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Beim Reden kommen die Leute zusammen: Elisabeth Stampfl-Blaha, Stefan Wagmeister, Johannes Stern (Director Public Relations & Media) im Gespräch mit Sonja Meßner. Fotos: JappelElisabeth Stampfl-Blaha: „Eine Norm ist immer nur so gut wie die ­Personen, die sich daran ­beteiligen.“Stefan Wagmeister: „Gerade in der Baubranche versucht man mit Produktnormen die Qualität zu heben und Wildwuchs zu verhindern.“

Die Tür steht immer offen

24.05.2013

Immer wieder stark unter Beschuss war in den vergangenen Monaten das Austrian Standards Institute. Direktorin Elisabeth Stampfl-Blaha und Stefan Wagmeister, Komitee-Manager Bau, über die Normenflut, ­steigende Baukosten und Kommunikationsprobleme. 

Die Liste der Forderungen an das Austrian Standards Institute (Anm. d. Red.: ehemalig Österreichisches Normungsinstitut) ist lang. Kritisiert werden seit Jahren der kostenpflichtige Zugang zu den Normen, die ständig wachsende Zahl derselbigen und der Einfluss großer Hersteller auf den Normungsprozess. Seit einigen Monaten werden nun auch die steigenden Baukosten auf Normen zurückgeführt. Im Gespräch mit der Österreichischen Bauzeitung diskutieren Elisabeth Stampfl-Blaha, seit Februar 2013 Direktorin des ASI, und Stefan Wagmeister, Komitee-Manager beim ASI, mögliche Problemlös­ungen. 

Österreichische Bauzeitung: Eine Hauptforderung der Unternehmen und Interessenvertretungen lautet immer wieder, der Zugang zu Normen müsse gratis sein. Wie gehen Sie damit um?

Elisabeth Stampfl-Blaha: Die Normen kosten Geld – das ist richtig. In Öster­reich finanzieren wir das Normungssystem zu mehr als 80 Prozent aus Produkten und Dienstleistungen des Austrian Standards Institute. Es gibt einen staatlichen Beitrag, aber der liegt bei unter acht Prozent.

Aus einer Studie des deutschen DIN geht hervor, dass Kunden im Jahr rund 200 Euro für Normen ausgeben. Das ist bei uns nicht viel anders. 200 Euro sind keine Summe, die einen Handwerker umbringt, würde ich meinen. Außerdem wurde vor zwei Jahren das Geschäftsmodell „meinNormenPaket“ entwickelt – die Landessinnung Bau Wien nahm dabei eine Vorreiterrolle ein. Die Mitglieder der beteiligten Innungen und Verbände erhalten für 200 Euro im Jahr 200 Normen ihrer Wahl inklusive Update-Service. Die Pakete können, falls nötig, auch erweitert werden. 

Bauzeitung: Gibt es dieses Angebot für die Bauinnung bereits in allen Bundesländern? 

Stampfl-Blaha: Nein. Vielleicht fehlt in manchen Bundesländern der Druck von der Basis auf die Innungen. 

Bauzeitung: Kosten waren auch Ende 2012 ein Diskussionspunkt, als das ASI den Normungsbeteiligten einen Kostenbeitrag verrechnen wollte. Die Wellen schlugen hoch, der Stahlbauverband legte sogar zwischenzeitlich seine Normungsarbeit nieder. Gibt es mittlerweile eine Einigung?

Stampfl-Blaha: Das Modell – dass jene, die an der Normung teilnehmen, auch einen Kostenbeitrag leisten – ist in den meisten europäischen Ländern etabliert. Im Zuge dieser Diskussion haben wir sehr viele Ratschläge bekommen, wer zahlen sollte. Dabei wurde immer mit dem Finger auf den Nächsten gezeigt. Gemeinsam mit der WKO und dem Wirtschaftsministerium werden wir verschiedene Finanzierungsmodelle prüfen. Auch Überlegungen für eine flächendeckende Versorgung mit Normen zu kostengünstigem Entgelt stehen auf dem Programm.

Je nach Ausgang der Verhandlungen haben wir mehr oder weniger Spielraum. Was mir persönlich sehr leidtut, ist, dass es einige Personen gab, die ihre Normenarbeit als nicht gewürdigt erachteten. Das ist etwas, was mich wirklich schmerzt, denn das ist ein großes Missverständnis. Das Engagement dieser Personen wird auch von uns im Haus sehr geschätzt – sie machen die Arbeit jedoch nicht uns zuliebe.

Nicht Austrian Standards braucht die Normen, sondern wir sind nur der Dienstleister. Ich bedaure die Missverständnisse, die es gegeben hat. Umso wichtiger ist, dass die Teilnahme am Normungsprozess eine bewusste Entscheidung ist und von der Branche entsprechend gewürdigt wird. Für 2013 wurde der Kostenbeitrag nun ausgesetzt – an einer Lösung für die nächsten zwei bis drei Jahre wird gerade gearbeitet. Ich bin zuversichtlich, dass wir eine Lösung finden, bei der jeder seinen fairen Beitrag leistet.

Bauzeitung: Sie betonen die Wichtigkeit der Neutralität bei der Normenentwicklung. Besteht nicht immer die Gefahr, dass Hersteller Normen beeinflussen, um Wettbewerbsvorteile zu erlangen?

Stampfl-Blaha: Die Hersteller sind natürlich in den Normenausschüssen vertreten – aber eben nicht allein. Das ist ein wichtiger Punkt. Wir haben Ziviltechniker, Prüfstellen, Experten aus der Forschung – die Hersteller sitzen nicht allein dort. Eine Notbremse ist das öffentliche Einspruchsverfahren – wer sich dort nicht engagiert, kann hinterher nur noch jammern, oder besser noch, sich beim nächsten Mal doch engagieren, denn Normen sind nicht in Stein gemeißelt. 

Stefan Wagmeister: Gerade im Bauwesen gibt es natürlich einen großen Bereich der Produktnormung, dort kommen die meisten Anträge klarerweise von den Herstellern. Ziel ist es meistens, die Qualität der Produkte zu regeln, da ansonsten schnell ein Wildwuchs entsteht.

Bauzeitung: Greifen Sie reglementierend ein, um ein Interessengleichgewicht bei den Ausschussmitgliedern zu erhalten?

Stampfl-Blaha: Jein. Ein Grundprinzip der Normung ist, dass alle Stake­holder teilnehmen können. Das ist auch so im Normengesetz festgehalten. Jedoch ist es keine starre Zusammensetzung – im Zweifel darf lieber einer mehr teilnehmen. Die Balance ist je nach Thema sehr unterschiedlich, da wir es mit sehr unterschiedlichen Bereichen und Playern zu tun haben.

Wir informieren so breit wie möglich über neue Themen – klassische Kanäle sind die WKO, Behörden wie z. B. Landesbaudirektoren etc. Wenn ein Komittee neu gegründet wird, ist der erste Schritt, dass wir noch einmal schauen, ob wir alle informiert haben, für die dieses Thema von Interesse sein könnte. Die entsprechenden Verteiler werden auch jährlich überprüft und aktualisiert, damit wir die richtigen Personen ansprechen. Natürlich können wir nur einladen und informieren, wir können jedoch niemanden zwingen teilzunehmen.

Mit Erleichterung sehen wir, dass in den vergangenen zwei Jahren zunehmend sowohl der öffentliche Bereich als auch Unternehmen die Normung quasi aus der Werkstatt in eine Vorstands-/Leitungsebene hinaufheben und sich genau überlegen, ob und wie sie sich einbringen. Gerade die Länder Wien und Niederösterreich gehen mittlerweile sehr fokussiert an das Thema Normung heran. 

Bauzeitung: Die steigenen Bau- und Wohnkosten dominieren die Medien. Die Vielzahl an Normen und Verschärfung diverser Vorschriften soll einen Teil dazu beitragen. Ist dieser Vorwurf berechtigt?

Stampfl-Blaha: Ob das so ist, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Ich glaube auch nicht, dass man das so einfach beurteilen kann. Ein Weg wäre, beim sozialen Wohnbau unter das Niveau der Norm zu gehen. Aber ich verstehe, dass diese Variante politisch nicht sehr attraktiv ist. Der kreativere Weg wäre, sich in der Normung zu engagieren und die adäquate Qualität für den entsprechenden Anlassfall festzulegen.

Differenzierungen innerhalb einer Norm sind nichts Neues. Wenn jemand der Ansicht ist, eine Norm gehöre redimensioniert, dann kann man diese Anregung selbstverständlich auch einbringen. Der Prozess dauert auch nicht ewig. Gerade bei nationalen Normen lassen sich Änderungen häufig in ein- bis eineinhalb Jahren durchsetzen. 

Wagmeister: Im Rahmen einer Plattform, die ordnungspolitische Rahmen­bedingungen im Baurecht und in der Normung behandelt, suchen wir auch aktiv das Gespräch mit unseren Kritikern. Eingeladen dazu sind unter anderem die Landesbaudirektoren, das OIB selbst, die Bauwirtschaft sowie Genossenschaften.

Wir analysieren in diesem Kreis, welche Faktoren das Bauen so teuer machen und wo wir in Sachen Normung den Hebel ansetzen können. Wir wollen einerseits eine Vereinfachung bewirken und andererseits auch in der Herangehensweise der Problemlösung Gemeinsamkeiten finden. Konkret bedeutet das eine gute Koordination mit den Landesgesetzgebern, in der Umsetzung mit dem OIB und vieles mehr. 

Bauzeitung: Eine Vereinfachung und eine Reduzierung der Normen wird auch immer wieder gefordert.

Stampfl-Blaha: Gerade in der Bauindustrie werden die Produkte und Techniken immer komplexer – das muss sich auch im Regelwerk niederschlagen. Natürlich gibt es auch Bereiche, wo es einen großen Sprung in der Komplexität gibt wie z. B. bei den Eurocodes. Aber auch hier gibt es Bestrebungen, diese leichter verdaulich zu machen. 

Wagmeister: Ziel der Bauplattform ist es zudem, Diplomarbeitsthemen anzustoßen, in denen komplexe Themenbereiche der Eurocodes aufgearbeitet werden sollen. Die Arbeiten sollen vom ASI mitfinanziert werden und für den Norm­anwender Vereinfachung bringen. Natürlich kann diese Vereinfachungen nicht für Hochhäuser gelten, sondern gilt nur für bestimmte Gebäudetypen.

Dafür muss es auch seitens der Behörden die Zusage geben – und die gibt es bereits –, diese Publikationen auch im Bauverfahren entsprechend zuzulassen. Wir hoffen, dass wir mit dem Wintersemester 2013/14 die ersten Diplomarbeiten beauftragen zu können.

Bauzeitung: Es werden immer Wünsche und Forderungen an Austrian Standards gestellt. Lassen Sie uns den Spieß umdrehen. Was würden Sie sich für ein besseres Miteinander wünschen?

Stampfl-Blaha: Ich würde mir sehr wünschen, dass man den Weg zu uns sucht. Ich glaube fest daran, dass durchs Reden die Leute zusammenkommen. Dann lassen sich Gerüchte aufklären, und es gibt uns die Möglichkeit, die Position unserer Partner besser zu verstehen. Unsere Türe ist immer offen.

Bauzeitung: Danke für das Gespräch. 


Wie entstehen Normen?

Den Antrag, eine neue ÖNORM zu entwickeln oder eine bestehende Norm zu überarbeiten, kann jede Person – unter Nennung von Gründen – stellen. Gibt es zu dem Themenbereich ein Komitee bei Austrian Standards Institute, so übernimmt dieses die Aufgabe, gemeinsam mit dem Antragsteller den Vorschlag für die Neuentwicklung/Überarbeitung zu bewerten. Dabei wird erhoben, ob zu diesem Thema auf europäischer Ebene bereits vergleichbare Normungsarbeiten laufen. Weiters werden relevante Rechtsvorschriften, mögliche Patente und Markenrechte, allfällige internationale und ausländische Normen ermittelt und die am Thema interessierten Kreise festgelegt. 

Sobald das Komitee den Vorschlag zur nationalen Entwicklung einer ÖNORM angenommen hat, werden Öffentlichkeit und mögliche konkrete Interessenten über das Normprojekt und die Möglichkeit zur Mitarbeit informiert. Außerdem wird das Projekt den anderen CEN-Mitgliedern gemeldet („notifiziert“).

Der Normvorschlag wird dann in einer Arbeitsgruppe des Komitees entwickelt. Ein Komiteemanager von Austrian Standards Institute begleitet das Projekt über den gesamten Zyklus. 
Nach Abschluss der Arbeiten entscheidet das Komitee, ob der Vorschlag als ÖNORM-Entwurf der Öffentlichkeit zur Stellungnahme vorgelegt werden kann. Entscheidet das Komitee für die Herausgabe des ÖNORM-Entwurfs, kann die Öffentlichkeit innerhalb einer sechswöchigen Frist Kommentare zum Inhalt des ÖNORM-Entwurfs abgeben. 

Die Kommentare, die aus dem Stellung­nahmeverfahren einlangen, werden im Komitee behandelt. Je nach Art und Umfang der Änderungen, die sich aus dem Stellungnahmeverfahren ergeben, entscheidet das Komitee, ob 
das Dokument als (fertige) ÖNORM veröffentlicht werden kann,der Entwurf überarbeitet und als „zweiter ÖNORM-Entwurf“ neuerlich zur Stellungnahme aufgelegt wird oderdas Projekt aus dem Arbeits­programm gestrichen wird. 

Autor/in:
Sonja Meßner
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