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Aufmaß mit K(n)öpfchen

27.05.2011

Wer Aufmaße vor Ort auf Zetteln erfasst, braucht länger und macht Fehler. Das behaupten zumindest Anbieter mobiler Aufmaßsysteme. Baumeister haben die Wahl zwischen Laser-Distanzmesser oder mobiler PC-Lösung.

Baumeisteralltag: Man will rasch handschriftliche Aufmaße auswerten, doch dann folgt das Entsetzen. – Die Skizzen sind chaotisch, Maßzahlen unleserlich, Maße unplausibel. Papier ist bekanntlich geduldig – und so muss häufig das, was vom Mitarbeiter beim Kunden oder auf der Baustelle zu Papier gebracht worden ist, in Rücksprache mit ihm oder gar erneut vor Ort verifiziert werden. Im Büro zurückgekehrt, muss dann alles von Hand in den PC eingegeben werden. Das kostet zusätzlich Zeit und verursacht weitere Fehler.

Wem das zu umständlich ist, nutzt die Möglichkeiten des „Mobile Computing“: Per mobiler Hard- und Software lassen sich Aufmaße für Angebote oder Abrechnungen oder komplette Grundrisse und Sachdaten wie Bestandsinformationen, Bauschäden oder Mängel für die Planung erfassen. Über Mobilfunknetze oder drahtlose lokale Netzwerke kann man bei Bedarf die vor Ort gewonnen Daten sofort an den Büro-PC übermitteln, auf der Baustelle oder beim Kunden auf Büro- oder Internetdaten zugreifen und anderes mehr.

Vor Ort konventionell mit Bandmaß, Zollstock, Bleistift und Papier erstellte Aufmaße dienen Handwerkern zur Erfassung von Längen, Flächen und Volumina mit nachvollziehbarem Rechenansatz, um Rechnungen nachweisen oder Angebote erstellen zu können. Zwei- oder dreidimensionale Grundrissaufmaße sind als Grundlage für die Planung dann erforderlich, wenn keine Pläne mehr vorhanden oder nicht mehr aktuell sind. Für diese beiden Einsatzprofile werden zwei unterschiedliche Aufmaßlösungen offeriert: Das mobile Handwerkeraufmaß für die vorwiegend alphanumerische Erfassung von Längen und Flächen sowie das skizzenorientierte Grundrissaufmaß. Ersteres erfasst mithilfe einer Formelsammlung und eines Aufmaßassistenten Flächen und Abzugsflächen alphanumerisch nach der Formel Länge mal Breite.


Automatisiert und verlässlich
Das vorwiegend für Planer und Baumeister konzipierte Grundrissaufmaß unterstützt die Messdatenerfassung visuell: Man zeichnet eine grobe Grundrissskizze, und das System fragt nacheinander alle erforderlichen Maße ab (Länge, Breite, Diagonale und ggf. Höhe). Beide Aufmaßkonzepte automatisieren den Messvorgang vor Ort, was Vorteile bietet: Die strukturierte Abfrage, teilweise auch Plausibilitätskontrollen stellen sicher, dass die Aufmaßdaten vollständig und korrekt sind, auch wenn man zwischendurch vom Bauherrn oder Handy abgelenkt wird. Das erspart einen erneuten Vor-Ort-Termin. Während das manuelle Aufmaß in der Regel zwei oder drei Personen voraussetzt (eine oder zwei Personen messen mit dem Maßband, eine Person notiert/skizziert), begnügen sich moderne Aufmaßsysteme mit einer Person. Da Bestandsdaten digital erfasst werden, spart das rechnergestützte Aufmaß einen kompletten Arbeitsschritt ein: die fehlerträchtige Eingabe der analogen Messdaten in den Bürorechner. Ein mobiles Aufmaßsystem besteht immer aus der auf einem mobilen PC (Smartphone, Pocket-PC, Tablet-PC, Note- oder Netbook) installierten Aufmaßsoftware sowie einem Laser-Distanzmessgerät mit drahtloser Datenübertragung per Bluetooth-Funkstandard. Ist kein Laser-Distanzmesser vorhanden, kann auch konventionell gemessen und manuell eingegeben werden.

Eine andere Form des mobilen Aufmaßes ist das fotografische Aufmaß: Es dient vorwiegend der schnellen Erfassung von Fassadenabmessungen auf der Grundlage von Fotos. Zwar können einige mobile Aufmaßsysteme auch (bedingt) dreidimensional aufmessen, für ein exaktes, wirtschaftliches 3-D-Aufmaß sind spezielle Lösungen aber sinnvoller. Damit lassen sich mithilfe eines eigens dafür konzipierten Messsystems respektive eines Tachymeters 3-D-Koordinaten auch runder oder frei geformter Wände, Treppen oder Dachschrägen sehr präzise erfassen (siehe bauzeitung 22/10). Die ebenfalls mobilen Laser-Scannersysteme sollen hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt werden. Dieses Messverfahren ist in der Auswertung sehr aufwändig, da beim Messvorgang anstelle einzelner markanter Messpunkte sogenannte „Punktwolken“ generiert werden. Dieses dichte Raster von Millionen von Messpunkten muss anschließend zeitaufwändig ausgewertet werden (siehe bauzeitung 06/09).

Zuordnung von Leistungspositionen
Wie funktioniert das mobile Aufmaß, und ist man damit tatsächlich schneller als mit konventionellen Mitteln? Beim klassischen Anwendungsfall des mobilen Handwerkeraufmaßes, der nachvollziehbaren Aufstellung von Raum- oder Bauteilabmessungen und deren Zuordnung zu den einzelnen Leistungspositionen, lassen sich tatsächlich Abläufe rationalisieren: Der Handwerker überträgt in der Regel zunächst die Angebotsdaten vom Büro-PC auf den mobilen PC. Auf der Baustelle wählt er nacheinander die aufzumessenden Positionen aus und misst die dazugehörigen Abmessungen mit dem Laser-Distanzmesser. Die Messwerte werden kabellos an den Mobil-PC übertragen und dort gespeichert. Im Büro werden die Messdaten per USB-Schnittstelle oder ebenfalls kabellos in die Branchensoftware übertragen und zu einem Aufmaß verarbeitet, das in die Rechnung integriert wird. Je nach Anwendungsfall lassen sich Raumaufmaße, Spaltenaufmaße oder freie Aufmaße generieren.

Der Messvorgang ist beim mobilen Grundrissaufmaß identisch, jedoch werden Grundrissskizzen und keine Zahlenkolonnen erzeugt. Dazu muss zunächst die Kontur des Raums skizziert oder aus vorgegebenen Beispielkonturen ausgewählt werden. Danach fragt das System schrittweise alle Wandlängen, Wandöffnungen, Raumdiagonalen und sonstige Bauteile ab. Mehrere Räume werden über Referenzpunkte verknüpft und sukzessive zu einer Grundriss-Binnenkontur zusammengefügt. Teilweise können auch Text- und Sprachkommentare oder Digitalfotos und Videos angehängt werden. Im Büro werden die Geometriedaten per DXF- oder DWG-Schnittstelle in ein CAD-Programm übertragen und dort zu Aufmaßplänen weiterverarbeitet (bemaßt, beschriftet, schraffiert etc.).

Zweifellos ist man beim Aufmaß mit konventionellen Mitteln schneller – insbesondere wenn eine Person aufmisst und eine zweite notiert. Die Bedienung von Soft- und Hardware nimmt einfach eine gewisse Zeit in Anspruch. Hinzu kommt, dass die Laser-Distanzmessung ihre Vorteile (höhere Präzision, Schnelligkeit) nur bei mittleren und großen Messdistanzen ausspielen kann. Beim Aufmaß von Details – komplex geformten Fensterlaibungen oder Ornamenten etc. – ist man mit dem Zollstock (oder einem Digitalfoto, auf dem man gut sichtbar den Zollstock mit ablichtet) erheblich schneller. Der entscheidende Vorteil ist aber, dass beim rechnergestützten mobilen Aufmaß zugleich gemessen und digitalisiert wird. Die digitalen Messdaten stehen sofort zur Weiterverarbeitung am PC zur Verfügung und ein kompletter Arbeitsgang entfällt: das zeitintensive und fehlerbehaftete Eintippen am PC.

Mobile Hardware für die Messdatenerfassung gliedert sich in die Kategorien der Smartphones, der Pocket-PCs, Tablet-PCs, Note- und Netbooks sowie in Spezialgeräte. Für die in eine Handfläche passenden Smartphones oder Pocket-PCs (auch: PDA, Organizer, Handheld oder Palmtop, teilweise auch mit Mobilfunkfunktion) sprechen kompakte Abmessungen und die gegenüber Note-/Netbooks längere Akkulaufzeit. Das kleine LC-Display (etwa 2–3,5 Zoll) und die vergleichsweise niedrige Bildauflösung (ca. 240 x 320 bis 640 × 960 Pixel) schränken grafische Einsatzmöglichkeiten allerdings ein. Tablet-PCs sind Notebooks ohne Tastatur. Das LC-Display ist Schreibtafel und Bildschirm zugleich, und die Daten werden wie beim Pocket-PC in erster Linie grafisch per kabellosen Stift eingegeben.

Eine Sonderform stellen Notebooks mit einem um 180 Grad drehbaren Display dar: Diese „Convertibles“ lassen sich sowohl als „normales“ Notebook als auch als Tablet-PC nutzen. Notebooks kann man sowohl mobil als auch als Desktop-Arbeitsplatz im Büro einsetzen. Sogar CAD-Pläne lassen sich auf Geräten mit hoher Bildauflösung und -größe der LC-Displays (13–18 Zoll Bilddiagonale, 1.366 x 768 bis 1.920 x 1.080 Pixel Bildauflösung) problemlos anzeigen, kommentieren und bearbeiten. Im Hinblick auf Einsatzflexibilität schneiden Note- und die etwas kleineren Netbooks am besten ab, denn auch alle im Büro eingesetzten Programme sind darauf lauffähig. Ohne Steckdose halten sie, je nach Gerät und Nutzung, drei bis fünf Stunden durch. Spezialgeräte für die mobile Datenerfassung sind meist stabiler gebaut und auf die jeweilige Anwendung optimal abgestimmt. Nachteilig ist, dass andere Anwendungen oder Office-Software darauf in der Regel nicht laufen. In jedem Fall sollten mobile Erfassungsgeräte einfach, bedienungsfreundlich und so robust sein oder es durch eine Zusatzausstattung (Gummiarmierung etc.) werden, dass sie auch für eine staubige oder feuchte Baustellenumgebung geeignet sind, über lange Zeiträume ohne Batteriewechsel/Akku-Aufladung auskommen und auch Minusgrade aushalten.

Die Investitionskosten liegen zwischen 1.000 und 5.000 Euro für ein Komplettsystem, bestehend aus Aufmaßsoftware, mobilem PC und Laser-Distanzmesser, inklusive Bluetooth-Schnittstelle. Nicht nur in Hard- und Software muss investiert werden. Mitarbeiter müssen auch in der Bedienung und Benutzung geschult werden, was zusätzliche Kosten generiert. Berücksichtigen sollte man auch, dass beim Aufmaß branchenspezifische Aspekte eine Rolle spielen. So müssen Öffnungen unterschiedlich behandelt werden – manche Fenster und Türen werden übermessen, andere Öffnungen abgezogen. Ferner sind Zulagen zu berücksichtigen etc. Hinzu kommt, dass jede Baustelle, jedes Messobjekt anders ist. Sobald es schräg, frei geformt und verwinkelt wird, Dachschrägen, Dachgauben oder versetzte Geschoßebenen zu berücksichtigen sind, müssen viele, insbesondere alphanumerisch orientierte Systeme passen. Nicht alle Systeme bieten einen (grafischen) Überblick über bereits Gemessenes und noch Aufzumessendes, was das Aufmaß bei manchen Systemen zu einem „Blindflug“ macht. Hinzu kommt ein weiteres praktisches Problem: Ein mobiles Aufmaßsystem hat man meist gerade dann nicht dabei, wenn man es braucht. Schon deshalb werden Bleistift, Papier und Zollstock ihre Daseinsberechtigung behalten – sie sind praktisch immer greifbar und funktionieren auch ohne Akku.

Dorian Kreicic

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Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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