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Baustoffhandel

22.11.2004

Gefordert ist heute Kostensenkung und mehr Produktivität durch ein intelligentes Logistikmanagement bei Bauprojekten.

Seit der Mensch sesshaft geworden ist, spielt Bauen eine zentrale Rolle in der Entwicklung der Gesellschaft und Zivilisation. Angefangen von einfachsten Behausungen zum Schutz vor den Naturgewalten über monumentale Bauten des Altertums bis hin zu intelligenten „High-Tech“-Gebäuden der Neuzeit sind Bauwerke untrennbarer Bestandteil und Spiegelbild der menschlichen Kultur.
Interessanterweise stehen jedoch seit Jahrhunderten meist die Architekten und Planer von Bauten im Blickpunkt des öffentlichen Interesses – prägten und prägen sie doch durch ihre Konstruktionen bis heute das Bild unserer Städte, Gemeinden und Landschaften. Diese überwiegend positive Entwicklung „technisch-architektonischer Baukultur“ korrespondiert jedoch nicht mit einer entsprechend gleichgerichteten Entwicklung der „betriebswirtschaftlich-organisatorischen Baukultur“. Anders ausgedrückt: Die organisatorischen Innovationen in der Planung, Erstellung und Nutzung von Bauten konnten nicht mit der steigenden Dynamik architektonischer Produkt- und Werkstoffinnovationen im Sinne immer leistungsfähigerer Baukonstruktionen Schritt halten.
Vor diesem Hintergrund entstand das heutige Bild der traditionsverhafteten, wenig beweglichen Baubranche, die es zwar im Ergebnis schafft, konstruktiv immer komplexere Bauwerke zu realisieren, dazu jedoch in der Auftragsabwicklung auf Marktmechanismen und Lösungskonzepte des vergangenen Jahrhunderts zurückgreift. Die Folgen eines nicht mehr zeitgemäßen Baumanagements sind neben hohen Baukosten und steigenden Insolvenzquoten im Baugewerbe ein negatives Branchenimage, das Bauen mit Korruption, Schwarzarbeit, mangelhafter Kundenorientierung und schlechter Dienstleistung assoziiert.
Das Dilemma geringer Innovationsfähigkeit in der Baubranche liegt jedoch weniger darin begründet, dass z.B. hinsichtlich moderner Informations- und Kommunikationstechnologien unüberwindbare Ressentiments bestehen. Vielmehr zeigt ein Blick in den Unternehmensalltag, dass in preisbasierten hierarchischen Wettbewerbsstrukturen kaum Anreize bestehen, die vorhandenen organisatorischen Probleme zu lösen. Dies betrifft insbesondere den Bereich der überbetrieblichen Zusammenarbeit, der zwar in seinem Rationalisierungspotenzial von den Akteuren erkannt, in der Baupraxis jedoch traditionellen Ritualen in der Ausschreibung und Auftragsvergabe geopfert wird.
Besonders die deutsche Bauwirtschaft, die sich seit dem Abflachen des Baubooms der deutschen Wiedervereinigung Mitte der 90er-Jahre in ihrer größten Strukturkrise der Nachkriegszeit befindet. Die schrumpfende Nachfrage nach Bauleistungen führt dabei auf allen Wertschöpfungsstufen des Bauprozesses zu einem ruinösen Verdrängungswettbewerb, der sich durch das Eindringen osteuropäischer Anbieter in den ehemals protektionierten Inlandsmarkt immer weiter verschärft.
Beispielhaft für diesen Branchenniedergang steht der Wohnungsbau in Deutschland mit seinen traditionellen gewerke- und standesorientierten Organisationsformen, die es bis dato verhindert haben, der anhaltenden Strukturkrise adäquate Lösungskonzepte entgegenzusetzen. So bleibt der Wunsch vieler privater Haushalte nach den eigenen vier Wänden unerfüllt. Zu hoch sind die geforderten Baupreise, zu intransparent der gesamte Bauablauf, zu groß der Ärger mit mangelhafter Bauqualität und langen Bauzeiten.
Vor dem Hintergrund dieses Dilemmas entdeckt die Bauwirtschaft zunehmend auch Felder der betriebswirtschaftlichen Rationalisierung, die in der Vergangenheit weitgehend unbeachtet geblieben sind. Speziell durch Großbauprojekte, wie der „Potsdamer Platz“ in Berlin, wird in diesem Zusammenhang auch das Thema Logistik in den letzten Jahren als mögliches Erfolgskriterium in der Auftragsabwicklung von Bauprojekten thematisiert. Gleichwohl wird bis heute weder im Baugewerbe noch bei den Architekten eine effektive und effiziente „Baulogistik“ im Rahmen von Planungs- und Steuerungsprozessen berücksichtigt.
Dieses Know-how-Defizit erstaunt umso mehr, als dass eine Reihe von Argumenten für eine intensivierte Auseinandersetzung mit den Leistungspotenzialen eines professionalisierten, an der überbetrieblichen Gesamtleistung orientierten Logistikmanagements in Bauprojekten sprechen:
1. Auf der Baunachfrageseite lassen vor allem im Wohnungsbau demografische und absatzmarktbezogene Entwicklungen eine wachsende Anzahl von Bauprojekten mit geringen Auftragsvolumina erwarten – bei gleichzeitig immer spezielleren Anforderungen in der Problemlösung. Die parallel dazu steigende logistische Steuerungskomplexität der sachlichen und personellen Ressourcen kann nach Meinung der Baupraxis nur über eine verbesserte kooperative Zusammenarbeit aller am Bau beteiligten Akteure wirtschaftlich bewältigt werden.
2. Feldstudien im Ausbaugewerbe beweisen, dass nur ca. 30% der Arbeitszeit des Baupersonals auf den Baustellen produktiv genutzt wird. Der Rest sind Verteil- und Rüstzeiten, die sich zu großen Teilen aus Aktivitäten des Suchens, Wartens oder Transportierens von Baustoffen, Baugeräten sowie der Entsorgung von Bauabfällen zusammensetzen. Ursächlich für diese Verschwendung produktiver Arbeitszeit ist vor allem das „Logistik-Chaos“ auf den Baustellen mit mangelhafter Kapazitäts- und Baustellenplanung, rudimentärer Arbeitsvorbereitung sowie unzureichender Kommunikation zwischen Bauplanung, Bauausführung und Baustellenversorgung.
3. Großbauprojekte der jüngsten Vergangenheit, als Beispiel ist hier der „Potsdamer Platz“ in Berlin zu nennen, konnten die Leistungsfähigkeit organisatorischer und informationstechnologisch integrierter Logistiksysteme in der Baustellenver- und -entsorgung demonstrieren. Es stellt sich die Frage, inwieweit die dort gefundenen Lösungsansätze auf das Gros konventioneller Bauvorhaben übertragbar sind.
Dieser quasi unentdeckte „Wettbewerbsfaktor Baulogistik“ führte Ende 1998 zum Entschluss von Dr. Norbert Schmidt (Fraunhofer ATL, Nürnberg; E-Mail: [email protected]), ein wissenschaftliches Forschungsprojekt über Logistikmanagement in Wohnungsbauprojekten zu initiieren (www.logistiknetzwerk-bau.de). Im Mittelpunkt des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten zweijährigen Projekts „Logistiknetzwerk Bau“ stand dabei das Ziel, organisatorische Gestaltungsempfehlungen für eine erfolgreiche „Baulogistik“ im Bereich der überbetrieblichen Baustoffversorgung zu erarbeiten. Basierend auf einem Rahmenmodell sollten dazu 32 baustoffliche Versorgungsketten hinsichtlich ihrer logistischen Besonderheiten sowie der Logistikkostenpotenziale untersucht werden. Darüber hinaus galt es, die Kernprobleme eines unternehmensübergreifenden Baustoffmanagements in Wohnungsbauprojekten zu identifizieren und organisatorische Gestaltungsempfehlungen mit Fallbeispielen abzuleiten.
Die Ergebnisse der Studie (erschienen unter dem Titel „Wettbewerbsfaktor Baulogistik“ im Deutschen Verkehrs-Verlag, Hamburg, 2003) machen deutlich, dass es sich im Wesentlichen um fünf „organisatorische Engpässe“ handelt, die bislang eine unternehmensübergreifende Gestaltung der Baustoffversorgung im Wohnungsbau behindern. Zu den daraus ableitbaren zentralen Gestaltungsempfehlungen und Voraussetzungen für eine erfolgreiche, unternehmensübergreifende Baulogistik in der Baustoffversorgung zählen:
1. Das Schaffen von Anreizsystemen für die involvierten Akteure aus Baugewerbe, Baustoffhandel und Baustoffindustrie, sich im Hinblick auf den Gesamterfolg eines Bauprojektes systemkonform zu verhalten.
2. Die Steigerung der Fähigkeit von Bauplanung und Bauablaufsteuerung vorsteuernd Leistungsengpässe zu identifizieren und zu managen.
3. Eine prozessorientierte Bauplanung, die eine „flussorientierte“ Steuerung des Bauablaufes und der Baustoffversorgung gestattet.
4. Die Einbindung der Bauablaufsteuerung und Baustoffzulieferung in die vorhandenen informations- und kommunikationstechnologischen Lösungskonzepte der Bauplanung.
5. Die Gestaltung einer „Lernenden Projekt Supply Chain“ mit kooperativen Unternehmensnetzwerken zwischen Bauplanung, Bauausführung und Baustoffzulieferung.

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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