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Wilkinson Eyre: Die Basis eines guten Gebäudes ist ein gutes Diagramm

29.08.2011

Die Bauten von Wilkinson Eyre besitzen ohne Zweifel alle Merkmale einer ingenieursmäßigen Architektur aus Stahl und Glas. Mithilfe zeitgemäßer Technologien entwerfen sie komplexe geometrische Konstruktionen, die ganz bewusst mit dem Widerspruch zwischen der soliden Konstruktion und der Leichtigkeit ihrer äußeren ­Erscheinung spielen. Trotz der beachtlichen Dimensionen vieler ihrer Gebäude und Brücken sind diese nie monumental, ­sondern besitzen eine graziöse Ausstrahlung und scheinen regelrecht zu schweben.

Michael Koller im Gespräch mit Jim Eyre

Jim Eyre: "Der Schlüssel für ein schönes Gebäude ist: die Einzigartigkeit des Ortes zu begreifen und mit dem Bauwerk zu unterstreichen." 

Wie hat sich die Architektur von Wilkinson Eyre über die Jahre verändert?
Chris Wilkinson und ich haben in den 1970er-Jahren zusammen zu arbeiten begonnen. Das war eine Zeit des Hightech-Approaches, in der eine Architektur mit großen, hallenartigen Strukturen und Stahldetailierungen sehr en vogue war. Damals waren wir davon überzeugt, Architektur alleine durch die klare Offenlegung der Gebäudestruktur zu produzieren. Wir waren Verfechter einer funktionellen, auf die Konstruktion reduzierten Architektur, ohne Dekoration. Wenn es welche gab, musste sie gleichzeitig ein konstruktives Element sein. Weltweit sind dekorative Elemente heute wieder Teil der Architektur. Architektur verträgt Dekoration heute wieder, denn sie erzeugt ein komfortables Gefühl.

Und was ist unverändert geblieben?
Die Struktur der Gebäude ist natürlich nach wie vor da, aber es kommen andere Gestaltungselemente wie die Oberflächengestaltung oder die Lichtinstallationen dazu. Unverändert ist unsere Grundhaltung, unsere Herangehensweise und unser Anspruch gegenüber der Struktur, der Detaillierung und der Materialisierung der Gebäude geblieben. Seit dem Beginn unserer gemeinsamen Arbeit versuchen wir eine integrale Architektur zu realisieren, in der die Struktur, die Serviceeinrichtungen und alle architektonischen Ausführungen durchdacht, gut koordiniert und effizient sein müssen. Selbst bei extravagant aussehenden Gebäuden oder Brücken ist es uns wichtig, dass diese nicht nur aus rein ästhetischen, sondern auch aus statischen und funktionellen Überlegungen heraus entstehen.

Die Architektur von Wilkinson Eyre ist keine Architektur der großen Gesten, obwohl viele der Projekte aufgrund ihrer Position oder ihrer Größe auffallen. ihre raffinesse und Eleganz zeigt sich vor allem in der Ausarbeitung. 
Jedes Projekt ist eine Reaktion und eine Antwort auf eine individuelle und spezifische Situation. Wir versuchen so gut wie möglich auf den Kontext, das Programm und die Erwartungen des Klienten zu reagieren. Der Schlüssel für ein schönes Gebäude ist: die Einzigartigkeit des Ortes zu begreifen und mit dem Bauwerk zu unterstreichen. Das heißt nicht nur mit der Topografie, der Vegetation oder den visuellen Charakteristiken des Ortes zu arbeiten, sondern auch den geschichtlichen, sozialen und kulturellen Kontext zu integrieren. Natürlich gibt es auch Projekte, die einen größeren künstlerischen Freiraum zulassen als andere. Gleichzeitig gibt es Programme wie zum Beispiel Bürobauten, die eine Anzahl von Grundparametern erfüllen müssen, um überhaupt als Büro funktionieren zu können.

Ist es für Sie wichtig, dass Menschen Ihre Gebäude und Brücken ganz bewusst besuchen?
Die Idee, dass das passieren könnte, ist natürlich schmeichelhaft, aber das ist nicht unser Ziel. Wenn nun die Öffentlichkeit in eines unserer öffentlichen Gebäude kommt, weil sie sich auch durch die Architektur angezogen fühlt, also die Architektur die Funktionen des Gebäudes unterstützt, haben wir unseren Auftrag erfüllt. Ich bin der festen Überzeugung, dass man als Architekt Objekte, aber keine ikonografischen Gebäude entwirft. Es sind andere Menschen, die darüber entscheiden, ob ein Gebäude zur Ikone wird. Man kann natürlich spektakuläre und auffallende Gebäude entwerfen, die vielleicht zu einem Wahrzeichen werden, aber das heißt noch lange nicht, dass es eine Ikone ist, auf die sich Menschen beziehen und die Menschen bewusst besuchen.

Haben Sie bei einem der Gebäude oder Brücken von Wilkinson Eyre erlebt, dass die Menschen hingehen, um es sich anzusehen?
Bei der Millennium Bridge in Gateshead ist eben das passiert. Das hängt sicherlich sehr stark mit ihrer Lage zusammen. Gateshead ist eine Stadt der Brücken. Die Millennium Bridge liegt an einer sehr charakteristischen und zentralen Stelle in der Stadt.

Brücken haben natürlich eine sehr spezifische Funktion und einen großen symbolischen Wert.
Sicherlich. Brücken sind, mit wenigen Ausnahmen, zu hundert Prozent Teil des öffentlichen Raumes und gehören damit der lokalen Bevölkerung – vor allem Fußgängerbrücken. Sie sind auch Orte, die zumindest zum kurzen Verweilen einladen und zentrale Punkte im öffentlichen Raum darstellen. Die Millennium Bridge hatte bei der Öffentlichkeit einen großen Erfolg. Die Brücke ist eine ingenieursmäßige Konstruktion, die sehr spektakulär wirkt, vor allem, wenn sie geöffnet wird.

Die Entwürfe für Brücken scheinen allgemein immer spektakulärer zu werden.
Brücken haben uns von Beginn an fasziniert und tun es auch heute noch. Wir wollen natürlich interessante und ästhetische Brücken entwerfen, aber eine Brücke muss in erster Linie gut funktionieren und ihre Konstruktion sinnvoll sein. Jedes Teil muss einen konstruktiven Grund für seine Existenz haben. Wenn eine Brücke diese Ansprüche erfüllt, wirkt sie automatisch elegant und zeitlos.

Aber Sie haben auch Brücken entworfen, bei denen der ­ästhetische und dekorative Anspruch gegenüber dem rein konstruktiven überwiegt.
Die kleine Brücke über der Floral Street in London, die die Verbindung zwischen der Oper und der Ballettschule bildet, ist sicherlich eine Ausnahme in unserer Arbeit. Bei dieser Brücke ging es um die Schaffung eines Raumes und einer Bewegung zwischen den beiden Gebäuden. Dadurch, dass sie sehr klein ist und hoch über der Einkaufsstraße liegt, spielt sie als Objekt im öffentlichen Raum keine Rolle. Sie ist aber als Zwischenraum zwischen den sehr konventionellen Gängen der beidseitigen Gebäude sehr aufregend, vor allem, weil der Übergang zwischen den Gängen und der Brücke völlig fließend ist und es keine sichtbare Konstruktion gibt.

Auch die Gebäude von Wilkinson Eyre haben eine sehr ingenieursmäßige Ausstrahlung. Die Zusammenarbeit mit Ingenieuren ist für Sie sehr wichtig, oder?
Als Architekturbüro mit unserer Erfahrung könnte man einen Großteil des konzeptuellen Entwurfs für Gebäude unabhängig von den Ingenieuren und den anderen Spezialisten machen. Wir wissen mittlerweile ziemlich genau, was konstruktiv möglich ist und was nicht. Dennoch ist die Zusammenarbeit mit den Fachberatern Teil unserer Arbeitsphilosophie. Gerade beim Entwurf von Brücken ist die Arbeit fruchtbarer, wenn man von Beginn an mit den Ingenieuren zusammenarbeitet.

Teamarbeit also?
Ich bin gläubiger Anhänger der Theorie, dass mehr Menschen ein besseres Ergebnis entwickeln können als einer allein. Ich bin fest davon überzeugt, dass ein gutes Konzept die Grundvoraussetzung für ein gutes Projekt ist. Deswegen ist es wichtig, in der Anfangsphase des Entwurfs die Dinge noch relativ offenzuhalten und verschiedene Meinungen dazu zu hören.

Wie kommunizieren Sie Ihre Designideen?
Die Basis eines guten Gebäudes ist ein gutes Diagramm. Ohne ein klares und aussagekräftiges Diagramm, das das Gebäudekonzept und seine Funktionen verständlich macht, entwickeln wir kein gutes Gebäude.

Weil das Diagramm die Synthese der Entwurfsidee und des Funktionierens des Gebäudes darstellt?
Ja. Wenn ich an ein Diagramm denke, dann meine ich eigentlich ein Grundrissdiagramm, nicht ein Schnittdiagramm. Vor allem für ein öffentliches Gebäude, bei dem man will, dass das Publikum ein spezifisches Erlebnis der Räume haben soll, ist das entscheidend. Dieses Diagramm darf man während der gesamten Projektentwicklung nicht aus den Augen verlieren.

Klarheit also?
Ich bevorzuge Gebäude, die lesbar sind und bei denen ich beim Durchwandern das Gefühl bekomme, ihre räumliche Organisation verstanden zu haben.

Kann man die Architektur von Wilkinson Eyre als Hightech-Architektur beschreiben?
Für uns ist es wichtig, gefühlvolle Entwürfe im gegebenen Kostenrahmen zu machen, die gleichzeitig die technische Machbarkeiten immer ein Stück weiter treiben. Wir versuchen uns den Grenzen des Machbaren zu nähern und zu erforschen, aber nicht über sie hinwegzuzielen.

Also schon eine Faszination und Neugier gegenüber der Technik?
Es fasziniert mich zu sehen, wie die Entwicklung der Computertechnologie und der Computerprogramme die Möglichkeiten und die Produktionsprozesse für die gesamte Baubranche vervielfältigt haben. Mich interessiert, wie ich diese Techniken für unsere Arbeit nutzen kann. Diese Rationalisierung der Produktionsprozesse erlaubt es, komplexere Geometrien trotzdem kostengünstig zu entwickeln. Dabei ist es äußerst wichtig, dass die Ingenieure bereits vom Entwurf an in die Projekte einbezogen werden und nicht erst am Ende hinzugezogen werden. Diese Qualität der Zusammenarbeit unterscheidet auch den guten Architekten vom Rest.

Sie arbeiten beim Entwerfen mit sehr vielen Modellen.
Wir arbeiten sehr viel mit Arbeitsmodellen, um Entwürfe zu konkretisieren und zu verfeinern, so haben wir vom Hochhaus in Guangzhou eine Serie von scheinbar identen Studienmodellen gemacht, um verschiedene Geometrien zu testen, bevor wir die endgültigen Form gefunden haben. Diese Studienmodelle sind für komplexe Formen enorm wichtig, weil man selbst bei guten Renderings nicht das Gefühl für die Proportionen und die Form bekommt. Die Möglichkeit, die 3-D-Computermodelle direkt als 3-D-Modelle zu drucken, finde ich fantastisch.

Die Wirtschaftskrise hat in der Architektur und der Bauwirtschaft dramatische Auswirkungen gehabt. Glauben Sie, dass es längerfristig auch positive Konsequenzen gibt?
Das 20. Jahrhundert zeigt, dass Wirtschaftskrisen trotz oder gerade wegen der Geldknappheit auch einen positiven Einfluss auf die Kreativität der Menschen haben können. Die aktuelle Krise muss auf jeden Fall zu einer kritischen Bewertung der architektonischen Produktion der abgelaufenen zwei Jahrzehnten führen. Wir müssen uns fragen, welche die wirklichen Herausforderungen für die Zukunft unter dem Blickwinkel der knappen Budgets sind. Vielleicht verändert sich die Architektur in Richtung einer effizienteren und funktionelleren Architektur.

Ist das nachhaltige Bauen ein Motor, der die Wirtschaft und die Bauindustrie wieder ankurbeln kann?
Der Klimawandel konfrontiert uns mit Konsequenzen und Szenarien, die ich persönlich noch nicht ganz überblicke und die für mich viele Fragen aufwerfen, obwohl ich nicht am Klima­wandel zweifle. Die essenzielle Frage ist, ob das, was wir versuchen als Gesellschaft heute gesetzlich zu verankern, für die zukünftigen klimatischen und demografischen Veränderungen richtig und genug ist.

Und inwieweit kann da der Architekt eine Rolle spielen?
Ich denke, dass es für unser Berufsfeld entscheidend ist, unsere Kompetenzen zu verteidigen und zu sichern und uns wieder zum Masterbuilder zu entwickeln. Als Architekten generieren wir die gesamte Information eines Gebäude und können sie verwerten. Darum sollten Architekten für die Ausweitung ihrer Aufgaben und ihrer Kompetenzen kämpfen. Ich denke, dass es für Architekten viele Möglichkeiten gibt und dass wir sehr gut platziert sind, um eine Führungsrolle in der Projektentwicklung und im Bauprozess zu übernehmen.

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