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Autark auf 2.883 Höhenmeter

13.11.2009

Nur der spektakuläre Einsatz von Hubschraubern als Kranersatz, ausgefeilte Planung und österreichisches Know-how machten den Bau der Bergsteigerunterkunft Monte Rosa in den Schweizer Alpen möglich.

In 2.883 Meter Höhe, zwischen Fels und Eis des Schweizer Mont-Blanc-Massivs, streckt sich eines der aufsehenerregendsten Gebäude in den alpinen Himmel. Die neue Monte-Rosa-Hütte in ihrem metallisch schimmernden Erscheinungsbild in Form eines Bergkristalls zeigt die erstaunlichen Möglichkeiten moderner Bautechnik auf – und fügt sich ästhetisch in die atemberaubende Kulisse vor dem berühmten Matterhorn ein. Doch abseits von Naturlandschaft und zweckmäßiger, architektonischer Raffinesse steht die aufwändige und komplexe Errichtung der neuen Bergsteigerunterkunft für technisches Know-how und der weiteren Erforschung des Bauens unter extrem widrigen Bedingungen. Denn schon der Bauplatz des fünfstöckigen Holzbaus, ein Felsen in eisiger Kälte, enormen Windkräften ausgesetzt und kilometerweit entfernt von jeder Infrastruktur, stellte Planer wie Ausführende vor eine Herausforderung. Rund sechs Jahre Planung an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich gingen dem ambitionierten Bauvorhaben voraus. In einem offenen Prozess waren unter der Leitung von Meinrad Eberle und Andrea Deplazes insgesamt 33 Studenten an der Konzeption beteiligt – bis das endgültig ausgearbeitete Projekt vorlag. Und wenn auch die eigentliche Bauzeit in nur fünf Monaten sehr kurz gehalten werden konnte, gestaltete sich die Umsetzung aufgrund des ungewöhnlichen Bauplatzes naturgemäß schwierig. Möglich wurde dies alles nur durch weitgehende Vorfertigung der einzelnen Bauelemente. So wurde selbst der Stahlkern im Tal geschweißt und per Hubschrauber – als fliegender Kran – an die 15 Flugminuten entfernte Baustelle transportiert. Als österreichische Beteiligung am Projekt brachte sich das Unternehmen Velux mit Know-how und Material ein. Gerhard Maurer vom Fensterhersteller: „Aufgrund der hohen Anforderungen an die Außenhülle des Gebäudes ist der Einbau der Fenster eine sehr komplexe Aufgabe. Unter den gleichbleibenden klimatischen Bedingungen einer Vorfertigungshalle lässt sich natürlich viel besser arbeiten und viel bessere Einbauqualität herstellen als unter den extremen Wind- und Wetterbedingungen auf 2.900 Meter Seehöhe.“ Dementsprechend nahm auch der Kostenfaktor eine wesentliche Rolle ein. Zum Vergleich: Ein Kubikmeter Beton kostete für die alpine Baustelle umgerechnet 2.170 Euro, an üblichen Baustellen etwa 140 Euro. Nur dank Sponsorings der beteiligten Unternehmen konnten die Baukosten von 6,5 Millionen Schweizer Franken (4,2 Millionen Euro) aufgebracht werden.
Zur Abtragung der extremen Windlasten wurde die Berghütte mithilfe einer kreisförmigen Stahlkonstruktion mit zentrisch liegenden Verstrebungen im Gestein verankert. Auf diesem Stahlkern ist die Holzkonstruktion montiert, die sich nach oben hin ein wenig verjüngt. Um den Druck der Schneelast zu reduzieren, ist die Dachfläche deutlich geneigt. Eine Kaskadentreppe an der Peripherie führt über fünf Stockwerke zu den über dem zentralen Speisesaal liegenden 18 Zimmern. Diese Schlafräume für drei bis acht Personen sind wie Teilsegmente einer polygonalen Kreisstruktur aufgebaut. Die Holzriegelkonstruktion ist im Inneren des Gebäudes nahezu überall sichtbar. Die Außenhaut dagegen wird aus rohem Aluminium hergestellt, dahinter liegt eine 30 Zentimeter dicke Dämmschicht.

Zu 90 Prozent energieautark
Eine der vielen Besonderheiten des Baus ist die ausgefeilte Haustechnik und die Nutzung von Sonnenenergie. „Alles in allem ist die neue Monte-Rosa-Hütte zu 90 Prozent energieautark“, betont Daniel Ladner, einer der Projektleiter. An der Südseite wurde eine 120 Quadratmeter große Fotovoltaikanlage montiert, die das Gebäude mithilfe einer Speicherbatterie mit Strom versorgt. Ein 60 Quadratmeter großer thermischer Kollektor versorgt die Bergfexe mit Warmwasser. Die restlichen zehn Prozent an Energiebedarf werden über ein Blockheizkraftwerk auf Rapsölbasis erbracht. Vom Einsatz von Windkraft musste – trotz hervorragender Bedingungen aufgrund der extremen Lage – aus Kostengründen abgesehen werden. Die Voraussetzungen für eine spätere Installation wurden aber geschaffen. Die Klimatisierung der gesamten Hütte erfolgt über eine automatisierte Wohnraumlüftung mit Wärmerückgewinnung. Wesentlich für die energetische Optimierung waren neben einer entsprechenden Dämmung natürlich auch die Fenster von Velux. Maurer: „Jeder Schlafraum verfügt über zwei Fenster, die Tageslicht in das Innere dieses äußerst kompakten Gebäudes bringen. Aus wärmetechnischen Gründen wurden eher kleinere Modelle mit besonderes hohem Wärmeschutz gewählt.“ Auch die Frage nach einer notwendigen Wasserversorgung konnte gelöst werden: Das während nur weniger Monate im Jahr anfallende Schmelzwasser wird in einer Kaverne gesammelt und gespeichert. Eine Mikrofilteranlage auf bakterieller Basis reinigt die Abwässer, das Grauwasser wird für die Toilettenspülung und zum Waschen wiederverwendet.
Besonders ausgeklügelt und Gegenstand eines eigenen Forschungsprojektes der ETH ist die Steuerung der Haustechnik. Das gesamte Energiemanagement des Gebäudes wird durch „model predictive control“ überwacht und geregelt. Dabei werden dynamische Randbedingungen wie Wetterprognosen und Gästezahl berücksichtigt. Insgesamt werden so die CO2-Emissionen pro Übernachtung im Vergleich zur alten Hütte aus dem Jahr 1895 um mehr als zwei Drittel gesenkt.

Monte-Rosa-Hütte
• Bauherr: Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH), Schweizer Alpen-Club SAC
• Gesamtplanung: ETH Zürich, Leitung: Meinrad Eberle und Andrea Deplazes
• Bauausführung: Büro Bearth & ­Deplazes Architekten, Daniel Ladner
• Bauzeit: fünf Monate
• Baukosten: 4,2 Millionen Euro
• Autarkiegrad Energie: 90 Prozent
• Geschoßfläche: 1.154 Quadratmeter
• Gewicht Rohbau: 280 Tonnen
• Lage: Gemeinde Zermatt (Kanton ­Wallis), 2.883 Meter über dem Meeresspiegel

(Redaktion: Helmut Melzer)

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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