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Hüllenlos ist auch keine Lösung

20.06.2014

Zwar nicht neu, aber dennoch nicht gelöst ist die Schnittstellenproblematik am Bau – besonders betroffen ist davon die Gebäudehülle.

Bauschadensberichte zeigen es immer wieder: Die größten Schwachstellen eines Bauwerks sind die Schnittstellen zwischen den einzelnen Gewerken. Eine quasi einzige Schnittstelle ist die Gebäudehülle. Sie stellt die Abgrenzung des Gebäude­inneren vom freien Außenraum dar. Damit sind die wesentlichen Aufgaben der Gebäudehülle bereits vorgegeben – der Schutz vor ­exogenen Kräften. Diese erfordern im Wesentlichen Maßnahmen zum Schutz vor Feuchtigkeit, Wärme, Außenluft, Schall und auch Feuer. Hinzu kommt noch der hohe ästhetische Anspruch, dem die Architektur gerecht werden soll. 

Die Vergabefrage

Diese technisch interdisziplinär notwendig zu beachtenden Anforderungen an die Gebäudehülle erlangen eine zusätzliche Hürde, nämlich die wirtschaftliche Komponente. Deshalb ist die Schnittstellenthematik nicht nur eine technische Lösungsfrage, sondern ist vielfach auch von der Projektorganisation des Bauherrn und dem Vergabewesen abhängig. So ist bei der Einzelvergabe der Gewerke die Koordination der Schnittstellen anders zu betreuen als bei pauschalen Generalunternehmervergaben. Wird beispielsweise das Dach und die Fassade in einem Paket an ein Unternehmen vergeben, dann obliegt es diesem, die Schnittstellen zwischen diesen beiden Gewerken zu lösen. Werden jedoch die Leistungen an unterschied­liche Unternehmen vergeben, wie es in Österreich nicht unüblich ist, dann muss ein am Stand der Technik ausgebildeter Personenkreis die Enden der einzelnen Leistungen zusammenführen.
Bauwerke sind Unikate, was bedeutet, dass ausschließlich standardisierte Detaillösungen oder käuflich erwerbbare Detailkataloge bzw. Schnittstellensammlungen maximal nur als „Leitdetails“ angesehen werden können. Um das zu bewerkstelligen, sind umfangreiche Erfahrung und Grundlagenwissen sowie Kenntnis der aktuellen Normen, aber auch der Normenentwicklung aus der Vergangenheit wichtig. Technisch gesehen kann bei der Umsetzung der Problem­lösung bei zwei Themenkreisen angesetzt werden:

• Schadensfälle in der Problemzone: An- bzw. Abschlüsse der einzelnen Gewerks als Folge mangelnder Kommunikation zwischen den Planern untereinander 
• Fehler in der Ausführung

Feind Nummer eins: Feuchtigkeit

Neben statischen Schäden an Bauwerken ist „Feuchtigkeit“ die Nummer eins im Schadens- und Folgeschadensbild. Vielfach liegt die Ursache darin, dass Anschlussstellen zwischen dem Zimmermann, dem Dachdecker, der Haustechnik und auch dem Fassadenbau nicht schlüssig gelöst wurden (und eine kompetente Bauüberwachung auch fehlt). Schimmelbildung, Durchfeuchtung, Ungeziefer und generelles Unbehagen in der Nutzung durch den Menschen zählen dann zu den Folgen.
Konstruktiv ungelöst sind zudem Anschlüsse an niveaugleiche Terrassentüren. In seltenen Fällen kann eine einwandfreie Integration vom Handwerker in die Gebäudehülle vorgenommen werden, da bereits in der Planung mit viel zu theoretischen Toleranz- und Verarbeitungsansätzen spekuliert wurde. Die Schäden sind häufig derart nachhaltig, dass gesamte Innenfußbodenkonstruktionen Schaden erleiden und in letzter Konsequenz die Türkonstruktion getauscht werden muss, um langfristig Schadensfreiheit zu gewährleisten.

Knackpunkt Fassade

Flächenmäßig den größten Anteil an der Gebäudehülle hat im Regelfall die Fassade, wo sowohl bei Wärmedämmverbundsystemen als auch bei hinterlüfteten Fassaden Schwachstellen an den An- und Abschlussschnittstellen zu orten sind. Insbesondere der Einbau von Fenstern und Fensterbänken umfasst zahlreiche Berührungszonen z. B. an den Fassadenbauer, Baumeister, Bauspengler, Bauschlosser und je nach Anforderung auch an das Beschattungsunternehmen. Nicht selten werden Konvektionsprobleme in den Fensterlaibungen beanstandet oder Nässeschäden im Parapetbereich aufgrund von Anschlussmalheuren bei Fensterbänken.
Im erdberührten Baukörper, z. B. im Keller, liegen die Schnitt­stellenprobleme oftmals an Rohrdurchführungen, Lichtschacht­montagen, Regensinkkästen neben den Kellerwänden, Drainagen, die ins „Leere“ führen, u. v. m. unkoordiniert, nur der Selbstein­schätzung ausführender Personen überlassen. Der Koordination und Überwachung der Leistungen ist besonderes Augenmerk zu schenken und kann nur einschlägig ausgebildeten Spezialisten übertragen werden.

Spezialisten gefragt

Das Wissensspektrum um die unzähligen Leistungen an der Gebäudehülle ist derart umfangreich, dass kaum eine Person alle Einzel­gewerke nach dem Stand der Technik beherrschen kann. Dies wäre im Grunde auch nicht notwendig, da, wie eingangs schon ­berichtet, die häufigste Fehlerquelle der Übergang zwischen den ­einzelnen Gewerken darstellt. Demzufolge muss der Fokus in der Ausbildung zum Gebäudehüllenspezialisten liegen, der jedoch von jedem Schnittstellengewerk Grundkenntnisse besitzen muss.

Info:
Fachplaner Gebäudehülle

Vergangenes Jahr startete zum ersten Mal auf der TU Wien der Lehrgang „Fachplaner Gebäudehülle“. Die modulare, fächer- und gewerkübergreifende Seminarreihe soll auch das Bewusstsein für die Schnittstellenproblematik schärfen und das Know-how intensivieren. Zielgruppe sind nicht nur die Absolventen der Hochschulen, sondern es ist der Zugang ausdrücklich auch für Praktiker (auf Meisterniveau) offen. Die Teilnehmer schließen mit einer Prüfung und einem Zertifikat ab.

Autor/in:
Sonja Meßner
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