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Bau-Exporttag 2007 - Neue Märkte im Visier

04.04.2007

Die rasante Wirtschaftsentwicklung in den CEE-Ländern ist nach wie vor ungebrochen. Insbesondere der Bausektor entwickelt sich mit bis zu zweistelligen Zuwachsraten jährlich überdurchschnittlich dynamisch. Die Investitionsversäumnisse der Vergangenheit finden ihren Niederschlag in einem enormen Nachholbedarf in den Bereichen Infrastruktur-, Wohn- und Gewerbebau. In den meisten mittel- und osteuropäischen Staaten hinkt die jährliche Bauleistung nach wie vor dem tatsächlichen Bedarf hinterher. Die österreichische Bauindustrie hat die enormen Wachstumspotenziale in den osteuropäischen Märkten frühzeitig erkannt und erwirtschaftet einen wesentlichen Teil ihres Umsatzes mit Großbauvorhaben in Osteuropa. Im Gegensatz dazu hat eine vergleichsweise geringe Zahl an kleinen und mittleren gewerblichen Bauunternehmen den Schritt über die Grenze gewagt und versucht sich auf den Wachstumsmärkten mit Niederlassungen zu positionieren.

Im Rahmen des diesjährigen, von der Außenwirtschaft Österreich (AWO) der Wirtschaftskammer Österreich in Kooperation mit der Geschäftsstelle Bau veranstalteten Bau-Exporttages wurde den zahlreich erschienen Vertretern aus Baugewerbe und Baustoffindustrie ein umfassender Überblick zu den Geschäftschancen für klein- und mittelständische Bauunternehmen in den Märkten Ungarns, Tschechiens und der Slowakei geboten. Walter Resl, verantwortlich für die CEE-Länder innerhalb der Außenwirtschaft Österreich, verwies in seinem Impulsreferat auf die positiven Auswirkungen für die heimische Bauwirtschaft durch die EU-Erweiterung. „Bis 2013 werden rund 190 Milliarden Euro aus den Mitteln der EU-Strukturfonds nach Ungarn, Tschechien und in die Slowakei fließen.

Dadurch werden enorme Wachstumstimpulse gesetzt, von denen vor allem die Bauwirtschaft profitieren wird. Wir sehen dabei auch große Potenziale für österreichische Gewerbebetriebe, sich mit ihrem Know-how nachhaltig auf diesen Wachstumsmärkten zu positionieren“, so Resl. „Gerade im Dienstleistungsexport besteht noch enormes Potenzial für österreichische Unternehmen. Deshalb möchte die Bundesinnung Bau mit Veranstaltungen wie dem Bau-Exporttag besonders die KMUs im Baugewerbe zum Schritt über die Grenze ermutigen und darüber informieren, welche Unterstützung ihre Interessenvertretung bei einem solchen Vorhaben bieten kann“, erläutert Bundesinnungsmeister Johannes Lahofer. Auch Manfred Katzenschlager, Geschäftsführer der Geschäftsstelle Bau, ist von den Chancen gewerblicher Bauunternehmen in den osteuropäischen Wachstumsmärkten überzeugt: „Angesichts der florierenden Baukonjunktur wäre es nahezu fahrlässig, nicht in diesen dynamischen Märkten tätig zu werden. Die Aussichten für heimische Gewerbebetriebe auf einen wirtschaftlich erfolgreichen Markteintritt sind hoch. Wir wollen mit dieser Informationsveranstaltung einen Beitrag leisten, um die weitverbreiteten Bedenken gegenüber einer Expansion in die neuen EU-Mitgliedsstaaten abzubauen.“

Chance Wohnbau

Die mit Abstand größten Umsatzpotenziale für heimische Bauunternehmen in den osteuropäischen Wachstumsmärkten eröffnen sich im Wohnungsneubau sowie im Bereich der Sanierung. „Der Wohnungsbestand in der Slowakei ist zurzeit auf einem Niveau wie in Österreich vor 25 Jahren. Der Nachholbedarf im Wohnbau ist daher enorm. Um die Slowakei auf europäischen Standard zu heben, ist die Errichtung von über 500.000 zusätzlichen Wohneinheiten erforderlich“, berichtet Josef Schmidinger, Generaldirektor der S-Bausparkasse. Die Bauwirtschaft ist mit einem Anstieg der Bauproduktion im vergangenen Jahr in der Größenordnung von 13 Prozent der Wachstumsmotor der dynamischen Wirtschaftsentwicklung in der Slowakei. „Dieser Wachstums­trend in der Bauwirtschaft wird sich auch in den kommenden Jahren weiter fortsetzen. Vor allem die Bautätigkeit in den wenig entwickelten Gebieten der Mittel- und Ostslowakei wird mittelfristig stark anziehen. Es besteht ein enormer Bedarf an professionellen Baufirmen und Baustoffzulieferern. Auch im Bereich Facility-Management können heimische Unternehmen punkten“, zeigt sich Konstantin Bekos, österreichischer Handelsdelegierter in Bratislava, überzeugt. Die geplanten Investitionssummen bis 2015 versprechen volle Auftragsbücher. So sind für die kommenden acht Jahre rund 900 Milliarden Slowakische Kronen für den Wohnungsneubau und die Bestandssanierung budgetiert.

Weitere 450 Milliarden Slowakische Kronen stehen für Industrieprojekte zur Verfügung. „Der professionelle Zugang der österreichischen Bauunternehmen wird in der Slowakei stark nachgefragt. Vor allem hinsichtlich der termingerechten Abwicklung von Bauvorhaben genießen österreichische Baufirmen ein hohes Ansehen“, erläutert Bekos. Um sich als mittelständische Bauunternehmen nachhaltig auf dem slowakischen Markt etablieren zu können, ist die enge Kooperation mit ortsansässigen Unternehmen unabdingbar. „Große Chancen sehe ich im Wohnbau und hier vor allem im Einfamilien- und Reihen­hausbau. Wenn man sich als österreichisches Bauunternehmen für den Schritt über die Grenze entscheidet, sollte man unbedingt eine Niederlassung vor Ort gründen und diese einem mit dem Marktumfeld vertrauten Mitarbeiter überantworten“, rät Günther Malloth, Vorstand des slowakischen Projektmanagementunternehmens IPEC. Nach der Einschätzung Schmiedingers sind die osteuropäischen Märkte für gewerbliche Bauunternehmen nicht nur aufgrund der positiven Konjunkturprognosen attraktiv, sondern auch aufgrund der Angleichung der rechtlichen Rahmenbedingung an westeuropäisches Niveau. „Es gibt beachtliche Chancen im Wohnungsbau und das geschäftliche Risiko ist kalkulierbar. Ein großer Vorteil für heimische Bauunternehmen ist die Präsenz österreichischer Bank­institute, die mit ihrer langjährigen Erfahrung umfassende Hilfestellungen anbieten können“, so Schmiedinger.

Hoffnungsmarkt Tschechien

Die Bilanz von Nikolaus Seiwald, österreichischer Handelsdelegierter in Prag, hinsichtlich der Chancen und Potenziale heimischer Bauunternehmen in Tschechien fällt ebenfalls positiv aus. „Die Bauwirtschaft hat von der dynamischen Wirtschaftsentwicklung der vergangenen Jahre überdurchschnittlich profitiert und zählt zu den größten Wachstumsbrachen in Tschechien“, so Seiwald. Mittelfristig wird sich die Baukonjunktur auf einem Niveau von jährlichen Zuwachsraten in der Größenordnung von fünf Prozent stabilisieren. Ähnlich wie in der Slowakei besteht auch in Tschechien ein enormer Nachholbedarf im Wohnungsneubau und der Sanierung. „Vor allem bei kleinen Wohnbauprojekten sehe ich gute Chance für österreichische Gewerbebetriebe, Aufträge an Land ziehen zu können. Eine zusätzliche Möglichkeit sehe ich im Bereich der Bauträgertätigkeit“, ist Seiwald überzeugt. Als besonderer Vorteil erweisen sich die liberalen arbeits- und gewerberechtlichen Rahmenbedingungen in Tschechien. So können Unternehmen aus EU-Mitgliedsstaaten ohne großen bürokratischen Aufwand für einen Zeitraum von zwölf Monaten jene Tätigkeiten ausüben, zu denen sie in ihrem Heimatland gewerberechtlich zugelassen sind. Bei einem längerfristigen Engagement in Tschechien rät Seiwald zur Übernahme eines am Markt gut positionierten Bauunternehmens, um dadurch auf die notwendigen personellen Ressourcen und Branchenkenntnisse zurückgreifen zu können. „Ich sehe für mittelständische Bauunternehmen in Tschechien ein großes Potenzial. Eine Vielzahl der anstehenden Bauvorhaben kann von den klein strukturierten tschechischen Bauunternehmen nicht oder nur ungenügend abgewickelt werden. Insbesondere österreichische Bauunternehmen genießen aufgrund ihrer hohen Fachkenntnisse einen sehr guten Ruf und verfügen damit über einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil“, so Seiwald. Um an Bauaufträge zu gelangen, empfiehlt Seewald intensive Kontakte mit den kommunalen Planungs- und Bauabteilungen sowie die Zusammenarbeit mit ortsansässigen Architektur- und Zivilingenieursbüros. „Als nützlich erweist sich auch das zentrale tschechische Ausschreibungsregister, das online abrufbar ist“, ergänzt Seiwald. Die Außenhandelsstelle der Wirtschaftskammer in Prag bietet mit dem Bauprojekte-Newsletter darüber hinaus eine aktuelle Auflistung von ausgeschriebenen Bauvorhaben.

Spezialwissen gefragt

Im Gegensatz zu Tschechien unterliegt das grenzüberschreitende Arbeiten von österreichischen Bauunternehmen in Ungarn wesentlich restriktiveren Rahmenbedingungen. „Die einzige Möglichkeit, in Ungarn als Bauunternehmer tätig zu werden, besteht in der Gründung einer Zweigniederlassung. Die Firmengründung selbst erfolgt in der Regel ohne großen bürokratischen und finanziellen Aufwand“, erläutert Peter Rejtö, österreichischer Handeldelegierter in Budapest. Auch in Ungarn entwickelt sich die Baukonjunktur nicht zuletzt aufgrund massiver Investitionen in den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur dynamisch. „Für mittelständische Bauunternehmen sehe ich jedoch nur dann Chancen auf einen erfolgreichen Markteintritt, wenn sie Speziallösungen anbieten und Nischen besetzen können. Insbesondere im Bereich der Wohnbausanierung können österreichische Bauunternehmen mit ihrer Erfahrung punkten“, so Rejtö.
Zum Abschluss des Bau-Exporttags bestand für die Teilnehmer die Möglichkeit, im Rahmen von Einzelgesprächen mit den Handelsdelegierten vertiefende Informationen zu den Marktbedingungen einzuholen.

Stefan Pruckmayr

Artikel aus: bau.zeitung 13/07, S. 36f

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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