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Kein Platz für Extravaganzen

09.05.2001

Weniger Normen und weniger Luxus - ist das die Lösung für den geförderten Wohnbau?
An Ideen mangelt es nicht, an der Umsetzung scheitert es allerdings bislang noch.

 

Die Theorie ist da. Wir wissen, wie es geht, aber niemand tut es“, beklagt sich Josef Muchitsch im Rahmen einer Enquete, ausgerichtet vom Österreichischen Verband gemeinnütziger Bauvereinigungen. So einfach scheint der Weg zum leistbaren Wohnen demnach zu sein, darin ist man sich einig. Doch bei der Frage, woran es schlussendlich noch immer scheitert, schiebt man sich den schwarzen Peter wieder fleißig gegenseitig zu.

Fakt ist, die Lage spitzt sich nicht nur kosten-, sondern auch klimatechnisch immer mehr zu. So schlecht stehe Österreich bei der Erreichung der Klimaziele aber gar nicht da, wenn man Jürgen Schneider vom Umweltbund glauben darf. Bis 2020 sollen die CO2-Emissionen ausgehend vom „all-time high“ im Jahr 2005 um 16 Prozent reduziert werden. Diese Vorgabe bezieht sich nur auf Verursacher, die nicht im Emissionshandel erfasst sind. Nachdem bis 2012 die Treibhausgasemissionen hierzulande um 12,5 Prozent reduziert werden konnten, befindet sich Österreich bereits diesbezüglich im Endspurt. Bis 2020 soll der Anteil der erneuerbaren Energieträger zudem 34 Prozent betragen – auch hier liegt Österreich mit 32,2 Prozent im Jahr 2012 gut im Rennen. „Es wurde schon viel erreicht, für die Ziele 2030 und 2050 sind jedoch deutlich weitgehendere Schritte notwendig. Mit den bereits beschlossenen Maßnahmen haben wir keine Chance“, so Schneider. 

Nicht drinnen, was drauf steht?
Die „bereits beschlossenen Maßnahmen“ bzw. Anforderungen an den geförderten Wohnbau stehen allerdings zurzeit auch massiv im Kreuzfeuer der Kritik. Eine im Oktober vergangenen Jahres präsentierte Studie der GBV sorgt seitdem für Diskussionen. 321 Objekte und 14.220 Wohnungen wurden hinsichtlich der Investitions- und Nutzungskosten von energetischen Maßnahmen analysiert. Eva Bauer, Leiterin des Wohnwirtschaftlichen Referats in der GBV, ist überzeugt: „Die hohen energetischen Standards im Niedrigstenergie- bzw. Passivwohnhaus ‚rechnen‘ sich nicht. Die aus der schrittweisen Steigerung der Energieeffizienz resultierenden höheren Bau- und Bewirtschaftungskosten lassen sich durch die laufende Energieeinsparung nicht wettmachen.“ Rund 300 Euro mehr im Jahr koste eine Wohnung in einem Passivhaus- oder Niedrigstenergiegebäude im Vergleich zu Niedrigenergiegebäuden der Generation „Wohnbauförderung 2010“. Unter ökologischen Gesichtspunkten stehe die ältere Wohnungsgeneration den neuen allerdings kaum nach. Außerdem sei die reale Energieeinsparung weitaus geringer als im Vorfeld angenommen, da das Nutzerverhalten nur bedingt den Vorgaben entspreche. 
Die Kritik, dass nur Passivhäuser der ersten und zweiten Generation in der Studie vorkommen und die große Lernkurve, die bei Planern zwischenzeitlich stattgefunden habe, außer Acht gelassen wurde, wischt Eva Bauer zur Seite. „Experimentieren ist schön und gut, kann aber beim gemeinnützigen Wohnbau nicht das Ziel sein. Wir vertrauen lieber auf langfristige Beobachtungen.“ 

„Ziel muss jetzt eine Nachdenk- und Überprüfungsphase des Nationalen Plans zur Umsetzung der EU-Gebäuderichtlinie sein“, betont GBV-Obmann Wurm im Hinblick auf die Leistbarkeit von Wohnen. Als Zeitraum für das Moratorium schlägt Wurm mindestens Ende 2016 vor. „Bis dahin ist Zeit, unter Miteinbeziehung der Wohnungswirtschaft als Anwender für eine sozial verträgliche und kostenoptimale Ausgestaltung des weiteren Umsetzungs­prozesses der EU-Gebäuderichtlinie zu sorgen“, erklärt der GBV-Obmann.

Sparen wäre nicht so schwierig
Was bedeutet allerdings nun kostenoptimal? Auf jeden Fall nicht das, was zurzeit in den OIB-Richtlinien und vielen Normen verlangt wird, so der Tenor der Teilnehmer und Vortragenden. Konkrete Praxis- und damit auch Rechenbeispiele, an welchen Schrauben man einfach drehen könnte, um die Situation zu entschärfen , bringt Baumeister Wilhelm Zechner, Technischer Direktor der Sozialbau AG. 

Ein Punkt sei z. B. die OIB-Richtlinie 2 zum Thema Brandschutz. Vor Einführung der OIB-Richtlinie 2 war es ausreichend, wenn der Fluchtweg bis zum sicheren Treppenhaus 40 Meter betrug, von der Wohnungseingangstür gerechnet. Diese Änderung hat die vertikalen Erschließungen zusammenwachsen lassen, was mehr Stiegenhäuser und Aufzüge bedeutet“, so Zechner. Im mehrgeschoßigen Wohnbau seien die Anforderungen ohne eigenen Brandschutzplaner kaum noch lösbar, fügt Zechner hinzu.
Auch die OIB-Richtlinie 3 „Hygiene, Gesundheit und Umweltschutz“ sorgt seit der Neufassung von 2011 für Unmut bei Planern und Ausführenden. Die erforderliche Lichteintrittsfläche wurde um den Begriff „Nettoglasfläche“ ergänzt. Das bedeutet, dass bei Fenstern alle Rahmen, Sprossen o. Ä. abgezogen werden müssen, um auf den entsprechenden Wert zu kommen. „Eine Wahnsinnsarbeit für die Planer“, betont Zechner. Und nicht nur das, in der Praxis sind dadurch teilweise bis zu 35 Prozent größere Fensterelemente notwendig. Aus Gründen der Barrierefreiheit seien mittlerweile außerdem nur noch maximal zwei Zentimeter hohe Schwellen und Türanschläge erlaubt, was in Neubauten „Kilometer an Entwässerungsrinnen“ nötig mache.

Dies seien alles Punkte, die man bei der gerade laufenden Novellierung der OIB-Richtlinien berücksichtigen sollte, so der Baumeister. Ebenfalls könnte der Rotstift bei der beliebten, aber kostenintensiven Begrünung auf Dachflächen, den Notkaminen und den vorgeschriebenen Parkplätzen pro Wohnung angesetzt werden. Alles in allem käme man auf ein Einsparungspotenzial von 250 Euro pro Quadratmeter Wohnnutzfläche. „Realistisch ist aber eine Einsparung von 150 bis 180 Euro pro Quadratmeter“, ist Zechner überzeugt. 
Umsetzungsversuche
Einen Schritt in diese Richtung macht die Wiener Bauordnung, die diesen Sommer noch in Kraft treten soll. Notkamine gehören voraussichtlich in Wien der Geschichte an, in Sachen Barrierefreiheit und Zwei-Zentimeter-Schwellen sind Übergangslösungen geplant, und künftig soll nur noch ein Pkw-Stellplatz pro 100 Quadratmeter Wohnfläche vorgeschrieben werden. Besonders beim letzten Punkt gibt es in so manch anderem Bundesland noch Nachholbedarf, wie Klaus Lugger von der Neuen Heimat Tirol erzürnt feststellt: „In manchen Tiroler Gemeinden sind drei Stellplätze pro Wohnung vorgeschrieben. Das ist ein Wahnsinn.“

Ein erstes Umdenken hat mittlerweile auch in Oberösterreich stattgefunden. Anfang April präsentierte Wohnbaulandesrat Manfred Haimbuchner den Standardausstattungskatalog für den sozialen Wohnbau und trat dabei auf die Kostenbremse. Das Ziel sei, mit möglichst wenig Geld möglichst viel Wohnraum zu gestalten. In der Realität bedeutet das ab 2015 für den oberösterreichischen geförderten Wohnbau: Lifte nur noch ab drei Geschoßen, keine begrünten Dächer oder üppigen Bepflanzungen, kaum Glas- oder Holzoberflächen und massive Einsparungen bei hochwertigen Materialen. Während Norbert Hartl, Landesinnungsmeister Bau, diesen Katalog befürwortete, war das Entsetzen bei der Interessenvertretung der Architekten groß. „Diese Pläne steuern gegen jede Qualität und Entwicklung in der Architektur“, so Bettina Brunner, Sektionsvorsitzende der Architekten in der Ziviltechnikerkammer, und warnt vor dem Entstehen eines Einheitsbreis. 

Umfassende Evaluierung notwendig?
Auch auf Bundesebene betrachtet man die generelle Entwicklung des geförderten Wohnbaus mit Argwohn. „Ich habe den Glauben an diese Kataloge – egal, welches Ziel sie verfolgen – verloren. Wir Planer haben überhaupt keinen Spielraum mehr, alles wurde ‚weggeregelt‘“, sagt Christian Aulinger von der Bundeskammer der Ziviltechniker kopfschüttelnd. Man solle Dinge einfach mal geschehen lassen, ohne alles zu definieren, so seine Ansicht. Konkret kritisiert er dabei das Austrian Standards Institute (ASI) und die für ihn überbordende Normenflut. ASI-Direktorin Elisabeth Stampf-Blaha reagiert auf den Vorwurf routiniert, so oft hat sie diesen in den vergangenen Monaten schon gehört. „Trotz wiederholten Aufrufs sind keine konkreten Änderungswünsche oder Verbesserungsvorschläge bei uns eingetroffen“, erklärt sie. Für Christian Aulinger kein Wunder, es wären so viele Baustellen, man wisse nicht, wo anfangen. In Wirklichkeit helfe nur eine Generalevaluierung aller baurelevanten Normen, ist er überzeugt. 

Eine Revolutionierung aller Richtlinien hält Karl Wurm hin­gegen nicht für notwendig. „Alles, was in Österreich ‚Putsch‘ genannt wurde, war immer ein bisschen operettenhaft“, schmunzelt er. Das ASI werde sofort konkrete Einsparungsvorschläge von den gemeinnützigen Bauvereinigungen erhalten. Bisher sei man ja nicht dazu eingeladen gewesen, betont er. Künftig wünsche er sich aber auch von den Normungsausschüssen, dass auch daran gedacht wird, wer das Ganze zahlen soll. „Maßhalten ist notwendig“, so Wurm. Jeder solle sich folgende drei Fragen stellen: Muss diese Richtlinie sein? Was nutzt sie? Und was kostet die Umsetzung?


Info
CO2-Emissionen: Zielsetzungen
EU-Ziele für 2020:
CO2-Emissionen im EH: –21 Prozent
CO2-Emissionen außerhalb EH: –10 Prozent
Erneuerbare Energien: 20 Prozent Anteil
Energieeffizienz: +20 Prozent
EU-Ziele für 2030:
Jänner 2014: EK Vorschläge für EU-weite 40-prozentige Reduktion der CO2-Emissionen bis 2013
EU-Ziele bis 2050:
Reduktion der CO2-Emissionen um 80 Prozent gegenüber 1990

Autor/in:
Sonja Meßner
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