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Mit Hilfe einer 86.000 Quadratmeter großen bogenförmigen Schutzhülle aus Edelstahl Rostfrei soll der Katastrophenreaktorblock 4 von Tschernobyl ökologisch abgesichert werden.

Eine Stahlhaut über der Atomruine

19.05.2016

30 Jahre nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl erhält die Reaktorruine nun eine zusätzliche Isolierhülle aus rostfreiem Edelstahl.
 

Der größte anzunehmende Unfall (GAU) im Reaktorblock 4 des Atomkraftwerks in Tschernobyl hatte im Frühjahr 1986 halb Europa mit Radioaktivität verseucht. Als Notmaßnahme wurde damals innerhalb von sieben Monaten eine Schutzhülle aus Beton über der Atomruine von Block 4 errichtet, um weitere Strahlenemissionen zu verhindern. Danach arbeiteten internationale Experten mehr als 25 Jahre an der Entwicklung einer Lösung, um Tschernobyl langfris­tig wieder in einen ökologisch sicheren Zustand zu überführen, denn der Sarkophag aus Stahlfertigbauteilen und Betonwänden bietet keinen wirklichen Schutz vor den allein fast 200 Tonnen Uran und 800 Kilogramm Plutonium, die noch immer im Inneren der Atomruine schlummern. 

Die Lösung besteht nun aus einer 86.000 m² großen, bogenförmigen Schutzhülle aus Edelstahl Rostfrei, die jetzt fast fertig gestellt ist und ab 2017 den einsturzgefährdeten, undichten Betonsarkophag für mindes­tens 100 Jahre von der Außenwelt isolieren soll. Im Inneren werden die Rückbauarbeiten an Block 4 ferngesteuert weitergehen. 

Die Konstruktion der Ummantelung namens „New Safe Confinement“ (NSC) gleicht einem gigantischen Flugzeughangar, der sich 257 Meter breit, 150 Meter lang und bis zu 105 Meter hoch bogenförmig über den zerstörten Reaktorblock und Betonsarkophag spannt. Ein Fachwerk aus Stahlrohren, die von zwei längs verlaufenden Betonträgern gestützt werden, formt den Rahmen des Bogens, und eine mehrschichtige Verkleidung aus Edelstahlblechen, Kunststoffmembranen und Isolierschichten soll verhindern, dass Regen oder Schnee in den neuen Sarkophag eindringen und Schutz gegen radioaktive Emissionen bieten. Die Konstruktion muss trotz ihrer gigantischen Größe erdbebenfest sein und Windsogkräften der Tornadoklasse 3 (bis zu 340 km/h Windgeschwindigkeit) standhalten. 

Für die Gestaltung der Außen- und Innenschale des NSC wurden 1200 Tonnen Edelstahl Rostfrei eingesetzt. Die Außenhülle besteht aus rund 700 Tonnen nichtrostendem Edelstahlblech der Güte 1.4404, das mit 0,5 Millimeter Blechdicke als Stehfalzsystem verarbeitet wurde. 500 Tonnen 0,5 Millimeter dicker Edelstahl in der Legierung 1.4301 bilden die Innenschale als Paneel­system. Aus Strahlenschutzgründen wurden alle Profile und Paneele auf mobilen Produktionseinheiten in Containern vor Ort hergestellt und verarbeitet. 4800 Bahnen Edelstahlblech wurden zu 30 Zentimeter breiten und bis zu 100 Meter langen Streifen geschnitten und durch Spezialmaschinen mit dem Stahlrohrrahmen mechanisch verbunden. Dabei kamen mehr als drei ­Millionen Spezialschrauben aus Chrom-­Nickel-Stahl mit Bohrspitze aus gehärtetem Stahl und einem Dichtring aus Gummi zum Einsatz. 

Die Edelstahlhülle wiegt 29.000 Tonnen – dreimal so viel wie der Eiffelturm. Ein aufwändiges, computergesteuertes Belüftungssystem soll Korrosion verhindern. Dazu muss im 13 Meter tiefen Raum zwischen Innen- und Außenschale die Luftfeuchtigkeit konstant unter 40 Prozent gehalten werden. Aus Gründen des Strahlenschutzes erfolgte der gesamte Bau der neuen Schutzhülle auf einer eigens errichteten rund 90.000 Quadratmeter großen Montagefläche in 300 Meter Entfernung von dem havarierten Reaktor. So entstanden in vier Jahren Bauzeit nacheinander die beiden dickvolumigen Bogenhälften. Auf Betonfundamenten, die als Schlitten dienten, wurden sie anschließend in die Nähe des Reaktors gefahren und miteinander verschraubt. Nun wird die Edelstahlhülle mit allen Anlagen und Systemen zur Demontage und Behandlung der Altlasten ausgerüstet. Unter dem Gewölbedach laufen 96 Meter lange Führungsschienen für 50-Tonnen-Spezialkrane. Sie sollen in den kommenden Jahrzehnten den alten Sarkophag und seinen hochradioaktiven Inhalt ferngesteuert zerlegen und fachgerecht entsorgen. Nach den Funktionstests der Anlagen wird der NSC auf Schienen in seine finale Position über den alten Sarkophag geschoben und an den Stirnseiten mit luftdichten Wänden verschlossen. Die Inbetriebnahme soll 2017 erfolgen. [red/wzv]

Autor/in:
Redaktion Metall
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