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Prävention statt Reaktion

04.07.2014

Trotz vieler Maßnahmen schneidet die heimische Baubranche im europäischen Vergleich bei Arbeitsunfällen relativ schlecht ab: Ursachen und Gegenstrategien.

Der Arbeitsschutz hat in Österreich seit Jahrzehnten Tradition. Zahlreiche Gesetze, Verordnungen und Normen zielen darauf ab, die Beschäftigten vor arbeitsbedingten Risken zu schützen und Unfälle zu vermeiden. In der Praxis bedeutet dies, dass alle beteiligten Körperschaften wie Gesetzgeber, Auva, Gewerkschaften, Unternehmensverbände, Betriebe und Mitarbeiter gemeinsam zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen beitragen und auf die Einhaltung der Sicherheitsstandards achten müssen. Auch wenn Unfälle niemals völlig ausgeschlossen werden können, tragen Sicherheitskonzepte dazu bei, Gefahren aufzudecken und die Wahrscheinlichkeit eines Unglücks zu reduzieren.

Arbeitsdruck bewirkt hohe Unfallraten 

Generell ereignet sich jeder fünfte Arbeitsunfall in der Wirtschaftsklasse Bauwesen. Von Wien und Oberösterreich abgesehen, gab es in allen Bundesländer 2013 mehr Unfälle als im Jahr zuvor. Das Problemkind ist allerdings der Tiefbau: Hier ist die Unfallrate von 68,05 Unfällen pro 1.000 Arbeitnehmer (2007) auf 81,18 Unfälle pro 1.000 Arbeitnehmer (2013) stark gestiegen. Im Hochbau ist sie im gleichen Zeitraum von 90,31 Arbeitsunfällen auf 81,52 gesunken (Quelle: GBH), was den Schluss zulässt, dass es dort wesentlich mehr Bemühungen um Arbeitssicherheit gibt.
Der Preiskampf und der Kampf um jede Baustelle wirken sich besonders negativ auf die Arbeitnehmer und deren Gesundheit aus. Gerade in konjunkturell schwachen Zeiten versuchen viele Betriebe, mit weniger Arbeitnehmern auszukommen, was einerseits die Arbeitslosigkeit erhöht und andererseits dazu führt, dass die „verbleibenden“ Mitarbeiter mehr Überstunden machen müssen. Das führt natürlich zu erheblichen gesundheitlichen Mehrbelastungen, die sich auch in steigenden Arbeitsunfallzahlen niederschlagen. 
Georg Gschwandtner, Sicherheitsfachkraft der Habau Group, sieht das so: „Ich glaube, dass viele Unfälle aufgrund von Angst der Arbeitnehmer passieren. Jeder weiß, dass in der Bauwirtschaft in einem Großteil Österreichs zu wenig Arbeit am Markt ist. Die ständig präsente Sorge, wo werde ich beschäftigt, wenn diese Baustelle fertiggestellt ist, führt zu psychischer Belastung, und daraus resultiert unkonzentriertes Arbeiten, das oft mit Fehlern einhergeht.“ 

Der Preiskampf und der Kampf um jede Baustelle wirken sich besonders negativ auf die Arbeitnehmer und deren Gesundheit aus. Gerade in konjunkturell schwachen Zeiten versuchen viele Betriebe, mit weniger Arbeitnehmern auszukommen, was einerseits die Arbeitslosigkeit erhöht und andererseits dazu führt, dass die „verbleibenden“ Mitarbeiter mehr Überstunden machen müssen. Das führt natürlich zu erheblichen gesundheitlichen Mehrbelastungen, die sich auch in steigenden Arbeitsunfallzahlen niederschlagen.
Georg Gschwandtner, Sicherheitsfachkraft der Habau Group, sieht das so: „Ich glaube, dass viele Unfälle aufgrund von Angst der Arbeitnehmer passieren. Jeder weiß, dass in der Bauwirtschaft in einem Großteil Österreichs zu wenig Arbeit am Markt ist. Die ständig präsente Sorge, wo werde ich beschäftigt, wenn diese Baustelle fertiggestellt ist, führt zu psychischer Belastung, und daraus resultiert unkonzentriertes Arbeiten, das oft mit Fehlern einhergeht.“
Bei der Gewerkschaft Bau Holz hat man die Erfahrung gemacht, dass die meisten (schweren) Arbeitsunfälle in der Regel nach der Normalarbeitszeit (also im Bereich der Überstundenarbeit) passieren. Ursachen sind daher oft Erschöpfung und Müdigkeit. Darüber hinaus ist immer weniger Zeit für die dringend nötigen Unterweisungen zur Arbeitssicherheit und Gefahrenvermeidung vorhanden. Auch der immer größer werdende Anteil an ausländischen Firmen und deren Arbeitnehmern ist ein wesentlicher Faktor für steigende Unfallzahlen. In vielen osteuropäischen Ländern wird auf den Arbeitnehmerschutz, der auf dem Papier zwar gleich ist, wesentlich weniger Wert gelegt. Sprachliche Barrieren bei der Verständigung auf Baustellen scheinen ebenfalls ein Faktor für das geringere Sicherheitsbewusstsein zu sein.

Kosten und rechtliche Folgen

Häufig sind von den schweren Arbeitsunfällen jugendliche und unqualifizierte Arbeitskräfte sowie Leiharbeiter betroffen. „Bei vielen hat man den Eindruck, dass sie in puncto Gefahren völlig ahnungslos sind“, meinte ein Arbeitsinspektor im ORF-Interview. Konkret haben vergangenes Jahr 783 überlassene Arbeitnehmer (Quelle: Auva) einen Arbeitsunfall auf Baustellen erlitten, fast neun Prozent mit eher schweren Verletzungsfolgen. Daraus resultierten insgesamt 12.685 Krankenstandstage – im Schnitt bedeutet das einen Ausfall von 16,2 Tagen, also um zwei Tage mehr als bei den Stammarbeitskräften der Unternehmen.
Generell sind die Kosten eines Arbeitsunfalls erheblich. Ein Bauarbeitsunfall kostet rund 15.000 Euro. Ein kleinerer Teil der direkten Kosten fällt beim Arbeitgeber an (Ersatzarbeitskraft, Verzögerungen usw.). Der wesentlich größere Teil wird aus volkswirtschaftlichen Rücklagen für Heilung, Rehabilitation, SV-Beitrags- und Steuerentfall, Rentenleistungen usw. beglichen.
„Etwaige Strafen, wenn sie ausgesprochen werden, decken jedenfalls die Kosten bei weitem nicht – ganz zu schweigen vom menschlichen Leid der betroffenen Arbeitnehmer und deren Familien. Der Strafrahmen von 166 bis 16.659 Euro im Wiederholungsfall wird, wenn überhaupt, nur im unteren Bereich ausgeschöpft“, erklärt Andreas Huss, Leitender Sekretär und Gesundheitsexperte der Gewerkschaft Bau-Holz. „Die Arbeitnehmervertretung fordert hier schon seit langem ein Bonus-Malus-System, nach dem jene Arbeitgeber mit geringeren Unfallraten (gestaffelt nach Branchen) geringere Beiträge in die Auva einzahlen müssen. Jene mit hohen Raten und vor allem wiederholten schweren Unfällen müssten wesentlich höhere Beiträge entrichten. Damit würden sich Investitionen der Unternehmen in den Arbeitnehmerschutz unmittelbar bezahlt machen.“
Besteht der Verdacht, dass der Arbeitsunfall auf ein fahrlässiges oder vorsätzliches Verhalten des Arbeitgebers zurückzuführen ist, wird gegen diesen ein Verwaltungsstrafverfahren eingeleitet, und unter Umständen droht auch ein gerichtliches Strafverfahren. Bloße Anweisungen an seine Mitarbeiter, die Arbeitnehmerschutz vorschriften einzuhalten, entbinden den Arbeitgeber bzw. den zur Vertretung nach außen berufenen oder verantwortlichen Beauftragten nicht aus seiner Verantwortung. Es müssen Kontrollen eingerichtet sein, und der Verantwortliche muss sich über das Funktionieren des Kontrollsystems informiert haben.

Kontrollen sind unvermeidlich

Im vergangenen Jahr hat das Arbeitsinspektorat auf jeder dritten Baustelle Mängel festgestellt. Allein in der Bundeshauptstadt werden jedes Jahr rund 6.000 Baustellen angemeldet, knapp jede zweite wird von den zwölf Arbeitsinspektoren geprüft. Ein häufiger Mangel ist etwa die Nichtbeachtung der Helmpflicht oder der Einsatz ungeeigneter Hilfsmittel. Der Fall besteht, wenn eine Anlehnleiter unsachgemäß verwendet wird. Doch im Unterschied zu einer Tätigkeit im privaten Bereich ist der Mensch in einer unselbstständigen beruflichen Tätigkeit – auch wenn es die gleiche Tätigkeit ist – in seiner Zuverlässigkeit von zahlreichen Arbeitsfaktoren abhängig: Während man Arbeitszeit, Arbeitsmittel, die Reihenfolge, in der man die Arbeit erledigen möchte, und anderes mehr im privaten Bereich vorwiegend selbst bestimmen kann, arbeitet man im beruflichen Kontext vorwiegend fremdbestimmt. Will man zuverlässige und fehlerfreie Leistungen haben, müssen Auftrag, Arbeitsmittel sowie Arbeits- und Ruhezeiten den menschlichen Leistungsvoraussetzungen angemessen sein. Gerade Bauarbeiter müssen ausreichend Zeit zur Regeneration haben, um diesen schweren und anspruchsvollen Beruf möglichst unfallfrei ausüben zu können. Dazu gehört auch der verpflichtende Verbrauch des Urlaubs in Form von Erholungsurlauben und nicht von Kurzurlauben. Huss: „Was unbedingt nötig ist, sind bessere Kontrollen der höchstzulässigen täglichen Arbeitszeit durch das Arbeitsinspektorat.“

Sicherheit durch Prävention

Platz eins in der Unfallstatistik für Baustellen nimmt der Bereich „Sturz und Fall“ ein. Meist nicht aus großer, sondern aus geringer Höhe oder im unwegsamen Gelände. Dabei ließen sich die meisten dieser Unfälle ohne großen Aufwand vermeiden. Ein Klassiker ist das Herunterspringen von der vorletzten Sprosse einer Anlehnleiter. Verwendet man anstelle der Anlehnleiter einen Treppenturm, ist das Risiko hingegen gering. Ebenso typisch ist das Stolpern im unwegsamen Gelände. Dagegen hilft mehr Ordnung auf der Baustelle und  das Anlegen ausreichender Gehwege. Auch Stephan Pum, Abteilung Unfallverhütung der Auva, betont die Wichtigkeit optimaler Standplätze und Verkehrswege auf Baustellen: „Von dort aus können nicht nur die Arbeiten schneller und ergonomisch durchgeführt werden, sie sind für die Sicherheit ebenso wichtig wie zum Beispiel die persönliche Schutzausrüstung der Beschäftigten.“ Pum erinnert in diesem Zusammenhang auch an Schutzmaßnahmen für Personen, die nicht auf der Baustelle beschäftigt sind, aber etwa durch herabfallende Teile gefährdet oder geschädigt werden könnten. Für die Auva sei weiters die Verbesserung der Qualifikation von Maschinenführern wesentlich. Nicht nur für Kranführer und Staplerfahrer sollten Befähigungsnachweise obligat sein, sondern für jeden, der auf einer Baustelle größere Maschinen und Fahrzeuge steuert oder bedient.

Informationsaufgaben ernst nehmen

Bernhard Achatz, Abteilungsleiter für Arbeits- und Sozialrecht der Wirtschaftskammer Tirol, weist auf die Evaluierungspflicht der Unternehmen hin: „Stellen Sie sicher, dass alle Arbeitsplätze Ihrer Mitarbeiter auf die Gefahren hin evaluiert sind, und überprüfen Sie diese regelmäßig. Gemeldete Beinaheunfälle Ihrer Mitarbeiter sind ein Warnsignal. Beurteilen Sie darauf hin die Arbeitssicherheit aufs Neue. Das Haftungsprivileg des Arbeitgebers gilt nur bei leichter Fahrlässigkeit. Bei gröberem Verschulden kann die von der Auva an den geschädigten Dienstnehmer beziehungsweise an die Hinterbliebenen erbrachte Leistung vom schädigenden Dienstgeber zurückgefordert werden.“
Bei einem Pilotprojekt im Burgenland wurde ermittelt, wo genau und wie die Prävention der Auva-Landesstelle Wien die Chefs und Arbeitskräfte am besten unterstützen kann. Dabei zeigte sich, dass der Unterstützungsbedarf bei der gesetzlich vorgeschriebenen Grund­evaluierung, bei der Dokumentation der Evaluierungen, bei Unterweisungen, den Zuständigkeiten, Arbeitsstoffverzeichnissen und deren Aktualisierung am größten war. Weitere Problemzonen waren die Sicherheitskultur und die Erfüllung der Jugendschutzbestimmungen. Die Auva hat daraufhin neue Info- und Evaluierungsmaterialien entwickelt bzw. bestehende Unterlegen vereinfacht, um genau auf die Bedürfnisse und Sachzwänge in kleinen Unternehmen Rücksicht zu nehmen und es ihnen zu erleichtern, die Vorgaben des Arbeitnehmerschutzgesetzes zu erfüllen.
Außerdem setzt die Auva bei Maurern und verwandten Berufen schon in der Ausbildung an. Jedes Jahr wird der „Große Sicherheitspreis für Baulehrlinge“ vergeben, bei dem die Teilnehmer aus den Berufsschulen für Bau und Zimmerei im dritten Jahr aus Niederösterreich und Wien traditionell Spitzenplätze einnehmen.

Autor/in:
Jürgen Niederdöckl
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