrer Lebenszeit im Inneren von Gebäuden und damit in Umgebungen, deren Strahlungsangebot lediglich einem Hundertstel von jenem im Außenraum entspricht.4 (vgl. Hammer, Radinger, Bachmann & Lange, 2013, S. 202ff). Dabei ist zu bedenken, dass die räumlichen Bedürfnisse und Verhaltenstendenzen von Menschen evolutionsgeschichtlich geformt sind und in der Konzeption von gebauten und gestalteten (Innen- und Außen-) Umgebungen beachtet werden müssen. Der Umgang mit Licht ist dabei nur einer von vielen zu berücksichtigenden Faktoren. Durch die Einbeziehung von Naturelementen wie Pflanzen und Wasser können etwa erwünschte physiologische und psychologische Wirkungen erzielt und emotionale Befindlichkeiten und das Sozialverhalten positiv beeinflusst werden.5
Das von der Donau-Universität Krems geleitete Kooperationsprojekt „Gebäudesoftskills“ zielt darauf ab, die zahlreichen komplexen Wechselwirkungen zwischen Menschen und ihrer gebauten Umwelt zu identifizieren und im Baubereich vorhandenes Wissen mit aktuellen humanwissenschaftlichen Erkenntnissen zu ergänzen. Die Bezeichnung „Gebäudesoftskills“ bezieht sich dabei auf Eigenschaften der gebauten Umwelt, die mit den derzeit in der Baubranche etablierten Methoden und Werkzeugen nicht oder noch unzureichend erfasst und beschrieben werden können. Die Berücksichtigung von Mensch-Gebäude-Wechselwirkungen ist in Hinblick auf Gesundheit, Wohlbefinden und Akzeptanz der Nutzer jedoch entscheidend für den langfristigen Erfolg von Bauprojekten.
https://moodle.donau-uni.ac.at/gebaeudesoftskills

Autoren: Christine Ipser und Gregor Radinger

Fußnoten:
1 SCHULLER, PETER: Macht des Unbewussten. Wien, Technische Universität Wien, 2005
2 WITTING, WALTER: Licht, Sehen, Gestalten: lichttechnische und wahrnehmungspsychologische Grundlagen für Architekten und Lichtdesigner. Basel: Birkhäuser, 2014 – ISBN 978-3-99043-658-5
3 REICHEL, ALEXANDER; SCHULTZ, KERSTIN; HEGGER, MANFRED; HARTWIG, JOST; KELLER, MICHAEL: Wärmen und Kühlen: Energiekonzepte, Prinzipien, Anlagen. Basel: Birkhäuser, 2012 – ISBN 978-3-0346-0511-3
4 HAMMER, R.; RADINGER, G.; BACHMANN, P.; LANGE, M. (Hrsg.): Mit Sicherheit gesund bauen: Fakten, Argumente und Strategien für das gesunde Bauen, Modernisieren und Wohnen. 2. Auflage. Aufl. [S.l.]: Morgan Kaufmann, 2013 – ISBN 3-8348-2522-0
5 OBERZAUCHER, ELISABETH: Homo urbanus: ein evolutionsbiologischer Blick in die Zukunft der Städte. Berlin: Springer, 2017 –ISBN 978-3-662-53837-1

Zu den Autoren:
Dipl.-Ing. Christina Ipser ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Donau-Universität Krems, Fakultät für Bildung, Kunst und Architektur, Department für Bauen und Umwelt
Arch. Dipl.-Ing. Gregor Radinger, MSc, ist Leiter des Zentrums für Umweltsensitivität an der Donau-Universität Krems, Fakultät für Bildung, Kunst und Architektur, Department für Bauen und Umwelt

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