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Balkone dürfen in Wien künftig über Gehwegen realisiert werden.

Was lange währt, wird endlich gut?

06.06.2014

Nach monatelangem Ringen ist es fix: Die Novelle der Wiener Bauordnung tritt im Juli in Kraft. Zufrieden sind aber längst nicht alle.
 

Als „Meisterstück“ der rot-grünen Stadtregierung präsentierte Wohnbaustadtrat Michael Ludwig gemeinsam mit Gemeinderat Christoph Chorherr die Novellierung der Wiener Bauordnung. Rund 50 Maßnahmen von der Genehmigung straßenseitiger Balkone über die Solarverpflichtung für Bürogebäude bis hin zu Antispekulationsregeln für Bauherren enthält die Neuerung. Sie soll zu großen Teilen bereits im Juli 2014 in Kraft treten.
Bei den Verhandlungen habe man drei große Schwerpunkte gesetzt: Maßnahmen für kostengünstiges Bauen und Wohnen, für mehr Wohn- und Lebensqualität und zur Erhöhung der Sicherheit.

Antikorruption

Um vor allem Spekulationen mit Baugrund in Wien ein Ende zu setzen, wird es ab sofort die Widmungskategorie „Förderbarer Wohnbau“ geben, in deren Rahmen nur Gebäude errichtet werden dürfen, die den bautechnischen Regelungen der Wohnbauförderung wie beispielsweise Wärmeschutz entsprechen. Zusätzlich wird es eine befristete Baulandwidmung geben. Wird nicht in einer bestimmten Zeit gebaut, verfällt die Widmung. Damit möchte man künftig vermeiden, dass Bauland „gehortet“ und dann teurer weiterverkauft wird.

Einsparungen

Für große Aufregung im Vorfeld sorgte die geplante Abschaffung der verpflichtenden Notkamine für jene Gebäude, für die das Baubewilligungsverfahren nach Inkrafttreten der Techniknovelle 2007 (d. h. ab dem 12. 7. 2008) eingeleitet wurde. Die eigens ins Leben gerufene Petition „Rettet den Kamin“ brachte jedoch nicht den gewünschten Erfolg. Damit gehören Notkamine ab Juli für einen Großteil der Gebäude der Vergangenheit an. Billiger wird es auch durch die geringere Anzahl von Stellplätzen, die mit neuen Wohnungen errichtet werden müssen: Statt pro Wohnung muss ab sofort nur noch pro 100 Quadratmeter Wohnfläche ein Parkplatz gebaut werden.

Mehr Wohnraum, mehr Lebensqualität

Erleichterungen wird es auch für Kleingartenbesitzer geben, die eine Umwidmung für ganzjähriges Wohnen im Schrebergarten beantragen wollen. Mehr Wohnraum sollen Dachgeschoßausbauten schaffen – dabei will man nicht die Bauhöhe überschreiten, sondern Spitzdächer sozusagen „aufklappen“ und damit mehr Fläche schaffen. 
Mehr Lebensqualität bedeutet für Ludwig etwa, dass künftig auch Balkone über Verkehrsflächen wie etwa Gehsteigen erlaubt sind. Diese können auch nachträglich errichtet werden. „Das ist mir sehr am Herzen gelegen“, meinte Ludwig. Ebenfalls in die Kategorie Lebensqualität fällt der Solarstandard für Bürogebäude. „Das ist weltweit einzigartig“, meinte Chorherr. Mit wenigen Ausnahmen müssen nun alle neuen Dienstleistungsgebäude auf freien Dach- und Fassadenflächen solare Energieträger mit einer gewissen Mindestleistung anbringen. Je effizienter das Gebäude – über die Vorgaben der Bauordnung hinaus –, desto weniger Solarenergie muss produziert werden.

Kritikpunkt: Bauwerkshandbuch

Unmut ruft das verpflichtend zu führende Bauwerkshandbuch hervor, in dem die regelmäßige Überprüfung von Bauteilen oder Instandsetzungsmaßnahmen dokumentiert werden muss. Dazu sollen nur Ziviltechniker und gerichtlich beeidete Sachverständige berechtigt sein. Für Landesinnungsmeister Rainer Pawlick eine klare Diskriminierung der Baumeister (siehe Gastkommentar S. 16). Außerdem werden Baufirmen nun verpflichtet, einen baurechtlichen Geschäftsführer einzusetzen, der im Falle von Gesetzesverstößen zur Rechenschaft gezogen werden kann. Damit soll sichergestellt werden, dass bei gesetzlichen Übertretungen auch Personen zur Verantwortung gezogen werden können. „Eine finanzielle Mehrbelastung für die Bauwirtschaft ergebe sich daraus nicht“, so Ludwig.

Autor/in:
Sonja Meßner
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