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Wohnen zwischen smart und Luxus

10.12.2019

Das Wiener Architekturbüro Duda Testor befasst sich theoretisch und praktisch mit der Frage: Wie gestalten sich in Zukunft Wohnräume? Das Thema kreist um Neuerungen und Variantenreichtum, muss dabei aber doch immer die grundlegende Forderung nach einer sicheren, möglichst angenehmen Unterkunft beantworten. 

von Susanne Karr

Verändert sich Wohnen mit den Veränderungen in der Gesellschaft? Welche Unterschiede gibt es in den verschiedenen Kategorien? Mehrere Tendenzen sind derzeit spürbar. Es bestehen klare Forderungen, die wichtigsten sind, nachhaltig zu bauen, leicht adaptierbare Räume zu schaffen und spätere Umnutzung gleich mit einzuplanen, wie Erik Testor vom Wiener Architekturbüro Duda Testor (DTA) erzählt. Das Büro ist vielseitig aufgestellt. Neben klassischer Architekturpraxis hat DTA auch eine Vortragsreihe mit Schwerpunkten wie betreutes Wohnen, Sonderwohnformen und weiteren Themen, die in Zukunft die Planung noch mehr beschäftigen werden, ins Leben gerufen. Den Hauptaufgabenbereich des Büros sieht Erik Testor im Kernthema Wohnen, und hier lässt sich eine Tendenz in Richtung Wohnen für alle, in der ideellen Tradition des Wiener Gemeindebaus und des sozialen Wohnbaus ausmachen. Auch Bauträgerverfahren und Wohnungen im gehobenen Bereich stehen auf der Agenda. Zuletzt wurde das Nobelwohnhaus „Über den Linden“ in der Wiener Lindengasse fertiggestellt. Mit seinem bronzefarbenen Erdgeschoßsockel wird dem ansonsten minimalistischen Entwurf ein Hauch von Luxus verpasst. In der Anlage finden sich etwa, auf Wunsch des Auftraggebers, Besonderheiten wie „runde Ecken“ aus Gipskarton, die mit Feng-Shui-Prinzipien in Einklang stehen. Explizit war seitens der Bauherren auch der Wunsch nach einem Vitalenergetiker, der die Baustelle in der Lindengasse begutachtete. Besonderer Wert wurde auf stringente Raumabfolgen gelegt, außerdem sollen Shared Spaces wie Fitnessraum, Schwimmbad und Eventbereich das Entstehen eines gemeinschaftlichen Wohngefühls fördern. Für externe Lieferungen in das Haus gibt es zudem eine „Shopbase“, zu verstehen als eine Art Spind, der von Lieferanten befüllt werden kann. 

Der Umgang mit Emotionen

Aus der Sicht Erik Testors rücken in Wohnprojekten generell emotionale Aspekte in den Vordergrund, neben den immer vorhandenen rationalen Themen wie Bautechnik und Effizienz. Eine stärkere Integration von Kunst am Bau sollte daher zum Standard erhoben werden. Gerade im geförderten Wohnbau lässt sich beobachten, dass Integration von Kunst oft als wertschätzende Geste gegenüber den Bewohnern wahrgenommen wird, dass sie etwas im Umgang miteinander und mit der Immobilie auslöst. Die Anmutung der Stiegenhäuser etwa wirkt viel gepflegter, man identifiziert sich als Bewohner mehr mit dem Gebäude, wenn es hochwertiger, und eben auch künstlerisch, gestaltet wird. Im weiteren Sinne gehören dazu auch eine differenziertere Farbgestaltung und Dinge, die nicht unmittelbar ökonomisch auf der Hand liegen. 

Gefördert oder frei finanziert

DTA realisieren in Wien derzeit sowohl geförderte als auch frei finanzierte Wohnbauten. Woran sind die Unterschiede in den verschiedenen Wohnbaukategorien festzumachen? Wie lässt sich hohe Wohnqualität auch im geförderten Wohnbau implementieren, und welche Kriterien kann man als generell besonders wichtig für einen guten Wohnbau bezeichnen? „Momentan leben fast zwei Drittel (62 Prozent) der Wienerinnen und Wiener im sozialen Wohnbau; aktuell sind gerade 3.700 neue Gemeindebauwohnungen und bis 2020 rund 14.000 geförderte Wohnungen auf dem Weg“, heißt es in einer Presseaussendung der Stadt Wien anlässlich des 100-jährigen Jubiläums des Projekts Wiener Gemeindebau. Wohnbaustadträtin Kathrin Gaal bezeichnet diesen als immer noch gültige und wirksame Vision für eine Stadt, die für alle da ist. 
Dem international als Symbol des „Roten Wien“ berühmten und oft als vorbildlichen Stadtplanungsfaktor bezeichneten sozialen Wohnbau in Wien wurde zu diesem Geburtstag ein Denkmal gesetzt: Eine Installation des Künstlers Marco Lulic beim Metzleinstaler Hof erinnert an die zunächst für utopisch gehaltenen Ursprünge der Idee. 

Nutzungsmix und Flexibilität

Vorbild für gelungene Architektur ist immer eine, die für viele Nutzungen verwendbar ist – wie etwa in Wien das klassische Gründerzeithaus, dessen Wohnungen sich perfekt als Büro, Kanzlei, Studio, Co-Working Space oder Praxis nutzen lassen, wenn sie nicht als Wohnungen verwendet werden. Individuelle Gestaltbarkeit ist charakteristisch für diese Art von Gebäude, flexible Anpassbarkeit und die beschriebene Multifunktionalität. Das Prinzip solcher offenen Strukturen eignet sich sowohl in kleinerem als auch großem Maßstab – wie beim Städtebau. Themen wie Gebäudehöhen Blockrandbebauung etc. spielen eine wesentliche Rolle im Planungsprozess. Vor Kurzem präsentierte Klaus Duda bei einer Konferenz mit dem Titel „Bedürfnisorientierte Wohnbauprojekte – der passende Wohnraum für alle Wienerinnen und Wiener“ im Alten Rathaus die zahlreichen Faktoren, die bei einer übergreifenden Planung zu beachten sind. 

Individualität und ­Gemeinschaft

DTA befassen sich ausgiebig mit den Wünschen zukünftiger Bewohner, wie sie in Trendstudien und Befragungen ermittelt werden. Das gilt gleichermaßen für Projekte im frei finanzierten wie im geförderten Wohnbau. Etwa beim gewonnenen Bauträgerwettbewerb für das Projekt „Junges Wohnen in Neu Leopoldau“. Hier stehen individuelle Konzepte im Vordergrund. Gemeinschaftsbereiche wie Büro, Sommerküche, Musikräume, Gästewohnungen, Partyterrasse, Yogaraum und Werkstatt werden integriert. Ein anderes individuelles Konzept steht hinter dem GründerInnenHof „Am Seebogen – Seestadt Aspern“, bei dem die Kombination von Arbeiten und Wohnen den Hauptfokus bildet. Auch beim „Tor zum Park“: wird eine nachhaltige Bauweise angestrebt: mit Fertigteilen, hoher Flexibilität für kommende Generationen und einem Jugendzentrum im Erdgeschoß. Zu den aktuellen frei finanzierten Projekten gehören das momentan baubehördlich eingereichte „Barany 7“ im 22. Bezirk und das kurz vor der Eröffnung stehende „Über den Linden“. 

Nachhaltigkeit im Fokus

Das Wiener Architekturbüro ist auch international tätig. Städtebauliche Studien führten die Protagonisten immer wieder nach China. Den Anfangspunkt für die China-Connection setzte das große internationale Interesse, das die Architekten mit dem Bau des damals höchsten Passivwohnhauses in der Jungstraße im 2. Wiener Gemeindebezirk erweckten. Das war vor zehn Jahren. Kurz da­rauf kam die erste chinesische Delegation nach Wien, es folgten Einladungen nach Nanching, Reisen nach Chengdu, Schanghai, Beijing und in weitere Städte folgten. Auch in China ist das Interesse am Prinzip „Green Building“ groß, vor allem weil sich der chinesische Staat eine starke Senkung von Treibhaus- und Schadstoff-Emissionen vorgegeben hat. Nach Green Building-Maßstäben haben DTA Masterpläne für nachhaltige Energieversorgung entwickelt, etwa für das mixed-use Projekt „Butterfly City“ in Minquan, das Wohnen, Arbeiten und Gewerbe vereint, oder für die „City for elderly ­people“ in Shangli, die explizit Wünsche und Bedürfnisse der älteren Generation im Fokus hat. Gesamtwirtschaftlich soll auf nachhaltigere CO₂-reduzierte Produktionsverfahren umgestellt werden, dabei stehen Energiesparen, ökologisches Bauen und energieeffiziente Architektur im Vordergrund. Eine längst fällige Maxime.

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