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Das etwas andere Baumaterial verwendet Jürgen Höller für seine Häuser. Stroh hält, was es ­verspricht – sogar lastentragend – und fördert die regionlae Wertschöpfung. Foto: Strohplus, Jürgen SkarwanFotos: Strohplus, Jürgen SkarwanFotos: Strohplus, Jürgen SkarwanFotos: Strohplus, Jürgen SkarwanFotos: Strohplus, Jürgen SkarwanFotos: Strohplus, Jürgen SkarwanDas etwas andere Baumaterial verwendet Jürgen Höller für seine Häuser. Stroh hält, was es ­verspricht – sogar lastentragend – und fördert die regionlae Wertschöpfung. Foto: Strohplus, Jürgen SkarwanFotos: Strohplus, Jürgen SkarwanFotos: Strohplus, Jürgen SkarwanFotos: Strohplus, Jürgen SkarwanFotos: Strohplus, Jürgen SkarwanFotos: Strohplus, Jürgen Skarwan

Baumeisterliche Weitsicht

06.09.2013

Es braucht immer ein bischen Wagemut, um neue Wege zu gehen. Aber wer im Jahr 2000 schon zehn Zentimeter dicke Styroporplatten an seine Hauswand geklebt hat, der wird doch auch ein Strohhaus bauen können.

Die letzten Handgriffe für die Präsentation vor Journalisten sind im Gange. Rundum werden Überzüge über die Tische und Heurigenbänke gezogen, ein Laptop an den Beamer angeschlossen und die Kaffeemaschine in Betrieb genommen. Der Raum, in dem das Interview stattfindet, das baldige Kundencenter, wirkt noch roh. Ein Fußboden wurde noch nicht verlegt, einzelne Wandkonstruktionen stehen noch offen und ohne Dämmung da, und auch der Strom kommt noch nicht aus Steckdosen in der Wand, sondern von Aggregaten. 

Es fehlen noch ein paar Details bis zur Eröffnung des ersten mit Systemen gebauten, lastentragenden Strohhauses am 9. November, aber dennoch wirkt Jürgen Höller sehr entspannt. Der Moosbrunner Baumeister begutachtet noch einmal den Raum, bereitet einen Kaffee und setzt sich zum Interview an den Tisch. Nervös sei er nicht, bekräftigt Höller, dafür habe er seine Idee von einem Strohhaus und das Projekt selbst schon oft genug vorgestellt. „Aber vielleicht kommt das ja noch“, meint der 33-Jährige schmunzelnd. 

Stroh relaunched

Ein Haus aus Stroh zu bauen ist grundsätzlich keine neue Idee. In Nebraska stehen hunderte Jahre alte Konstruktionen, ein Überbleibsel aus der Zeit vor dem großen Aufschwung im Erdölsektor. Diese entstanden aus Geldmangel, aber da Stroh als der Baustoff der armen Leute galt, geriet das Wissen darüber in Vergessenheit, sobald Erdöl und somit Ziegel und Dämmstoffe billig zu produzieren waren. Heutzutage geht jedoch der Trend wieder hin zum ökologischen Bauen, eine Entwicklung, derentwegen Höller im Jahr 2008 auf Stroh stieß. Damals war er seit knapp drei Jahren mit einem Einzelunternehmen für Bauplanung selbstständig tätig, kurz darauf gründete er seine eigene Firma, die Baumeister Ing. Jürgen Höller GmbH. 

„Wir bieten ja nur Passivhäuser an, und damals stand ich vor dem Problem, dass zwar die Häuser im Betrieb immer weniger Energie brauchen, die Energie, die man verbraucht, um das Haus zu bauen, aber stetig anstieg. Ich wollte das minimieren, und somit musste ich das Styropor irgendwie von den Wänden bekommen“, erklärt der Baumeister. Die Kennzahlen von Stroh sprachen für den Baustoff, hinzu kam die  regionale Verfügbarkeit. Stroh ist schließlich ein Nebenprodukt der lokalen Landwirtschaft, man verliert dadurch keine Ackerflächen und verwendet es einfach so, wie es ist. Der Schritt vom Dämm- zum Baustoff war für Höller einfach logisch. 

Das Normalste der Welt

Die Idee und gewisse Vorstellungen seien schnell da gewesen, der Rest angeblich nur gründliche Recherche. Höller besuchte verschiedene Strohhäuser in der Schweiz, sah sich die Konstruktionen an, lies sich von Videos inspirieren und wälzte einschlägige Literatur. „Überall wird experimentiert und herumgetüftelt“, beschreibt Jürgen Höller die Szenerie. „Ich war mir aber schon damals sicher, dass ein System dahinterstecken muss, wenn man ein Strohhaus marktreif machen will. Ich wollte nie der einzelne Kopf sein, der alleine weiß, wie es funktioniert. In meiner Vision sind Strohhäuser in ganz Öster­reich verbreitet und decken vielleicht fünf Prozent des Neubaus von Einfamilienhäusern ab.“ 2010 folgte die CE-Zertifizierung der Strohballen als Baustoff, 2012 Brand- und Belastungstests. Im gleichen Jahr gründete Höller die Firma Strohplus GmbH, somit stand dem Bau eines Musterhauses nichts mehr im Wege.

Grundsätzlich sei es laut Höller gar nicht so schwierig, ein Haus aus Stroh zu bauen, wenn man die fundamentalen bauphysikalischen und statischen Regeln befolge. Die Entwicklung des Systems dauerte trotzdem seine Zeit – man experimentierte viel herum – und verschlang 200.000 Euro. „Ich habe natürlich meine Vorstellungen gehabt“, stellt der Baumeister fest, „aber meinen Arbeitern keine fixen Vorgaben gemacht. Es war interessant zu sehen, wie die verschiedenen Handwerker ihre eigenen Arbeitsweisen und Methoden entwickelt haben. Die sind alle besser gewesen und haben besser funktioniert als in meinem Kopf.“ So entstand Ballen für Ballen ein Haus. Es wurde an der Berechnungsweise der Setzung des Strohs getüftelt, die rissfreie Verarbeitung des Innenputzes erprobt und mit den verschiedensten Bauweisen und Materialien experimentiert, um bei Folgeprojekten für Kunden keine Überraschungen mehr zu erleben. 

Vieles sei für die Kunden neu, aber dennoch sei die Transformation von Passivhäusern zu ökologischen Passivhäusern der logische Schritt, meint Höller. „Solange ein Betrieb funktioniert, solange man Häuser aus Ziegel verkaufen kann, überlegen sich die wenigsten Alternativen. Erst wenn es nicht mehr funktioniert, versuchen sie neue Ansätze. Nur da will ich einen Schritt weiter sein.“

Geld oder Liebe?

Manchmal könnte man fast glauben, dass es eiskaltes Kalkül war, das Jürgen Höller dazu veranlasst hat, Stroh als Baustoff einzusetzen. Doch wer das denkt, hat den Baumeister noch nie über „seinen“ Baustoff reden hören. Spricht er über das Gefühl beim Verarbeiten der Strohballen, vom Duft, der in der Luft hängt, wenn man ein Haus mit noch unverputzten Strohwänden betritt, oder vom Wohlfühlfaktor, merkt man eindeutig, wie sehr ihm ökologisches Bauen und Stroh am Herzen liegen.

„So ein Haus ist einfach etwas anderes als Beton, Stahl und Ziegel, weil es irgendwie lebendig ist. Wenn man ein fertiges Haus betritt, spürt man, dass es mit Stroh und Kalk bzw. Lehmputzen ausgeführt worden ist.“ Es ist offensichtlich, dass Höller etwas gefunden hat, das ihm Freude bereitet, ihn zu Experimenten verleitet, ihn fordert und gleichermaßen fasziniert.

Frühe Begeisterung

Diese Faszination dürfte der Moosbrunner schon in frühen Jahren für seinen zukünftigen Beruf gehabt haben. Als Sohn eines Vaters, der 40 Jahre lang Bauleiter bei der Strabag war, war die Entscheidung für eine HTL das Logischste der Welt. Bereitwillig erzählt er von seiner Begeisterung für alte Gebäude aus dem 17. oder 18. Jahrhundert und der Leistung, etwas zu schaffen, das nicht nur ein halbes Jahr, sondern bereits jahrhundertelang Bestand  hat. „Eigentlich war es immer mein Traum, eine Kirche zu errichten“, lässt Höller nostalgisch durchklingen.

„Meine Baukundelehrerin hat mir damals aber gesagt, dass die Tempel der heutigen Zeit die Supermärkte seien. Ich fürchte, es wird also eher ein Supermarkt als ein Tempel werden.“ Bei dem Gedanken muss er lachen. Man merkt, dass er, sollte sich die Chance ergeben, doch wohl eher eine Kirche bauen wird.

Während der Zeit seiner Ausbildung zum Baumeister wurde Höller nochmals inspiriert, auch diesmal prägend. 2003 durfte er einem Vortrag eines Solararchitekten lauschen, der von Häusern erzählte, die durch Sonneneinstrahlung und Belüftung im Betrieb fast keine Energie mehr verbrauchen. Für die damalige Zeit war dies ein Novum, Höller war beeindruckt und sein weiterer Werdegang vorgezeichnet. Was damals noch neu und vielen fremd war, entwickelte er zu seinem Firmengrundsatz, um diesen danach um ökologisches Bauen zu erweitern. 

Neue Wege

Je länger man Höller zuhört, desto offensichtlicher wird seine Begeisterung für neuartige Ideen, für Wagnisse und Experimente. Schließlich kommt es zu der obligatorischen Frage, ob ihn denn jemand für verrückt erklärt hätte, nachdem die Idee des Strohhauses publik gemacht wurde. Nach rund einer Minute herzlichen Lachens meint Höller trocken, dass es nicht mehr so viele gewesen seien, da die meisten schon wussten, dass er mit Stroh dämme. Seine Angebote bieten einfach Qualität, das habe sich herumgesprochen, und deswegen würden die Leute auch nicht mehr annehmen, dass er etwas komplett Verrücktes mache. 

„Aber denken Sie einmal an die Kathedralen aus dem 13. oder 14. Jahrhundert“, kommt Höller wieder auf seinen Bubentraum zurück. „Alles wurde in Handarbeit erledigt. Wie ein Gewölbe entsteht, konnte sich damals schon niemand vorstellen, und dann wollten diese Menschen eine riesige Kathedrale bauen. Da haben sicherlich nicht wenige behauptet, das sind Spinner!“ Wie die Geschichte zeigt, hat es trotzdem funktioniert, und Höller ist in seiner Begeisterung kaum noch zu bremsen. Er erzählt von Menschen, die etwas mit eigener Kraft, ohne viele Hilfsmittel, erschaffen, und wie erhaben es für ihn persönlich ist, wenn er einem Haus beim Wachsen zusehen kann. 

Irgendwann kommt er wieder auf die gestellte Frage zurück. „Als ich im Jahr 2000 mein eigenes Haus gebaut und mir zehn Zentimeter dicke Styroporplatten auf die Fassade geklebt habe, da haben mich wirklich alle gefragt, ob ich verrückt bin. Heutzutage werden nicht einmal mehr in der Sanierung zehn Zentimeter Dämmung verwendet“, gibt Höller zu bedenken. Lachend fügt er hinzu: „Das Problem dabei ist, dass die meisten Menschen die dich für verrückt halten, es dir nicht direkt ins Gesicht sagen. Somit werden es wahrscheinlich mehr sein, als ich vermute.“

Que sera, sera

Konkrete Zukunftspläne hat der Baumeister auch schon. Höller will zunächst mindestens ein Strohhaus pro Jahr für Kunden errichten, mittelfristig sollen auf fünf neue Strohhäuser nur noch zwei bis drei Ziegelhäuser kommen. Zusätzlich arbeite man gemeinsam mit der Universität für Bodenkultur an der Produktion von Strohwärmedämmplatten für Ziegelhäuser und Sanierungen. Vier Prototypen sind schon im Test, weitere vier werden demnächst großflächig an Wände angebracht. Ebenso werde eben erst versucht die Kosten eines Strohhauses durch Mischbauformen zu reduzieren. Das fast vollständig ökologische Musterhaus – einzig die Fundamentplatte ist aus Beton – mit 250 Quadratmeter Nutzwohnfläche wird belagsfertig rund 450.000 Euro gekostet haben.

Trotzdem hat Höller momentan aktuellere Themen auf seiner Agenda. Vor den Fenstern des Strohhauses warten schon weitere Journalisten. Zusätzlich findet am Nachmittag auch noch die Gleichenfeier statt. Rund fünf Minuten vor Beginn der Präsentation ist das Interview beendet. Auf die Frage, ob er denn jetzt doch ein wenig nervös geworden ist, lacht Jürgen Höller. „Nein, und ich glaube, ich werde es heute auch nicht mehr.“


 

BM Ing. Jürgen Höller

Geburtsdatum: 22. 6. 1980
Ausbildung: HTL Mödling, Fachrichtung Hochbau
„Lehrjahre“ in einem Zivilingenieurbüro sowie bei der Marktgemeinde Gramatneusiedl
2005 Baumeisterprüfung, Gründung eines Einzelunternehmens für Bauplanung 
2008 Gründung der Baumeister Ing. Jürgen Höller GmbH
2010 Gründung der Strohplus GmbH
www.baumeisterhoeller.at
www.strohplus.at

Autor/in:
Christoph Hauzenberger
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