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Landesinnungsmeister Anton Rieder und Franz Vogler von der Baupolizei im Gespräch

Wirtschaftler und Sachverständige ziehen an einem Strang

10.05.2016

Die Sicherstellung von leistbarem Wohnen und eine Reduktion der Baukosten – diese Thematiken bieten derzeit häufig Zündstoff für Diskussionen. Wie man nicht nur diskutiert, sondern vor allem lösungsorientiert kooperiert, zeigte sich kürzlich bei der Überarbeitung der OIB-Richtlinien, welche vom Österreichischen Institut für Bautechnik (OIB) zur Harmonisierung der bautechnischen Vorschriften herausgegeben werden.

Trotz unterschiedlicher Interessensbasis setzten sich Baupraktiker aus der Wirtschaft sowie die zuständigen OIB-Sachverständigen an einen Tisch und suchten nach den besten Lösungen für die Allgemeinheit. Das große Interesse dieser Thematik zeigte sich erst kürzlich bei einer Veranstaltung im Congress Innsbruck, bei der die Neuerungen bei den Technischen Bauvorschriften 2016 sowie die Erleichterungen der OIB-Richtlinien 2015 thematisiert wurden. Mehr als 280 Gäste aus der Branche folgten der Einladung.

Welchen Nutzen die wirksame und noch viel zu selten stattfindende Zusammenarbeit mit sich bringt, verraten der Fachbereichsleiter der Baupolizei, Franz Vogler, und Landesinnungsmeister Anton Rieder im Gespräch.

Franz Vogler: „Traditionell gesehen hat es in Österreich neun technische Bauvorschriften gegeben, denn der Bereich der Bautechnik ist Ländersache. Schon nach dem zweiten Weltkrieg hat man jedoch erkannt, dass so viele verschiedene Anforderungen nicht effektiv sind. Sinn und Zweck der OIB-Richtlinien ist es, einheitliche Anforderungen für die Gebäude in ganz Österreich festzulegen.“

Anton Rieder: „Seit Jahrzehnten fordern wir eine Harmonisierung der Bauordnung und der technischen Bauvorschriften. Wir sind der festen Überzeugung, dass sich durch die Vereinfachungen der OIB-Richtlinien enorm viele Vorteile ergeben. Bei der ersten Ausgabe der Richtlinien mussten wir leider erkennen, dass nicht der kleinste gemeinsame Nenner, sondern das größte gemeinsame Vielfache gesucht wurde. Dies führte zu einem großen Aufschrei in der Baubranche und zu der Kritik, dass Wohnen auf diese Weise nicht mehr leistbar sein kann. Nachdem der Druck in der letzten Zeit immer größer wurde, konnten wir nun in einem gemeinsamen Prozess  diese Richtlinien auf ein vernünftigeres Maß optimieren. Die Zusammenarbeit von gesetzgebenden Vertretern der Landesregierung sowie von Vertretern der Wirtschaft hat viel bewirkt. Eine so gut funktionierende Kooperation zwischen unterschiedlichen Interessensvertretern habe ich bisher noch nicht erlebt. Der Austausch brachte gleich mehrere Vorteile. Erstens konnten wir auf diese Weise Verständnis auf beiden Seiten schaffen. Zweitens konnte man sich in einigen Punkten so einigen, dass bestimmte Vorgehensweisen effizienter, produktiver und damit auch leistbarer gemacht werden. Und vor allem hat man extrem viel Druck herausgenommen. Die Zusammenarbeit war revolutionär!“

Franz Vogler: „Auch für uns war diese Zusammenarbeit neu und durchaus auch mit Ängsten verbunden, weil natürlich das Wort „Lobbyismus“ im Raum stand. Aber wir konnten tatsächlich ein gegenseitiges Verständnis schaffen. Letztlich war es ein Lernprozess für alle Beteiligten und ich glaube, wir konnten nun ein tragbares Niveau der OIB-Richtlinien finden. Speziell im Brandschutz haben wir die technischen Vorschriften wesentlich vereinfacht – und trotzdem ist die Sicherheit noch ausreichend vorhanden.“

Anton Rieder: „Über das tragbare Niveau kann man natürlich diskutieren. Denn was ist denn tragbar? In der Wirtschaft ist die Tragbarkeit auch immer eng verbunden mit der Leistbarkeit. Kann der Kunde sich die Wohnung oder das Haus leisten? Hier bin ich der Meinung, dass wir aus den verschiedensten Gründen – die OIB-Richtlinien sind nur ein Teil davon – an die Grenzen geraten. Speziell in Tirol sind wir in Zukunft gefordert, um diese Leistbarkeit zu gewährleisten.“

Franz Vogler: „Letztlich ist es ein gesellschaftspolitisches Problem. Wo setze ich das Sicherheitsniveau an?  In Österreich sind wir derzeit in Gebäuden so sicher, dass die Wahrscheinlichkeit, einem Verbrechen zum Opfer zu fallen, größer ist, als bei einem Brand um das Leben zu kommen. Dabei kommt immer wieder die Frage auf, ob wir zu streng sind oder nicht. Im Auto haben wir beispielsweise ein viel höheres Verletzungsrisiko. Aber beim Fahren ist dieses Risiko akzeptiert. Ein Gebäude muss im Gegensatz dazu komplett sicher sein. Das hohe Sicherheitsniveau wird natürlich zusätzlich unterstützt durch das Versicherungswesen. Je mehr Brandschutztechnik vorhanden ist, desto geringer ist der Schaden im Brandfall und desto weniger muss eine Versicherung bezahlen.“

Anton Rieder: „Volkswirtschaftlich kann man das schon hinterfragen, denn wir investieren sehr viel in den Brandschutz und gleichzeitig auch sehr viel in das Feuerwehrwesen. Also tätigen wir hier sozusagen eine Doppelinvestition. Ein weiteres Beispiel ist, dass wir sehr viel in die Energieeffizienz investieren, aber auch sehr viel in Kraftwerksanlagen, um Energie zu erzeugen. Niemand möchte die Verantwortung übernehmen, wenn es darum geht, die Sicherheit zu senken. Unsere Gesellschaft ist es nicht gewohnt, bestimmte Entscheidungen individuell zu treffen. Bei uns geht man davon aus, dass vieles staatlich geregelt sein muss. Solche Regelungen wie beispielsweise im Brandschutz empfinde ich teilweise als sehr hoch. Noch dazu haben wir eine Situation, bei der in vielen Bundesländern unterschiedliche Ausnahmen vorliegen. Hier fehlt uns eine allgemeine Konsequenz.“

Franz Vogler: „Für die weitere Verbesserung ist auch die Landesinnung gefordert. Wir machen die OIB-Richtlinien nicht zum Spaß. Wir haben von den jeweiligen Ländern den Auftrag bekommen, zu harmonisieren. Bei der neuen Ausgabe der OIB-Richtlinien lag der Fokus auf einer Kostensenkung – speziell im Wohnbau. Brandabschnitte wurden beispielsweise wesentlich vergrößert. Das bringt eine unglaubliche Flexibilität in der Planung mit sich. Zusätzlich wurden sämtliche starre Normenverweise verabschiedet. Auch in der Barrierefreiheit gibt es dadurch mehr Flexibilität in der Planung. Für die Zukunft gilt, diese Richtlinien in den jeweiligen Bundesländern umzusetzen.“

Anton Rieder: „Dem kann ich nur zustimmen. In den Bereichen Brandschutz, Energieeffizienz und Barrierefreiheit haben wir nun mehr Wahlmöglichkeiten und ein vertretbares sowie vernünftigeres Niveau erzielt. Aber ich muss an dieser Stelle auch betonen, dass neben den OIB-Richtlinien auch andere Faktoren zu einer Verteuerung im Bauwesen führen. Die Zusammenarbeit bei der Überarbeitung der OIB-Richtlinien war ein Schritt in die richtige Richtung. Es gibt nach wie vor eine Vielzahl an Normen und Richtlinien, welche sich teilweise auch widersprechen. Und es stellt sich immer wieder die Frage, an was man sich denn nun halten sollte. Auf juristischer Ebene gibt es sehr viele Mitspieler, die unterschiedliche Anforderungen stellen. Für Unternehmer ist es schwer zu wissen, wonach man sich orientieren soll. Hier brauchen wir in Zukunft mehr Klarheit. Der Rechtsrahmen ist nicht mehr zeitgemäß und muss auf den Stand der Dinge gebracht werden.“

Franz Vogler: „Das Schutzniveau wird mit den OIB-Richtlinien ausreichend erfüllt. Es kann nicht sein, dass ein Sachverständiger noch höhere Anforderungen stellt. Wenn ich mehr fordere, dann muss ich das in der Auflage auch begründen – wie beispielsweise bei einer Lagerhalle, in der Sprengstoffe aufbewahrt werden. Wir möchte uns in Zukunft vor allem auf die Gebäude konzentrieren, die bisher nicht geregelt waren wie Alten- und Pflegeheime. Wir haben die Erfahrung gemacht - gerade da wo wir nichts regeln – werden teilweise zu viele Forderungen von Sachverständigen gestellt.“

Anton Rieder: „Unser zentraler Ziel ist es, das Bauen wieder leistbar zu machen. Es muss kein Drama sein, wenn aus Eigentümern Mieter werden. Aber ich bin der Meinung, dass wir einem wesentlichen Teil der Bevölkerung die Chance geben müssen, Eigentum zu erwerben. Auch in sozialer Hinsicht empfinde ich es als wichtig, zu besitzen und nicht dauerhaft von anderen abhängig zu sein. Im Bezug auf die Leistbarkeit sehe ich aus verschiedenen Aspekten Gefahren. Mit der Überarbeitung der OIB-Richtlinien haben wir ein gutes Regelwerk geschaffen, welches von den Gemeinden aber teilweise unterschiedlich eingesetzt wird. Es müssen auch die, die es umsetzen, dazu gebracht werden, dass sie sich daran halten und nicht mit weiteren Forderungen der Leistbarkeit entgegenwirken. Wir wünschen uns auch für die Zukunft, dass die Zusammenarbeit so gut funktioniert. Man kann sich durchaus auch in einen Austausch-Prozess mit der Wirtschaft wagen.“

Franz Vogler: „Damit wir auch in nächster Zeit so kooperativ zusammenarbeiten, muss man Überzeugungsarbeit leisten – auch in den eigenen Reihen. 

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