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Baustoffindustrie unter Druck

12.03.2010

Die Betriebe der Stein- und keramische Industrie blicken auf ein schwieriges Jahr 2009 zurück. Die Umsätze sanken – die Fortführung der thermischen Sanierungsaktion wird als nachhaltiger Impuls gefordert.

Das Jahr 2009 war für uns ein sehr herausforderndes Jahr und stand ganz im Zeichen der Restrukturierung“, erklärt Heimo Scheuch, Vorstandsvorsitzender der Wienerberger AG. „Wir hatten im letzten Jahr mit zum Teil signifikanten Nachfragerückgängen bei Baustoffen zu kämpfen. Die größte Enttäuschung war dabei sicherlich der nord­amerikanische Markt, der bereits seit 2006 zurückgeht und 2009 mit weiteren Umsatzeinbußen von 36 Prozent auf 149 Millionen Euro deutlich unter unseren Erwartungen geblieben ist.“ Wienerberger bleibt für 2010 vorsichtig: „Ich gehe davon aus, dass wir in den meisten Märkten das Schlimmste überstanden haben. Aber wann und in welchem Umfang der Aufschwung kommt, wage ich heute noch nicht zu sagen“, zeigt sich Scheuch zurückhaltend.

2009 war mit einem Umsatzrückgang um elf Prozent für alle Betriebe der Stein- und keramischen Industrie Österreichs hart. Insgesamt haben die Unternehmen der Stein- und keramischen Industrie 2009 einen Umsatz von 3,2 Milliarden Euro erzielt. Das ist um 390 Millionen Euro weniger als noch 2008. Auch die Zahl der Beschäftigten in der Stein- und keramischen Industrie Österreichs sank von 14.700 Ende des Jahres 2008 auf 13.600 zu Jahresende 2009. Das entspricht einem Rückgang von 7,5 Prozent. Manfred Asamer, Obmann des Fachverbands Steine-Keramik, fordert von der Regierung dringende Wirtschaftsimpulse wie z. B. die Fortführung der Förderaktion für die thermische Sanierung von Gebäuden: „Die Aktion 2009 hat über höhere Steuereinnahmen dem Finanzminister sogar mehr Geld gebracht als gekostet.“

Mit Innovationen punkten
Ein bisschen weniger dramatisch erging es den baustofferzeugenden Branchen – mit einem Minus von 9,5 Prozent. Sie profitierten noch von Aufträgen aus dem sehr guten Jahr 2008. Die Industriezulieferer hatten mit minus 16,1 Prozent deutlich stärkere Einbußen. Die Zementindustrie verkaufte 2009 mit 4,7 Millionen Tonnen ebenfalls um 16 Prozent weniger als im Jahr zuvor. Die Erzeuger von Transportbeton verzeichneten Umsatzeinbußen von zwölf Prozent, die Hersteller von Beton-Fertigteilen ein Umsatzminus von zehn Prozent.

Gesamtlösungen gefragt
Claus Steiner, Geschäftsführer Ytong, hat Nischen gefunden, deshalb verlief das Jahr 2009 sehr zufriedenstellend. Der Umsatz konnte sogar im kleinen einstelligen Bereich gesteigert werden. „Sorgen bereitet lediglich der durch Überkapazitäten hervorgerufene Preiskampf um jedes noch so kleine Objekt“, erklärt Steiner, „doch wir hoffen, dass wieder eine wirtschaftlich notwendige Vernunft in der Preispolitik bei den Wettbewerbern am Markt Einkehr findet.“ Im vergangenen Jahr hat Ytong noch vom Überhang der Baustellen profitiert. „Dieser Bonus fällt dieses Jahr zur Gänze aus, und der Winter war – ist – lang“, so Steiner. In puncto Auslandsgeschäft zeigt sich Steiner optimistisch: „Gebaut wird immer noch genug; jedoch fehlt den Investoren das Geld. Im Wohnbau sind die Mieten noch immer auf hohem Niveau, doch die Kunden warten auf Preisreduktionen – dadurch ist in den nächsten Monaten keine Bewegung am Immobilienmarkt absehbar. Am Beispiel Slowenien zeigt sich die derzeitige Realität am Immobilienmarkt am besten: 2009 wurden 14.000 Wohnungen gebaut, jedoch stehen 85 Prozent davon noch immer leer.“ Mit Ytong Multipor, der massiven Mineraldämmplatte, will Ytong mit einer innovativen Dämmstofflösung punkten. 2010 will Steiner die Entwicklung von neuen Lösungsangeboten für energieeffiziente und nachhaltige Bauten forcieren. Großes Potenzial sieht er bei Niedrigst­energieprojekten. „Es geht nicht mehr um Produkte und ihre Eigenschaften – es geht um gesamtheitliche und nachhaltig vernünftige Lösungen für den Kunden“, so Steiner.

Zu wenige Wohnungen
Die Ziegelindustrie musste 2009 ein Minus von 13 Prozent verbuchen. Carl Hennrich, Geschäftsführer Fachverband Steine-Keramik, sieht als Grund den dramatischen Rückgang im Wohnbau: „Die Baubewilligungen sanken 2009 um zehn Prozent auf 36.600 Wohneinheiten. Das Wirtschaftsforschungsinstitut spricht dem gegenüber von einem Bedarf von mehr als 50.000 Wohnungen jährlich.“ Laut einem Gutachten, das das Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) Anfang 2009 für den Fachverband erstellt hat, büßt die Branche jährlich 0,4 Prozent ihrer realen Produktion ein. Angesichts der starken Verluste des Vorjahres könnte daher das Produktions­niveau 2013 um mehr als fünf Prozent real niedriger liegen als 2008. Diese Entwicklung schlägt sich auch in den Mitarbeiterzahlen nieder. Ende 2009 gab es mit 13.600 Arbeitern und Angestellten um 7,5 Prozent weniger Beschäftigte als vor Jahresfrist (14.700). Dennoch herrscht in der Branche noch etwas Optimismus, betont Hennrich. Die Investitionen seien nämlich 2009 mit 180 Millionen Euro auf dem Niveau von 2008 geblieben.

Asamer zeigt sich für 2010 verhalten: „Die Bauwirtschaft weist einen Auftragsbestand von einer Halbjahresproduktion auf, das große Fragezeichen bleibt die Finanzierungssituation. Dies gilt besonders für den gewerblichen und industriellen Hochbau, der praktisch zum Stillstand gekommen ist.“ Die Sanierungsaktion des Jahres 2009 hat mit einem Fördervolumen von 61 Millionen Euro ein Investitionsvolumen von 485 Millionen Euro im privaten Wohnbau ausgelöst.

Martin Leitl, Bauhütte Leitl Werke, ist davon überzeugt, dass die thermische Sanierungsaktion einen massiveren Einbruch im Baubereich verhindert hat: „Zukünftig muss aber im Neubau darauf geachtet werden, dass dieser für die Bewohner auch leistbar bleibt: Beispielsweise verursachen übertriebene Anforderung an die Dämmung erhebliche Mehrkosten, ohne dabei besonders energieeffizient zu sein. Die derzeit gültigen Energiekennzahlen berücksichtigen zu wenig innovative Ansätze wie zum Beispiel das Heizen mit der Sonne. Wie damit die Heizkosten erheblich reduziert und zugleich die Umwelt entlastet werden können, ­wollen wir an einem sogenannten Sonnenhaus, das derzeit in unserem Werk Eferding in Bau ist, anschaulich demonstrieren.“

Vorbildliches Österreich

Eine durchwegs positive Bilanz zieht der Baustoff-Recycling Verband. Über fünf Millionen Tonnen Baurestmassen werden jährlich einer Aufbereitung zugeführt und damit mehr als 600 Kilo pro Einwohner. „Ziegel, Beton, Asphalt sind hochwertige Baustoffe, die die besten Ausgangsmaterialien für ein Recycling darstellen. Die daraus gewonnenen Gesteinskörnungen können für den Straßenbau, Bahnbau, allgemeinen Tiefbau, aber auch für die Herstellung von Asphalt und Beton Verwendung finden“, erklärt Martin Car, Geschäftsführer des Baustoff-Recycling Verbandes. Grundlage für die Qualitätssicherung ist die Richtlinie für Recycling-Baustoffe, die sowohl umwelttechnisch als auch bautechnisch die Güte – in Abstimmung mit dem Umweltministerium und der Bauwirtschaft – festlegt.

Vorzeigeland Österreich: Rund fünf Millionen Tonnen Baurestmassen werden jährlich recycelt.
Vorzeigeland Österreich: Rund fünf Millionen Tonnen Baurestmassen werden jährlich recycelt.

Österreich ist mit seiner nunmehr 20-jährigen Erfahrung als Pionier des Baustoff-Recyclings zu bezeichnen: Andere Länder Europas, insbesondere aus dem Osten und Süden, stehen in Kontakt, um das System der marktwirtschaftlichen Etablierung nach unserem Schema einzuführen. „Es gibt mengenmäßig kein wichtigeres Recycling als Baustoff-Recycling in Österreich. Der ökologisch vorteilhafte Qualitätsbaustoff ist auch leicht erkennbar, das Gütezeichen für Recycling-Baustoffe garantiert einen hohen Umweltstandard mit technisch hervorragenden Eigenschaften“, so Car.

Gisela Gary

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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