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Zwischen Experiment und Tradition

27.09.2016

Vor zehn Jahren ins Leben gerufen, ist die Vienna Design Week heute das wichtigste Design Event des Landes. Mit einem vielseitigen Programm zieht dieses ein jährlich wachsendes Publikum in seinen Bann. Denn die Veranstaltung bietet weit mehr als das ehrfürchtige Zelebrieren von Hochglanz-Design. Direkter Kontakt mit Designschaffenden, Einblicke in Entwicklungsprozesse und die Demonstration der praktischen Auswirkungen durchdachten Designs stoßen auf vielseitiges Interesse. 
 

Ende September startet die 10. Ausgabe der Vienna Design Week (VDW), die Wien mit zahlreichen Veranstaltungen zum Mittelpunkt eines designaffinen Publikums macht. Gleichzeitig wird aber die Stadt selbst, mit ihren zahlreichen bekannteren und unbekannteren Design-Hotspots, kleinen wie großen Werkstätten und Ateliers, zum Protagonisten. Ganz gleich, ob es um „Fachleute“ geht, die nach einem Update aktueller Designentwicklungen oder einfach nur nach Inspiration suchen, oder um Menschen, die mit Designfragen weniger vertraut sind, das Angebot des Festivals eröffnet unterschiedlichste Zugänge. 

Grenzenlos

Im diesjährigen Jubiläumsjahr finden zusätzlich zu den nationalen auch internationale Events und Kooperationen statt: so etwa mit dem Filmfestival Diagonale im Rahmen des Designmonat Graz oder mit einer Ausstellung im Austrian Cultural Forum in New York. Zusätzlich wird es einen Design-Auftritt beim World Design Capital in Taipei mit dem Austrian Design Net (ADN) geben, dessen Präsidentschaft Lilli Hollein 2016 übernommen hat. In Taipei wird es um die Präsentation von Industrial Design in Bezug auf Lebensqualität und Gesundheit gehen, einem klassischen Schwerpunkt des Social Design, das auch bei der Design Week hohen Stellenwert genießt. Und auch mit der heuer erstmalig stattfindenden London Design Biennale wird kooperiert. Für diesen Anlass wurde vom österreichischen Designteam mischer’traxler – einem treuen Begleiter der VDW – eine Lichtinstallation zum Thema „Utopia“ entwickelt und präsentiert.

Dicht

Das zehn Tage umfassende Programm beinhaltet eine Fülle von Themen, und in dieser 10. Auflage kommen auch gleich zwei neue Formate hinzu: Ein thematischer Schwerpunkt ist dem Grafikdesign gewidmet, ein weiterer befasst sich mit Industriedesign. Hier möchte man vor allem die Problemlösungskompetenzen des angewandten Designs aufzeigen. Weiters gilt es dabei, bis an die Orte des Entstehens vorzudringen– hands on industrial design sozusagen. So wird etwa eine Exkursion zu den Wartungshallen der ÖBB führen.
Wie jedes Mal gibt es auch diesmal eine Vielzahl an Aktivitäten aus dem bereits klassischen Repertoire der Fokusbezirke und der Passionswege. Dieses Jahr wird Margareten „bespielt“, bei einer „Learning Journey“ werden verschiedene Unternehmen im Bezirk besucht. Mit dem Format „Stadt Fabrik“ setzt sich eine Kooperation von MAK Museum für angewandte Kunst Wien, dem Institute of Design Research Vienna (IDRV) und der Wirtschaftsagentur Wien zum Thema Inklusion, einem wichtigen Aspekt des Social Design, fort. Gerade in diesem Bereich zeigt sich das innovative, gesellschaftsrelevante Potenzial maßgeschneiderter Designlösungen in urbanen Lebenszusammenhängen – sei es in den Bereichen Versorgung, Integration oder Kommunikation. Unter dem Titel „Stadtarbeit“ wird Designschaffenden bei der Design Week die Möglichkeit geboten, mit einem eigens ausgearbeiteten Projekt teilzunehmen. 

Sichtbar

Lilli Hollein, Gründungsmitglied und Direktorin der VDW, beschreibt, wie sich einzelne Fixpunkte im Laufe der zehn Jahre etabliert haben. Ausgangspunkt im Jahr 2006 war, das Potenzial Wiens in Sachen Design sichtbar zu machen. Die Stadt bietet einen großen Fundus an Designzusammenhängen – ob im klassischen Handwerk, der Architektur oder dem Industriedesgin. Als Startpunkt der Design Week kann durchaus die Würdigung des klassischen Handwerks gesehen werden. „Was zu Beginn bei manchen auf Skepsis stieß, die häufig Handwerk mit Kunsthandwerk konnotierten und die Versiertheit im technischen Know-how dabei übersahen“, wie Lilli Hollein erzählt. Die in Wien hohe handwerkliche Tradition ist bis heute präsent, sichtbar in kleinen Läden in den Sockelzonen. Eine Zusammenführung der manufakturiellen Künste mit zeitgenössischen Design-Ideen stand Pate bei der Einführung eines wesentlichen Programmteiles der VDW, den Passionswegen. „Bei den Passionswegen geht es um eine Begegnung von Handwerk und Design auf Augenhöhe“, betont Hollein.

Lebendig

Eine weitere Leitidee der Design Week lag von Anbeginn in der Zusammenführung lokaler und internationaler Designszenen, denn gerade im Austausch wächst das Potenzial. Dies gilt auch im Gesamten für das Veranstaltungsformat: Es geht hierbei nicht um Vorführung und Präsentation, sondern vielmehr um Interaktion. Die Besucher werden ins Geschehen eingebunden, sie haben die Möglichkeit, Designprozesse mitzuerleben und dabei mit den Designern in Dialog zu treten. So wird die lebendige Bedeutung von Design spürbar. 
Das Festival kann an zehn Tagen mit 36.000 Besuchern (2015) und hoher Aufmerksamkeit punkten – und wird damit mit Sicherheit auch zu einem positiven Faktor für den Stadttourismus. Das Programm lädt sowohl die Stadtbewohner als auch interessierte Reisende ein, einen näheren Blick auf die Hintergründe des Designschaffens zu werfen. „Es werden Orte zugänglich gemacht, die selbst ein hipper Reisender allein nie finden würde“, sagt Lilli Hollein, „denn das Konzept der Fokusbezirke zeigt besondere Aspekte – Gebäude, Betriebe und andere einmalige Orte – die selbst Stadtbewohnern aus anderen Bezirken oft unbekannt sind.“ Deren Auswahl unterliegt Überlegungen, die Stadt in ihrer heterogenen Vielfalt zu zeigen. Gemeinsam mit der Wirtschaftskammer Wien suchte die VDW dieses Jahr in Margareten nach Handwerksbetrieben und Unternehmen, die sich für ein Mitwirken bei den Passionswegen interessierten. Im 5. Bezirk besteht eine große Zahl kreativer Cluster, es finden sich aber auch noch etliche Vertreter des traditionellen Handwerksbegriffs. In Zentrumsnähe zeigt sich der Bezirk als urban-kreative Gegend, nach außen hin eher als klassischer Arbeiter-Wohnbezirk.

Weltoffen und interdisziplinär

Die temporären Streiflichter der VDW sind Teil einer Erkundungshaltung, die zwar entdecken und vermitteln, nicht aber belehren will. Kein Expertentreffen zur Selbstinszenierung also, in stylischer Umgebung mit Pop-up-Bars. Das Festival richtet sich an Interessierte mit unterschiedlichen Hintergründen und unterschiedlichster Altersstufen. Man setzt auf temporäre Nutzung von Gebäuden. Als einen ganz besonderen Akt schildert Hollein etwa die in der Vergangenheit gelungene Öffnung des Palais Schwarzenberg, die für der Veranstaltung erreicht worden war; seither ist der Bau erneut hermetisch abgeriegelt.

Auf die engen Verbindungen von Architektur und Design verweisen auch Ausstellung und Preisverleihung der jp architektur perspektiven. Der biennal stattfindende Architekturwettbewerb Superscape: Future Urban Living sucht nach neuen Konzepten zum gemeinsamen Leben in der Stadt. Diesmal geht es um funktionale Reduktion mit maximalem Raumgewinn. Mit einem visionären Blick 50 Jahre voraus werden hier traditionelle Muster des urbanen Wohnbaus auf ihre Tauglichkeit hin befragt und möglichst überwunden. Experimente sind ausdrücklich erwünscht. 
Direkte Kommunikation und Vernetzung von Wissen steht beim Programmpunkt A B C Lunchbreak von Ana Berlin und ihrem Team im Mittelpunkt. Im Stilwerk sind Design-, Architektur- und Kreativschaffende eingeladen, sich mit Multiplikatoren, Journalisten, Projektentwicklern oder Produzentinnen zu vernetzen. 

Türöffner will die VDW auch im Aufzeigen der Interdisziplinarität von Design sein. So wird die Ausstellung des heurigen Gastlandes Tschechien mit der Academy of Arts, Architecture and Design aus Prag (UMPRUM Zusammenhänge von Architektur und Design sichtbar machen – und es gibt Exkursionen zur Villa Tugendhat nach Brünn. „Das Publikum zieht mit“, beschreibt Hollein die so entstehende Dynamik. Türen werden geöffnet – im übertragenen wie im buchstäblichen Sinn.

Das vollständige Programm findet sich unter 
www.viennadesignweek.at

Autor/in:
Susanne Karr
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