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Bauwirtschaft

20.01.2005

Pech & Pleiten am Bau leuchten wie ein schillernder Stern über das vergangene Jahr 2004. Viele Wege führen in die Krise – Warnsignale müssen rechtzeitig erkannt werden.

Österreichs Bauwirtschaft steht an erster Stelle der Pleitenstatistik. Die Gründe für finanzielle Krisen am Bau sind vielfältig. Bei näherer Betrachtung der aktuellen Statistik des KSV relativiert sich jedoch die Negativstimmung. Denn so sind zwar die Fälle von insolventen Bauunternehmen gestiegen, allerdings erweisen sich vor allem die mangels Masse abgewiesenen Konkurse für den Anstieg verantwortlich. Die Konkurseröffnungen am Bau sind seit Jahresbeginn 2004 tendenziell rückläufig.
Dennoch: Die Bauwirtschaft hält den Pleitenrekord. Mit 1005 Pleiten und Passiva in Höhe von 434,9 Millionen Euro blieb die österreichische Bauwirtschaft 2004 auf Platz eins der Pleitenstatistik des KSV. Die Bauwirtschaft ist als Branche allerdings auch am insolvenzanfälligsten. Hans-Georg Kantner, KSV-Insolvenzexperte, erklärt: „Die Baubranche leidet seit gut einem Jahrzehnt an Überkapazitäten und einer vollkommen kurzsichtigen Ausschreibungspraxis der öffentlichen Hand.“ Die meisten Verfahren wegen Zahlungsunfähigkeit gab es 2004 in Wien, an Platz zwei rangiert Oberösterreich, gefolgt von Niederösterreich.
„Die Realität zeigt, dass Schuldner noch immer den Konkurs scheuen, weil dieser in ihrer Vorstellung Existenz vernichtet, den Unternehmer degradiert, darüber hinaus alle potenziellen Geschäftschancen vernichtet und nicht zuletzt deshalb, weil ein redliches Scheitern in Österreich noch lange nicht zur Realität geworden ist. Hierin liegt begründet, dass Unternehmen Monate und ganze Jahre in dem Wissen, nicht mehr liquide und zahlungsunfähig zu sein, weiterwirtschaften“, so Kantner.

Kosten ständig neu prüfen
Rudolf Siart, Steuer- und betriebswirtschaftlicher Consulter, berät eine Vielzahl von Bauunternehmer. Er ist mit den „Fallen“ in der Baubranche vertraut. Als häufigsten Gründe für Insolvenzen sieht er oft eine zu kurzfristige Denkweise, nur direkte Kostenabdeckung, mangelnde Fixkostendeckung, überhöhten Personalstand trotz Auftragsrückgang, keine ausgewogene Finanzierung, keine Liquiditätsreserven, fehlende Finanzplanung bzw. Budgetierung, keine Bonitätsprüfung der Kunden, keine Bankgarantien. Teuflisch ist laut Siart aber auch die Unterschätzung der harten Gangweise der Gebietskrankenkasse. Ebenso kann ein „Vergessen“ der Dienstgeberbeiträge rasch in die Zahlungsunfähigkeit führen: „Die Nichtbezahlung von Dienstgeberbeiträgen kann nach nunmehrigen Bestimmungen des Sozialbetrugsgesetzes (vormals § 114 ASVG) bis zu zwei Jahren Freiheitsstrafe führen. Das heißt, immer zuerst Dienstnehmerbeiträge bezahlen bzw. nur Löhne auszahlen, von denen der Dienstnehmerbeitrag auch bezahlt werden kann“, warnt Siart. Als klare Warnsignale gelten: „Kurzfristige Verbindlichkeiten überdecken kurzfristige Forderungen und halbfertige Arbeiten, Rückstände bei Gebietskrankenkassen oder auch bei laufenden Zahlungen wie Miete etc. Aber auch wenn der Kontokorrentrahmen ständig am Limit ist, sollten Unternehmer ihr Firmenkonzept neu überdenken.“

Positive Aussichten
Doch neben betriebswirtschaftlichen Aspekten gibt es unternehmerische Rahmenbedingungen in Österreich, die vor allem die Fixkosten eines Bauunternehmers massiv erhöhen. Dazu zählt unter anderem der von Unternehmern zu leistende Beitrag für den Pleitenfonds. Nach wie vor fordert der KSV eine Senkung des Beitrages zum Insolvenzentgeltsicherungsfonds (Pleitenfonds) von derzeit 0,7 Prozent der Lohnsumme auf 0,4 Prozent. Kantner: „Der Fonds bilanziert seit 1999 positiv mit jährlichen Überschüssen von bis zu 200 Millionen Euro. Seit Jahren wird der Pleitenfonds von der Regierung als ,Privatschatulle‘ betrachtet und die Mittel zweckentfremdet verwendet. Eine Beitragssenkung auf 0,4 Prozent würde für Unternehmer massive Einsparungen bedeuten.“ Darüber hinaus könnten dadurch zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden.
Prognosen für 2005 sind nicht einfach – dennoch verstreut der KSV Optimismus: „Österreich befindet sich nach wie vor im Sog des ,deutschen Jammertals‘, das die Situation wahrscheinlich düsterer zeichnet als sie es verdient. Österreich steht durch seine traditionell guten Beziehungen zu zentraleuropäischen Nachbarländern in der Poleposition, was den Wirtschaftsaufschwung der EU 10 anlangt. Die Exporte gehen nicht schlecht und die öffentliche Hand verabschiedet ein großes Infrastrukturprojekt nach dem anderen. Daher sehen die Prognosen auch für den Bereich der Unternehmensinsolvenz zuversichtlich aus: Die Zahl der eröffneten Verfahren wird weiter rückläufig sein, und die mangels Masse abgewiesenen Konkurse werden jedenfalls nicht weiter steigen. Somit ist ein leichter Rückgang ,vorprogrammiert‘“, so Kantner.

Gisela Gary

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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