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Das Wiener Speicherbecken Simmering, eine der zentralen Maßnahmen im Abwassermanagement der Stadt.

Alles Gute kommt von oben

04.09.2017

Hitze und Starkregenereignisse sind nur zwei der aktuellen Herausforderungen im Abwassermanagement. Dezentrale Maßnahmen bieten Lösungsansätze.

Verfolgt man die Nachrichten der vergangenen Monate, so gehören längere Hitzeperioden, aber vor allem Starkregenereignisse mittlerweile auch in Zentraleuropa zum Alltag. Zwar ist Österreich in vielerlei Hinsicht noch eine Insel der Seligen, vor allem wenn es um die Trinkwasserreserven geht, dennoch findet auch hierzulande im Abwassermanagement ein Umdenken statt. Vor allem der richtige Umgang mit Regenwasser wird ein immer wesentlicherer Punkt in den Überlegungen der Planer. Die einst propagierte These, das Regenwasser über die Kanalisation möglichst schnell abzuleiten, wird immer mehr hinterfragt.

Zu viel, zu schnell

Die Topografie einzelner Landabschnitte, klimatische Bedingungen und das Nutzerverhalten der Menschen stellen von jeher die Herausforderungen für das Abwassermanagement dar. Dabei hat sich vor allem das Klima in den vergangenen Jahren erheblich geändert. Hitzeperioden werden länger, starke Niederschlagsereignisse, die früher rund alle zehn Jahre verzeichnet wurden, sind nun alle drei bis fünf Jahre zu erwarten. Dabei ist vor allem der Umgang mit den temporär auftretenden und lokal beschränkten Wassermassen die größte Schwierigkeit. „Natürlich sind alle aktuellen Problemfelder miteinander verwoben, dennoch stellen uns Riesenwassermassen in kürzester Zeit vor die größte Herausforderung“, erklärt Heinz Schnabl, Mall-Vertriebsleiter Österreich. „Dieses Wasser soll dann gezielt und auch noch gereinigt abgeleitet werden. Vor allem durch die zunehmende Versiegelung sind deswegen immer neue Ansätze im urbanen Bereich notwendig.“

Ähnlich sieht auch Reinhard Späth die aktuelle Problematik. Die zunehmenden Hitzewellen mit starken Unwettern sowie die daraus resultierenden Überschwemmungen und vollgelaufenen Keller­ würden sowohl die Branche als auch die eigenen Produktsegmente bestimmen. „Angesichts der infolge des Klimawandels immer häufiger werdenden Unwetter mit Starkregenfällen und der Zunahme an versiegelten Flächen im urbanen Raum, die das Abfließen und Versickern des anfallenden Abwassers erschweren, ist ein nachhaltiges Abwassermanagement erforderlich“, so der Marketingleiter der Kessel AG.

Ein Ansatz, um den Wassermassen Herr zu werden, liegt in einer effizienten Regenwassernutzung. „Momentan sprechen wir in Österreich jedoch nur von zwei unterschiedlichen Wassertypen: Trink- und Abwasser“, stellt Schnabl fest. Was in Deutschland mittlerweile gang und gäbe ist – die vorgeschriebene Regenwassernutzung in jedem neuen Baugebiet –, ist in Österreich noch kein offizielles Thema. Trotzdem dringt es immer mehr ins Bewusstsein der handelnden Akteure vor, wie man dieses Frühjahr auf der Aqua Urbanica in Graz feststellen konnte.

Faktor Regenwasser

Die Aqua Urbanica ist eine gemeinschaftliche Tagungsserie der sechs siedlungswasserwirtschaftlichen Schwesterinstitutionen der Eawag-ETH Zürich, der Hochschule für Technik Rapperswil, der TU Graz, der TU Kaiserslautern, der Universität Innsbruck und der Universität Stutt­gart in Kooperation mit den nationalen Organisationen DWA, ÖWAV und VSA. Sie stand dieses Jahr im Zeichen des zentralen und dezentralen urbanen Niederschlagswassermanagements. In seinem Vortrag über zentrale und dezentrale Maßnahmen zum Überflutungsschutz am Beispiel Wien hob Thilo Lehmann­ von Wien Kanal vor allem die Notwendigkeit dezentraler, privater Maßnahmen hervor. Über diese könnte eine „Verringerung bzw. Drosselung des Niederschlagswasserabflusses von privaten Flächen“ einfach erreicht werden. Geht es nach Lehmann, soll dies „neben dem Einsatz von stadtplanerischen Maßnahmen wie der Beschränkung des Versiegelungsgrades oder der Vorschreibung von Gründächern durch die Beschränkung der Einleitung von Niederschlagswasser in die Kanalisation erreicht werden“.

Gerade dezentrale städteplanerische Maßnahmen könnten bei Starkregenereignissen einen wesentlichen Unterschied in den zu bewältigenden Wassermassen bedeuten. „Es gibt neue Flachdachkonstruktion, die bis zu 15 Zentimeter Stauwasser aufnehmen und dann geregelt abgeben können“, stellt Heinz Schnabl fest. „Gleiches gilt für begrünte Fassaden, wodurch sich so 30 bis 50 Prozent des Regenereignisses auffangen und zwischenspeichern lassen.“ Gleichzeitig könnte durch diese Konstruktionen der sogenannte First Flush, der erste Schwall der Wassermassen, der besonders verunreinigt ist, aufgenommen und gefiltert werden.

Alternative Nutzung

Eine weitere Möglichkeit, kurzfristig Wasser zu speichern, liegt in der gezielten Nutzung von Grünflächen. Hier können beispielsweise spezielle, sehr wasserspeicherfähige Substrate in den Untergrund eingearbeitet werden, wodurch zusätzliches Speichervolumen generiert wird. Diese geben entweder nach entsprechender Zeit das Wasser zum Versickern frei oder versorgen die Grünflächen mit ausreichend Flüssigkeit. Doch nicht nur für die Bewässerung könnte das Regenwasser genutzt werden.

„Prinzipiell könnten wir Regenwasser für die Kühlung von Häusern einsetzen, für die Grünflächenbewässerung ist es optimal, und auch Sanitäranlagen kann man problemlos damit betreiben“, ist Schnabl überzeugt. Gerade im Neubau würde ein zusätzlich eingebauter Regenwasserkreislauf nicht viel mehr kosten, aber maßgeblich die Wasserressourcen schonen. Langfristig könnte das Ziel von erfolgreichem Abwassermanagement also sein, einen mehr oder minder in sich geschlossenen Wasserkreislauf zu bilden. „Eine solche Entwicklung ist sicher wünschenswert, aber auch sehr ambitioniert. Ob sie in den nächsten zehn bis 15 Jahren bereits umgesetzt werden kann, können wir derzeit nicht beurteilen“, meint Reinhard Späth. Vor allem der Bestand spielt hier eine gewichtige Rolle, im gut geplanten Neubau wäre dies sicherlich in einem absehbaren Zeitraum vorstellbar. Einen weiteren Schritt dazu leistet die branchenweite Digitalisierung.

Möglichkeiten der Digitalisierung

„Produkte für die Entwässerungstechnik werden zunehmend komplexer, da die technischen Anforderungen durch die fortschreitende Digitalisierung steigen“, stellt Späth fest. Das mache sie für die Betreiber einfacher zu bedienen und ermöglicht simple Kontrollen der Entwässerungstechnik, beispielsweise via Smartphone. Auch über Störungen könne so informiert und diese damit noch schneller behoben werden. Dies fordert jedoch eine Umstellung seitens der Verarbeiter, da neue Produkte meist mehr Wissen über deren Funktion vor dem Einbau verlangen. Gleichzeitig sind Hersteller gefordert, die Produkte so nachhaltig und energiesparend wie möglich zu gestalten. „So haben wir unsere Hybridhebeanlage Ecolift so gestaltet, dass sie im normalen Betrieb das natürliche Gefälle nutzt“, erklärt der Marketingleiter von Kessel. „Nur bei Rückstau schließen die Rückstauklappen, und die Anlage pumpt das Abwasser über eine Rückstauschleife in den Kanal.“ Ein weiterer Vorteil der Digitalisierung liegt in der Aufbereitung von Daten. So können ganze Landstriche und deren Bodenbeschaffenheit digital dargestellt und somit für Abwassersimulationen genutzt werden. Notwendige Maßnahmen lassen sich einfacher eruieren, zumindest in der Theorie sofort auf ihre Tauglichkeit testen und auch die unterschiedlichen Produkte im Vergleich betrachten. Dabei spielt die Dimension des betrachteten Problems keine Rolle. Egal wie groß oder klein das zu untersuchende Szenario ist, es ist digital simulier- und darstellbar.

Potenzial erkennen

Eine der wenigen Konstanten ist die Nutzung von Kunststoff für Produkte der Entwässerungstechnik. Doch auch hier zeichnet sich langsam eine Veränderung im Zeichen der Nachhaltigkeit und steigender Rohstoffpreise ab. Recycling und Kunststoffe aus nachwachsenden Rohstoffen beginnen eine immer wichtigere Rolle zu spielen und werden ein wesentliches Thema der nächsten Jahre sein. „Ich glaube, dass vor allem Trennbauwerke sowie die Weiterentwicklung von einfachen Speichermaterialien in naher Zukunft eine wesentliche Rolle spielen werden“, meint der Mall-Vertriebsleiter Schnabl. „Wünschenswert wäre auch die Etablierung eines guten Schnittstellenmanagements zwischen Abwasser- und Haustechniker. Hier liegt viel Potenzial, und wenn gemeinsam an Lösungen gearbeitet wird, sind diese fast immer die besseren.“ 

Autor/in:
Christoph Hauzenberger
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