Direkt zum Inhalt
 

„BIM ist hier und jetzt“

28.05.2019

Die Digitalisierung und BIM sind in der Branche angekommen, auch wenn noch nicht alle selbstständig „fahren“ können und man falschen Erwartungen nicht vorgreifen sollte.

Von der öffentlichen Hand über Planer bis hin zum ausführenden Baugewerbe: BIM ist ein Thema, das alle beschäftigt.
BIM von Ecoplus

Eco Plus ist seit über 50 Jahren als Wirtschaftsagentur des Landes Niederösterreich tätig. Als Schnittstelle zwischen­ Wirtschaft, Politik und Wissenschaft hat man schon früh das Potenzial von BIM erkannt und arbeitet seitdem in diversen Projekten­ an den verschiedensten Teilaspekten des Themas. Von BIM_AP, die kooperative Entwicklung eines gemeinsamen BIM Abwicklungsplans, über BIM_Süd, BIM Abwicklungsplanung anhand eines konkreten Bauprojekts bis hin zu BIM@hochBau gab es schon einige Projekte. Die Erfahrungen­ der letzten Jahre werden nun in dem neuen kooperativen BIM-Implementierungs­projekt „BIM_Pilot“ gebündelt. Im Zuge eines kooperativen Qualifizierungsprojekts werden dabei sowohl Baukomponentenhersteller als auch Planer und Ausführende bei der Implementierung von BIM-Methoden anhand eines auf die Bedürfnisse der teilnehmenden Unternehmen abgestimmten Pilotprojekts von externen BIM-­Experten unterstützt.

Digitalisierung ist aktuell das Thema, an dem niemand in der Baubranche vorbeikommt, allen voran an den Entwicklungen rund um Building Information Modeling (BIM). Hier befinden sich die Unternehmen teilweise mitten im Implementierungsprozess, andere arbeiten schon seit geraumer Zeit damit, und wiederum andere stellen sich noch immer die Frage, ob sich die Technologie endgültig durchsetzen können wird. „Es ist eine sehr spannende Zeit, die Implementierung von BIM fühlt sich ein wenig so an, wie es die Einführung des Autos getan haben muss“, stellt Wilhelm Reismann, Honorarprofessor der TU Wien, fest. „Manche stehen noch staunend und angsterfüllt davor, die meisten brauchen noch einen Chauffeur, um es nutzen zu können, und einige wenige fahren schon selber.“ Zum Glück könne er aber der Baubranche attestieren, dass sich die meisten beim Thema BIM „zumindest schon herumfahren lassen“. Wie vielfältig diese Prozesse­ aktuell sind, zeigte sich bei der Veranstaltung Bauen.Digital.Nieder­österreich von Eco Plus, wo Vertreter der unterschiedlichsten Teilbereiche­ der Branche ihre Sicht auf BIM darlegten.

Öffentliche Angelegenheit

„Unsere Primärziele sind, vereinfacht gesagt, funktionale Projekte zu planen, sie umzusetzen und wirtschaftlich zu betreiben“, beschreibt Josef Bichler von der Abteilung Landeshochbau NÖ die Sicht eines öffentlichen Auftraggebers. Dabei sei BIM ein wesent­liches Tool, von dem man im Moment auf zwei sehr einfachen Wegen­ profitiere: Einerseits steht das Modell in einer hohen Qualität frühzeitig zur Verfügung, wodurch die späteren Nutzer das Gebäude in der Visualisierung schon „begehen“ können. Die daraus gewonnen Erkenntnisse fließen wiederum in die Planung ein, um so das Maß an nachträglichen Umbauten zu reduzieren oder diese gänzlich einzusparen. Andererseits werden zukünftig die Betreiber einen digitalen Zwilling des Gebäudes haben, was die Kosten erheblich senken kann. „Wir haben zwar das Problem, dass nichts so gebaut wie geplant wird, umgehen dieses aber, indem wir durch Scans das Modell auf den tatsächlichen Stand bringen“, erklärt Bichler. „Dadurch können wir im Betrieb, der schließlich den größten Teil der Kosten über den Lebenszyklus betrachtet ausmacht, gezielter und effizienter agieren.“

Ein grundlegendes Problem hat man aber momentan noch aufseiten der Facharbeiter. Die ältere Generation stehe der Entwicklung oftmals kritisch gegenüber und sei einfach nicht so digitalaffin – die nachkommenden Facharbeiter sind zu wenige oder befinden sich zum größten Teil noch in der Ausbildung.

Open BIM? – Keine Frage!

Essenziell für ein sauberes und problemloses Arbeiten mit BIM seien auch allgemein gültige Standards. „Wir haben österreichweit einheitliche Vorgaben für unsere BIM-Projekte geschaffen – was bei der Vielfalt der unterschiedlichen Objekte, für die wir zuständig sind, nicht einfach war“, so Wolfgang Malzer von der Bundesimmobiliengesellschaft m. b. H. (BIG). „Dabei haben wir alle Standardverträge um den Faktor BIM erweitert und sehr genaue Rahmenvorgaben für die verschiedenen Teilaspekte eines Projekts entwickelt. Essenziell ist auch für uns die Arbeit mit Open BIM, da wir so ein für jede Firma zugängliches Projektmodell schaffen.“

„Open BIM ist konform, neutral, stabil und etabliert“, stellt auch Michael Hallinger vom Office for Digital Engineering fest. „Die Frage nach dem Warum sollte sich also nicht mehr stellen.“ Dies sieht auch Gerfried Falb, Partner bei IC Consulenten, so. Er erachte Open BIM als „Grundlage der kooperativen Projektabwicklung“, alles andere würde nur die Idee konterkarieren. So könne jeder mit seinen passenden Tools arbeiten und diese in das Gesamtmodell einfließen lassen. Dafür brauche es aber auch ein Umdenken in den Köpfen der Beteiligten.

Keine Zukunftsmusik

„Für das Arbeiten mit BIM braucht es einen Paradigmenwechsel in der Branche, ein klares Bekenntnis: Ja, wir wollen digital bauen“, meint Falb. „Das heißt, wir alle arbeiten in einem Modell mit allen Vor- und Nachteilen.“ So wird die Arbeit eindeutig und von jedem Beteiligten nachvollziehbar. Jederzeit stehen alle benötigten Informationen zur Verfügung, und durch einen kontinuierlichen Datenabgleich kann auch viel Sicherheit geschaffen werden.

Dass die Digitalisierung und BIM keine Zukunftsmusik mehr sind, zeigt sich für Dominik Mesner in seinem Arbeitsalltag. Der Geschäftsführer der Vermessung Schubert ZT vermisst und modelliert Gebäude mit mobilen 3D-Laserscanmethoden und generiert daraus Modelle. „Ich kann nur jedem, der noch immer nicht daran glauben will, sagen: BIM ist hier und jetzt, und wir verdienen Geld damit“, so Mesner. Dabei seien gerade in der Vermessung die Möglich­keiten mannigfaltig. Egal ob es sich dabei um die Erstellung eines Modells des Ist-Zustands einer Baustelle handelt, anhand dessen Baufehler aufgezeigt werden können, oder um die Model­lierung eines Bestandsgebäudes – es stelle sich nur die Frage, in welcher Qualität man die Daten haben will, und es sei ein Kostenfaktor.

„Die Digitalisierung ist längst im Bauwesen angekommen“, findet­ auch Stefan Graf, Leyrer + Graf. „Es entstehen neue Standards, neue Rollen bei Projekten und auch neue Aufgaben.“ Deshalb sei es wichtig, bei einer Entwicklung mit so hohem Innovationsgrad wie BIM zusammenzuarbeiten und intern einen geordneten Change-Management-Prozess durchzuführen. „Manche Mitarbeiter muss man behutsam an solche Themen heranführen, bei anderen läufst du mehr als nur offene Türen ein“, so Graf weiter. „Es verändert aber auch ganze Strukturen und bedeutet für ein Unternehmen natürlich ein Investment, von dem man sich etwas erwartet.“ Dennoch sollte seiner Ansicht nach vor allem die Erwartungshaltung nicht zu große Ausmaße annehmen.

Es geht um mehr als Prozente

„Wenn man eine Tageszeitung aufschlägt und kontinuierlich liest, dass man mit BIM rund 20 bis 50 Prozent der Kosten eines Gebäudes­ einsparen kann, dann ist dies sicherlich positiv zu bewerten, erzeugt aber auch einen enormen Druck“, stellt Wilhelm Reismann von der TU Wien fest. „Wenn jetzt die öffentliche Hand mit dieser Erwartung an BIM herangeht, es implementiert, Projekte abwickelt, und am Ende sind es aber nur 15 Prozent Kostenersparnis, dauert es sicher nicht lange, bis wer fragt, wo denn der Rest des Geldes ist.“ Dies ist in seinen Augen die falsche Grundprämisse, vielmehr ein positiver Begleiteffekt der Implementierung eines neuen Systems, das zwar in erster Instanz Kosten verursacht, auf lange Sicht aber mehr bringen kann als nur Einsparungen.

Diese Sichtweise unterstützt auch Stefan Graf, der davor warnt, wieder nur kleine Teilaspekte zu betrachten anstelle des großen Ganzen. „Wir dürfen nicht darauf hereinfallen und den Nutzen von BIM nur anhand von Einsparungen bei den Kosten bewerten“, so Graf. „Es geht vielmehr um die Wertschöpfung anhand des gesamten Lebenszyklus.“ Dafür brauche es in der Branche den Willen zusammenzuarbeiten und seiner Meinung nach drei wesentliche Eigenschaften: Mut, Kreativität und Ausdauer.

Werbung

Weiterführende Themen

Service.
23.01.2019

Ihre Fagen zum Thema BIM, beantwortet von den BIM-Baumeistern. Diesmal geht es darum, was BIM nun eigentlich ist und was nicht.

Ende Februar wird die Plattform "Building Smart Austria" erstmals präsentiert.
Aktuelles
12.02.2018

Gemeinsam mit der Plattform 4.0 und dem BMVIT lädt die Geschäftsstelle Bau  zur Veranstaltung "Potenziale der Digitalisierung im Bauwesen", in deren Rahmen die Plattform "buildingSmart Austria" ...

Ein Bürogebäude mit Hochregallager, Produktionshalle und Werkzeugbau für Brandauer, geplant von der Tiroler  BM. Patrick Weber GmbH + Co. KG.
Aktuelles
22.08.2016

Planende Baumeister sind noch immer rar – dennoch beweisen ihre Projekte, dass sie sich nicht zu verstecken brauchen.

Werbung