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Über eine große Holztreppe gelangt man in Österreichs höchstes Gebäude.Nicht unbedingt bewohnerfreundlich sind die Freiflächen der Donau City konzipiert.Der DC Tower 1 ragt aus Wiens Skyline deutlich hinaus.Über eine große Holztreppe gelangt man in Österreichs höchstes Gebäude.Nicht unbedingt bewohnerfreundlich sind die Freiflächen der Donau City konzipiert.Der DC Tower 1 ragt aus Wiens Skyline deutlich hinaus.

Höhepunkt der Beliebigkeit

03.03.2014

Österreichs höchstes Gebäude wirft Fragen nach dem Tiefgang der Architektur, dem Gestaltungswillen der Planungspolitik und der Rationalität der Immobilienwirtschaft auf.

Mit dem DC Tower 1 und in weiterer Folge mit dem DC Tower 2 erhält Wien nun weitere zwei ebenso bedeutende wie beeindruckende Landmarks, die als zeitgemäßes Wahrzeichen die Innovationskraft der Stadt weithin sichtbar machen“, hieß es vor dreieinhalb Jahren in bezahlten Sonderbei­lagen heimischer Zeitungen. Die Grundsteinlegung damals erfolgte jedoch nur für den größeren der beiden von Dominique Perrault als Zwillingspaar entworfenen Türme, der nun, Ende Februar, als höchstes Gebäude Österreichs feierlich eröffnet wurde. Mit 250 Metern überflügelt der DC 1 nicht bloß den am gegenüber­liegenden Donauufer stehenden bisherigen Rekordhalter, den Millennium-Tower von Gustav Peichl und Boris Podrecca, um knapp 50 Meter, er ragt geradezu disproportional aus Wiens prominentestem Hochhauscluster, der Donau City, heraus: Das seit Mitte der 1990er-Jahre als urbanistisches Prestigeprojekt entwickelte Büro- und Wohnviertel wurde bisher von bis zu 110 Meter hohen Bauten bestimmt.

Masterplan fernab von Visionen
Dabei stammt der aktuelle Masterplan für das 17 Hektar große Areal, der – ein Jahrzehnt nach Beginn der Verbauung – eine städtebauliche Rechtfertigung für den Wildwuchs der ersten Entwicklungsphase nachreichen sollte, von Perrault selbst. Er ersann darin für den noch unbebauten Südteil des Viertels zwei Bürohoch­häuser mit 200 und 160 Metern, verbunden durch einen gemeinsamen Sockelbau mit Shopping Mall und Restaurants. Bis 2007 legte der gültige Flächenwidmungs- und Bebauungsplan hier Höhen von maximal 120 Metern fest, doch ist die Preisgabe städtebaulicher Zielvorstellungen gegenüber immobilienwirtschaftlichen Begehrlichkeiten in der Donau City geradezu programmatisch. Und auch die beauftragten Architekten folgten mit ihren Bauten bisher weniger einer urbanistischen Vision als den Wünschen des Generalentwicklers, der WED.

So umfasst Perraults Masterplan kaum Maßnahmen, die von der WED im Wesentlichen nicht schon vorher beabsichtigt waren – weshalb wohl nicht so sehr die städtebauliche Expertise als der prominente Name des Planverfassers zwecks Vermarktung der noch entstehenden Immobilien im Vordergrund gestanden haben dürfte. In den Erläuterungstexten des Pariser Architekten heißt es: „Diese starke und dennoch offene Silhouette wird zu einer kinetischen Landmark“, umschreibt Perrault beispielsweise die Beliebigkeit der Höhenentwicklung – oder: „Durch die horizontale Erweiterung zum Fluss wird die vertikale Erweiterung der Donau City möglich. Nach und nach wird eine neue Silhouette in der globalen Vision der Stadt Wien entstehen.“

Ähnlich fundiert argumentierte auch die Wiener Stadtplanung die städtebauliche Weiterentwicklung des Viertels in ihrem Leitbild: „Die erarbeitete Baumassenstruktur geht auf die bestehende Silhouette der Donau City ein. Die Abfolge der ansteigenden und wieder abfallenden Baukörper findet in den künftigen zwei Hochhaustürmen ihren Höhepunkt.“ Mangels konkreterer eigener Vorstellungen zur Zukunft von Wiens „zweiter City“ erfüllte die Planungspolitik ohne viel Aufhebens die Wünsche des  Projektentwicklers und schuf die rechtliche Voraussetzung für die beiden Wolkenkratzer mit 160 und 200 Metern Höhe. Dass deren Realisierung daraufhin einige Jahre stockte, lag weniger an der einsetzenden Finanzkrise als an der schon chronischen Übersättigung des Wiener Büromarkts und dem entsprechend niedrigen Mietpreisniveau. In solchen Fällen weiß man in der Donaumetropole aber Abhilfe: Wenn die Renditeerwartungen pro Quadratmeter sinken, werden die Projekte einfach höher, um wieder auf denselben Gewinn zu kommen. Die lukrative Ausnahmegenehmigung, die Perrault-Türme 220 und 175 Meter hoch bauen zu dürfen, wurde von einer sozialdemokratischen Gemeinderätin mit dem Argument gerechtfertigt, dass den Unterschied ohnehin niemand mit freiem Auge erkennen könne.

Schwache Auslastung
Während es der DC Tower 1 inklusive Dachaufbauten nun im Endeffekt auf stolze 250 Meter bringt, wurde die Realisierung seines kleineren Zwillings mangels Nachfrage auf unbestimmte Zeit verschoben. Angeblich hat der Projektentwickler auch den größeren Turm nur deswegen gebaut, weil mit der internationalen Hotelkette Meliá vor Jahren schon die fristgerechte Übergabe von 15 der insgesamt 60 Stockwerke vertraglich vereinbart worden war. Von den 44.000 Quadratmetern Bürofläche im DC 1 steht freilich rund die Hälfte leer – und es scheint unklar, womit sie in absehbarer Zeit gefüllt werden soll.

Fix ist hingegen, dass in der Sockelzone nicht das von den 3.500 Bewohnern und den 5.000 Beschäftigten der Donau City erhoffte Einkaufszentrum Einzug hält, sondern ein Fitnesscenter eröffnen wird – was die dürftige Nahversorgung des gesamten Hochhaus­viertels kaum verbessern wird. Die Chance, dass sich daran mit dem Bau des DC 2 bald etwas ändern könnte, ist gering. Denn dieser soll erst in Angriff genommen werden, wenn der DC 1 voll verwertet ist. Und dass der kleinere Turm inzwischen wieder mit 160 statt 175 Metern Höhe angekündigt wird, zeigt, wie sehr selbst die WED den Glauben an ihre eigene Erfolgsstory verloren zu haben scheint. Von einem optionalen dritten, 120 Meter hohen Turm, der laut Perraults Masterplan auch noch in der „offenen Silhouette“ der Donau City Platz finden könnte, ist mittlerweile gar nichts mehr zu hören.

Rapa Nui als Inspiration?
Architektonisch funktioniere sein Entwurf für die beiden DC Towers – ursprünglich als Stadttor für die Donau City gedacht – auch ohne den zweiten Turm, versicherte Perrault bereits. Wobei sich der Pariser Baukünstler nicht festlegen möchte, was genau seine auf drei Seiten recht schlichte, auf einer Seite geradezu expressionistisch verformte Glasfassade ausdrücken soll. Während er bei einer Begehung mit Journalisten über einen „gläsernen Monolithen, der wie ein geometrischer Wasserfall neben der Donau steht“ sprach und betonte, wie wichtig ihm diese Wassermetapher sei, gab er in einem Fernsehinterview bekannt, dass ihn nicht der Fluss, sondern viel mehr die archaischen Skulpturen auf den Osterinseln inspiriert hätten.

Auch das Schwadronieren Perraults über den Freiraum und die Urbanität im Umfeld des Projekts erweist sich bei genauerem Hinsehen als substanzlos. Der ursprüngliche Masterplan für die Donau City von Adolf Krischanitz und Heinz Neumann aus dem Jahr 1991 sah für den gesamten Stadtteil einen verkehrsfreien öffentlichen Raum vor – zehn Meter über dem gewachsenen, einst kontaminierten Boden. Diese künstliche Ebene erlaubte es, die durchs Gebiet führende Stadtautobahn zu überplatten und den motorisierten Verkehr sowie alle Parkplätze unter die Oberfläche zu verbannen. Die neu geschaffene Erdgeschoßebene blieb folglich Fußgängern und Radfahrern vorbehalten.

Beim DC Tower 1 unterlief die WED dieses Konzept jedoch und senkte einen weiten Teil des Vorbereichs um einige Meter ab. Damit ist es den automobilen Kunden und Geschäftspartner ihrer Büromieter sowie den per Pkw anreisenden Gästen des Hotels möglich, aus dem unterirdischen Straßennetz aufzutauchen und unter freiem Himmel vor Perraults Glasturm vorzufahren. Von dort können sie das Gebäude auch über eine pompöse Holztreppe betreten, anstatt es – wie in der Donau City üblich – nur über die Tiefgarage erschließen zu können. Damit entzieht der Projektentwickler allerdings den Freiraum einer städtischen Nutzung. In der Darstellung der WED liest sich das freilich anders: „Durch die Trennung von Auto- und Fußgängerverkehr in zwei Ebenen ist sowohl optimale Erreichbarkeit als auch ungestörtes Promenieren garantiert.“ Auf der anderen Seite des DC 1 klafft – und das wohl noch lange – die Baugrube des DC 2. Jener Bereich vor dem Wolkenkratzer, der tatsächlich als öffentlicher Raum verblieben ist, ist mit einer Vielzahl ummauerter Beete und deren steriler Bepflanzung ein Paradebeispiel dafür, wie modernes Freiraumdesign die Nutzbarkeit einer städtischen Fläche verunmöglichen kann.

Bemühungen um Nachhaltigkeit
Betont wird seitens der WED auch gern, dass der DC Tower den Energie- und Nachhaltigkeitserfordernissen der EU-Kommission für ein „Green Building“ entspreche. Doch stellt sich die Frage, inwieweit und vor allem wie lange ein Gebäude wie der DC 1 überhaupt umweltgerecht sein kann. Denn in spätestens zehn Jahren wird die heute eingesetzte Baustoff- und Energietechnologie bereits wieder veraltet sein – ein Nachrüsten oder Sanieren eines 250 Meter hohen Glasturms aber bedeutend teurer kommen als bei herkömmlichen Gebäuden. Und ob das der Wiener Büromarkt mit seinen geringen Renditen wirtschaftlich tragen wird, ist fraglich.

Nachhaltiger Städtebau wiederum würde bedeuten, Gebäude, Quartiere, ja ganze Stadtteile so kleinteilig und differenziert zu entwickeln, dass Wohnen und Arbeiten, Handel und Gastronomie, Bildung und Soziales, Freizeit und Kultur möglichst stark ineinandergreifen können. Die ganze Donau City aber zerfällt in ein Wohn- und ein Büroquartier, bestehend aus einem Nebeneinander weitgehend monofunktionaler Großbauten. Mit der nun eröffneten monumentalen „Landmark“ konterkariert die WED nicht nur diesen Anspruch der Kleinteiligkeit. Auch die mit dem Rathaus 1995 getroffene Vereinbarung, wonach 24 Prozent des Bauvolums der Donau City im Endausbau auf Bildungs-, Kultur- und Freizeiteinrichtungen entfallen müssen, rückt in weite Ferne.

Mahnmal statt Landmark
„Zeitgemäß“ ist dieser Städtebau, diese Architektur ebenso wenig wie im internationalen Vergleich „innovativ“. Noch vor Errichtung des DC 1 attestierte Jörn Walter – als Oberbaudirektor der boomenden Handelsmetropole Hamburg über jeden Verdacht erhaben, kleinkariert zu denken und zu planen – mit Blick auf die Donau City, dass Wien in den vergangenen Jahren etwas die Maßstäblichkeit aus den Augen verloren habe. Noch bezeichnender ist, dass aber auch der Markt diese Form von Urbanismus nicht honoriert: Der Perrault-Turm ist – siehe Hans Holleins Saturn Tower von 2004 – nicht das erste Bürogebäude in der Donau City, das zu großen Teilen leersteht. Auch insofern muss die Laissez-faire-Haltung des Rathauses während der vergagnenen zwei Jahrzehnte, wonach Büroprojekten im Sinne der wirtschaftlichen Entwicklung nichts in den Weg zu legen sei, als verfehlt beurteilt werden.
Denn Leerstände sind kein alleiniges Problem der Investoren – sie vergeuden auch öffentliches Geld, das etwa in die Errichtung von Infrastruktur fließt, die nicht effizient genutzt wird. Und sie vergeuden knappen Grund und Boden, der ebenso gut für dringend benötigte Wohnbauten oder andere Zwecke Verwendung finden hätte können. Der Immobilienmarkt ist in keiner Weise in der Lage, sich selbst zu regulieren, geschweige denn willens, ohne öffentliche Lenkung auch nur ansatzweise so etwas wie Stadt zu schaffen. Insofern kann der DC Tower als Mahnmal aufgefasst werden – gegen eine haltungslose Planungspolitik, gegen eine spekulativ wirtschaftende Immobilienbranche und nicht zuletzt gegen willfährige Architekten. So gesehen ist es gar nicht schlecht, dass der Turm weithin wahrnehmbar ist.


Info
DC Tower 1:
Technische Daten
Bauzeit: 17. Juni 2010 – 1. Oktober 2013
Höhe (bis zur Spitze): 250 m
Etagen: 60 
Bruttogeschoßfläche über 0-Niveau: 
ca. 93.600 m²
Bruttogeschoßfläche unter 0-Niveau: 
ca. 44.000 m²
Stahl: 20.000 Tonnen
Beton: 110.000 m³

 

Autor/in:
Reinhard Seiss
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