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Baukultur ist mehr als nur Architektur

30.01.2008

Die Zukunft der niederösterreichischen Architektur und Baukultur stand im Mittelpunkt der 22. Baustudienwoche der Landesinnung Bau Niederösterreich in Puchberg am Schneeberg. Andreas Kropik eröffnete die Bildungswoche der niederösterreichischen Baumeister mit seinem Vortrag „Effektives Nachtragsmanagement“.

Über die Zukunft der niederösterreichischen Baumeister wie auch der Baukultur in Niederösterreich diskutierten Landesrat Wolfgang Sobotka, Architekt Franz Sam, Baumeister Alfred Graf, Gedesag-Direktor, Robert Jägersberger, Landesinnungsmeister Bau Niederösterreich, und Erwin Krammer, Landesinnungsmeister-Stellvertreter. Jägersberger betonte die Herausforderungen, mit denen das Baugewerbe konfrontiert ist: „Baukultur und Architektur sind wichtige Themen für uns. Jedoch sehe ich auch die Verantwortung bei Bauherren und Politik. Wir haben mit dem Baupreis ein sichtbares Zeichen gesetzt, mit dem wir Gestaltung, Technik, Funktion wie auch Benutzerqualität eines Gebäudes auszeichnen. Bei der Baukultur drückt sich neben Architektur die handwerkliche Qualität aus.“

Frage der Gesinnung

Erwin Krammer forcierte das Stichwort Nachhaltigkeit: „Nur gemeinsam werden wir das Ziel, die Baukultur zu steigern, erreichen. Ein Miteinander von Planern, Ausführenden und Bauherren ist unverzichtbar.“ Krammers Anliegen findet er in einem Zitat Goethes bestätigt: „‚Architektur besteht nicht im Häuserbauen, sondern in der Gesinnung.‘ Gute Architektur repräsentiert nicht nur Kunst, sondern bauausführende Dienstleistung. Der Gestaltungsbeirat ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, dennoch müssen Raumordnung und Bauherren stärker in den gesamtgesellschaftlichen Kontext des Bauens involviert werden.“ Für Krammer zählen neben der Gestaltung vor allem soziale, ökologische und ökonomische Aspekte, welche die Nachhaltigkeit eines Gebäudes ausmachen.

Bauen prägt Menschen

Franz Sam: „Einerseits bestimmt die Entwicklung Baukultur der Auftraggeber, und in welchem Maß dieser zur Baukultur steht, andererseits der Planer wie auch die Ausführungsqualität.“ Für Alfred Graf wird im Einfamilienhaus noch zu wenig auf Baukultur geachtet: „Standen früher Zweckmäßigkeit und Kosten an erster Stelle, haben wir heute unsere Ansprüche um Ökologie erweitert. Baukultur ist für uns wichtig – der Gestaltungsbeirat ist dabei entscheidend. Vor allem die zunehmende Do-it-yourself-Mentalität vieler Bauherren im Eigenheimbereich verwandelt Baukultur oft in eine Allerweltsarchitektur, die sich weder an räumlichen noch regionalen Gegebenheiten orientiert. Auch die öffentliche Hand hat kulturelle Verantwortung wahrzunehmen.“ Dazu Jägersberger: „Wir sind ein wichtiger Teil der Baukultur in Niederösterreich, müssen aber durch ein darauf ausgerichtetes Förderinstrumentarium, eine aktualisierte Vergabepraxis und durch einen Sitz im Gestaltungsbeirat unterstützt werden, um unsere gesellschaftliche und kulturelle Aufgabe optimal erfüllen zu können.“ Landesrat Sobotka signalisierte seine Gesprächsbereitschaft bezüglich der Aufnahme von Baumeistern in den Gestaltungsbeirat.

Franz Sam wünschte sich mehr Mut von privaten und öffentlichen Bauherren zu Baukultur als auch, dass sich Planer und Ausführende noch stärker als Bauschaffende definieren. „Architektur ist wesentlich auch von der Qualität der Bauausführung geprägt. Dort sehe ich eine wichtige Chance für die Berufs­identität des Baugewerbes. Die Massivbauweise bietet eine ganze Reihe von Vorteilen gegenüber dem Leichtbau, u. a. die Veränderbarkeit von Bauwerken je nach Nutzungserfordernis. Architektur, die unveränderbar ist, ist nicht nachhaltig.“ Wolfgang Sobotka zeigte sich überzeugt davon, dass Niederösterreich einen guten Weg in der Baukultur geht: „Bauen ist die nachhaltigste Form in der Kunst – und prägt wie keine andere die Menschen. Baukunst definiert die Grundlage, prägt Menschen in Ästhetik, Sozialisation und Emotionen. Unser Umgang mit dem Bauen ist ja für alle sichtbar dokumentiert. Qualität muss deshalb oberste Priorität beim Bauen haben. Diesen Qualitätsanspruch muss man durchgängig stellen: In Funktion, Ökologie und Ökonomie. Ich vermisse nur das Bedürfnis der Bauherren, mit ihrem Bau etwas ausdrücken zu wollen. Das bedeutet aber auch, dass von den Bauschaffenden eine 100-prozentige Hingabe zu dem jeweiligen Auftrag gefordert ist. Allein mit Verordnungen gewinnen wir nicht an Baukultur, Normen sind ein niedergeschriebener Erfahrungsaustausch, spiegeln den technischen Stand wider, jedoch keine gestalterische Komponente. Normen sind da nicht dienlich, die sichern maximal die technische Qualität, aber nicht die Gestaltungsqualität.“

Preis- und Qualitätskämpfe

Graf brachte die Problematik auf den Punkt: „Die Kultur der Bauherren ist halt oft geteilt zwischen wollen und können!“ Graf sprach damit die finanziellen Möglichkeiten der Bauherren an. Jägersberger stimmte zu und betonte zugleich, dass die regionale Wertschöpfung erhalten und forciert werden muss: „Unsere Fördergelder müssen im Land bleiben. Das ist für mich der soziale Bereich der Nachhaltigkeit – wir wollen eine volle Firmenbeschäftigung unserer Betriebe. Der Leichtbau agiert u. a. zum Teil gegen unsere Wertschöpfung, wenn sich dieser mit Bauteilen aus dem Osten bedient.“
Krammer bestätigte den positiven Einfluss des Gestaltungsbeirates auf die gebaute Qualität wie auch die Baukultur: „Wir müssen im Kontext mit der Umgebung planen und bauen, dabei muss die Ökologie, also energieeffiziente Maßnahmen, einen wichtigen Stellenwert einnehmen.“ Auf die Frage, wie sich der Beruf des Baumeisters entwickeln wird, zeigte sich Krammer überzeugt, dass Baumeister mehr zu Generalisten werden müssen: „Nicht nur ein perfektes Management wird immer stärker gefragt sein, auch auf spezifische regionale Aspekte muss eingegangen werden.“ Graf warf dazu ein, dass individuelle Pakete selbstverständlich sein müssen.

Zur Baukultur wie zur Bauherrenbestellqualität wurden auch die finanziellen Spielräume der Bauherren thematisiert, Stichwort Wohnbauförderung. Sobotka wies darauf hin, dass die Qualität wie auch die Treffsicherheit der Wohnbauförderung seitens des Landes bis zum Sommer hinterfragt werden wird. Das Land Niederösterreich plant im Frühjahr eine zusätzliche Förderschiene unter dem Motto „Mein Haus, mein Kraftwerk“. Bezugnehmend auf Robert Jägersbergers Forderung zum Erhalt der regionalen Wertschöpfung konterte Sobotka, dass er die Problematik mit dem Leichbau nicht teilt: „Das ist ein fixer Bestandteil unserer Industrie. Es kann aufgrund der heimischen Förderung keine Wettbewerbsvorteile geben. Darüber hinaus bin ich davon überzeugt, dass wir ein Qualitätszertifikat finden sollten, damit der Bauherr Bescheid weiß, was sein Haus kann.“ Jägersberger fügte noch Kritik an so manchem Vergabeverfahren an – als aktuelles Beispiel erwähnte er die Vergabe des Krankenhauses Mistelbach, welches im Rahmen eines Totalunternehmerverfahrens abgewickelt wird. Jägersberger betonte die Problematik des Preises, bei dem kleine Bauunternehmen nicht mithalten können.

Den richtigen Schwung zum Abschluss der Baustudienwoche fanden einerseits die Teilnehmer der traditionellen Landesskimeisterschaft der niederösterreichischen Baumeister – in drei Altersklassen: In der Jungbaumeistertruppe erreichte Manuel Brunner Platz 1, Günther Bauer Platz 2 und Johann Rumpl Platz 3. In der Altersklasse 2 gewann Robert Jägersberger, Herbert Riberich Platz 2, Oskar Schade Platz 3. In der Altersklasse 3 erreichte Erhard Watzinger Platz 1, Werner Amon Platz 2, Josef Sekura Platz 3. Gewaltige Eindruck hinterließ der Damenwettkampf mit Astrid Riberich auf Platz 1, Sandra Höbarth Platz 2, Hermine Moser Platz 3.
Franz Bailom gab den rund 60 Teilnehmern zu guter Letzt den nötigen Schwung für ein erfolgreiches Baujahr 2008 mit. Bailoms Vortrag mit dem Titel „Auf sie mit Gebrüll – oder doch lieber mit Gefühl“ zeigte auf beeindruckende Art und Weise anhand von erfolgreichen Unternehmen Wege auf wie es gelingen kann, flüchtige Kunden wieder einzufangen. Der massive Preisdruck bei immer höherer Qualität betrifft die gesamte Wirtschaft. Bailom präsentierte eine Fülle an Wegen aus der Preisspirale, um den erbitterten Preis- und Qualitätskämpfen zu entkommen und dennoch die Marktposition halten beziehungsweise weiter ausbauen zu können.

Gisela Gary

aus: bau.zeitung 4/08, S. 14f

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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