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Bausysteme heiß umstritten

06.04.2006

Ein Massivhaus in Ziegel oder Beton oder doch lieber die etwas schnellere Variante in Fertigbauweise? Eine Frage, mit der sich nicht nur kauf- und bauwillige Immobilieninteressenten auseinander setzen, sondern ebenso die Branchenvertreter, die die Vorzüge des jeweiligen Bausystems in schillernden Farben anzupreisen wissen und überzeugende Argumente vorbringen können. So wird dem Massivhaus eine längere Lebensdauer und damit auch eine höhere Wertbeständigkeit zugeschrieben. „Massiv errichtete Häuser besitzen dank ihrer Speicherfähigkeit eine optimale Wärmedämmung, gewähren somit einen idealen Temperaturausgleich und weisen allein aufgrund der Masse einen wesentlich besseren Schallschutz auf. Überdies ist durch die Verwendung massiver Baustoffe auch optimaler Brandschutz gewährleistet“, argumentieren Vertreter des Massivbaus. „Wesentlich kürzere Bauzeiten durch den hohen Vorfertigungsgrad, eine Fixpreisgarantie und die Gewährleistungsgarantie auf das gesamte Produkt Haus“, halten die Fertighausproduzenten dagegen.
Stein auf Stein oder Fertigbauweise? Gibt es ein konstruktives Miteinander der unterschiedlichen Bauweisen oder herrscht ein kompromissloser Konkurrenzkampf?

Platz für alle
Laut einer aktuellen Umfrage des Marktforschungsinstituts Karmasin – in Auftrag gegeben von der Arbeitsgemeinschaft Bau!Massiv! – setzen rund 56 Prozent der Österreicher auf die Massivbauweise. Nur etwa sechs Prozent der Befragten geben der Leichtbauweise den Vorzug. Genau in dieser Fragestellung ortet Erich Benischek, Geschäftsführer des Fertighauszentrum Blaue Lagune, einen Widerspruch, der zu Missverständlichkeiten führt: „Fertigbau darf nicht automatisch mit Leichtbauweise gleichgesetzt werden – das wäre eine fatale Fehlinterpretation. Das Spektrum des Fertigbaus reicht heute vom Leichtbau über Holzrahmenkonstruktionen bis hin zu Betonfertigteilen und Ziegelmassivfertigelementen.“ Im Fertighauszentrum Blaue Lagune sind derzeit 16 verschiedene Bautechnologien vertreten, die sowohl Massivbau- als auch Leichtbaukonstruktionen anbieten bzw. kombinierte Baumethoden favorisieren. „Die Frage ,massiv versus fertig’ gehört für mich längst der Vergangenheit an. Es stellt sich doch in Wahrheit viel eher die Frage, wie modern sieht man das Bauen, wie zeitgemäß ist Bauen heute. Bauen ist eine hochtechnische Angelegenheit. Der Grad der Vorfertigung im Bauablauf hinkt den zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten extrem hinterher“, bricht Erich Benischek eine Lanze für den vermehrten Einsatz der Fertigbautechnologie. Auch für Winfried Kallinger, Geschäftsführer der Kallco Bauträger GmbH und Sprecher der gewerblichen Bauträger im Fachverband der Immobilentreuhänder, ist die Fragestellung „massiv versus fertig“ zu undifferenziert – sein Alternativvorschlag: Primitiv versus Qualitätsbau! „Es kommt in der Hauptsache darauf an, für den Endkonsumenten ein Produkt auf den Markt zu bringen, das nicht nur funktioniert, sondern auch ein intelligentes Raumprogramm aufweisen kann und qualitativ hochwertig ist. Und das funktioniert in Fertigbauweise ebenso wie als konventioneller Massivbau“, erklärt Kallinger.
Unterstützung erhält er dabei von Manfred Leiner, Baumeister und Bauträger aus Niederösterreich, der als Baumeister sowohl massive Häuser plant und errichtet als auch sich in seiner Funktion als Bauträger der Fertigbauweise bedient: „Ich lebe in meinem Unternehmen beides. Von gnadenloser Konkurrenz zwischen den einzelnen Bautechniken kann keine Rede sein. Jedes Produkt hat seine Stärken und Schwächen, es kommt darauf an, wie und wo man es einsetzt, um die Vorzüge bestmöglich zu nutzen. Sowohl die konventionell errichteten Häuser als auch die Massivbauten finden ihre Kundenschicht.“

Längere Lebensdauer – höherer Wert
„In Bezug auf Wertbeständigkeit haben Massivhäuser aufgrund der längeren Lebensdauer die Nase vorn“, besagt die Bau!Massiv!-Umgfrage. Eine Ansicht, die Benischek nicht teilen kann: „Egal ob massiv gemauert oder Fertigteil, wenn die Häuser ordnungsgemäß ausgeführt sind, dann sind beide Varianten wertbeständig. Der Wiederverkaufswert ist keine Frage der Bautechnik.“ Laut Benischek ist in erster Linie die Lage der wichtigste Parameter, der für oder gegen den Kauf einer Immobilie spricht. „Das stimmt nicht ganz“, entgegnet Kallinger und weiter: „Die Zukunft liegt zweifellos im seriellen Bau. Betrachten wir zum Beispiel den Siedlungsbau. Hier braucht man eine Gebäudetypologie, die an einem Ort 50-mal reproduziert werden kann und trotzdem noch eine interessante und optisch ansprechende Gesamtlösung bietet – egal, ob massiv gemauert oder seriell vorgefertigt. Und da ist nicht so sehr die Lage, sondern eher die Qualität der Planung, das Anlagenkonzept und die Variabilität der Grundrisse entscheidend. Kann man Wände weglassen oder neue Zimmer einbauen? Keller: ja oder nein? – Das sind die entscheidenden Rahmenbedingungen.“ In Bezug auf den Keller stimmt Benischek zu: „Der Keller ist heute immer mehr ein Thema, egal wie dieser in weiterer Folge auch genutzt wird, ob als Rumpelkammer oder Fitnessraum mit Saunalandschaft. Ein Haus ohne Keller hat einen deutlich niedrigeren Wiederverkaufswert.“ – „Den Keller brauchen die Fertighausanbieter aber dann von uns, den Baumeistern, weil sie selbst keine adäquaten Lösungen parat haben“, hakt Elisabeth Schubrig, Bauunternehmerin und Mitglied im Innungsausschuss der Landesinnung Bau Niederösterreich, ein. „Mittlerweile bietet eine Vielzahl von Fertighausproduzenten auch die Errichtung des Kellers an, auch in Form von Fertigteilkellern. Das war lange Zeit sicher ein Manko. Heute ist das aber nicht mehr so. In den letzten Jahren hat der Fertighausverband eine für den Kunden komfortable Lösung in Bezug auf den Keller gepuscht“, weiß Benischek zu entgegnen.
Manfred Leiner gibt dazu einen Blick in die Praxis der Immobilienbewertung. „Aus meiner täglichen Arbeit kann ich bestätigen, dass Keller oder nicht Keller tatsächlich ein wesentliches Kriterium darstellt und für den Wert eines Objekts ausschlaggebend ist. Lage und Architektur sind aber mindestens genauso wichtig. Ebenso zählt nach wie vor die Bautechnik. Der klassische Häuslbauer greift in der Regel eher auf die Massivbauweise zurück. Auch in der Gebäudebeurteilung ist der Massivbau höher zu bewerten, weil der Wiederverkaufswert beim massiv errichteten Haus eher gegeben ist“, so Leiner. „Es ist auch ein Frage der Tradition. Die Österreicher sind traditionell mit dem Massivbau verbunden. Die meisten Einfamilienhausbauer, greifen auf den Ziegel zurück, weil sie damit auch selbst am besten umgehen und Eigenleistungen am Bau einbringen können“, ergänzt Schubrig. „Für mich ist es eine Tatsache, dass der Wiederverkaufswert eines der Hauptargumente ist, das für den Massivbau spricht. Massiv gebaute Häuser gibt es seit Jahrhunderten und sie stehen noch immer. Wie viele Holzhäuser aus dem Mittelalter gibt es heute noch? Den Beweis für ihre Wertbeständigkeit haben die Massivhäuser schon lange angetreten, die Leichtbauvarianten sind diesen bislang noch schuldig geblieben. Die Unterscheidung zwischen Massiv- und Fertighaus macht dabei aber keinen Sinn. Denn schließlich gibt es auch unzählige Beispiele für Fertighäuser aus Massivbaustoffen“, so Gernot Brandweiner, Geschäftsführer des Verbands der österreichischen Beton- und Fertigteilwerke (VÖB). Benischek: „Ich sehe wenig Sinn in dieser Diskussion. Es gibt genauso viele Studien, die belegen, dass Stein für Stein gemauerte Häuser und Fertighäuser – unabhängig vom Baumaterial – in etwa den gleichen Wiederverkaufswert besitzen. Die Argumentation ,es ist halt massiv gebaut’ finde ich ein wenig öde.“

Generationenkonflikt am Bau
Lebensdauer ist gleich Wert – hat diese bewährte Formel trotzt der Schnelllebigkeit der heutigen Gesellschaft immer noch Gültigkeit? Nein – wenn es nach Benischek geht: „Das Generationendenken geht immer mehr zurück. Es ist ein Umdenkprozess im Gange. Wenn heute jemand ein Haus baut, dann denkt er in erster Linie an sich selbst und baut nicht für seine Kinder und Kindeskinder. Die Lebenszeit des Hauses sinkt.“ Brandweiner darauf: „Es kann doch nicht das Ziel sein, ein Haus zu bauen, das nach 40 oder 50 Jahren zum Schmeißen ist. Das ist eine Philosphie, die ich nicht nachvollziehen kann und eine Verachtung der Leute, die ihr gutes Geld in das Produkt Haus investieren.“ Das traditionelle Käuferverhalten geht allen Statistiken zufolge nach wie vor in Richtung massiv, obwohl der Leicht- und Fertigbau aufholt. „Massivhäuser erfreuen sich nach wie vor einer sehr hohen Beliebtheit. Die Wertschätzung des Produkts Haus hat sich in den letzten Jahren aber sicher gewandelt“, ist Johannes Zukriegl von der Stadterneuerungs- und Eigentumswohnungsgesellschaft SEG überzeugt. Und weiter: „Traditionell bedingt wird der Massivbau sicherlich Bestand haben. Fertigteile und Leichtbauweisen werden sich aber immer mehr in den Bereichen durchsetzen, wo massive Bauteile schon allein aufgrund ihres Gewichts oder der aufwändigeren Handhabbarkeit an ihre Grenzen stoßen. Zum Beispiel bei Hanglagen oder überall dort, wo man schwere Kräne braucht, um beispielsweise Ziegelmassiv-Fertigteile zu versetzen. Generell ist der Ziegelmassivbau aber eine interessante Alternative zum konventionellen Ziegelbau.“ Eine etwas andere Sicht der Dinge vertritt Frank Huber, Geschäftsführer der Zement und Beton Handels- und Werbeges.m.b.H.: „Was die Sozialdemografie, so haben wir allem Anschein nach den Gipfel der Schnelllebigkeit bereits überwunden. Vor allem für die junge Generation gewinnen traditionelle Werte wie Familie und das soziale Gebinde wieder mehr an Bedeutung. Damit wird auch die Langlebigkeit von Gebäuden und der Massivbau wieder interessanter.“ Wesentlich mehr Einfluss auf die Bauart und die Wahl des Baustoffes nehmen heute zeitgeistige Einflüsse wie der Umweltgedanke bzw. ökologische Aspekte des Bauens, ist Kallinger überzeugt.

Sicherheit zuerst
„Für massiv gebaute Häuser spricht aber zum Beispiel auch das Brandschutzverhalten. Eine Tatsache, die nicht von der Hand zu weisen ist“, wirft Schubrig ein neues Thema auf. „Beim Thema Brandschutz punktet auf jeden Fall der Massivbau – es ist eine Tatsache, dass Ziegel und Beton nicht brennbar sind“, gießt Gernot Brandweiner Öl ins Feuer der brandheißen Thematik. „Im Siedlungs- und Geschoßbau spielt der Brandschutz nach wie vor eine extrem wichtige Rolle. Beim Einfamilienhaus ist die Brandsicherheit aber kein Thema“, schwächt Kallinger ab. „Aber auch da geht es wieder um das Thema der Werthaltung. Es ist schon ein Unterschied, ob die ganze Hütte abbrennt oder lediglich ein Zimmer ausbrennt und der Rest des Gebäudes aber unbeschadet bleibt und den Bewohnern vor allem die Fluchtmöglichkeit gegeben ist“, pocht Brandweiner auf den Sicherheitsaspekt. „Im Worst Case – wenn das ganze Haus brennt – hat der Baustoff Beton oder der Ziegel genauso schlechte Voraussetzungen wie der Holzbau. Wenn der Ziegel oder der Beton ausgeglüht sind, muss man das ganze Gebäude, bzw. das was davon übrig ist, abbrechen“, erklärt Zukriegl. „Es geht im Brandfall nur darum, wie lange man braucht, um das Haus zu verlassen – und so lange hält jeder Leicht- oder Holzbau in jedem Fall“, kontert Benischek. „Niemand bleibt eine Stunde lang in einem brennenden Haus sitzen und wartet, dass das Feuer ausgeht.“, leistet Kallinger dem Vertreter der Fertighausproduzenten Unterstützung. „Den Brandschutz zu thematisieren macht auf jeden Fall Sinn. Parallel mit der EU-Normung geht der Brandschutz im Einfamilienhaus jetzt praktisch gegen null, das betrifft vor allem den Holzbau. Wenn es brennt, darf das Ding auch gleich zusammenfallen! Das Verlassen des Hauses sollte aber in jedem Fall gewährleistet sein“, meldet sich Frank Huber zu Wort.
Schubrig: „Und wie sieht es mit der Erdbebensicherheit beim Fertigbau aus?“ Benischek: „Das ist gar kein Thema! Das Fertighaus schneidet in Bezug auf die Erdbeben sicherheit sogar besser ab als konventionelle Massivbauten.“
„Und der Schallschutz?“, bohrt Schubrig weiter nach. „ Ein Haus mit ungenügendem Schallschutz ist einfach weniger Wert“, setzt Brandweiner fort. „Wie gut oder schlecht ein Haus gegen Schall gedämmt ist, ist vor allem eine Frage der Planungs- und Ausführungsqualität. Das gilt für den Massiv- ebenso wie für den Leichtbau und ist unabhängig davon, ob ein Haus konventionell gemauert oder mit Fertigteilen errichtet ist“, erklärt Kallinger.

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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