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Rund drei Viertel – genau 72,5 Prozent – der Befragten gaben an, BIM derzeit noch nicht zu nutzen. 27,5 Prozent der heimischen Unternehmen verwenden, laut einer Umfrage, bereits BIM.

Bauen Sie noch oder BIMen Sie schon?

26.03.2018

Eine Masterarbeit der TU Graz nahm den Status quo zur Nutzung von BIM in heimischen Unternehmen genau unter die Lupe. Das Fazit: In Sachen Digitalisierung ist noch Luft nach oben.

BIM ist mehr als ein Trend. BIM ist die Zukunft. An BIM kommt man künftig nicht mehr vorbei. – Dieser Meinung sind zahlreiche Vordenker und Vertreter der Baubranche und vor allem der heimischen Bauindustrie. Ein Blick ins europäische Ausland bestätigt diese Ansicht. In Skandinavien ist Building Information Modeling im Infrastrukturbau nicht nur Alltag, sondern wird von den Auftraggebern vorgeschrieben­ – ähnlich­ sieht es in Großbritannien aus. Und auch unsere deutschen­ Nachbarn wollen ab 2020 Planen und Bauen mit BIM für Infrastrukturprojekte verbindlich machen. International wird sich der Markt für BIM-Anwendungen in den Jahren von 2014 bis 2022 voraussichtlich vervierfacht haben – von 2,7 auf zirka 11,5 Milliarden Dollar, so eine Studie des Unternehmensberaters Roland Berger. In Österreich ist man davon noch weit entfernt. Die Asfinag startet mit dem Neubau der Autobahnmeisterei Bruck an der Leitha ein erstes BIM-Pilotprojekt, Hochbauten wie die ÖAMTC-Zentrale sind noch die große Ausnahme und gelten als Leuchtturmprojekte.

So richtig Fuß gefasst scheint Building Information Modeling­ in der heimischen Baubranche demnach noch nicht zu haben. Oder täuscht dies nur? Wilhelm Brugger hat diese Frage im Rahmen seiner Masterarbeit „BIM in Österreich / Status quo 2017" am Institut für Baubetrieb und Bauwirtschaft an der Technischen Universität Graz, betreut von Univ.-Prof. Gottfried ­Mauerhofer, genau unter die Lupe genommen. Befragt wurden im Wesent­lichen planende und/oder ausführende Baumeister sowie Ziviltechniker, also Klein- und Kleinstunternehmen der Bau­branche. Im Rahmen der Befragung konnte kein regionaler­ Schwerpunkt ausgemacht werden – in den Bundesländern ­Kärnten und Burgenland­ hielt sich das Interesse am Thema BIM oder an der Umfrage jedoch in Grenzen.

Kennen ja - nutzen nein

Bei wie vielen heimischen Unternehmen ist BIM schon im ­Einsatz? Rund drei Viertel – genau 72,5 Prozent – der Befragten gaben an, BIM derzeit noch nicht zu nutzen. 27,5 Prozent der Umfrageteilnehmer verwenden demnach bereits BIM im Unternehmen. Auch der Wissensstand wurde im Rahmen der Master­arbeit abgefragt. Auf einer Skala von null bis 100 Prozent schätzte knapp die Hälfte ihr BIM-Know-how auf weniger als 60 Prozent. Etwas mehr als die Hälfte schätzt sich besser ein. Als BIM-­Profis mit einem Wissensstand von 100 Prozent bezeichnen sich jedoch nur 6,5 Prozent der Befragten. Ob diese Ergebnisse allerdings wirklich die Realität widerspiegeln, ist fraglich. Auch unabhängig von der Masterarbeit zeigt sich in Gesprächen und Diskussionen immer wieder, dass unter dem Terminus BIM oft Unterschiedlichstes verstanden wird. Gern wird zum Beispiel die Arbeit mit einer BIM-fähigen Software oder an einem 3D-Modell bereits als BIM-Anwendung bezeichnet, was jedoch eigentlich nur als Vorstufe beziehungsweise als ein Teil des BIM-Workflows angesehen werden kann.

Wer war´s?

Verwenden kann und soll BIM künftig jeder fast jeder: Architekten,­ Fachplaner, Ausführende und später auch Betreiber.­ Nur dann kann BIM seine Vorteile voll ausspielen. Hier beginnen­ allerdings die Grabenkämpfe zwischen den einzelnen Ebenen.­ Während sich vor allem die Bauindustrie oder größere Bauunternehmen als Totalunternehmer positionieren wollen und dies auch aktiv vorantreiben, sehen Planer und Ziviltechniker ihre Felle davonschwimmen. Christian Aulinger, Präsident der Bundes­kammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten, warnte im Rahmen eines D-A-CH-Treffens mit Branchenkollegen davor, die Planungskompetenz aus der Hand zu geben. „Planung und Ausführung gehören nach wie vor getrennt, ansonsten leidet­ die Qualität", so Aulinger. Im Zuge dessen forderte er auch die Politik auf, die Versprechungen eines Rundum-sorglos-Pakets durch Totalunternehmer kritisch zu hinterfragen. Anders sehen es naturgemäß Vertreter des Baugewerbes und der Bauindustrie. Ein im Rahmen der Masterarbeit befragter anonymer Experte sieht den „meisten Sinn beim Totalunternehmer, welcher plant und baut und so die Datendurchgängigkeit am besten nutzen kann. Ein weiterer Vorteil stellt in diesem Zusammenhang die Vermeidung von Schnittstellen dar." Besonders effizient sei demnach ein planender und ausführender Baumeister.

Schnittstellen sind Problemstellen

Ebendiese Schnittstellen zwischen den Projektbeteiligten sind auch die größten Herausforderungen bei einem BIM-Projekt. Viele große Unternehmen kochen derzeit ihr eigenes Software-Süppchen und setzen auf „Closed BIM"-Systeme und eigene Standards. Diese seien zwar im Grunde normenkonform, aber im Detail entscheidend unterschiedlich, so ein Experte im ­Rahmen der Masterarbeit. Auch bei den verschiedenen Software­herstellern wie Autodesk Revit, ArchiCAD von Graphisoft, ­Allplan oder Tekla Structures gibt es diesbezüglich laut Branche noch Optimierungspotenzial. Aktiv an der Verbreitung einer offenen BIM-Anwendung und der Verbreitung des IFC-(Industry-­Foundation-Classes-)Standards­ arbeitet der Interessenverband Building Smart. Erst kürzlich wurde das Österreich-Chapter des Verbands gegründet. Open BIM wäre vielleicht eine Lösung für das technische Schnittstellenproblem – die fehlenden Fachleute hinter den PCs werden dadurch jedoch nicht herbeigezaubert. Der Mangel an BIM-fittem Personal ist laut der Masterarbeit nämlich das zweitgrößte Problem. Ebenfalls ein wesentlicher Hemmschuh für die Implementierung für die Einführung von BIM sind die Kosten.

Die Zukunft wird BIM

Dass man an BIM nicht mehr vorbeikommen wird, darin sind sich auch die im Rahmen der Masterarbeit von Wilhelm Brugger befragten Unternehmen einig – jedoch nicht darin, wann der BIM-Zug auch in ihrem Unternehmen ankommen wird. Mit knapp 42,5 Prozent plant knapp die Hälfte der Befragten die Anwendung von BIM in fünf Jahren oder länger. Die Vermutung liegt nahe, dass sich der Zeitraum noch weiter nach hinten verschoben hätte, wäre dies zur Auswahl gestanden. Als Gründe dafür wurden unter anderem die gewachsene Branchenstruktur genannt, die sich nur schwer an die digitalen Möglichkeiten anpassen lässt. Auch die aktuell hohe Auslastung der Unternehmen sorge dafür, dass die Diskussion rund um BIM im Alltagsgeschäft in den Hintergrund rutscht. Diese langsame Umstellung könnte zu einem Problem werden spätestens wenn die öffentliche Hand den BIM-Einsatz bei Bauprojekten vorschreibt. Paradoxerweise sind dennoch 86,3 Prozent der Befragten der Ansicht, dass der Stellenwert von BIM im Bauwesen zunehmen wird (44,3 Prozent trifft zu; 21,0 Prozent trifft eher zu), auch wenn die Umsetzung zurzeit noch sehr schleppend voran geht.

Höhere Qualität

Sowohl Planer als auch Ausführende und nicht zuletzt Auftrag­geber haben hohe Erwartungen in den Einsatz von BIM. Die schnellere Erstellung von Leistungsverzeichnissen, Kalkulation und Massenermittlung sowie die daraus resultierende Steigerung der Prozessqualität steht hierbei im Mittelpunkt. Zum Teil stiefmütterlich wird bei Planung und Ausführung der Bereich Facilitymanagement behandelt – doch gerade hier soll die Dokumentation in einem digitalen Gebäudezwilling künftig ihre Vorteile ausspielen können.

Wann, wenn nicht jetzt

Die Ergebnisse der Masterarbeit sind eindeutig. In Sachen BIM und Digitalisierung ist bei österreichischen Planern und Ausführenden noch viel Luft nach oben. Weil fehlendes Know-how und Fachpersonal auf Dauer keine Ausrede sein kann, sollten­ Unternehmen das immer größere werdende Angebot an BIM-­Schulungen, Beratungen, Workshops, Arbeitsgruppen und ­Förderungen nutzen. Denn dass BIM kommt, darin ist sich die Baubranche einig

Autor/in:
Sonja Meßner
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