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Soziale Gaumenfreuden

05.02.2015

Das durch den gemeinnützigen Bauträger „Heimat Österreich“ umgebaute und revitalisierte Fabriksobjekt im zehnten Wiener Gemeindebezirk hat sich in den vergangenen Monaten zur gefragten Immobilie der oberen Preisklasse entwickelt. Mit Superar, Community-Cooking, einem neuen Carla-Secondhandshop und magdas Kantine haben hier nun aber auch vier unterschiedliche sozial-integrative Projekte ihren Betrieb aufgenommen. Der von der Caritas Wien, dem Wiener Konzerthaus und den Wiener Sängerknaben gegründete Verein Superar, der seit vier Jahren Kindern und Jugendlichen kostenlose, hochqualitative Musikförderung bietet, erhält im Objekt 19 erstmals eigene Proberäumlichkeiten und einen Veranstaltungssaal. Die Gemeinschaftsküche für das Caritas-Projekt Community-Cooking ermöglicht es Bewohnern des Grätzels, sich fortan beim gemeinsamen Kochen und Essen gegenseitig auszutauschen, und im Carla-Secondhandshop werden Menschen auf den (Wieder-)Einstieg in den Ersten Arbeitsmarkt vorbereitet. Im neuen Social Business der Caritas, magdas Kantine, erhalten außerdem langzeitarbeitslose Personen eine Beschäftigungsmöglichkeit in den Bereichen Küche, Service und Catering. Zudem werden Lehrplätze für benachteiligte Jugendliche angeboten.
Wurde ursprünglich ein Wettbewerb für das gesamte Bauvorhaben ausgelobt, aus dem das Büro Freimüller Söllinger als Sieger hervorging, so entschied sich die Social-Business-Abteilung der Caritas später, einen weiteren Wettbewerb für die Bereiche im Erdgeschoß auszuschreiben, um eine höhere Heterogenität zu erzeugen. Unter den vier geladenen Büros konnte sich dabei das junge Designkollektiv Rittspitzer behaupten. Dieses wurde mit der Gestaltung von magdas Kantine und dem Carla-Secondhandshop beauftragt. Aufgrund ihrer Erfahrung mit dem Thema Küche wurde dem Designstudio chmara.rosinke – bekannt durch ihr Projekt „mobile hospitality“ – die Planung des Community-Cooking-Bereichs anvertraut.

Mehr als nur Interior Design

An der Schnittstelle zwischen den Kunstgalerien, Designstudios und Luxusappartments drinnen und dem zehnten Bezirk draußen kommt besonders der Kantine eine entscheidende Rolle zu. Sie ergänzt die Infrastruktur der seit ihrer Entwicklung zur „Loft City“ immer noch etwas ortsfremd wirkenden Satellitenstadt endlich um einen gastronomischen Betrieb, will dabei aber gleichermaßen ansprechend für die Nutzer der verschiedenen sozial-integrativen Projekte im Objekt 19 sowie für das Publikum von außen sein. „Aufgrund der hohen Rate an sozial Benachteiligen in dieser immer noch eine der als ärmsten geltenden Gegenden Wiens, war es uns wichtiger, so wenig Berührungsängste wie möglich zu erzeugen. Das Lokal sollte auf keinen Fall wie ein Fremdkörper wahrgenommen werden, sondern vielmehr wirken, als sei es schon immer dagewesen“, so Alexandra Spitzer von Designkollektiv.

Wirtshaus mit Inhalt

Basisidee des Entwurfs war eine neue Interpretation des Wirtshauses, worauf zahlreiche Versatzstücke verweisen. Dazu gehören beispielsweise die Lamperie, der Stammtisch, das Gewürzensemble, das Extrazimmer oder etwa die dezentrale Garderobe, die sich übrigens, wie Alexandra Spitzer erklärt, daraus ergab, dass ärmere Leute ihr Hab und Gut im Wirtshaus immer bei sich haben wollten.
Besonders positiv fanden es Spitzer und Ritt, dass es neben gestalterischen Aspekten bei diesem Projekt mehr als sonst auch um den Inhalt ging. „Man arbeitete nicht mit einem reichen Bauherrn zusammen, sondern es waren viele Menschen an dem Prozess beteiligt, der sehr basisdemokratisch abgelaufen ist. Das führt zu einer ganz anderen Art der Kommunikation und ist durchaus eine Erfahrung wert“, so Spitzer. Die Social-Business-Idee hinter magdas Kantine finden die beiden Gestalter großartig: Neben einem professionellen Küchenleiter und einem Küchenleiterstellvertreter sowie einem professionellen Restaurantleiter und dessen Stellvertreter setzt sich die gesamte Crew aus Langzeitarbeitslosen und Flüchtlingen zusammen, die hier einen Job gefunden haben. Entsprechend den Grundsätzen von Social Business wird das Restaurant nicht durch Spendengelder finanziert, sondern die Investitionskosten sollen sich innerhalb von fünf Jahren amortisiert haben. Danach muss der Betrieb zwar nicht gewinnorientiert wirtschaften, aber sich selbst erhalten.

Materialien mit Charakter

„Wir sahen uns herausgefordert, die Idee hinter dem Projekt auch in die Architektur zu übersetzen. Außerdem haben wir sehr darauf geachtet, dass das Interieur zum Image der Caritas passt“, erklärt Martin Ritt. Dabei ging es nicht darum, möglichst billige Möbel und Materialien zu verwenden, sondern vielmehr darum, darauf zu achten, dass man nachhaltig arbeitet, indem man Objekte „upcycled“ und ihnen neues Leben einhaucht. So stammen die eingesetzten Tische und Stühle aus zwei verschiedenen Pensionistenheimen und wurden in Werkstätten der Caritas geschliffen und geölt. Teilweise wurden auch Tischplatten ausgetauscht. Für Abwechslung sorgen leichte Interventionen wie zarte Muster, die erst aus der Nähe erkennbar sind, sowie weitere einzelne Objekte, die teilweise aus Beständen der Carla-Secondhandshops stammen. Einige Möbel wie etwa der Stammtisch, die Tafel, die Stehtische oder die Bank wurden vom Designkollektiv selbst entworfen. Diese wurden ebenso wie die flexiblen Raumteiler mit integrierten Blumenkästen, Gewürzregal und einem Loch zum Durchstecken der Zeitung von der steirischen Tischlerei „Team Möbel“ gefertigt. Die dafür verwendeten ausrangierten Türen stammen übrigens zu einem großen Teil aus einem Kloster in der Nähe von Linz und sind etwa 130 Jahre alt. Weitere Altbautüren kommen aus verschiedenen Wohnungen Wiens. Die Haptik der alten Oberflächen und die Verwendung von Elementen, die jeder kennt, verleihen dem Lokal eine Selbstverständlichkeit und erwecken tatsächlich den Anschein, als sei es schon immer dagewesen. Ob der Plan aufgeht und magdas Kantine tatsächlich die momentane Satellitenstadt in einen integralen Bestandteil des zehnten Bezirks verwandelt, ist zwar noch offen. Fest steht, dass einige wenige Menschen, deren Lebensweg vielleicht nicht durchwegs geradlinieg verlaufen ist, hier eine Chance erhalten, wieder integraler Bestandteil der Gesellschaft zu werden, und ungleich mehr Menschen in den Genuss kulinarischer Spitzenklasse zu leistbaren Preisen kommen.


Gastronomiekonzepte 
Das Lokal „magdas Kantine“ auf dem Gelände der ehemaligen Wiener Ankerbrotfabrik wird aufgrund seiner ­exzellenten ­Küche zweifelsohne bald stadtbekannt sein. Das von der Social-Business-Abteilung der Caritas Wien initiierte ­Projekt zeigt aber auch, wie unerhört geschmackvoll raffinierter Umgang mit menschlichen und ­materiellen ­Ressourcen sein kann. (von Getrud Purdeller)

 

Autor/in:
Redaktion Architektur & Bau Forum
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