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„Befreit von öffentlichen Auftraggebern“

28.09.2011

Gerhard Zatl, Prokurist beim Mittelständler Schiller-Bau im Zentrum des Waldviertels, ist beim Ziegel-Pionier-Projekt e4 dabei. Wie ein einstiges Tiefbauunternehmen zu einem Baudienstleister wurde, was innovative Unternehmen brauchen und wo er die Zukunft sieht – im Interview mit der Bauzeitung.

Die Bauzeitung: Herr Zatl, Sie sind Prokurist in einem ganz besonderen Bauunternehmen im Waldviertel. Schiller-Bau ist nicht nur das größte Unternehmen in der Region, sondern hat den Turn-Around vom Tiefbau zu professionellem Hochbau hingelegt. Was braucht ein Bauunternehmen, um so offen in eine neue Welt zu gehen?
Gerhard Zatl:
Das ist schnell gesagt: eine Vision und Mitarbeiter, die das neue System mittragen. Ich werde nächstes Jahr 50 Jahre alt, aber ich bin immer auf der Suche nach Innovationen und Neuem. Denn man kann nur entweder in der zweiten Reihe stehen oder vorn mitgestalten.


Die Vision kommt vom Chef des Unternehmens?
Zatl:
Eigentlich habe ich immer lästig auf Veränderungen beharrt, und der Chef hat sich überzeugen lassen und die Vision mitgetragen. Ich bin vor 28 Jahren in das Unternehmen gekommen. Damals war der Betrieb ein reines Tiefbauunternehmen. Gegründet von Herrn Schiller senior, der mit einer Scheibtruhe, drei Baupfosten, Mauerwerkzeug und einer selbstgebauten Mischmaschine aus einer Gulaschkanone das Bauunternehmen startete. Er zeichnete die Pläne alle selbst und beschäftigte drei Mitarbeiter. Das war 1947. Sieben Jahre später wurde der erste Lastwagen gekauft und wieder zwei Jahre später der erste Bagger.


Die Veränderung zu einem Hochbauunternehmen haben Sie forciert. Wie schwer fällt das einem Unternehmen?
Zatl:
Das ist ein langsamer Prozess. Die Wende kam dosiert. Im Jahr 2000 waren wir Gründungsmitglied des Wienerberger MassivhausWertHauses. Zu diesem Zeitpunkt haben wir zwei Partien für den Hochbau angestellt und uns langsam aus dem Kanalbaugeschäft zurückgezogen. Denn in einer Hauruck-Aktion über Nacht galoppiert man sich als Unternehmen zu Tode und dreht jedes noch so gute Anlagevermögen ins Negative. Erst 2005 haben wir dann einen Wendepunkt gesetzt und 20 Bagger verkauft und fünf Partien entlassen. Der Tiefbau war passé. Und jetzt bauen wir im privaten Hausbau und sind einfach befreit von öffentlichen Auftraggebern.
 

Bei der derzeitigen Wirtschaftslage – noch weniger Aufträge, nochmals Evaluierungen von Großprojekten – können Sie nur froh sein, dieses Terrain verlassen zu haben.
Zatl:
Das kann man wohl sagen. Derzeit matchen sich die kleinen Tiefbauer um zwei Prozent am Markt mit der Industrie. 


Was braucht es denn, um bei den sinkenden Aufträgen und den hohen Ansprüchen der Bauherren fit zu bleiben im harten Wettbewerb?
Zatl:
Die Welt ändert sich gewaltig. Was früher im Laufe von 50 Jahren passierte, ereignet sich heute in fünf Jahren. Die nächste Wirtschaftskrise rollt an, und es wird eine massive Flurbereinigung kommen. Nur wer stark mit Eigenmitteln ausgestattet ist, wird überleben und kann dann wohl durchstarten.


Die Bauwelt muss sich der akuten Frage des Klimaschutzes und der Ressourcenschonung stellen. Neue Systeme – Niedrigenergiehaus, Passivhaus, Nullenergiehaus – wurden entwickelt und auch bereits gebaut. Was ist das Besondere am e4-Ziegelhaus?
Zatl:
Wir wollen in Zwettl – einem Kältepol des Landes – den Beweis antreten, dass ein Ziegelhaus mehr Energie produzieren kann, als es verbraucht, die Primärenergiebilanz positiv ist und das zu einem vernünftigen Preis von 1.700 Euro pro Quadratmeter.


Ist es nur sportlicher Ehrgeiz?
Zatl:
Nein, das würden Sie falsch verstehen. Es ist jedes Mal eine Herausforderung, Tradition und Moderne zu verbinden. In Zwettl muss auf das alte Ortsbild Rücksicht genommen werden, und zugleich hat der Bauherr seinen Wunsch, modern zu bauen. An dem speziellen Bauplatz kommt eine technische Herausforderung hinzu: Das Grundstück ist nicht optimal ausgerichtet, um die Solarenergie zu nutzen. Dies alles unter einen Hut zu bringen, reizt mich.


Ich nehme an, all diese Probleme waren lösbar.
Zatl:
Richtig, und wir haben eine schöne, ansprechende und ansehnliche Lösungen gefunden. Über Geschmack lässt sich streiten, aber bei der Präsentation des Projekts an Unbedarfte höre ich immer wieder „Aha“ und „Wow“. Das Dach wurde gedreht und die Neigung auf 60 Grad erhöht. Damit können wir die Wintereinstrahlung sichern, und zugleich bleiben die Solarflächen sauber und schneefrei. Aber einen Wartungszugang gibt es trotzdem, möchte ich noch betonen.


Zur letzten Frage, Herr Zatl: Glauben Sie, dass wir als Österreicher mit dem e4-Haus, Passivhäusern, Niedrigenergiehäusern, Plus­energiehäusern das Kioto-Ziel erreichen?
Zatl:
Nur so geht es. Aber wenn Sie mich fragen würden, ob ich das noch erleben werde, kann ich nur sagen: Ich hoffe es.

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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