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Fotos: Internationaler Gewerkschaftsbund„Die Weltmeisterschaft 2022 ist nur der Anlass – Ziel ist es, das Kafala-System ­komplett abzuschaffen!“  Ramesh Badal, General Federation of Nepalese Trade Union  Foto: ÖGB / Thomas ReimerFotos: Internationaler Gewerkschaftsbund„Die Weltmeisterschaft 2022 ist nur der Anlass – Ziel ist es, das Kafala-System ­komplett abzuschaffen!“  Ramesh Badal, General Federation of Nepalese Trade Union  Foto: ÖGB / Thomas Reimer

Die Leidtragenden eines Systems

04.11.2013

Die Golfstaaten haben ein erhebliches Problem: die falsche Auslegung des Kafala-Systems. Ausbeutung und Missbrauch sind die Folgen in einer Region, in der auch österreichische Bauunternehmen tätig sind.

Die Medienberichte reißen nicht ab. Angeprangert werden die Arbeitsbedingungen der Migranten auf Baustellen der Weltmeisterschaft 2022 in Katar und deren Lebensumstände. Nicht nur einmal fiel in diesem Zusammenhang der Begriff „Modern-day slavery“. Laut Dokumenten der nepalesischen Botschaft in Doha stirbt beinahe jeden Tag ein Arbeiter. Was im ersten Moment nach einem punktuellen und ereignisbezogenen Problem klingt, betrifft jedoch eine ganze Region und Millionen von Arbeitern.

Sechs Länder, ein Problem 

„Es ist egal, in welches Land sie blicken“, erklärt Ramesh Badal, Vertreter der General Federation of Nepalese Trade Union. „Die Situation der zum Großteil migrantischen Arbeiter in Saudi-Arabien, Bahrain, den Vereinigten Arabischen Emiraten, im Oman, in Kuwait und Katar ist katastrophal. Sie haben zumeist keine Arbeitnehmerrechte, keine Menschenrechte, im Endeffekt haben sie gar keine Rechte!“ Ausstehende Gehälter über mehrere Monate, eingezogene Reisepässe, nicht ausgehändigte Personalausweise, überfüllte Arbeiterlager mit grenzwertigen hygienischen Bedingungen sowie kein freier Zugang zu Trinkwasser und Nahrung gehören laut Badal zum Alltag der meisten dort tätigen Arbeiter. Schuld daran sei das Kafala-System – für die einen kulturelles Gut, für die anderen die Basis für moderne Sklaverei.

Benutzt und ausgenutzt

Das Kafala-System ist ein gewachsenes System, das mit der Zeit Einzug in die Gesetzgebung der Golfstaaten gefunden hat. Die Grundlage dafür bildet die Masse an Arbeitern aus Drittstaaten, die in diesen Ländern 70 bis 90 Prozent der gesamten Arbeiternehmerschaft ausmachen. Da die staatlichen Behörden den enormen bürokratischen Aufwand nicht mehr bewältigen konnten, wurde ein spezielles System der Bürgschaft eingeführt. Jeder ausländische Arbeitnehmer benötigt einen Bürgen, den sogenannten Kafil, der aufenthalts- und arbeitsrechtliche Aspekte regelt. Dies ist in den meisten Fällen der Arbeitgeber. Somit bürgt dieser prinzipiell gegenüber dem Staat für seine Angestellten, deren Arbeitsbewilligungen und Aufenthaltsgenehmigungen. Das Kafala-System ist in sehr striktes System, das auch strenge gesetzliche Regeln aufweist. Dennoch wird es teilweise von Unternehmen nicht zum Schutz, sondern zur Ausbeutung der Arbeitnehmer ausgelegt.
„Kommen die Arbeiter neu ins Land, müssen sie ihren Reisepass dem Kafil geben, damit dieser eine ID-Karte und Arbeitsgenehmigung für sie beantragen kann“, beschreibt Badal die Problematik. „Doch dieser nutzt seine Macht oft aus, behält den Reisepass als Druckmittel und händigt den Arbeitern auch nicht ihre ID-Karte aus. Somit drängt er sie in eine machtlose Position, im Prinzip in den Status eines illegalen Einwanderers.“ Dadurch würden die Heimreise oder rechtliche Schritte gegen grenzwertige Arbeitsbedingungen oder Unterbringungen beinahe unmöglich. Das sind die Schattenseiten eines Systems, die auch heimische Firmen betreffen könnten, die in den Golfstaaten aktiv sind. 

Kafala in Rot-Weiß-Rot

Seit etlichen Jahren sind auch österreichische Bauunternehmen in den Golfstaaten tätig und müssen sich somit mit dem Kafala-System auseinandersetzen und diesem unterordnen. „‚Modern-day slavery‘ ist für uns kein Problem“, erklärt Thomas Jost, Vorstandsvorsitzender von Waagner Biro. Das international tätige Stahlbauunternehmen ist seit 1964 in den Golfstaaten tätig und beschäftigt zurzeit 335 Arbeiter in Dubai und Abu Dhabi und 80 in Katar. „Das vom U.A.E. Ministry of Labour Law festgelegte Kafala-System definiert, wie Arbeiter in den Golfstaaten zu behandeln sind. Wir halten uns streng an dieses Gesetz.“
Man habe zusätzlich für die eigenen Arbeiter ein Camp errichtet, wo diese in Dreibettzimmern untergebracht werden, eigene Küchen haben und auch Mahlzeiten bereitgestellt bekommen. Ebenso gibt es Freizeiträume und einen eigenen Cricketplatz. „Unsere Vorstände besuchen in regelmäßigen Abständen unsere Camps, um sich selbst ein Bild zu machen, und suchen auch beim gemeinsamen Essen mit den Arbeitern das Gespräch.“

Mit gutem Beispiel

Auch die Porr hat in vier der betroffenen Länder Geschäftsstellen und wickelt immer wieder Projekte in der Region ab. Zuletzt wurde die Unterzeichnung des Vertrags für den Bau der Metro Doha Green Line, Katar, bekanntgegeben. Die negative Auslegung des Kafala-System ist aber auch für den österreichischen Baukonzern kein Thema. „Wir sind ausschließlich Kontrahent von Regierungsstellen, die von ihren Partnern höchste Standards in klar definierten Kriterien fordern“, beschreibt Gabriele Al-Wazzan, Konzernsprecherin der Porr, die Situation. „Der Vertrag für die Metro Doha Green Line basiert auf den neuesten QLS-2010-Arbeitsrechtsbedingungen, die den Raumbedarf pro Arbeitnehmer, die Sanitäreinrichtungen und die Verpflegung ebenso regeln wie Erholungsmöglichkeiten, Brandschutzeinrichtungen oder die medizinische Versorgung sowie die Arbeitssicherheit.“ Die penible Einhaltung dieser Kriterien wird laut Al-Wazzan auch von jedem angestellten Subunternehmer verlangt.
Ähnlich sieht man die Situation beim Schalungshersteller Doka. „In unseren Geschäftsstellen im Mittleren Osten legen wir auf die Einhaltung der geltenden arbeitsrechtlichen Vorschriften in den jeweiligen Ländern größten Wert“, beschreibt der Pressesprecher des Unternehmens, Jürgen Reimann, die Situation. Als Zulieferant der ausführenden Bauunternehmer sei man selbst kein Baustellenleiter, sondern liefere Schalungssysteme und Dienstleistungen für den ganzen Bauprozess. Probleme mit dem Kafala-System habe man, wie auch Waag­ner Biro und die Porr, bisher weder als Subunternehmer noch als Auftraggeber gehabt. 

Zwei Welten

„Bei alteingesessenen und etablierten Firmen, deren Zentralen in Europa liegen, werden sie kaum ‚modern-day slavery‘ vorfinden“, sagt Thomas Jost. Man profitiere viel mehr von der Loyalität der Arbeiter als von deren Ausbeutung. Bei Waagner Biro gebe es einen Arbeiter in der Region, der seit 21 Jahren für das Unternehmen tätig ist. Weitere 53, die bereits in ihrem elften Jahr für die Firma arbeiten. Zusätzlich investiere man nach Auskunft des Unternehmens in die Weiter- und Fortbildung der Angestellten.
Ein solches Verhalten würde sich der nepalesische Gewerkschafter ­Ramesh Badal von mehreren Firmen wünschen, doch sein Ziel ist ein anderes. „Wir müssen versuchen das Kafala-System abzuschaffen. Die Fußballweltmeisterschaft ist nicht die Ursache, sondern für uns ein guter Anlass, den Blick der Welt auf die schlechten Bedingungen der migrantischen Arbeiter in den Golfstaaten zu lenken.“ Er hofft, dass der mediale Druck auf die Fifa so groß werden wird, dass diese Katar zwingt, sich der Problematik anzunehmen und das Kafala-System abzuschaffen. „Dies könnte zu einem Dominoeffekt in der Region führen und das System in allen betroffenen Ländern stürzen“, glaubt Badal. Ob danach alles besser werden würde, könne er nicht einschätzen: „Möglicherweise!“

Autor/in:
Christoph Hauzenberger
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