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Eine Fassade treibt Blüten

23.08.2013

Bei der Erweiterung des Vorarlberg Museum in Bregenz wurde der Fassadenstilmix auf die Spitze getrieben. Betonblüten sorgen nun für „irritierend positive Reaktionen“, berichtet Direktor Andreas Rudigier.

Auffallend: Die verschiedenen Bauabschnitte werden durch unterschiedliche Fassadenstrukturen und Oberflächentexturen sichtbar gemacht.
Kreative Umsetzung: Um die Betonfassade fugenlos zu gestalten, stellte die Arge die 17 cm dicke Betonscheibe mit den Blüten stehend vor Ort her.

Eine Symbiose zwischen Alt und Neu“, so beschrieb Architekt Anton Nachbaur-Sturm seinen Entwurf zur Erweiterung des Vorarlberg Museums. Das ursprüngliche Gebäude mitten in der Bregenzer Innenstadt wurde abgerissen und an selber Stelle unter Hinzunahme des denkmalgeschützten Gebäudebestands der historischen Bezirkshauptmannschaft neu errichtet. Das bestehende Gebäude wurde mit zwei Geschoßen und das Museum durch einen der Innenstadt zugewandten fünfgeschoßigen Neubau erweitert. Nach dreijähriger Schließungszeit und einem 34 Millionen Euro teuren Um- und Neubau wurde das Museum nun wieder für das Publikum geöffnet. 

Aufsehenerregend sind nicht nur die Ausstellungen im Inneren des Gebäudes, sondern auch die Fassadengestaltung. „Die verschiedenen Bauabschnitte werden durch unterschiedliche Fassadenstrukturen und Oberflächentexturen sichtbar gemacht und gleichzeitig durch die einheitliche Farbgebung zu einer Einheit geformt“, erklärte Nachbaur-Sturm bei der Eröffnung des Museums,

Kunst am Bau

Die auffallendste Oberfläche ist ein Betonrelief auf der Fassade des Neubaus mit einer Größe von etwa 1.300 Quadratmetern. Das Relief besteht aus 16.656 Betonblüten, die aus einer glatten, fugenlosen Sichtbetonfläche herauswachsen. Die Blüten selbst sind aus Abdrücken von Böden von handelsüblichen PET-Flaschen entstanden, die seit den 1970er-Jahren verwendet werden. Der Südtiroler Künstler Alois Mayr ließ sich dabei von Fundstücken und Sammlungsteilen aus dem Fundus des Museums selbst inspirieren.
 

Kreative Umsetzung

Die Umsetzung selbst verlangte einiges an Kreativität von den am Fassadenbau beteiligten Unternehmen. Das Schweizer Unternehmen Reckli lieferte die notwendigen Matrizen für die Relieffassade. Allein die Erhebungen der Fassade, aus der die Abdrücke der Flaschenböden bis zu 45 mm herausragen, ließ die übliche Vorgehensweise bei der Herstellung der Negativabdrücke für den Guss der Matrizen bei der Firma Reckli gar nicht erst zu. Üblicherweise werden die Negativabdrücke der Matrizen mit der CNC-Maschine aus MDF-Platten gefräst, bevor sie mit Elastomeren gegossen werden. 

Die Größe der Erhebungen erforderte jedoch besondere Kreativität. So nahm Volker Urmoneit, Leiter der Modellbauabteilung bei Reckli, die abgeschnittenen Böden der vom Künstler ausgewählten PET-Flaschen und stellte daraus durch Ausgießen einen Positivabdruck der Flasche her. Diese wiederum wurden mit Holzzapfenverbindungen anhand der Pläne des Künstlers auf eine MDF-Platte montiert. 

„Unserer hochpräzisen CNC-Maschine oblag bei diesem Projekt lediglich die millimetergenaue Bohrung zur manuellen Anbringung der Kunststoffblüten. Es ist schön, dass man als Mensch selbst bei solch hochtechnologisierten Prozessen und Projekten noch immer nicht vollständig zu ersetzen ist“, berichtet Urmoneit. Anschließend wurden die Matrizen in individuell hergestellten Schalungen in mehreren Schritten gegossen. Pro Geschoß mussten nur drei miteinander kombinierbare Hauptmatrizen und die für Ecken und Leibungen notwendige Zusatzmatrizen angefertigt werden.

Fugenlose Fassade

Für die Errichtung der Fassade schlossen sich die Firmen Schertler-Alge, Hilti & Jehle, Rhomberg Bau und Jäger Bau zu einer Arge zusammen. Die Haupt­herausforderung vor Ort war die Anforderung von Architekten und Künstler, die Fassade fugenlos zu gestalten. Die Arge stellte die 17 Zentimeter dicke Betonscheibe mit den Blüten daher stehend vor Ort her; sie wurden in einem Verlauf vor 25 Zentimeter Wärmedämmung und 30 Zentimeter Stahlbetonwänden gegossen.

„Die stehende Herstellung machte die Entlüftung der Ausstülpungen erheblich schwieriger, als es bei einem liegenden Guss der Fall wäre. Um ein perfektes Resultat erzielen zu können, haben wir in etlichen Vorbereitungsschritten verschiedenste Betonmischungen ausprobiert, bis die richtige gefunden wurde“, so der Bauleiter Eberhard Fiel von Hilti & Jehle. Zum Einsatz kam für die Herstellung der Fassade schlussendlich selbstverdichtender Beton mit einer extrem hohen Viskosität und einem maximierten Anteil an weißen Pigmenten, um der Farbgebung des Gesamtkomplexes entsprechen zu können.

Dieser wurde völlig blasenfrei und mit größter Vorsicht in die hochdruckfesten und perfekt dichten Schalungen gefüllt, die dem enormen Innendruck in den sechs Meter hohen Schalungselementen standhalten mussten.Kunst am Bau erfordert auch oft Künstler auf der Baustelle, wie das Projekt Vorarlberg Museum eindrucksvoll beweist.


Bautafel

Vorarlberg Museum Bregenz 

Architekt Cukrowicz Nachbaur Architekten ZT GmbH, 

BauherrLand Vorarlberg

Kunst am Bau (Fassade)
Manfred Alois Mayr

Fassadenherstellung 
Arge Landesmuseum Bregenz IndividualmatrizenReckli

 

 

 

Autor/in:
Sonja Meßner
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