Direkt zum Inhalt
„Prinzipiell, nach einer rein orthodoxen mikroökonomischen Perspektive, ist die Baubranche ein Markt, ein Platz, auf dem Angebot und  Nachfrage aufeinandertreffen“ Alejandro Cunat. Foto: Uni Wien„Der Wettbewerb erwartet, dass der Schlechte dem Guten Platz macht“ Hans-Georg Kantner. Foto: Petra Spiola.Foto: Thinkstock„Prinzipiell, nach einer rein orthodoxen mikroökonomischen Perspektive, ist die Baubranche ein Markt, ein Platz, auf dem Angebot und  Nachfrage aufeinandertreffen“ Alejandro Cunat. Foto: Uni Wien„Der Wettbewerb erwartet, dass der Schlechte dem Guten Platz macht“ Hans-Georg Kantner. Foto: Petra Spiola.Foto: Thinkstock

Nachfrage, Angebot und die Folgen

26.06.2014

Ein Markt ist ein Markt, ist ein Markt. Die Funktionsweisen sind grundlegend ähnlich, dennoch weisen alle ihre Spezifika auf. So auch die Baubranche.

Das Thema Insolvenz ging im vergangenen Jahr beständig durch die Medien. Beispiele wurden beleuchtet und diskutiert. Doch wieso kommt es immer wieder so weit, und was bedeutet das für die jeweilige Branche? Während Österreich gesamt im ersten Quartal 2014 seit langem wieder einen Anstieg an eröffneten Insolvenzen verzeichnet, bleiben die Zahlen in der Bauwirtschaft konstant. Die Funktionsweise des Marktes dahinter ist grundlegend nicht anders, weist aber doch Spezifika auf.

Treffpunkt Marktplatz
„Prinzipiell, nach einer rein orthodoxen mikroökonomischen Perspektive, ist die Baubranche ein Markt, ein Platz, auf dem Angebot und Nachfrage aufeinandertreffen“, erklärt Alejandro Cunat, Wirtschaftsprofessor an der Universität Wien. Dabei bilden grundsätzlich Bauherren die Seite der Nachfrage und Baufirmen die Angebotsseite. Die Grenzen dabei sind jedoch fließend, da zum Beispiel ein beauftragter Generalunternehmer in zweiter Instanz von der Angebotsseite auf die Nachfrageseite wechselt. Ein weiteres Spezifikum des Baumarktes ist, dass die Nachfrage nicht wie in anderen Branchen ausschließlich von privater Seite generiert wird.  Die öffentliche Hand ist in Österreich ein großer Bauträger und kann durch Bau- und Infrastrukturprojekte die Nachfrage beeinflussen.

Zusätzlich sind Förderungen ein wesentliches Instrument, um Einfluss auf den Markt zu nehmen. Dabei spielen politische und wirtschaftspolitische Interessen eine große Rolle, und auch der Bankensektor als größter Geldgeber beeinflusst die Marktlage. Ein anderer wesentlicher Punkt ist der Aufbau der Angebotsseite. „Auf dem österreichischen Baumarkt gibt es ein paar wenige große Firmen und viele kleine“, stellt Cunat fest. „Dadurch diktieren wenige Unternehmen den Markt und können prinzipiell höhere Preise verlangen als in einer Situation, in der starker Konkurrenzkampf herrscht.“ Wechselwirkend besteht jedoch ein stetiger Preiskampf der kleinen Firmen, die mit ihren Angeboten gegen die vorhandenen Konkurrenten bestehen müssen. Ausgehend von dieser Situation sind Konkurse vor allem bei der breiten Masse ein natürlicher Effekt des Marktes, die Gründe, die dazu führen können, sind jedoch vielfältig.

Dem Guten Platz machen 
Die Markteintrittsbarrieren in der Baubranche sind hoch, und selbst nach Durchbruch dieser nehmen die Herausforderungen nicht gänzlich ab. Ausreichend Kontakte, eine genaue Kenntnis der rechtlichen Lage und eine gute Beurteilung der Wirtschaftsvorgänge sind wesentliche Grundlagen für die Gründung und Führung eines Unternehmens. Ist man sich dessen nicht bewusst, ist die Folge beinahe zwangsläufig eine Insolvenz, wie fast ein Viertel der österreichischen Insolvenzfälle im Vorjahr zeigten.  

14 Prozent der Insolvenzen sind auf den theoretisch einfachsten Konkursgrund zurückzuführen. Gibt es eine bessere Alternative zu dem angebotenen Produkt bzw. zu der angebotenen Dienstleistung und ist man nicht in der Lage, darauf reagieren zu können – sei dies durch Diversifikation, Weiterentwicklung oder Preisanpassung –, ist man am Markt nicht überlebensfähig. Das tritt etwa ein, wenn sich die Marktlage ändert oder ausländische bzw. inländische Konkurrenzsituationen wandeln. In solchen Situationen halfen früher oftmals Banken mit Krediten aus. „Die Banken haben in den vergangenen 20 Jahren aber gelernt, dass Unternehmen mit Verlustproduktion nicht mit neuen Krediten über Wasser gehalten werden sollen, wenn nicht gleichzeitig glaubhafte Restrukturierungsmaßnahmen getroffen werden“, stellt Hans-Georg Kantner, Leiter des KSV1870, fest. „Der Wettbewerb erwartet, dass der Schlechte dem Guten Platz macht.“ 

Saisonale Insolvenzfälle 
Der größte Teil der Insolvenzen in Österreich ist aber auf Fehler im innerbetrieblichen Bereich zurückzuführen. Das Fehlen des notwendigen kaufmännischen Weitblicks, der rationellen Planung oder auch Absatzschwierigkeiten und Kalkulationsfehler waren für beinahe die Hälfte aller Insolvenzen im vergangenen Jahr verantwortlich. „Prozentuell betrachtet, sind die Gründe, warum Bauunternehmen Insolvenz anmelden mussten, ähnlich der gesamtösterreichischen Situation“, beschreibt Kantner den Status quo. „Dennoch gibt es zwei sehr branchentypische Eigenheiten. Dies sind einerseits die, wie ich sie nenne, Baufirmen ‚auf eine Saison‘ und andererseits der knallharte Preiswettbewerb.“ Erstere sind laut Kantner aufgrund der Größe und Anonymität vor allem ein Wiener Problem. 

Sie bestehen eine Bausaison lang, bekommen Aufträge durch lange Subunternehmerketten und werden teils durch Vorsatz, teils durch grobe Managementfehler insolvent. Dabei stellt vor allem die rechtliche Seite der Gläubiger ein Problem dar, weil viele Schuldner nur Briefkastenfirmen unter falschem Namen betreiben und somit nicht klagbar sind. Der Preiswettbewerb und der damit einhergehende Margendruck verleitet Firmen spezielle Aufträge mit Verlustwissen anzunehmen. „Dabei besteht oftmals die Hoffnung, die Verluste durch Claimmanagement oder Folgeaufträge auszugleichen“, meint Kantner  „Das kann gutgehen, aber, wie man am Beispiel Alpine sieht, nicht auf Dauer.“

Actio und Reactio
Insolvenzen sind hart für betroffene Firmen, deren Arbeiter und Gläubiger. Dennoch halten sich die Auswirkungen auf den Markt an sich in Grenzen, sofern es sich um kleine Unternehmen handelt und diese nichtexklusive Dienstleistungen oder Produkte anbieten, beschreibt Professor Alejandro Cunat die Situation. Anders kann es sein, wenn einer der Big Player ausfällt, vor allem in einer von Oligopolismus, der Kontrolle von wenigen, geprägten Branche. „Ist der Markt gesättigt, wird dieser davon nicht stark beeinflusst“, meint Cunat. „Natürlich hat das finanzielle Auswirkungen auf Firmen, die vertraglich an das Unternehmen gebunden sind. Wenn diese kein ausreichendes finanzielles Fundament haben, kann es zum Konkurs kommen.“  

Auf alle Fälle kommt es zu einer Verschiebung des Machtgefüges des betroffenen Marktes. Dabei können einerseits kleinere Unternehmen die Chance des Machtvakuums nützen und durch gezieltes Investment ihre Marktposition stärken bzw. sogar erheblich ausbauen. Grundvoraussetzung dafür ist eine solide finanzielle Basis und eine gute, schnelle Analyse der Situation. Andererseits kann es dazu führen, dass die bestehenden Big Player der Branche den Konkurs eines direkten Mitbewerbers nutzen, um wiederum ihre Machtposition zu festigen. Dabei werden die wesentlichen Teile des Mitbewerbers gezielt aufgekauft. Dies führt zum einen dazu, dass noch weniger Unternehmen um die Großaufträge mitbieten und dadurch Preise erhöht werden können. Zum anderen haben nun die kleineren Firmen weniger Abnehmer für ihre Produkte bzw. Dienstleistungen und müssen den teilweisen Verlust ihres wirtschaftlichen Netzwerks verkraften. Ein erhöhter Preiskampf ist die logische Folge. Dieser wird zusätzlich verstärkt, da die aufgekauften  Firmenteile sich in ihrer neuen Unternehmensumgebung profilieren müssen – eine Entwicklung, die auf dem österreichischen Markt derzeit zu beobachten ist.

Aktuelle Reaktion 
„Der Markt hat sich durch die Alpine-Pleite nicht beruhigt“, beschreibt Anton Karner, Geschäftsführer von Habau, die aktuelle Situation. „Alle aufgekauften Teilbereiche und die damit verbundenen Mitarbeiter müssen sich in diesem Jahr bei ihren neuen Firmen behaupten. Dies spürt man natürlich preislich.“ Auch Thomas Birtel, Vorstandsvorsitzender der Strabag, sieht das ähnlich: „In Österreich zeichnet sich ein gemischtes Bild ab. Es gibt zwar Verschiebungen in der Baulandschaft, zu einer Marktbereinigung ist es aber nicht gekommen.“ Der Wettbewerb in Oberösterreich und Kärnten sei weiter sehr hoch, in Wien hingegen kann man aufgrund der gekauften Alpine-Baustellen auf ein stabiles Umfeld blicken. „Geht es um den Bereich der Revitalisierungen, spüren wir den Wegfall der Alpine nicht“, meint Stephan Schmiedehausen, technischer Geschäftsführer bei Durst-Bau. „Die Hazet-Bau besteht ja weiterhin, auch wenn sie jetzt zu einem Unternehmen gehört.“

Vertraut man den Branchenfachkundigen, scheint sich der Markt nach den Insolvenzen im Vorjahr noch nicht beruhigt zu haben. Vielleicht entsteht das Gleichgewicht wieder ganz von selbst, ebenso kann es zu einer weiteren Marktbereinigung kommen, oder es gibt Anlass, über positive sowie negative Externalitäten nachzudenken. Zum Thema Steuerungsmechanismen gehen die Meinungen ja bekanntlich auseinander.

Autor/in:
Christoph Hauzenberger
Werbung

Weiterführende Themen

Leider muss ein Elektroprofi in die Insolvenz
E-Technik
05.11.2015

Ein Elektroprofi aus Stockerau musste den bitteren Gang zum Landesgericht Korneuburg gehen und ein Sanierungsverfahren mit Eigenverwaltung beantragt. Das teilte der KSV1870 mit.

Aktuelles
04.08.2015

Die Ursachen der Insolvenzen 2014 im Überblick.

Branche
14.07.2015

Am 9. Juli 2015 wurde über den eigenen Antrag des Unternehmens GSB Bauelemente aus Oberwart ein Konkursverfahren am Landesgericht Eisenstadt eröffnet.

Hausgeräte
10.07.2015

Die Passiva betragen über eine Million Euro, die Aktiva 241.000 Euro. Eine Firmensanierung ist nicht beabsichtigt“, teilt der AKV mit.

Aktuelles
18.11.2014

Im Jahr 2013 sind die Insolvenzzahlen in Europa nach einem Zuwachs von 2,9 Prozent um 1,4 Prozent gestiegen. Insgesamt wurden in den westeuropäischen Volkswirtschaften im Vorjahr rund 192.700 ...

Werbung