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Bauwirtschaft als Klimaschutz-Motor

23.01.2008

Österreich ist weit entfernt von der Erreichung der im Kioto-Abkommen vereinbarten Klimaschutzziele. Nur durch eine Bündelung von Maßnahmen kann der Zukauf von Emissionszertifikaten in Milliardenhöhe abgewendet werden.

Mit 1. Jänner 2008 ist in Österreich das Energieausweis-Vorlagegesetz in Kraft getreten. Demnach muss beim Verkauf, der Verpachtung oder Vermietung von Gebäuden mit Baubewilligung nach dem 1. Jänner 2006 dem künftigen Eigentümer oder Mieter ein Energieausweis übergeben werden. Ab 2009 gilt diese Regelung auch für alle Gebäude mit Baubewilligung vor dem 1. Jänner 2006.

Grundlage für die Umsetzung des Energieausweises ist die im Jänner 2003 verabschiedete EU-Gebäuderichtlinie. Diese wird von der Europäischen Kommission als eine der wichtigsten Maßnahmen zur Reduktion des Energieverbrauchs und der Treibhausgas­emissionen angesehen. Immerhin entfallen in Europa rund 40 Prozent des Gesamtenergieverbrauchs auf den Gebäudesektor. In Österreich sind es rund 35 Prozent, die vom Gebäudebestand verschlungen werden. Ein Großteil der Energie geht dabei auf das Konto der Gebäudeheizung. Das verdeut­licht das enorme Potenzial, das in der energetischen Optimierung von Neubauten, vor allem aber in der thermischen Sanierung des umfangreichen Althausbestandes liegt. So sieht auch die österreichische Klimastrategie eine deutliche Erhöhung der Sanierungsrate im Wohnbaubereich vor. Derzeit liegt diese bei unter einem Prozent und soll auf mindestens drei Prozent im Kioto-Erfüllungszeitraum 2008 bis 2012 angehoben werden. Mittelfristig ist eine Steigerung auf fünf Prozent vorgesehen. Damit ließe sich eine jährliche Emissionsreduktion von über 1,5 Millionen Tonnen CO2 erzielen. „Ohne eine deutliche Erhöhung der Wohnbau-Fördergelder für den Sanierungsbereich wird dieses hehre Ziel nicht zu erreichen sein“, befürchtet indes Wohnbauexperte Wolfgang Amann, Geschäftsführer des Instituts für Immobilien, Bauen und Wohnen (IBW). Auch Winfried Kallinger, Sprecher der gewerblichen Bauträger, betrachtet die thermische Sanierung von Wohnbauten als eine der wichtigsten Maßnahmen zur Reduktion der Treibhausgase: „Die thermische Sanierung bedeutet einerseits eine erhebliche Wertsteigerung der Immobilie. Auf der anderen Seite sind bauliche Maßnahmen jeder Art ,inlandswirksam‘ – im Gegensatz zu internationalen Instrumenten wie dem Ankauf von Emissionszertifikaten.“
Die Bauschaffenden spielen bei der Umsetzung der Kioto-Ziele eine tragende Rolle. Gleichzeitig verspricht der Know-how-Vorsprung beim energieoptimierten Planen und Bauen auch wirtschaftlichen Erfolg. „Die Bauwirtschaft, einschließlich Bauindustrie und -handwerk, könnte neben der Landwirtschaft den größten Aufschwung mit der Energiewende erleben, wenn sie die Chancen des energetischen Bauens für sich nutzt“, bestätigt Hermann Scheer, Träger des Alternativen Nobelpreises (1999), Vorsitzender des Weltrates für Erneuerbare Energien und Präsident der Eurosolar.

Kioto-Nachfolge

Während trotz aller Maßnahmen international die Erfolge in Bezug auf die Erreichung der Kioto-Ziele zu wünschen übrig lassen, wurde im Dezember bei der Weltkllimakonferenz in Bali fieberhaft an einem Folgeabkommen gefeilt. Rund 11.000 Delegierte aus über 190 Nationen waren zum Klimagipfel auf der indonesischen Insel angereist. Erklärtes Ziel der Verhandlungen war es, ein Nachfolgemodell für das 2012 ablaufende Kioto-Protokoll auf den Weg zu bringen. Nach zwei Wochen zäher Verhandlungen und zum Teil erbitterter Widerstände einzelner Staaten konnten sich die Länderdelegationen zumindest darauf einigen, bis zum nächsten Gipfeltreffen Ende 2009 in Kopenhagen ein neues, weltweites Klimaabkommen zu formulieren. Bis zuletzt hingen die Verhandlungen an einem seidenen Faden und drohten – durch die Weigerung der USA, die abschließende Erklärung zu unterzeichnen – zu scheitern. Nach einem nächtlichen Verhandlungsmarathon fand man mit eintägiger Verspätung letztendlich doch noch einen Kompromiss, in dem sich auch die USA dazu bereiterklärten, im neuen Klimaabkommen ein langfristiges Emissionsziel zu vereinbaren.

Ein schwacher Kompromiss

Auch Australien, das neben den USA als einziger Industriestaat das Kioto-Abkommen nicht unterzeichnet hat, signalisierte eine Neudefinition seiner Umwelt- und Klimapolitik.

Umweltminister Josef Pröll, Leiter der österreichischen Delegation, hatte sich aber weitreichendere Zugeständnisse der einzelnen Teilnehmerstaaten erhofft und zeigte offen seine Enttäuschung über das Verhandlungsergebnis. So blieb eine der Kernfragen, inwieweit sich die Industriestaaten auf ein konkretes Reduktionsziel einigen und auch die Entwicklungsländer erstmals in die Pflicht genommen werden können, unbeantwortet. Auch die bis 2020 zu erreichende konkrete Reduktion der CO2-Emissionen in den Industriestaaten um 25 bis 40 Prozent gegenüber dem Niveau von 1990 – wie von der EU im Vorfeld der Konferenz gefordert – wurde in der abschließenden Erklärung nicht niedergeschrieben. „Der internationale Klimaschutz ist ein Komapatient auf der Intensivstation“, lautete Prölls knappes Resümee kurz nach Verhandlungsende. Für jene Länder, die sich nach dem nächsten Klimagipfel in Kopenhagen nicht an einem Kioto-Folgeabkommen und damit auch nicht am globalen Klimaschutz beteiligen wollen, fordert er zusätzlich CO2-Zölle auf deren Handelsprodukte. „Es kann auf Dauer nicht sein, dass wir im Klimaschutz Unterschiede zulassen und in der Frage des Handels alles über einen Kamm scheren“, so Pröll. Diese Frage sollte von der Welthandelsorganisation (WTO) behandelt werden. „Generell muss in der WTO eine neue Qualität des Umweltschutzes definiert werden“, meint Pröll.

CO2-Musterschüler und Klimasünder

So ehrgeizig die Ziele auch waren, mit denen die EU-Staaten bei den Klimaverhandlungen in Bali angetreten sind, so schwer tut sich die europäische Staatengemeinschaft aber schon mit der Erreichung der selbstgesteckten Kioto-Ziele. Die 15 „alten“ EU-Staaten, die dem Kioto-Abkommen beigetreten sind, werden laut aktueller Prognose der Europäischen Kommission ihr vereinbartes Emissionsziel verfehlen. Statt der achtprozentigen Reduktion von klimaaktiven Treibhausgasen bis zum Jahr 2010 wird man sich mit lediglich vier Prozent zufriedengeben müssen.

Ähnlich ernüchternd für Europa ist auch das Ranking im aktuell erschienen Klimaschutz-Index. Dieser vergleicht die Klimaschutzleistungen von 56 Industrie- und Schwellenländern, die zusammen für mehr als 90 Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes verantwortlich sind. In die Bewertung fließen neben den CO2-Emissionen auch die Emissionstrends und die politischen Bestrebungen der einzelnen Länder in puncto Klimaschutz ein. Unter den zehn erstgereihten Staaten finden sich lediglich vier EU-Mitglieder. Beachtlich ist dahingegen, dass es mit Mexiko, Indien, Brasilien und Argentinien auch bedeutende Schwellenländer unter die Top Ten schafften.

Zu den europäischen Musterschülern zählen Schweden und Deutschland, die sich auf den Plätzen eins und zwei behaupten konnten. „Von Spitzenleistungen kann aber auch bei den Besten keine Rede sein“, lautet das scharfe Urteil von Jan Burck, Index-Verantwortlicher bei der Entwicklungs- und Umweltorganisation Germanwatch. „Kaum ein Staat ist auf dem Weg, den wir brauchen, um insgesamt die globale Temperaturerhöhung unter zwei Grad zu halten und eine globale Klimadestabilisierung zu verhindern“, ergänzt Matthias Duwe, Direktor des Klima-Netzwerks CAN-Europe (Climate Action Network Europe). Österreich belegt im Klimaschutz-Index den wenig ruhmreichen Platz 37 und liegt damit nur knapp vor Belarus, Polen und China.

Nationale Anstrengungen

Auch was die Erreichung der Kioto-Zielvorgaben betrifft, zählt Österreich im europäischen Vergleich zu den Schlusslichtern. Statt der 13-prozentigen Reduktion gegen­über dem Vergleichsjahr 1990 verzeichnet der achte Umweltkontrollbericht des Umweltbundesamtes (UBA) einen fast 18-prozentigen Anstieg der Treibhausgasemissionen. Bei der letztaktuellen Erhebung im Jahr 2005 lagen die Emissionen bei über 93 Millionen Tonnen und damit rund 36 Prozent bzw. um 25 Millionen Tonnen über dem Kioto-Ziel. Nach Einschätzung der EU-Kommission wird es erheblicher Anstrengungen und zusätzlicher Maßnahmen bedürfen, will Österreich sein Emissionsziel noch erreichen. Eine Unerreichbarkeit der Reduktionsziele – wie bei Dänemark, Spanien oder Italien – sieht EU-Umweltkommissar Stavros Dimas für Österreich aber nicht: „Bei Umsetzung aller verfügbaren Maßnahmen ist eine knappe Erreichung der Zielvorgaben immer noch möglich.“ Als zusätzliche Maßnahmen definiert die Kommission die Umsetzung aller in den vergangenen Jahren vereinbarten EU-Klimaschutzprogramme, den Zukauf von Emissionszertifikaten oder zum Beispiel die Wiederaufforstung von Waldgebieten als sogenannte „CO2-Senken“.

Die Einschätzung der EU-Kommission wertet Umweltminister Pröll als Bestätigung für die österreichische Klimastrategie. Anders sieht das der Wirtschaftswissenschaftler Stefan Schleicher, Professor am Wegener Center for Climate and Global Change und am Institut für Volkswirtschaftslehre an der Karl-Franzens-Universität in Graz. Er bezweifelt, dass die Klimastrategie tatsächlich die gewünschten Einsparungen bringen wird und befürchtet für die Emissionshandelsperiode 2008 bis 2012 Zukäufe von Verschmutzungsrechten in der Höhe von rund 1,5 Milliarden Euro jährlich. Um die drohenden „Strafzahlungen“ abzuwenden, wurde die österreichische Klimastrategie im Frühjahr vergangenen Jahres überarbeitet. Durch gezielte Maßnahmen im Inland sollen weitere elf Millionen Tonnen CO2-Äquivalent eingespart und rund neun Millionen Tonnen über Emissionszertifikate abgedeckt werden. Ein wesentlicher Punkt der Klimastrategie war die Einrichtung des mit 500 Millionen Euro dotierten Klima- und Energiefonds, der bis ins Jahr 2010 laufen soll. Neben dem Bereich Verkehr und Mobilitätsmanagement werden vor allem Forschungs- und Entwicklungsprojekte für umweltfreundliche und nachhaltige Energietechnologien gefördert und deren Marktpositionierung unterstützt.

Erneuerbare als Zukunftschance

Mit einem Anteil von 22 Prozent erneuerbare Energieträger am Gesamtenergiemix zählt Österreich zu den Vorreitern in Europa. „Bis zum Jahr 2020 soll der Anteil an Erneuerbaren auf 45 Prozent erhöht werden. Parallel dazu soll auch die Energieeffizienz um 20 Prozent gesteigert werden“, berichtet Eveline Steinberger, seit 1. November 2007 Geschäftsführerin des Klima- und Energiefonds. Dass diese Ziele durchaus erreichbar sind, bestätigt unter anderem die mit Jahresende 2007 veröffentlichte Studie „Erneuerbare Energie in Österreich – Marktentwicklung 2006“ von Gerhard Faninger von der Fakultät für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung (iff) an der Universität Klagenfurt. Im Rahmen der Studie wurden die Bereiche Fotovoltaik, Solarthermie und Wärmepumpen untersucht.

Insgesamt waren in Österreich mit Ende 2006 mehr als 3,3 Millionen Quadratmeter Solarkollektoren in Betrieb. Damit werden pro Jahr rund 180.000 Tonnen Heizöläquvivalent eingespart und die Umwelt um 500.000 Tonnen CO2 entlastet. Drei von vier in Österreich produzierten Kollektoren gehen in den Export. Damit sichert die Kollektorenproduktion rund 6.500 Arbeitsplätze in Österreich. Ähnlich erfreulich auch die Entwicklung am Fotovoltaikmarkt. Trotz des starken Einbruchs am Inlandsmarkt (minus 47 Prozent) konnten die Verkaufszahlen im Vergleich zum Jahr 2005 um 102 Prozent gesteigert werden. Auch der Wärmepumpenmarkt verzeichnete im Jahr 2006 weitere Zuwächse. Bei den Heizungswärmepumpen konnte die Produktion um mehr als 20 Prozent, bei den Brauchwasserwärmepumpen um knapp zwölf Prozent gesteigert werden. Mit einem Plus von mehr als 65 Prozent verzeichneten die Wärmepumpen zur kontrollierten Wohnraumlüftung mit ­Wärmerückgewinnung die höchsten Zuwachsraten.

Nach Einschätzung des Bundesverbands Wärmepumpe wird dieser positive Trend weiter anhalten. So sind derzeit rund 600.000 veraltete und ineffiziente Heizkessel in Österreich in Betrieb, die reif für den Austausch sind. Darüber hinaus schätzt Karl Ochsner, BWP-Obmann, dass rund eine Million Haushalte in Österreich dringend einer thermischen Sanierung bedürfen. Kurz vor Jahresende präsentierte der BWP den österreichischen Wärmepumpenaktionsplan. Studienautor Gerald Lutz plädiert für ein einheitliches Fördersystem in Österreich, um alle Alternativen zu konventionellen Heizformen und fossilen Energieträgern aufzuzeigen. Vor diesem Hintergrund wünscht er sich, dass der Energeiausweis nicht nur den Energieverbrauch nachweislich angibt, sondern auch darauf geachtet wird, welche Energieform zum Einsatz kommt.

Im Energieeffizientplan der Bundesregierung sind Wärmepumpen bereits enthalten. Dennoch erhoffen sich die Vertreter des Bundesverbandes eine stärkere Unterstützung im Bereich der Förderungen und bekommen diesbezüglich unerwartet Unterstützung aus dem Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie (bmvit). Christa Kranzl, Staatssekretärin für Innovation und Technologie im bmvit, sieht die positive Entwicklung des heimischen Alternativenergiemarktes in erster Linie als eine Folge von kontinuierlicher Forschung und Entwicklung. „Die hervorragenden Zahlen sind für mich ein Ansporn, mich für eine deutliche Erhöhung der Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten einzusetzen, um die österreichische Position halten und weiter ausbauen zu können“, stellt Kranzl weitere Förderschwer­ punkte in Aussicht.

Tom Cervinka,
Diana Danbauer

aus: bau.zeitung 1-3/08, S. 8ff.

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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