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Architektonisches Crescendo

31.03.2009

Zwei Künste, Architektur und Musik, treffen aufeinander: In der Grazer Lichtenfelsgasse entstand mit dem Haus für Musik und Musiktheater der Kunstuniversität ein Bauobjekt der besonderen Art.

Architektur als Bühne wird seit November 2008 in der Grazer Lichtenfelsgasse 14 bestaunt. Damit gingen für die hiesige Kunst­universität insgesamt 45 Jahre an zähem Warten vorüber. So lange dauerte es, bis der langgehegte Wunsch nach einem musikwissenschaftlichen Veranstaltungsort endlich in Erfüllung ging. Die Hartnäckigkeit eines Tinnitus wurde schließlich – nach zwei Jahre Bauzeit und in Summe 19,25 Millionen Euro – belohnt.
Heute zieht das Haus für Musik und Musiktheater, kurz: Mumuth, längst die neidischen Blicke fremder Kulturbeauftragter auf sich. Abseits der außergewöhnlichen Architektur gehört der Veranstaltungsort Lichtenfelsgasse zu den modernsten Bühnen ­Europas – nicht nur in bühnentechnischer wie akustischer Hinsicht, sondern auch in Sachen Ton- und Lichttechnik. Das ­Mumuth spielt sprichwörtlich alle Stückerln.
Entsprechend hoch waren die Anforderungen an Architekten Ben van Berkel vom holländischen UNStudio, die Bundesimmo­biliengesellschaft (BIG) als Bauherr und die beteiligten Unternehmen. Die Herausforderung, künstlerisch ansprechende architektonische Gestaltung mit für das sensible städtische Umfeld notwendigen Lärmschutzmaßnahmen in Einklang zu bringen, wurde mit dem nötigen Know-how elegant gelöst.

Das Raumkonzept trägt der Aufgabenstellung nach vielseitiger Nutzung Rechnung: Kernstück des Mumuth ist der 500 Quadratmeter große Veranstaltungssaal, neben Opern- sowie Orchesterproberaum, Foyer, dem Institut für Musiktheater samt Garderoben, Nebenräumen, Repetitionszimmern, Einspielzimmern und vielen mehr. Teil des Auftrages war zudem, einen hohen Grad an Behaglichkeit und ein angenehmes Raumklima für Publikum und Gäste zu schaffen. Dazu war ein ausreichendes Luftvolumen – das Gebäude umfasst insgesamt 31.360 Kubikmeter auf 2.900 Quadratmeter Nutzfläche – genauso notwendig wie eine leistungsstarke Lüftung, Kühlung wie Be- und Entfeuchtung.

Blickfänge Mesh und Twist

Die architektonischen Highlights sind die Außenhülle des Gebäudes und ein spiralenförmiger Stiegenaufgang im Inneren, der die drei Stockwerke miteinander verbindet. Erstere besteht aus einem feinmaschigen Metallgewebe namens „Mesh“, das aufgrund seiner Wölbung nach außen dem Mumuth ein dynamisches Muskelspiel verleiht. Das feine Netz dient zugleich als Sonnenschutz und sorgt mit an der Glasfassade angebrachten, verfremdeten Notenschlüsseln im Inneren für ein interessantes Schattentheater. Nachts lassen zahlreiche LED-Lichtbalken das „Mesh“ in allen Farben des Regenbogens erstrahlen.

Die riesige Spirale „Twist“, eine tragende Stahlverbundkonstruktion in einem unverkleideten Betonmantel, ist aber der eigentliche Blickfang des Mumuth. Geplant und errichtet wurde die dreidimensionale Form mit Rundrohren mit einem Durchmesser von 500 Millimeter und einer Wandstärke von 25 Millimeter von Zeman & Co. Projektleiter Wojciech Wierzbicki: „In Summe ist der ‚Twist‘ 11,5 Meter hoch und 47 Tonnen schwer. Um eine reibungslose Montage vor Ort zu ermöglichen, wurde er im Werk vor­gebaut. Eine unserer Meisterleistungen in Planung, Produktion und Montage.“
In seinem Endzustand windet sich der „Twist“ durch die drei Etagen mit einem Treppenaufgang einer Glasdecke entgegen. Daraus ergeben sich beidseitig verdrehte Flächen und je nach Standort eine unterschiedliche Perspektive.

Ausgefeilte Technik

Der Akustik musste dem Musikveranstaltungsort natürlich besonderes Augenmerk geschenkt werden. Hier kommt die mehrfache Beschichtung der Wände mit MDF-Platten zum Tragen. Deren Strukturtiefe schafft ein diffuses Schallfeld, das die Zuhörer einhüllt. Dank der Sound-Isolierungssysteme können alle Bühnen auch gleichzeitig bespielt werden, ohne gegenseitige Störung. Der große Saal ist außerdem ein elektronisches, variabel steuerbares Raumakustiklabor mit rund 60 versteckten Lautsprechern und 40 Mikrofonen. So kann eine Königin der Nacht einmal vermeintlich in einer Kathedrale singen, wohingegen die Szene davor noch wie auf einer freien Wiese klingt.

Die ausgefeilte Bühnentechnik erspart teures Bühnenpersonal: 108 unabhängig steuerbare Hebepodeste können verschiedenste Topografien mit bis zu drei Meter Höhenunterschied erzeugen. Das gefinkelte Computersteuerungssystem speichert die Einstellungen, der Bühnenumbau erfolgt damit auf Knopfdruck – sekundenschnell und vollautomatisch.

Helmut Melzer

aus: bauzeitung 13/09, S. 36 ff

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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