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Auf die Verpackung kommt es an

23.01.2006

Das 80-jährige Firmenjubiläum hat die Bauparkasse Wüstenrot AG zum Anlass genommen, ihre Unternehmenszentrale in Salzburg einer architektonischen und baulichen Erneuerung zu unterziehen. Dass daraus eine radikale Frischzellenkur geworden ist, ist der Experimentierfreude und dem Mut zum Unkonventionellen des jungen Salzburger Architektentrios Trauner-Strobl-Bach zu verdanken. Mit gestalterischen Unbefangen haben sie dem wenig ansehnlichen Betonbau aus den 60er-Jahren eine mehr als unkonventionelle Hülle übergestülpt die so gar nichts mit der Sterilität und Sachlichkeit der allerorts anzutreffenden Glasfassaden zu tun hat. Auf der Suche nach einer geeigneten Formensprache, welche die Unternehmensphilosophie und das Selbstverständnis des Auftraggebers widerspiegelt, ließen sich die Architekten von der Falttechnik des japanischen Modeschöpfers Issey Miyake inspirieren. „Die Faszination lag für uns in der Kunst durch Faltungen Bekleidungsskulpturen mit unterschiedlichsten Strukturen zu entwerfen“, erläutert Stephan Trauner die Grundidee, den Baukörper mit einem Kleid aus Edelstahl vollflächig zu umspannen. Streckmetall hat sich dabei als das geeignetste Material erwiesen, diese Falttechnik auf die Dimensionen eines mehrgeschoßigen Bürokomplexes zu übertragen. An der Süd- und Westfassade dient die auffällige Streckmetallkonstruktion als beweglicher Sonnenschutz, der sich abschnittsweise individuell steuern lässt. Entlang der Alpenstraße ist das Streckmetallkleid dem Gebäude rund zehn Meter vorgesetzt. Abhängig vom Standort des Betrachters entfaltet die grazile Streckmetallkonstruktion eine vielschichtige und unverwechselbare Dynamik. Markante Faltungen unterstreichen die Figuralität der auffälligen Konstruktion. Je nach Lichteinfall wechselt das metallische Kleid seine Erscheinung. Dank einer speziellen Oberflächenbehandlung der Streckmetallelemente reicht das farbliche Spektrum von violett bis kupferrot.

Energetische Sanierung
Das freistehende Tragwerk der mehrfach gefalteten und geknickten Streckmetallkonstruktion ruht auf lediglich zwei Stützen und ist an drei Punkten an das Gebäude gestützt. Vor Ort wurden rund 1000 Rundrohre mit einem Durchmesser von 168 Millimeter zusammengeschweißt und die Streckmetallelemente aufgenietet. Die Positionierung der mit einer Länge von mehr als 50 Metern und einer Höhe von bis zu 14 Metern imposanten Konstruktion erfolgte mit vier Mobilkränen. Eine Reihe aufwändiger statischer Berechnungen war notwendig, um jene Anordnung zu ermitteln, die es ermöglicht, dass die großflächige Konstruktion selbst bei starken Windlasten nur minimal auslenkt.
Neben dem Anspruch, eine Gebäudehülle mit hohem Wiedererkennungswert zu realisieren, stand die energetische Sanierung der Bausubstanz im Mittelpunkt der Baumaßnahmen. Die Fassade wurde von vorgesetzten Bauteilen bereinigt und mit einem effizienten Vollwärmeschutz versehen. Parallel dazu erfolgte der Austausch der in die Jahre gekommenen Alufenster gegen hochwertige Isolierglasfenster mit Holzrahmen unter laufendem Bürobetrieb. Den Abschluss der sanierten Gebäudehülle bildet eine hinterlüftete und mit pflanzlichen Motiven bedruckte Glasfassade. Durch dieses Maßnahmenpaket ist es gelungen, den Energieaufwand des Gebäudekomplexes um 60 Prozent zu verringern. Die Streckmetallkonstruktion verhindert dabei ein Aufheizen der Bauteile bei starker Sonneneinstrahlung und trägt maßgeblich zur Reduktion der Kühlenergie bei.

Dezente Erweiterung
Der unscheinbare Eingangsbereich wurde im Zuge der Umbauarbeiten aufgelöst und durch eine vollflächig verglaste Eingangshalle entlang der Alpenstraße ersetzt. Die räumliche Großzügigkeit der Eingangssituation wird durch die spektakuläre Auffaltung der Streckmetallkonstruktion in diesem Bereich gekonnt hervorgehoben. Eine Brücke führt über einen künstlich angelegten Teich in die transparente Eingangshalle. Von dort gelangt man über eine geschwungene Rampe in das neu gestaltete Kundencenter. Das bestehende Treppenhaus war aus bauphysikalischen Gründen nicht mehr sanierungsfähig und wurde durch einen neuen Treppenhausturm mit ovalem Grundriss und schlanker Tragwerkskonstruktion ersetzt. „Die Ausführung des Treppenturms in Sichtbetonqualität und die aufgrund der Glaselemente geforderte Maßgenauigkeit stellte neben der extrem kurzen Bauzeit eine der zentralen Herausforderungen bei diesem Bauvorhaben dar“, erklärt Johann Pichler, Bauleiter von Wieder Bau. Sowohl die Eingangshalle als auch der Treppenhausturm sind in dem neu geschaffenen Raum zwischen Gebäude und vorgesetzter Streckmetallkonstruktion positioniert. Zusätzlich wurde der Gebäudekomplex um eine weit auskragende und komplett verglaste Besprechungsbox im zweiten Obergeschoß erweitert.

Wohlfühlatmosphäre für Kundenbindung
Dass das Architektentrio nicht nur für expressive Gesten gut ist, wird mit der gelungenen Umgestaltung der schmucklosen Kassenhalle in ein lichtdurchflutetes Kundencenter eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Anders als bei der Fassadengestaltung wurde bei der Neugestaltung der Innenräume auf schrille Akzente verzichtet. Einzig die mit plissiertem Stoff voluminös umspannten und hinterleuchteten Säulen fallen aus der stimmigen Komposition des Interieurs. „Unser Ziel war es, dem meist sachlich und kühl gehaltenen Kundenbereichen eine gemütliche Atmosphäre entgegenzusetzen, die zum Verweilen einlädt“, umschreibt Trauner das Innenraumkonzept. Locker angeordnete Sitzbereiche und großflächige Fensterfronten verleihen dem Kundencenter einen loungeartigen Charakter. Die Beratungsbereiche sind mit bedruckten Glaselementen dezent von den übrigen Funktionsbereichen abgeschirmt. Vier Millionen Euro wurden in die umfassenden Fassadensanierungsarbeiten investiert. Wieder Bau zeichnet für die Baumeisterarbeiten verantwortlich.
Stefan Pruckmayr

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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