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Foto: DokaVom Bahnhof direkt in das Zentrum des Stadtteils Providência in Rio de Janerio, bequem per Seilbahn und ganz ohne Verzögerungen.  Foto: DoppelmayrAndreas Novy Univ.-Professor WU Wien Institut für Regional- und Umweltwirtschaft. Foto: NovyRendering: gmp-Architekten von Gerkan, Marg und PartnerRendering: Architect Nir Sivan

Qualifizierte Österreicher dominieren die Fußball-WM

27.08.2014

Das sportliche Können gilt es noch unter Beweis zu stellen, in anderen Bereichen hat sich Österreich längst als qualifiziert erwiesen. Egal ob Stadien, Infrastruktur oder Verkehr – Österreich mischt bei der WM kräftig mit.

Noch 314 Tage, dann erfolgt am 12. Juni 2014 um 22 Uhr mittel­europäischer Zeit in der Arena de São Paulo in Brasilien der Anpfiff zur 20. Fußballweltmeisterschaft. Rund 15.000 Freiwillige werden im Einsatz sein, um die 64 Spiele in den zwölf insgesamt 3.576.488 Zuschauer fassenden Stadien zu einem Erlebnis zu machen. Am 13. Juli soll im Estádio do Maracanã in Rio de Janeiro der neue Weltmeister gekürt werden. Ob dieser Österreich heißen kann beziehungsweise die österreichische Fußballnationalmannschaft überhaupt um den Titel mitkämpfen darf, entscheidet sich noch diesen Herbst. Doch die Weltmeisterschaft in Brasilien per se ist schon fest in österreichischer Hand. 

When Saturday comes

Ist man einer der 600.000 erwarteten ausländischen Fußballfans, könnte man sich beinahe schon verfolgt fühlen, denn egal wo und wie man in Brasilien unterwegs ist, überall trifft man auf Technik und Know-how aus der Heimat. Zwei „Air Traffic Conference Control Systems“ von Frequentis managen das gesamte Geschehen im Flugraum über São Paulo und Rio de Janeiro. Sie koordinieren An- und Abflüge und berechnen Überflugsrouten. Am Flughafen Guarulhos – mit 30 Millionen Passagieren pro Jahr einer der größten Lateinamerikas – im Nordosten von São Paulo wird man auf Schritt und Tritt von der Firma Airport Consulting Vienna begleitet. Diese erarbeitete das konzeptionelle Design für den neuen Terminal des Flughafens und ist strategischer Partner und Know-how-Provider für einen der führenden Infrastrukturbetreiber Brasiliens.

Wer den Flughafen hinter sich lässt und das Auto nutzt, stößt auf den Straßen des Landes ebenso auf Heimisches: etwa auf Mautstationen von Kapsch. In den Metropolen São Paulo und Rio de Janeiro hingegen gilt die U-Bahn als bevorzugtes Transportmittel. Diese wird von österreichischen Triebwägen über Schienen und Weichen der Voest Alpine gezogen. Selbst der Versuch, all dem zu entkommen und sich zum Beispiel auf den Zuckerhut zurückzuziehen, hilft gar nichts. Beim Einstieg in die Doppelmayr-Seilbahn stößt man auf Drehkreuze von Ski-Data. Was bleibt, ist der Eindruck, dass österreichische Firmen in Brasilien allgegenwärtig sind. Und die vage Vermutung befällt einen, dass sich dies auch beim Eintauchen in die Fußballweltmeisterschaft nicht ändern wird. 

Von der Eröffnung …

Was als Vermutung begann, entpuppt sich schnell als reale Gegebenheit. Noch bevor man die Arena de São Paulo zum Eröffnungsspiel betritt, wenn man sie bloß von außen betrachtet, wird man schon wieder von österreichischer Handwerkskunst eingeholt. Der Bau des Stadions durch die brasilianische Baufirma Odebrecht ist zurzeit zwar noch in vollem Gange, soll jedoch Ende Dezember beendet werden. Dabei spielt Doka Brasil eine entscheidende Rolle. Die Tochterfirma der Doka Group ist zuständig für die Errichtung der Ortbetonwände des vierzelligen Gebäudekerns. Teilweise in Sichtbetonqualität ausgeführt mit einer Höhe von 43 Metern, soll dieser sowohl die Stiegenhäuser als auch die Liftschächte des Stadions beinhalten. 

Im Viertagestakt und in 968 Quadratmeter großen Betonierabschnitten wurden die Wände des Gebäudekerns mithilfe einer kletternden Schalungslösung errichtet. Für jede Zelle kam ein 242 Quadratmeter großer Trägerschalungssatz mit Ausschalecken auf einer Schachtbühne zur Anwendung. Dank der spindelbaren Ausschalecken konnte die komplette Schalung, ohne sie zu zerlegen, vom Beton gelöst werden. Mit einem einzigen Kranhub wurde anschließend der komplette Schalungssatz in den nächsten Betonierabschnitt gehoben, wo sich die Schwerkraftklinken der Schachtbühne in den Aussparungskästen einklinkten und somit weitergearbeitet werden konnte.

Auf diese Art und Weise entstand der Gebäudekern sogar schneller als erwartet. Für einen reibungslosen Ablauf war ebenfalls ein Doka-Techniker vor Ort, der als Ansprechpartner für Problemfälle diente und die Anlieferung sowie die Installation der Schalungslösung koordinierte. Doch nicht nur im groben Bereich der Stadien wird von österreichischer Seite aus gearbeitet, es darf auch filigran sein.

… über die Gruppen …

„Für die Arena da Amazônia in Manaus wurde unsere Tochtergesellschaft Ceno Membran Technology beauftragt, das Membrandach zu bauen“, umreißt Vorstandsvorsitzender Herbert Pfeilstecher das Engagement der Sattler AG in Brasilien. Der Entwurf des nördlichsten Stadions der Fußballweltmeisterschaft stammt von den renommierten deutschen gmp-Architekten, die Umsetzung der Dachkonstruktion wurde in steirische Hand gelegt. Der Leistungsumfang des Auftrags beinhaltete die Werkplanung, die Herstellung der Sekundärstahlkonstruktion und Befestigungsmittel, die Herstellung der Membranflächen sowie den Transport und die Montage der Produkte. Dabei war die Formgebung der Struktur die Basis für die Anforderungen an die Konstruktion. 

„Das Dach besteht aus 252 einzelnen Glas-TFE-Feldern mit einer gesamten Oberfläche von 31.000 Quadratmeter“, beschreibt Pfeilstecher den Auftrag. „Rund 56.000 Quadratmeter Membran­material werden für das Projekt eingekauft und konfektioniert. Darüber hinaus entwickelten wir geeignete Aluminiumprofile zur Aufnahme der Felder an der bauseitigen Stahlkonstruktion.“

Diese Profile mit einer Gesamtlänge von rund 48 Kilometer lässt Sattler von einem Partner produzieren und beschichten. „Das Know-how bezüglich Membranauswahl und die Dimensionierung des Sekundärstahls zur Anbindung an die Struktur ist entscheidend“, erklärt der Vorstandsvorsitzende weiter. Ebenso sei es wichtig, auf ein breites Wissen im Bereich der Fertigung zurückgreifen zu können, damit die Nähte der Membrane für die auftretenden Lasten richtig ausgelegt werden. Nachdem die Bauteile nach Manaus transportiert worden sind, sollen sie bis Jahresende montiert und die fertige Dachkonstruktion dem Kunden übergeben werden. Herausforderungen, denen sich andere Firmen so nicht stellen müssen.

… zum Endspiel

Auf diversen Großbaustellen der Fußballweltmeisterschaft, allen voran auf der des Estádio do Maracanã in Rio de Janeiro, wurden immer wieder Palfinger-Krane gesichtet. Ein Umstand, dessen man sich bei Palfinger zwar bewusst ist, ihn aber nicht wirklich beeinflusst hat. „Wir verkaufen unsere Krane in die verschiedensten brasilianischen Marktsegmente. Falls Baufirmen Equipment benötigen, sei es für die Errichtung neuer Stadien oder anderer Projekte in Zusammenhang mit der Fußballweltmeisterschaft, mieten sie dieses an“, lässt Hannes Hemetsberger, Leiter Marktkommunikation der Palfinger AG, durchblicken. Da die Projekte allerdings in verschiedenen Bundesstaaten umgesetzt werden und Krane zum Teil auch in andere Staaten verliehen werden dürfen, könne man keine genaue Aussage treffen, wo überall Palfinger-Krane im Einsatz sind.

Die gängigsten Modelle im brasilianischen Markt seien Ladekrane, die einen Einsatzbereich von 25 bis 45 Tonnen abdecken. „Die Krane werden vornehmlich im Transportwesen zu Be- und Entladetätigkeiten eingesetzt“, so Hemetsberger weiter. „Gegenwärtig haben wir die Modelle PK 63002-EH, PK 76002-EH und PK 88002-EH in den brasilianischen Markt eingeführt.“ Dadurch erreiche man mit dem Fokus auf die Märkte Verleih- und Baugewerbe eine große vertikale und horizontale Reichweite. Mit Madal Palfinger S. A. hat man eine eigene Niederlassung in Brasilien. Aber auch andere österreichische Firmen mischen bei dem Bau des Stadions mit.

Wer das Heiligtum jedes brasilianischen Fußballfans betreten will, muss, wie mittlerweile überall auf der Welt üblich, sein Ticket verifizieren lassen. 168 fixe und 18 mobile Ticketlesegeräte von Ski-Data werden pro Spieltag im Einsatz sein, um den Zuschauern einen reibungslosen Ablauf zu ermöglichen. Um dies gewährleisten zu können, führte das Salzburger Unternehmen die Planung vor Ort durch und ließ den Aufbau der Geräte von eigenen Mitarbeitern überwachen. Wendet man sich nun den Stadien ab und blickt in Richtung der austragenden Großstädte, dürfte es mittlerweile kaum überraschen, auch hier auf Schritt und Tritt von österreichischen Projekten verfolgt zu werden.

Off the beaten track

„Wir haben mit der Fußballweltmeisterschaft direkt nichts zu tun“, erklärt Ekkehard Assam, Leiter für Marketing und Öffentlichkeitsarbeit von Doppelmayr. „Natürlich wurden und werden jedoch diverse Investitionen durch eine Fußballweltmeisterschaft oder Olympische Spiele ausgelöst oder beschleunigt.“ So dürfte es auch bei der von Doppelmayr erbauten und 2012 fertiggestellten Seilbahn Providência in Rio de Janeiro gewesen sein. Die kuppelbare Gondelbahn mit Kabinen für zehn Personen wurde als schlüsselfertiges Projekt von der Planung bis zur Übergabe vom heimischen Hersteller erledigt. Die Bahn verbindet mittlerweile den Bahnhof des Stadtteils Providência mit dessen Zentrum und dient als öffentliches Verkehrsmittel. Bei einer Schrägseillänge von 709 Metern und einer Geschwindigkeit von fünf Meter pro Sekunde kann sie bis zu 3.000 Personen pro Stunde befördern. 

Auch das Projekt „Carioca Wave“, an dem die Seele-Gruppe, ein Hersteller von Gebäudehüllen mit „minimaler Tragekonstruktion und maximaler Transparenz“, mitarbeitet, entsteht im Dunstkreis der Fußballweltmeisterschaft. Die deutsche Gruppe mit einer Dependance in Oberösterreich, der se-austria, ist derzeit mit der Fertigstellung eines Freiformdachs in einem Luxuseinrichtungscenter im Stadtviertel Barra da Tijuca in Rio de Janeiro beschäftigt. Für die Formgebung ließ sich Architekt Nir Sivan vom nahegelegenen Ozean und dessen Wellen inspirieren.

Die rund 50 Meter lange, 25 Meter breite, 15 Meter hohe und in verschiedene Richtungen gewölbte Konstruktion besteht aus einem Gittertragwerk aus unterschiedlich langen Stahlhohlprofilen und 503 unterschiedlich großen TVG-Gläsern in Dreiecksform. Eine besondere Herausforderung der Konstruktion stellten die individuelle Geometrie einzelner Teile sowie die Verbindungsknoten der Welle, die eine komplexe Geometrie ausbilden und entsprechend exakt in ihren Winkeln hergestellt werden mussten, dar. Der gesamte Stahlbau des Projekts wurde von se-austria abgewickelt, die zusätzlich Arbeiter vor Ort hat, die mit dem Einbau der Glasflächen betraut sind.

Doch auch abseits solcher prestigeträchtiger Projekte findet man, ohne aufwändig danach suchen zu müssen, genügend Anzeichen österreichischer Leistungen im Baugewerbe. Egal ob es sich dabei um den Ausbau von Hafenanlagen, die Verzinkung neuer Hochspannungsmasten oder den Bau von Hotels handelt. Wo man auch hinsieht, Brasilien putzt sich für die kommende Fußballweltmeisterschaft und die darauffolgenden Olympischen Spiele heraus. Geld fließt in unzählige Projekte, und wo viel davon ist, wollen auch viele davon profitieren.

Siegerprämien

Geht es um die Frage des Auftragsvolumens einzelner Projekte, kommen zumeist ähnliche Antworten. Man dürfe darüber aus vertraglichen Gründen nicht sprechen, man könne es selbst noch nicht ganz genau abschätzen oder wolle den Mitbewerbern nicht seine Preise verraten. Somit könne nur eine grobe Einordnung anhand einzelner Beispiele getroffen werden, um wie viel Geld es dabei geht. Die Gesamtkosten für die Arena da Amazônia in Manaus zum Beispiel belaufen sich laut Fifa.com auf 533,33 Millionen brasilianische Real, das entspricht rund 180,69 Millionen Euro. Welchen Anteil daran die Sattler AG für die Umsetzung der Dachkonstruktion erhält, ist unbekannt. Doppelmayr gab an, dass das Projekt der Seilbahn Providência ein Auftragsvolumen im niedrigen zweistelligen Millionenbereich hatte, tagesspiegel.de bezifferte die Baukosten für die Stadt Rio de Janeiro mit 30 Millionen Euro. 

Von offizieller Seite schweigt man ebenfalls über die Ausgaben. Laut Medienberichten dürfte die Fußballweltmeisterschaft das Land Brasilien rund elf Milliarden Euro kosten. Wie viel Geld privat investiert wird, kann nicht gesagt werden. Miguel Jorge, ehemaliger Wirtschaftsminister von Brasilien, sprach einst davon, dass 70 Milliarden Euro für die Sportereignisse (Fußballweltmeisterschaft, Olympische Spiele sowie Paralympische Spiele, Anm. d. Red.)  in die Hand genommen werden. Ein Auftrag im Rahmen eines sportlichen Großereignisses bringt jedoch nicht nur Geld in die Kassen aller Beteiligten, sondern auch, richtig genutzt, etwas weitaus Wertvolleres.

Unbezahlbar

Neben dem finanziellen Aspekt wiegt ein anderer zumeist noch schwerer. Bei der Mitarbeit an Projekten von sportlichen Groß­ereignissen geht es vor allem um Prestige, um internationale Aufmerksamkeit. Man steht mit seiner Leistung im Fokus der öffentlichen Wahrnehmung, ein Aspekt, den sich viele Firmen zunutze machen. „Man kann mit Stadionprojekten die Leis­tungsfähigkeit des eigenen Unternehmens besser transportieren“, erklärt Herbert Pfeilstecher von der Sattler AG. „Solche Bauten eignen sich sehr gut als Referenzen für Folgeaufträge.“ Doppelmayr befindet sich gerade in Verhandlungen über Folgeprojekte in Südamerika.

„Wenn bei den Olympischen Spielen zum Beispiel die Royal Family mit unserer Seilbahn fährt, ist das Werbung, die man nicht bezahlen könnte“, berichtet der Leiter für Marketing und Öffentlichkeitsarbeit Ekkehard Assam. Natürlich sei der Prestigegewinn durch solche Projekte sehr groß, schließlich gibt es fast keine Venue der Olympischen Spiele oder Fußballweltmeisterschaften der vergangenen und kommenden Jahre, bei deren Errichtung Doppelmayr nicht vertreten wäre. Dennoch ist sich die Branche einig, aus reinem Prestigegewinn würden derartige Aufträge nicht angenommen werden. Sie müssen auch wirtschaftlich sinnvoll sein. Aber wo viel Licht ist, kann auch schnell viel Schatten sein, wenn man sich den Herausforderungen, die solche Projekte mit sich bringen, nicht gewahr ist.

Imagina na Copa!

Ist man als Firma international tätig, gehört es zum täglichen Brot, die Märkte, ihre Gesetze und ihre Eigenheiten zu kennen. Da in Brasilien der Rechtsstaat als hohes Gut angesehen wird, kann es schon einmal vorkommen, dass der Protest eines Anrainers oder eine fehlende Umweltverträglichkeitsprüfung ein Bauvorhaben um mehrere Jahre verzögert oder gänzlich verhindert. Auch der bürokratische Aufwand zur Einfuhr von Materialien und Werkzeugen in das Land ist nicht gering. „In der Tat ist die Logistik eine große Herausforderung“, so Pfeilstecher. Man habe eigens für den Transport der Membranteile Boxen entworfen, die dem Material auf der langen Schiffsreise Schutz bieten sollen. Ebenfalls wurde an das örtliche Klima gedacht: „In der Regenwaldregion Manaus ist während der Montagezeit mit ergiebigem dauerhaftem Regen zu rechnen. Darauf wurde schon bei der Planung der Konstruktion Rücksicht genommen, damit die Montage in kurzer Zeit finalisiert werden kann.

„Innerstädtisch ergeben sich für Baustellen andere Problembereiche, erzählt Assam. „Es geht darum, enge Bauzeiten einzuhalten und die Beeinträchtigung für den Fließverkehr so gering wie möglich zu halten.“ Denn dieser steht in einer brasilianischen Großstadt wie Rio de Janeiro oft genug still genauso wie U-Bahnen und andere öffentliche Verkehrsmittel. Stromausfälle stehen an der Tagesordnung, von der angeblich allgegenwärtigen Korruption ganz zu schweigen. „Imagina na Copa“ – man stelle sich das bei der Weltmeisterschaft vor – ist mittlerweile eine geflügelte, leicht humoristische Redewendung in Brasilien für alles, was noch nicht ganz rund läuft. Doch das kann die Stimmung der einheimischen Fußballfans nicht trüben, denn schließlich geht es für sie um nicht weniger als die wichtigste Hauptsache der Welt.

We still believe

Wenn am 13. Juli 2014 um 21 Uhr mitteleuropäischer Zeit das Finale der Fußballweltmeisterschaft beginnt, werden die Spieler des österreichischen Fußballnationalteams – aller Voraussicht nach – nicht aktiv beteiligt sein. Und dennoch werden österreichische Leistungen und Produkte sowie heimisches Know-how darüber entscheiden, ob die Fußballweltmeisterschaft ein gelungenes Fest war oder nicht.
 


Kommentar

Brasilien im Umbruch

Wo gibt es Chefökonomen von Banken, die sich über Sozialprogramme freuen – weil sie Kaufkraft schaffen und den Banken so erlauben, auch am Stadtrand Filialen zu errichten? Wo gibt es Regierungen, die nach der Finanzkrise ein Wohnbauprogramm „Mein Haus – mein Leben“ gestartet haben und damit Wohnraum für weit mehr als eine Million Menschen geschaffen haben, insbesondere für die Armen? 

Das Land, von dem die Rede ist, ist Brasilien, das einzige der BRICS-Staaten, in dem trotz Wirtschaftsaufschwungs der vergangenen Jahre die Kluft zwischen Arm und Reich kleiner geworden ist. 40 Millionen sind aus der Armut in die untere Mittelschicht aufgestiegen. Nach Jahrhunderten einer Sklavenhaltergesellschaft hat sich Brasilien auf den Weg gemacht, eine Mittelschichtsgesellschaft mit einem modernen Wohlfahrtsstaat zu werden. 

Doch das Glas ist einzig halb voll: Noch ist das Land eines der ungleichsten Länder der Welt, noch mangelt es allerorten an Infrastruktur und gut ausgebildeten und entsprechend bezahlten Ärzten und Lehrern. Noch ist Stimmenkauf weit verbreitet. So sind in den vergangenen Wochen Millionen Menschen auf die Straße gegangen, um für gute Öffis, Schulen und Spitäler zu demonstrieren. Und sie haben der Regierung abgerungen, Tarif­erhöhungen zurückzunehmen und eine Volksbefragung für mehr Demokratie einzuleiten. 

Expräsident Lula da Silva hat die Stellung Brasiliens in der Welt verändert: Brasilien richtet nicht nur Fußball-WM und Olympische Spiele aus, es stellt auch die Chefs der Welternährungs- und der Welthandelsorganisation. Lula da Silvas Erfolgsrezept war es, all dies zu erreichen, ohne die mächtigen Interessen des alten Regimes anzutasten: allen voran die Banken, die bis vor kurzem die weltweit höchsten Zinsen einhoben, den Großgrundbesitz und die vielen gekauften Parlamentarier. 
Nach dem Protest der vergangenen Wochen ist Brasilien endgültig im Umbruch. Ob daraus ein Aufbruch wird, wird davon abhängen, ob Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff den Dialog mit den Demonstrierenden und ihren Forderungen wirklich ernst nimmt. 

Autor/in:
Christoph Hauzenberger
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