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„Auch bei größerem Auftragsvolumen schaffen wir keine besseren Ergebnisse“

14.08.2011

Anton Rieder ist seit April 2008 Landesinnungsmeister in Tirol. Der Geschäftsführer der Firma Rieder Bau in Kufstein spricht im Interview mit Priska Koiner über ein Tiroler Ausnahmephänomen, die Fessel ­Wohn­bauförderung und die enorme Schwäche in der Ertragssituation der gesamten Bauwirtschaft.

Die Bauzeitung: Herr Landesinnungsmeister Anton Rieder. Im vergangenen Jahr ging die Bauproduktion österreichweit zurück. Nur in Tirol – abgesehen von der Steiermark – stieg das Volumen um 9,5 Prozent. Wie ist das möglich?

Anton Rieder: Fairerweise muss man drei Jahre im Rückblick betrachten. Die Tiroler Bauwirtschaft ist im Jahr 2009 sehr stark abgestürzt. Mit einem Minus von 17,5 Prozent waren wir mit Abstand das schlechteste Bundesland. Das Plus im Jahr 2010 war nun das Korrektiv. Auch heuer 2011 werden wir moderat wachsen. Wenn man sich alle drei Jahre anschaut, dann verlieren wir, grob gesagt, zehn Prozent und sind in etwa gleich auf mit den anderen Bundesländern. Aber bei uns ist es schneller und intensiver gekommen und schneller und intensiver gegangen.


Wie erklären Sie sich dieses Ausnahmephänomen?

Rieder: Das kann man so jetzt schwer sagen, aber es sind wohl einige Umstände zusammengetroffen. Einerseits ist die Unterinntaltrasse fast fertiggestellt gewesen, und von dieser Seite war kein Volumen mehr da. Gleichzeitig haben in der Krise die Gewerbe- und Industriebetriebe die Investitionen gestoppt und zurückgestellt. Vielleicht war es auch die Kombination.


Wie vermuten Sie, dass sich die Bauwirtschaft in Tirol weiterentwickeln wird?

Rieder: Unsere Bauvorschau besagt, dass es ein Wachstum zwischen einem und drei Prozent geben wird. Meinem Gefühl nach ist das plausibel. Im Hochbau sind wir derzeit ganz gut beschäftigt. Auch im Tiefbau gibt es schon Vorbereitungen für den Brenner-Basistunnel. Es dürfte sich die Lage auf diesem Niveau stabilisieren. Ich kann mir schon vorstellen, dass wir heuer wieder ein leichtes Plus zustande bringen.


Der Tiefbau wird von den großen Firmen erledigt und abgearbeitet. Wie geht es den Tiroler Bauunternehmen, den mittleren und kleineren?


Rieder:
Nach betriebswirtschaftlichen Maßstäben glaube ich, dass es viele sehr schwer haben. Wir haben nicht nur punktuell rückläufige Umsätze, sondern wir haben auch in der Ertragssituation eine enorme Schwäche. Die Schwäche zeigt sich deutlich an einer Rendite von zwei bis drei Prozent. Und das ist sehr dramatisch: Denn auch in den Hochkonjunkturjahren von 2006 bis 2008 konnten die Ergebnisse nicht verbessert werden. Das heißt: Selbst wenn das Volumen doppelt so hoch ist, bringen die Bauunternehmen keine besseren Ergebnisse zustande. Das halte ich für strukturell nicht sehr gut, aber das ist die Bauwirtschaft.


Der Anlass unseres Treffens in Wien ist, dass Sie mit zwei anderen Firmen einen offenen Betriebsvergleich machen. Da Sie als Unternehmer eine der Top-Firmen mit hoher Eigenkapitalquote führen, kann ich Sie fragen: Was machen Sie als Firmenchef von Rieder Bau denn besser als die anderen?

Rieder: Wir betreiben seit einigen Jahren sehr intensiv Strategieprozesse und schauen gezielt, wo wir am Markt wirtschaftlich erfolgreich sein können. Wir haben uns wegentwickelt vom klassischen Bauunternehmer, der nur mauert und schalt und betoniert, hin zu einem Komplettanbieter. Wir sind Massivhaus-Partner von Wienerberger und bauen den Kunden Individualhäuser, die traditionell gemauert werden. Der Bauherr erhält zum Fixpreis am Fixtermin sein schlüsselfertiges Eigenheim. Die Gewerke geben wir an Subunternehmer weiter, Planung und Management übernehmen wir.

Sehen Sie im Komplettanbietertum Potenzial für alle Bauunternehmer?

Rieder: Nein. Man muss ganz offen sagen, dass so eine Umorientierung in einem Bauunternehmen einfach gesagt, aber schwer umsetzbar ist. Es bedarf dazu eines technischen Know-hows, einer Mindestkapazität und des starken Willens, das umzusetzen. Viele Kollegen scheitern, da sie sich ein Wunderwerk erhoffen, aber nach ein paar Jahren die Sache wieder fallen lassen, weil die Idee betriebsintern nicht umsetzbar war.


Woran scheitert die großflächige Umorientierung in Bauunternehmen?

Rieder: Das ist ein strukturelles Problem in der Bauwirtschaft. Bauunternehmen können in drei Gruppen eingeteilt werden. Da gibt es zuerst die sehr großen – sprich die Bauindustrie –, von denen es nur noch fünf in Österreich gibt. Das sind Strabag, Alpine und Porr sowie Swietelsky und Habau. Das waren schon einmal mehr. Ich muss dazusagen, das ist meine persönliche Definition. Nach der Bauindustrie kommt dann der Mittelstand mit 50 Mitarbeitern und mehr. In den letzten Jahren ist ein Drittel dieser Firmen verschwunden, während bei den kleineren Unternehmen eine Vervierfachung stattgefunden hat. In erster Linie steigt die Zahl der Betriebe mit einem bis zehn Mitarbeitern. Kurz gesagt: Ganz wenige große Betriebe stehen neben einer überschaubaren Anzahl an mittleren Betrieben und einer unendlichen Zahl an Kleinst­unternehmen. Diese Struktur ist der Grund, warum Bauunternehmen nicht verdienen, was verdient werden könnte.


Wie kann ein Weg aus dieser Misere – immer mehr Kleinstunternehmen und weniger große und mittlere – aussehen?

Rieder: Es ist ganz entscheidend, dass es einen starken Mittelstand gibt. Mehr werden wir nicht mehr werden, aber weniger sollten wir nicht werden Der Mittelstand gewährleistet auf professioneller Ebene gesamthafte Produkte mit sicherer Qualität und gutausgebildeten Mitarbeitern. Neue Geschäftsbereiche zu entwickeln und Innovationen umzusetzen, dabei sind die Kleinstunternehmer überfordert.


Was tun Sie, Herr Rieder, als Landesinnungsmeister konkret dafür, dass der Mittelstand gestärkt wird?

Rieder: Ich bin einer der wenigen, der sich das klar sagen traut, dass mir der Mittelstand in Tirol am Herzen liegt. Ich habe 1.450 Mitglieder, aber es sind nur noch zwei Dutzend Mittelständler in Tirol. Ganz konkret arbeiten wir derzeit am Aufbau eines Qualitätsverbunds im Sanierungsbereich. Gemeinsam mit der Energie Tirol, der Landesenergieagentur, erarbeiten wir Kriterien. Denn es ist nicht trivial, ein Haus zu besichtigen, den Bestand aufzunehmen, den Energiebedarf auszurechnen und dann noch einen planlichen Vorschlag zu machen, wie umgestaltet werden muss. Von dieser Idee sind nicht alle Mitglieder begeistert. Es erfordert einiges an Investition, die Sache intensiv weiterzubetreiben. Läuft alles nach Plan, starten die ersten zehn Unternehmen nächstes Jahr. Ein zweiter intensiver Arbeitsbereich ist für mich die Wohn­bauförderung. Pro Jahr können wir auf 240 Millionen Euro zurückgreifen. Das ist ein ordentlich großes Stück. Trotzdem können wir nicht wirtschaftlich bauen. Wir fordern eine Erhöhung der Baukosten im geförderten Wohnbau, da die derzeitige Deckelung auf unserem Rücken ausgetragen wird. Der gemeinnützige Bauträger hält die Kosten immer ein, aber jede neue OIB-Richtlinie, jede neue Norm verteuert das Bauen, und dieser Aufwand wird auf uns abgewälzt. In einem Gremium erarbeiten wir deswegen eine Liste, welche Vorschriften zu Kostentreibern werden, und parallel dazu einen Parameterkatalog für Architekturwettbewerbe.

Was sind denn wahre Kostentreiber in Ihrem Land?


Rieder:
In Tirol gibt es kleine Gemeinden, in denen pro Wohnung drei Stellplätze gebaut werden müssen. Im Vergleich dazu genügt in Wien einer. Noch dazu darf in Tirol ein Stellplatz nicht im Freien sein, also bauen wir teure Tiefgaragen. Oder ein anderes Beispiel: Wir müssen in Tirol ab dem zweiten Obergeschoß einen Lift bauen. Das ist Wahnsinn. Darauf weisen wir hin, bewerten diese Vorschriften und geben Hinweise, wo man von diesen ganz hohen Standards abweichen kann, ohne dass gravierende Einschnitte passieren. Schon kleine Änderungen würden den Druck von den Unternehmen nehmen. Können wir von all unseren Vorschlägen ein wenig umsetzen, versteht das Land, wie sehr wir unter Druck stehen, und nimmt das eine oder andere zurück, dann sehe ich eine Möglichkeit, dass die Mittelständler wieder ein bisschen Luft bekommen.


Wie hoch müssten die Margen sein, um wieder Luft zu bekommen?

Rieder: In einer Umfrage wurden acht bis zehn Prozent ermittelt.

Das scheint mir eine illusorisch hohe Zahl. Das hatte der Bau die letzten 20 Jahre ja nicht.

Rieder: Das ist klar, aber das hat eine Historie. Wir haben jedes Jahr fünf Prozent gefordert und zwei bekommen. Da hat sich einiges aufgestaut. Ich habe gewusst, dass acht bis zehn Prozent nie durchzusetzen sind, und habe die Hälfte und die Bildung eines Arbeitskreises gefordert. Den Arbeitskreis haben wir gekriegt. Die 4,5 Prozent nicht. Das kann es nicht sein. Wir arbeiten mit öffentlichen Mitteln, die Bewohner bekommen sehr viele öffentliche Gelder, um günstig zu wohnen. Die gemeinnützigen Bauträger haben es sehr komfortabel, denn für sie geht es sich immer aus. Und die Handwerker sind diejenigen, die das System tragen.


Wenn wir von der Wohnbauförderung zu einer anderen Förderung blicken – dem Sanierungsscheck. Wie positiv wirkt sich das Ihrer Meinung nach auf Tiroler Bauunternehmer aus?

Rieder: Zwei Jahre lang wurde die Landesförderung, die zum Bundesscheck noch 25.000 Euro Förderung dazulegt, von der Einkommensgrenze entkoppelt. Damals stieg die Sanierungsrate aufs Doppelte. Jetzt ist diese Einkommensgrenze wieder gezogen worden, und wir kommen runter auf ein Prozent Sanierungsrate. Uns wäre viel daran gelegen, dass die Förderpolitik kontinuierlich wäre, deshalb arbeiten wir an einem Nachfolgemodell, das vier bis fünf Jahre gelten soll.
 

Die jüngste Insolvenzstatistik des österreichischen Verbands Creditreform zeigt: In allen Branchen sinkt die Zahl der Insolvenzen, nur in der Baubranche nicht. Warum?

Rieder: Wenn die Strukturen sich nicht ändern, dann wird es auch so bleiben. Die Firmen werden kommen und werden gehen. Und ich kann nur jedem Kunden raten, dass er sich genau ansieht, mit wem er was macht und mit wem er was tut. Denn es geht letztendlich um Haftungen und Gewährleistungen – bei denen es gut wäre, wenn die Firma noch existiert.


Stichwort Lehrlingsmangel. Sehen Sie Lösungen?

Rieder: Das Problem kann man nicht einfach lösen, aber man könnte sich engagierter darum kümmern. Ich habe jedoch nicht das Gefühl, dass dem Staat etwas an der Lösung des Lehrlingsproblems liegt. Der Wirtschaft liegt aber sehr viel daran. Und sie kann das Problem nicht allein stemmen.


Was wollen Sie den Bauunternehmen mitgeben, um in den nächsten zehn Jahren erfolgreich zu sein?

Rieder: Unternehmen müssten sich neue Dinge ansehen, sich mit anderen messen und vergleichen. In einer hohen Eigenkapitalquote und einem besseren Controlling sehe ich Chancen für die Zukunft. Ganz entscheidend ist es, über den Tellerrand hinauszublicken und nicht nach dem Motto zu arbeiten: „Das haben wir immer schon so gemacht, deshalb machen wir das so.“

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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