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Wie eine Wolke entsteht

23.07.2012

Im Rahmen eines Interviews, das FORUM vor einigen Jahren mit dem römischen Architekten Massimiliano ­Fuksas führte, wollten wir von ihm wissen, welcher Ort oder welche Situation seine Kreativität am meisten beflügle. Seine Antwort kam unvermittelt, spontan und instinktiv: „Meinen idealen Raum lebe ich im Flugzeug, über den ­Wolken.“ Es war 2004, die Idee der „Wolke“ hatte er in seinem Kopf bereits geboren und in Form eines Entwurfs zu Papier gebracht. Dieses Interview betitelten wir „Die Leichtigkeit der Wolken“. An welchem Punkt ist dieses Projekt heute angelangt?

Bauzustand
Im Rahmen eines Interviews, das FORUM vor einigen Jahren mit dem römischen Architekten Massimiliano ­Fuksas führte, wollten wir von ihm wissen, welcher Ort oder welche Situation seine Kreativität am meisten beflügle. Seine Antwort kam unvermittelt, spontan und instinktiv: „Meinen idealen Raum lebe ich im Flugzeug, über den ­Wolken.“ Es war 2004, die Idee der „Wolke“ hatte er in seinem Kopf bereits geboren und in Form eines Entwurfs zu Papier gebracht. Dieses Interview betitelten wir „Die Leichtigkeit der Wolken“. An welchem Punkt ist dieses Projekt heute angelangt?

Im römischen Stadtbild entsteht eine „Wolke“. Wir sagen hier nicht etwa das Wetter voraus, sondern beziehen uns auf ein architektonisches Werk. Und nun ist der richtige Augenblick gekommen, um zu verstehen, wie diese „Wolke“ entsteht, sie von innen zu betrachten und ihr Nervensystem zu berühren, noch vor ihrer weißen Verdichtung, also bevor eine spezielle weiße textile Membran den strukturellen Kern verhüllen wird. Ihre Schöpfer, Massimiliano und Doriana Fuksas, ein konsolidiertes Paar unter den Protagonisten der zeitgenössischen Architektur, Autoren zahlreicher Werke in der ganzen Welt, bauen hier zum ersten Mal einen öffentlichen Bau in ihrer Heimatstadt.

„La Nuvola“ (Die Wolke) wird das „Nuovo Centro Congressi“, so seine Bezeichnung, ein neues Kongresszentrum also, inmitten des modernen und monumentalen römischen Bezirks Eur rationalistischen Ursprungs, der zwischen der zweiten Hälfte der Dreißiger- und dem Beginn der Vierzigerjahre regelrecht aus dem Nichts entstanden war, in der letzten Phase des „Ventennio“, der zwanzigjährigen faschistischen Herrschaft Musso­linis, angesichts der geplanten Feierlichkeiten zur 20. Weltausstellung von 1942, die verständlicherweise nie stattfand. Zahlreiche der damals besten italienischen Architekten unterschiedlicher Generationen und Stilrichtungen waren hier tätig. Vorgesehen hatte man ein für seine Modernität und Experimentierfreude exemplarisches Quartier, trotz der Verwendung vorwiegend traditioneller Baumaterialien wie Travertin und Glas. In den folgenden Nachkriegsjahrzehnten entwickelte sich das Viertel zu einem vitalen Verwaltungsbezirk polifunktionaler Ausrichtung, der einen durchaus beachtlichen szenografischen Aspekt bis heute behalten hat.

Das neue Kongresszentrum Roms aus der Feder des Studio Fuksas, inmitten des zentralen und repräsentativen urbanen Kerns des Eur, entsteht in einem soliden, schon damals dem Experiment gegenüber positiven Umfeld, das gleichzeitig durch die eingesetzten Formen und Technologien den historischen Zeitraum widerspiegelt – im Sinne der Moderne als dessen Entstehungszeit. Das Projekt ging somit als Sieger eines internationalen offenen Wettbewerbs hervor, ausgelobt 1998 von der Stadtgemeinde Rom zur Errichtung eines Konferenzzentrums auf einem 240 x 136 Meter großen Areal, unmittelbar angrenzend an die Hauptverkehrsader des Viertels, die Via Cristoforo Colombo. Juryvorsitzender war Sir Norman Foster. Im Februar 2000 stand das Ergebnis fest. Nach einer Zeit der Unsicherheit, des Zweifels und der Versprechungen begannen die Arbeiten dann schließlich 2008.


Zwischen visueller Suggestion und Funktionalität

Den Eindruck, den das Projekt vermitteln will, ist jener eines Parallelepipeds, dessen vier Seiten als tragender Stahlskelettkäfig mit Glas verkleidet sind. Diese seine Konstruktion nennt Fuksas „Teca“ (Schrein), ein Glasbehältnis, in dem üblicherweise Gegenstände besonderer Art oder bestimmten Werts aufbewahrt oder ausgestellt werden. Die Dimensionen: Der Bau erhebt sich auf einer bebauten Fläche von 70 x 175 Metern über eine Höhe von 39 Metern ab Straßenniveau und wird zur Gänze stützenlos überspannt. Es entsteht also eine gigantische transparente Struktur, die einen schwebenden und leuchtenden, leichten und luftigen Körper umschließen wird – kurz: eine Wolke. Also das symbolische Element, dessen Namen sich schließlich auf das gesamte Bauwerk ausgeweitet hat. Tatsächlich ist die Gesamtstruktur des Kongresszentrums aber wesentlich umfassender und komplexer.

Und sie kann in einer vertikalen und vielschichtigen Raumabwicklung zusammengefasst werden. Der zentrale Bereich liegt in Entsprechung seiner Nutzungsbestimmung im weitläufigen Kongressbereich, der über einen Saal für 7.000 Personen verfügt und sich bis in die Untergeschoße erstreckt, wo die entsprechenden Serviceflächen (Büros, Infopoints, Besprechungsräume, kleinere Konferenzräume, Cafeteria, Erschließungsflächen usw.) untergebracht sind. Im Schnitt wird ersichtlich, dass das Erdgeschoßniveau – wenn auch dem ­realen Straßenniveau gegenüber leicht angehoben – die Grenze zwischen dem oberirdischen sichtbaren und unterirdisch unsichtbaren Bereich der Struktur bildet. Der unterirdische Gebäudeteil wird jedoch nicht zum geheimen abgeschotteten Ort, denn eben hier erfolgt der Hauptzugang zum gesamten Bau über eine weitläufige auf der Seite der Via Cristoforo Colombo positionierte und konstruktiv sichtbare Treppenanlage, die bis in acht Meter Tiefe reicht und über ein nach oben offenes Atrium zum Kongressbereich führt.

Von dieser halb unter Niveau liegenden Ebene gelangt man über Rolltreppen und Aufzüge in den oberen Teil des Parallelepipeds. Noch tiefer, also unter dem Kongressbereich, sind zwei Untergeschoße mit Parkplätzen für etwa 600 Fahrzeuge vorgesehen.

„Die Baustelle ist jenes Privileg, das sich jeder Architekt erlaubt“, meint Fuksas in einem Statement: eine Deklaration des Stolzes gegenüber der eigenen Leistung sowie gleichzeitig der Herausforderung als Abenteuer auf dem Weg zum Ziel. Und vor allem in diesem Fall, im Übergang von der virtuellen Stufe zur effektiven und konkreten Nutzung, waren komplizierte konstruktive Überlegungen nötig, denn das schwebende Element, also die eigentliche Wolke, ist kein Konstrukt lediglich szenischen Selbstzwecks. Sie wurde als dreigeschoßiges Volumen konzipiert, um ein Auditorium für 1.850 Personen aufzunehmen (inklusive Foyer, Cafeteria und Begegnungsflächen usw.), und wird somit dem gesamten Kongresszentrum die gewünschte Multifunktionalität sichern. Eine weitreichende und ebenso abwechslungsreiche Palette an Aktivitäten und Events garantiert auch das unter dem Wolkenkörper befindliche Geschoß. Diese bereits erwähnte, auf Straßenniveau gelegene ebene Fläche großen Ausmaßes wird zum öffentlichen überdachten Platz (Forum) und erhält dementsprechend eine Pflasterung aus Travertin.

Die Baustelle zum heutigen Zeitpunkt
Sind die Bauarbeiten auch mit erheblicher Verspätung gestartet, erfolgte die Phase des tiefen Aushubs für die Fundierung des gesamten voluminösen Baus doch unerwartet rasch. „Die Baustelle“, unterstreicht Fuksas durchaus nachvollziehbar, „ist ein Gegenstand, der sich im Laufe der Umsetzung des Werks kontinuierlich verändert, bis zu einem gewissen Zeitpunkt, ab dem er auf Dauer statisch bleiben wird“: Bis zum heutigen Zeitpunkt konnten sowohl die Fundierungen als auch die Stahlbetonarbeiten zu hundert Prozent abgeschlossen werden. Die schrittweise Anhebung des gigantischen Stahlstruktur der „Teca“ – eine diffizile und durchaus kritische sowie spektakuläre Phase, angesichts der enormen Dimensionen – ebenso wie die Dachkonstruktion sind ebenfalls ausgeführt. Die endgültige Positionierung der lediglich in zwei Teilen bereits auf dem Boden vormontierten Stahlfachwerkträgerstruktur erfolgte mechanisch. Dieser mit einem Hangar vergleichbare Baukörper verfügt wie gesagt über gewaltige Ausmaße.

Mittlerweile wurde mit der Montage der gläsernen Fassadenelemente begonnen. Beide Längsseiten erhalten eine zweischalige Fassade mit einer Tiefe von einerseits 4,30 und andererseits 3,40 Metern, um eine Hinterlüftung zu gewährleisten und gute klimatische Bedingungen im Inneren zu sichern. In diesem Zwischenraum werden aber ebenso Aufzüge und Stiegenläufe zur Erschließung der diversen Ebenen untergebracht sein.

Und im Inneren dieses transparenten Schreins, die man sich wie einen Hangar vorstellen kann, da schwebt die tragende Struktur der späteren Wolke bereits, noch in Form eines nackten rohen Volumens, eingeschlossen in einem Netz unzähliger gewundener metallischer Rippen unterschiedlichster Dimension. Zurzeit noch eine nüchterne Kontur, essenziell, in ihrer Geometrie unvorhersehbar, asymmetrisch, unregelmäßig und abgerundet. Aber, kein Zweifel: Im Grunde ist die Wolke bereits erkennbar! Als riesiger Körper im Schwebezustand, der fast über die gesamte Länge des Hangars reicht und an nur drei Punkten mit dessen Stützen verankert, in unterschiedlichen Höhen abgefangen wird. Aus dessen Innerem lässt sich die ovoide Grundform des 1.850 Plätze fassenden Auditoriums bereits gut ausmachen; noch lassen sich die unterschiedlichen Niveaus und Verbindungsstege, die von einer Seite zur anderen führen werden, nur erahnen. Wenn alle Elemente und Funktionsbereiche festgelegt sein werden, wird eine spezielle technologische weiße Membran aus Glasfasergewebe (Atex® 2000 trl mikroperforiert) mit speziellen lumineszenten Eigenschaften das gesamte Volumen einhüllen. Mittels Paneelen wird diese über eine Gesamtfläche von 15.000 Quadratmetern gespannt.

Der Erdbebensicherheit wird mit der Verwendung von speziellen „Vasoflon“-Gelenken entsprochen, besondere Vorrichtungen in Form von Scheiben aus Stahl und Neopren, die an unterirdisch festgelegten Punkten in die Konstruktion zwischen „Teca“ und Wolke sowie auf Höhe des Zugangssteges zum Auditorium eingeschoben wurden.

Das neue Kongresszentrum zeichnet sich auch durch einen Ansatz der Umweltverträglichkeit aus, ausgerichtet auf den sparsamen Umgang mit Energien aus erneuerbaren Quellen, wie etwa jene der eigenen auf dem Dach montierten Fotovoltaik­anlage, die auch die CO2-Reduktion zum Ziel hat.
Die gesamte Baufläche von 55.000 Quadratmetern umfasst auch einen seitlich angrenzenden 55 Meter hohen, schmalen Baukörper zur Nutzung als Hotel. Die Bezeichnung „Lama“ (Schneide) verdankt er nicht zuletzt seiner extrem reflektierenden schwarzen Glashülle. 2013 sollen die Bauarbeiten abgeschlossen sein.

von Silvana Calò und Franco Veremondi

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