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Zweiter Frühling

20.06.2016

Der langestreckte Backsteinbau industrieller Prägung im Salzburger Stadtteil Maxglan war von 1939 bis 1985 Reparaturwerkstätte für Panzer und andere Militärfahrzeuge der dort angesiedelten Struberkaserne. Heute ist die „Panzerhalle” ein pulsierendes Kreativzentrum der besonderen Art mit unterschiedlichsten Angeboten, ein Ort zum Arbeiten, Genießen und zum Wohnen.
 

Österreichweite Bekanntheit erlangte der Backsteinbau allerdings vor geraumer Zeit durch den medial geführten Kampf um dessen Unterschutzstellung und Erhaltung. Trotz wiederholter Expertenwortmeldungen zum Erhalt des historischen Komplexes mit seiner außergewöhnlichen Holzbinderkonstruktion, sahen weder Bundesdenkmalamt noch Stadtplanung den nötigen Handlungsbedarf; sodass von der erhaltenswerten Bausubstanz heute lediglich ein geringer Teil im Original erhalten blieb. 

Blick zurück nach vorn
Nach der Absiedelung der Kaserne erfuhr der großvolumige 200 Meter lange und 50 Meter breite Bau mit seiner eindrucksvollen Firsthöhe von 16 Metern diverse Nachnutzungen, bis 2011 Projektentwickler Markus Sillaber und sein Partner Johann Kainz das Schicksal der Panzerhalle in neue Bahnen lenkten. Durch die gelungene Revitalisieung des Salzburger Gusswerk-Areals (2008 mit dem Bauherrenpreis ausgezeichnet) bestärkt und mit dem Wissen um die Nachfrage großzügiger loftartiger Flächen zögerte der Immobilenentwickler und Investor nicht lange und erwarb die Panzerhalle, um Gewerbeflächen mit eizigartigem Charakter zu schaffen. Sillaber hatte Nutzungsmöglichkeiten und Potenzial dieses 18.000 Quadratmeter großen Bauwerks erkannt und wollte die potente Identität für neue Inhalte nützen. Ein Großteil der his­torischen Bausubstanz wurde abgebrochen, geblieben sind spektakuläre Raumhöhen, die alten Backsteinmauern und ursprünglichen großen Holztore sowie eindrucksvolle Sichtachsen als charakteristische Elemente und letzte Zeugen einstiger historischer Strukturen, die nun mit zeitgenössischer Architektur verschmolzen. Die ursprünglichen Holzträger zwischenzulagern und wieder zu verwenden, wurde letztlich verworfen. 

Neue Nutzungen
Inmitten eines Gewerbeparks, zwischen der Autobahn A1 und dem Stadtzentrum auf der Höhe des Salzburger Flughafens gelegen, sollten weitläufige Lofts mit bis zu 16 Metern Raumhöhe vor allem frei denkenden, kreativen Köpfen als Mieter und Eigentümer die nötige Inspiriration bieten. Die Halle wurde in vier große Abschnitte geteilt und, neben kommerziellen und betrieblichen Nutzungen, drei große Wohnlofts mit je etwa 400 Quadratmetern angedacht. Unter dem Motto „Loft & Design“ schrieb man zur Gestaltung eines dieser Wohnlofts einen europaweiten Ideenwettbewerb aus. „Die Teilnehmer mussten ein komplett durchdachtes, funktionierendes Konzept vorlegen. Einzig die Aussenhülle war unverändert zu erhalten. Wesentliche Vorgabe war es, Arbeiten und Wohnen auf kreative Art zu verbinden“, erläutert Sillaber die Aufgabenstellung. Die eingereichten Projekte wurden nach deren Originalität, Nachhaltigkeit und Kosteneffizienz bewertet. Als Sieger ging das Wiener Büro smartvoll architekten von Christian Kircher und Philipp Buxbaum hervor. Sie hatten arbeitsbedingt knappe zwei Wochen Zeit, um ein Konzept vorzulegen. „Selten hat man als Architekt die Möglichkeit, derartige Räume zu gestalten, wir waren von diesem Volumen so beeindruckt, dass wir uns unbedingt beteiligen wollten“, beschreibt Kircher die Motivation. „Wir sind dann nur zur Bekanntgabe gefahren und haben gehofft zu erfahren, was wir ein nächstes Mal besser machen könnten“, erzählt Buxbaum – hingegen wurde smartvoll zum Sieger gekürt. Der puristiche Entwurf hatte die Jury überzeugt.

Loft als Raumkontinuum
„Wir wollten das Loft in seiner ursprünglichen Form aufgreifen. Nicht als abgewandelte Wohn-Essküche, sondern als eine zum Raumkontinuum umgenutzte Industriebrache und haben gemerkt, dass dies nur ohne kompakte Galerieebene funktioniert. Obwohl das Raumprogramm des Wettbewerbs ein zweites Geschoß verlangte, hatten wir eine weitere schmale und seitliche Ebene nur in Höhe des Fensterparapets vorgesehen, sodass das Licht tief in die untere Ebene gelangt und Blickbeziehungen durch beide Geschoße entstehen“, erläutert Buxbaum. Man wollte einen einheitlichen, großen, dreidimensional erlebbaren Raum schaffen, ohne die Dachhaut zu stark zu perforieren. Da keine Wände vorhanden waren, um zu unterteilen und man ausserdem in die zweite Ebene gelangen musste, lag die Lösung schließlich in der Schaffung einer zentralen Treppe; Sie teilt die riesige Fläche nun in vier Zonen: In der Raummitte liegt die Küche als Herzstück, seitlich jeweils Ess-, Arbeits- und Wohnbereich und durch einen schmalen Schlitz erreichbar ein Wellnessblock mit Wanne, Sauna und Dusche. Durch den offenen Kamin hindurch bleiben Blickbeziehungen gewahrt. Über die Treppe gelangt man auf die seitlich unterschiedlich auskragende Galerienebene mit zwei Schlafbereichen – einer davon, das Gästezimmer mit eigenem Bad, ist mit Profilitglas abgeschottet – ein anderer Bibliothek. Die imposante Raumhöhe bis zum First beträgt 8,5 Meter. Durch die zentrale Positionierung der dynamisch geschwungenen Treppe entsteht konsequent über alle Ebenen unter den Auskragungen sowie unter der Treppe erlebbarer Raum im Raum. Auf die Spitze getrieben wird das Raumkontinuum letztlich durch die Idee, die Dusche der zweiten Ebene in einen transparenten Glaskubus zu stellen, für alle sichtbar steht man hier wie im Freien schwebend, umgeben von transparentem Glas. Links und rechts wurden in die Dachhaut zwei kleine Terrassen eingeschnitten, ein kontemplativer Rückzugsbereich mit kleinem Baum sowie eine Frühstücksterrasse.

Handwerk as its best
Als handwerkliche Herausforderung entpuppte sich die Umsetzung des zentralen Treppenkörpers und des Geländers. Überhöhte Angebote langten für deren Ausführung in Beton ein, aber vor allem auch Ersatzvorschläge für eine Ausführung in Stahl oder Holz; Man befürchtete, die Treppe könne beim Einheben brechen. Mithilfe das Statikers konnten, nach Wunsch der Architekten, die Wangen mit maximal zehn Zentimetern so schmal und zart wie möglich gehalten werden. Bauherr Sillaber, der den dynamischen Entwurf der beiden Architekten unbedingt umgesetzt sehen wollte, beauftragte schließlich drei Zimmerer in Regie. In akribischer dreiwöchiger Feinarbeit stellten sie Stück für Stück die perfekt gefertigte Schalung her. „Unser 3D-Modell haben wir schnell weggelegt und alle 20 Zentimeter einen Schnitt durch die Treppe gelegt. Ich bin dann mit 70 1:1-Profilen auf die Baustelle gefahren – insgesamt 120 lfm Pläne – und der Polier hat vor Ort jedes 1:1-Profil mit einem Theodolit eingemessen und einzeln bearbeitet. Die Stöße wurden silikoniert und abgezogen, um jede Spur der Schalung auf der Betonoberfläche zu vermeiden. In drei Wochen war die Schalung fertig, mit einem ganzen Wald aus unzähligen, präzise platzierten Stäben abgestützt, mit biegsamen Schalungsplatten belegt, sodass der Beton eingegossen werden konnte. Bei der Ausführung der Stufen fanden wir uns vor einem ähnlichen Problem. Das vor Ort eingesetzte Bauunternehmen hat auch das übernommen: Aus hochverdichtetem Beton wurde Stufe um Stufe einzeln gegossen, nachdem alle Schalungen negativ gebaut und mittels Stahlbewehrung auf den Lauf gedübelt worden waren“, fasst Buxbaum zusammen. Bestmögliche Zartheit und Transparenz wünschte man sich auch für das Geländer. Durch die nötige Biegung hätte das zu kompakte Glas die Treppe optisch erdrückt. Auch das Geländer musste so fragil und luftig wie irgendmöglich sein. Man entschied sich für Flachstahl als Sprossen und dünnes Edelstahlseil. „Als wir das Seil dynamisch schräg einfädelten und schräg nach oben weiterzogen, hat uns unsere eigene geometrische Komplexität übermannt, denn ab einer bestimmten Höhe haben sich die Steher von alleine gerade gestellt“, erzählen die Planer. „Das lag an den regelmäßigen Abständen der Ösen. Wir mussten das Geländer dann parametrisch programmieren. Bei insgesamt 600 Ösen war keiner der Abstände gleich. Herausgekommen ist eine Liste von 600 Punkten, die von Öse zu Öse um drei bis vier Millimeter differierten. Der Schlosser hat diese Umsetzung schließlich mit großer Akribie und Freude auf das Geländer übertragen. Transparenter konnten wir es uns nicht wünschen.“ Die Architekten freuen sich nicht nur über das ihnen vom Bauherrn entgegengebrachte Vertrauen, sondern auch über die handwerkliche Fertigkeit der ausführenden Professionisten. Sie haben sich der anfangs unmöglich scheinenden Aufgabe mit großer Begeisterung, Freude und hohem Egangement gewidmet – als hätten sie für drei Wochen sogar auf der Baustelle genächtigt.

Autor/in:
Christine Müller
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