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Wilfried Kuehn: Raum erfahren durch das Ritual der Bewegung

26.06.2014

Das Architektenteam Kuehn Malvezzi operiert länderübergreifend und vielschichtig. Komplizierte Projekte in der Stadtplanung und Stadtreparatur sind genauso seine Domäne wie die Gestaltung von Ausstellungen. ­Beziehungen herzustellen steht im Mittelpunkt seiner präzis gedachten und ausgeführten Arbeiten.

Brigitte Groihofer im Gespräch mit Wilfried Kuehn

Wilfried Kuehn: "Die wirklich interessante Architektur ist jene, die so wirkt, als wäre sie ganz zufällig entstanden, weil man die Anstrengung des Denkens nicht mehr spürt."

Sie haben sich als Hamburger Wien zur Wahlheimat erkoren, Ihr Büro ist in Berlin. Was unterscheidet diese Städte?
Wien hat wohnliche und theatrale Qualitäten, es ist gelebte Hauptstadt eines ehemaligen Imperiums, eines riesigen Schmelztiegels vieler Völker. Die heterogene Bevölkerung macht aus Wien eine metropolitane Stadt, nicht primär die Architektur. Eine Qualität, die auch viele amerikanische Städte auszeichnet, Berlin noch nicht ganz, auch wenn es sich jetzt glücklicherweise vor allem durch Zuzug aus dem Ausland in diese Richtung entwickelt und täglich interessanter wird. Was an Hamburg trotz seiner etwas selbstbezüglichen Kultur schön ist, ist die Eleganz; als einzige elegante deutsche Stadt hat Hamburg nicht zufällig Jil Sander und Karl Lagerfeld hervorgebracht. Aber für einen Künstler ist Hamburg nicht unbedingt das beste Umfeld, auch Gottfried Semper und Peter Behrens haben in Österreich mehr Spuren hinterlassen als an ihrem Geburtsort Hamburg.

Wo liegt der Hauptfokus Ihrer Arbeit?
Unser Büro ist auf etwas kompliziertere Projekte spezialisiert. Wir sind meistens im öffentlichen Raum tätig, in Verbindung mit konfliktreichen öffentlichen Themen. Wir beteiligen uns gern an Wettbewerben, die nicht so eindeutig sind, und wir werden auch zu Verfahren eingeladen, in denen es um schwierigere Stadtreparaturen im Denkmalschutzbereich geht. Oft haben unsere Projekte einen Bezug zur Kunst.

Sie werden häufig als Juror geladen, so auch zum Wettbewerb auf dem Areal des Wiener Hotel Intercontinental und des Eislaufvereins, den der Brasilianer Isay Weinfeld gewonnen hat.
Wettbewerbe wie dieser zeigen, dass man das Thema „öffentlicher Raum" nicht allein professionell stadtplanerisch betrachten kann, sondern kulturell angehen muss. Kulturell heißt durch Fragestellungen, die tiefer gehen als stadtplanerische Szenarien. Die hier involvierten Interessen erfordern eine kulturelle Handlung, eine entschiedene und beziehungsreiche Geste, die Autorität besitzt. Autorität im Sinne von Autorenschaft. Dazu braucht es neben einem komplexen Nutzungskonzept eine künstlerische Architektur, die nicht selbststilisierend ist, sondern zum Umfeld Beziehungen herstellt. Ich denke, dass Architektur, wenn sie gut ist, in der Lage sein kann, konkrete stadträumliche Situationen durch ihre formalen Setzungen zu drehen, zu beflügeln. Deshalb war der Eislaufverein-Intercont-Wettbewerb so interessant. Es ging darum, den Stadtraum durch architektonische Setzungen zu formen. Weinfeld hat den Bestand sehr ernst genommen und in ein neues Ensemble überführt. Bei zu großen Vorgaben durch einen Masterplan hingegen wird ein Verfahren zu einem Fassadenwettbewerb, dann wird der Architekt überflüssig und zum Gestalter.

Beziehungen herzustellen ist für Sie ja auch ein Thema in der Ausstellungsarbeit?
Die Arbeit im Ausstellungsbereich ist eine Analogie zur Architektur der Stadt. Jede Ausstellung ist wie eine Stadt, die sich aus sehr eigenständigen Elementen zu einer Form zusammensetzt. Bei einer Ausstellung mit zehn Künstlern gibt es zehn Protagonisten, die potenziell im Konflikt miteinander stehen und gleichzeitig kuratorisch verbunden werden. Und als Architekt der Ausstellung bin ich mitverantwortlich dafür, dass es beziehungsreiche Konstellationen gibt und keinen räumlichen Konflikt. Deshalb arbeiten wir sehr eng mit Künstlern, mit Kuratoren und Museumsdirektoren zusammen. Unsere Arbeit war immer mit Künstlern oder unter Künstlern und nicht so sehr unter Architekten oder mit Architekten. Unser Kontext ist die Kunst.

Was unterscheidet Bauen von Architektur?
Es ist gefährlich, Kategorien aufzumachen. Wir wissen ja alle, dass wir mit den ungebauten Projekten häufig mehr Erfolg haben. Das gilt für viele Architekten. Solange Projekte nicht gebaut sind, liegen sie in der Autorität von Architekten. In dem Moment, wo sie gebaut werden, sind sie vielen Einflüssen ausgesetzt. Nicht zu viel zu bauen erschien uns immer als gute Lösung, um keine Kompromisse in der Präzision zu machen, da man seine Aufmerksamkeit nicht unendlich teilen kann. Trotzdem zeichnen wir viele Entwürfe, da wir viele Ausstellungen und Wettbewerbe machen, die ja immer kurz und intensiv sind.

Also ist Bauen für Sie gar nicht so wichtig?
Durch das Bauen beweist man, dass man realitätstauglich ist. Das reine Entwerfen ist am Ende für einen Architekten auch zu wenig, denn Architektur wird es erst durch die Benützung. Architektur ist nicht nur Idee, sondern benutzbarer Raum. Auch Ausstellungen sind benutzbare Räume, die von Künstlern, Kuratoren und oft tausenden Besuchern benützt werden. Kein Einfamilienhaus wird von so vielen betreten. In Wirklichkeit hat man als Architekt von Ausstellungen eine enorme Breitenwirkung. Trotzdem wird man als Ausstellungsarchitekt nicht wirklich ernst genommen, weil diese Tätigkeit nicht mit Architektur kodiert ist, eigentlich bleibt das, was man tut, fast unsichtbar. Und es ist temporär. Es ist mehr Raum als Objekt.

Wie meinen Sie das?
Ein Architekt sollte beides haben, eine Beziehung zum Objekt wie zum Raum. Für mich ist das ein wesentlicher Punkt in der Architektur, dass man ein Objekt schafft und zugleich dessen Gegenteil. Unser Entwurf für das Berliner Bet- und Lehrhaus ist beides, außen physisches Objekt und innen Raum, ein heterogener Raum. Die Raumformen der verschiedenen Religionen sind nicht homogen, sie sind subjektive Raumformen, während sich der Baukörper nach außen als Monolith zeigt. Die Körperform ist also ganz anders als die Raumform, das heterogene Innen und das monolithische Außen stehen im Widerspruch zueinander. Innen ist die Benutzbarkeit und außen die Sichtbarkeit im Stadtraum, die Zeichenhaftigkeit. Ein Lieblingsprojekt, weil es genau diese Vielschichtigkeit, diese Mehrdeutigkeit, die umfassende Dimension von Architektur hat.

Bewegung und Choreografie von Raumformen sind Ihnen wichtig?
Unsere Architektur baut auf dem Parcours auf, auf der Idee, dass erst die Wahrnehmung der Bewegung den Raum zu einer körperlichen Erfahrung werden lässt. Wenn ich hier im Raum stehe, erfahre ich wenig. Wenn ich anfange, mich zu bewegen, durch den Raum zu gehen, habe ich so etwas wie eine körperliche Raumerfahrung. Der Raum ist nicht eine physische geometrische Einheit, sondern eine Erfahrung. Das körperliche Äquivalent eines Films, der abläuft, während ich den Raum durchschreite. Die physische Bewegung, die rituelle Raumerfahrung ist auch beim Raumplan von Adolf Loos entscheidend. Man muss es erleben, das kann eine Architekturfotografie nicht vermitteln.

Wie sehen Sie die Rolle des Architekten als Universalisten?
Wir leben insgesamt in einer sehr viel stärker professionalisierten und spezialisierten Gesellschaft und haben nur mehr fragmentiertes Teilwissen. Das ist entfremdend, bedrückend, aber Ausdruck einer komplexer gewordenen Welt. Warum soll es beim Architekten anders sein? Weil er sich als Künstler fühlt. Als Künstler ist man universell. Als Architekt hat man jedoch technische Normen und Haftungsansprüche zu beachten, die tief in das Juristische gehen, und hier beginnen Professionalisierung und Entfremdung. Insofern wird es immer mehr so sein, dass man als Architekt Teilbereiche wie Entwurf und Leitdetails abdeckt und die Idee des Universalismus in diesen Teilen selbst finden muss anstatt in der Beherrschung des Gesamtprozesses. Der Universalismus kann in der Art liegen, wie ich ein Entwurfsproblem angehe, nämlich künstlerisch, und das heißt: ideell alles einschließend bereits im Entwurf.

Sie müssen also nicht bis zum Schluss dabei sein?
Künstlerisch ja, technisch-operativ nein. Architekten, die nicht loslassen können, haben vielleicht auch nicht verstanden, in welche Richtung sich unsere Gesellschaft entwickelt. Allerdings müssen Vergaberecht und Honorarordnung dringend so verändert werden, dass die künstlerische Begleitung des Projekts bis zum Schluss in Form von Leitdetaillierung und Künstlerischer Oberleitung in allen Fällen bindend an den Entwurf gekoppelt und auskömmlich honoriert wird.

Sollte sich der Architekt also spezialisieren?
Man kann bei einem Projekt einmal in der einen Spezialisierung, ein anderes Mal in einer anderen tätig sein. Man ist nicht immer der gleiche Spezialist. Wir sind etwa Fassadenplaner eines Hotelprojekts in einer diffizilen urbanen Lage, und ein anderer Architekt plant den Innenraum. Bei einem Museum wiederum machen wir mitunter die gesamte Innenausstattung in der Hülle eines anderen Architekten. Wir erleben uns auf ganz verschiedenen Seiten. Die Reduktion des eigenen Anteils an einem Projekt muss daher insgesamt nicht einschränkend für uns sein. Ich beobachte, dass unsere Generation gegenüber den Vorgängern in dieser Hinsicht wesentlich teamfähiger und realistischer ist. Insofern sind wir weniger heroisch, aber auch eher bereit, in jeder Situation etwas Besonderes zu machen.

Sie haben einmal gesagt, dass Ihnen das Monumentale wichtig ist. Warum?
Das Monumentale ist für mich ein positiv konnotierter Begriff. Ich glaube, erst wenn wir anfangen, monumental zu denken, können wir Architektur denken. Es gibt keine Architektur, die sich nicht mit dem Monument auseinandersetzt. Das Monument ist der Moment, wo Architektur bedeutsam wird, wo sie öffentlich wird, erinnerungsfähig und auch selbst Erinnerung verarbeitet. Deshalb ist das Monumentale wichtig. Das Monumentale ist aber nicht das Große, Schwere, als das es manchmal gedacht wird, sondern das Signifikante. Im Monument steckt eine zeitliche Dimension der Architektur. Wir haben 2005 gemeinsam mit dem Künstler Michael Riedel eine Ausstellung mit dem Titel „Momentane Monumente" gemacht, die um den transitorischen Charakter des Monumentalen kreist.

Warum zeigt sich heute das Bedürfnis nach unaufgeregter, vernakularer Architektur?
Die wirklich interessante Architektur ist jene, die so wirkt, als wäre sie ganz zufällig entstanden, weil man die Anstrengung des Denkens nicht mehr spürt. Auch bei einem Gemälde ist es das Beste, wenn man den Eindruck hat, es sei mit totaler Gelassenheit gemalt. Die wirkliche Kunst besteht sicherlich darin, die Perfektion nicht aufdringlich werden zu lassen. Die Sehnsucht nach anonymer Architektur wird durch die aufgeregte Stararchitektur mit ihrem Fokus auf das mediale Bild sicherlich verstärkt. Ich sehe auch die Begrenztheit in der Darstellung von Architektur. Es ist ein großes Problem, dass wir durch die Omnipräsenz von Bildern viele Architekturen nur vermeintlich kennen, da uns die Fotos als Bilder vertraut sind, während wir nie körperlich dort waren. Architektur muss persönlich bereist und erlebt werden. Nur wer reist und sieht, kann über Architektur auch reden. Adolf Loos hat immer gesagt, seine Architektur sei nicht fotografierbar.

Woran arbeiten Sie gerade, und was interessiert Sie im Moment besonders?
Die Frage, die mich aktuell interessiert, ist die Analogie oder das Verhältnis religiöser Architektur zur Architektur für die Kunst oder wie Liturgie und Ausstellungschoreografie zueinander in Beziehung stehen. Das interessiert mich auch in Bezug auf die Arbeit am Berliner Bet- und Lehrhaus. Gleichzeitig arbeiten wir im Kunstbereich. Wir stellen uns ständig die Frage nach dem Verhältnis der Formen der Bewegung und des Raums zueinander. Nach fast einhundert Ausstellungen interessiert uns die Frage, ob wir auch liturgische Räume schaffen können, die sich aus diesem Verhältnis entwickeln.

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