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Chancen, Risiken und Träume

18.09.2008

Russland boomt und gilt als eine der am dynamischsten wachsenden Wirtschaftsräume weltweit. Der Bedarf an Wohnungsraum, Geschäfts- und Bürobauten steigt – wie auch an westlichem Planungs- und Bau-Know-how.

Über Russland spricht die Welt. Die alten Sowjetzeiten hinterließen eine Vielzahl an Ruinen – gegenständlich wie auch emotional. Plattenbauten waren und sind der Baustandard in Russland. Für westliche Bauexperten eine längst überholte Art zu bauen. Wladimir Putin begann mit dem Aufbau des Landes in unterschiedlicher Qualität und in seinem Stil. Doch auch mit dem neuen Präsidenten Dimitri Medwedev bleibt der Bedarf an Wohnungen, Geschäfts-, Büro- wie auch Industriebauten steigend. Aber vor allem in Infrastruktur wird eine Menge investiert. Straßen waren in Russland nie Thema, eigentlich jeder nützt das gut ausgebaute Bahnnetz. Mit dem Zuschlag für Sotschi für die Olympischen Winterspiele 2014 erhofften sich nicht nur Bauunternehmen aus dem Westen ein gewaltiges Umsatzplus. Doch kurz nach den ersten Auftragsvergaben wurden zeitgleich die ersten Sorgen laut: es gibt keine Facharbeiter in Russland, wichtige Baustoffe fehlen und gewaltige Lieferengpässe bei Baumaterialien verzögern den Baufortschritt.

Keine Alleingänge

Für das Jahr 2007 spricht der russische Föderale Statistikdienst von einem realen Bauwirtschaftswachstum von rund 18 Prozent – 2.481 Kilometer Straßen und an die 200.000 Wohngebäude wurden fertiggestellt. Generell wird der Baubranche in Russland überaus großes Wachstumspotenzial zugeschrieben. Für das Jahr 2007 wurde eine Branchenwachstumsrate von 18,7 Prozent errechnet, wobei der Wert der erbrachten Bauleistungen 3,293 Milliarden Rubel beträgt. Mehrere österreichische Bauunternehmen konnten im russischen Markt Fuß fassen und sind an Projekten unterschiedlicher Größenordnung beteiligt. Christian Fuchssteiner, Stellvertreter des Handelsdelegierten in Moskau der Wirtschaftskammer Österreich, sieht große Chancen für Österreicher: „Vor allem aber in der Auftragsausführung, weniger als Generalunternehmer für Ausschreibungen der staatlichen Gesellschaft Olympstroy (etwa für Bauwerke oder für Energiezentralen etc.), sondern eben als Subunternehmer ‚gut vernetzter‘ russischer Großunternehmer bei einem Auftrag mitzumachen.“ Vor der Idee, den russischen Markt im Alleingang zu erobern, warnt Fuchssteiner, denn das „gestaltet sich für österreichische Baufirmen als relativ schwierig. Österreichische Bauunternehmen können mit einem verlässlichen russischen Partner im Rahmen eines Joint Ventures oder als Subunternehmer tätig werden.“

Gewaltiges Sanierungspotenzial

Die russische Regierung bestätigt die Notwendigkeit der Sanierung von rund der Hälfte des gesamten Wohnraumbestandes – immerhin drei Milliarden Quadratmeter. Für westliche Sanierungsexperten ergeben sich hier Topchancen. Nach wie vor warten die meisten Bauaufgaben in Moskau und in St. Petersburg. Wenn auch der Sportstättenbau für Sotschi so gut wie vergeben ist, im Hotelbau wird noch ein Umsatzschub für innovative Bauunternehmer erwartet. Wie kann ein westlicher Bauunternehmer in Russland einen Auftrag landen? Der österreichische Baumeister Erich Wimmer, Strabag Ingenieurtiefbau, ist seit einem Jahr in Moskau und pendelt zwischen Österreich und Russland. Seine beiden Kinder und seine Frau waren mit seiner Entscheidung, nach Russland zu gehen, einverstanden: „Ganz im Gegenteil, eigentlich profitieren alle, denn wenn ich ein Wochenende zu Hause bin, verbringe ich die Zeit mit Sicherheit viel intensiver als früher.“ Zurzeit ist Wimmer vor allem mit dem Aufbau des Tiefbaustandbeins der Strabag beschäftigt wie auch mit dem Sondieren und Akquirieren neuer Projekte: „Nun, als Erstes gilt, sich in die russische (Bau-)Gesellschaft zu mischen. Die Baupraxis in Russland ist nicht mit der österreichischen vergleichbar – angefangen von vergaberechtlichen Rahmenbedingungen bis zu Ausschreibungen oder auch der bis dato üblichen Planungs- und Ausführungsqualität.“ Zu öffentlichen Aufträgen kommt man über Ausschreibungen, das Portal www.zakupki.gov.ru bietet einen aktuellen Überblick – doch die Spitzfindigkeiten des Ausschreibungswesens sind zeitraubend: „Bei den russischen Baufirmen gibt es einen eigenen Mitarbeiter, der auf Ausschreibungen spezialisiert ist“, erklärt Wimmer.
Die administrativen Hürden erweisen sich in der Tat für so manchen als Stolperstein – dazu zählen der knappe Zeitlauf für die Ausschreibungen, die teilweise unrealistischen Baupreise, der Spießrutenlauf mit Genehmigungen und Kontrollorganen und Verboten sowie die teilweise sehr schwierige Suche nach qualifizierten Fachkräften. „Eine solch große Anzahl an Facharbeitern nach westlichem Standard gibt es in Russland nicht – die meisten Arbeiter müssen wir anlernen, das kostet Zeit“, erklärt Wimmer.

Sorgsame Partnerwahl

Russische Partner sind wichtig – westliche Baufirmen können am ehesten als Subunternehmer mit Aufträgen rechnen oder als Anbieter von Spezialdienstleistungen. Das österreichische Unternehmen Doka ist seit 2005 mit einer Tochter in Moskau vertreten. Reinhold Süßenbacher, Generaldirektor Umdasch, bestätigt den Bauboom in Russland: „Die Rohstoffpreisentwicklung u. a. bei Erdöl und Erdgas lässt Russland zusehends reicher werden. Diese Entwicklung wird ebenfalls einen zusätzlichen wirtschaftlichen Aufschwung nach sich ziehen. Die Regierung unter Präsident Putin hat zudem zu einer deutlichen Stabilisierung der wirtschaftlichen und politischen Situation beigetragen.“
Bei der Partnersuche ist allerdings auch darauf zu achten, welche Lizenz – vergleichbar mit der Gewerbeberechtigung bei uns – die Baufirma oder Planungsbüro hat. Bis dato existierte eine staatliche Lizenzierungspflicht für Bau- und Planungsbüros. Mitte März bestimmte die Staatsduma ein Gesetz, in dem die Berufsverbände sich verpflichten sollen, dass sie ihre Mitglieder in ihrer Berufsberechtigungen kontrollieren.

Fuchssteiner betont das Facharbeitermangelproblem: „Auch in Russland können Schüler nach Beendigung der Grundschule im Sekundärbereich beruflich-technische Schulen, die zu einer Facharbeiterqualifikation führen, besuchen. Nach Beendigung sind diese Facharbeiter durchaus mit unseren HTL-Absolventen vergleichbar. Doch das gleicht den Mangel nicht aus. Der Facharbeitermangel führt dazu, dass österreichische Firmen vermehrt mit österreichischem Personal arbeiten und hohe Löhne zahlen müssen.“ Früher wurden die Facharbeiter vom Staat ausgebildet, dies wurde nach der Wende in den 90er-Jahren eingestellt. Die Baufirmen haben das immer größer werdende Problem mittlerweile erkannt und wollen nun in Eigenregie und Eigenkosten Ausbildungsschulen für Facharbeiter gründen. „Die Bauarbeiter auf den meisten Baustellen stammen zurzeit aus den ehemaligen UdSSR-Provinzen, den jetzt unabhängigen Staaten wie Tadschikistan, Kasachstan usw. Das sind keine ausgebildeten Leute. Man braucht einen Polier, der wirklich gut ist und auch über eine gewisse soziale Kompetenz zur Führung der Arbeiter verfügt“, erklärt Wimmer. Auf der Baustelle selbst gibt es laut Wimmer kaum Probleme wegen unterschiedlicher Nationalitätszugehörigkeiten.

Baupreise und Inflation

Bezüglich technischer Innovationen ist Russland weit hinter westlichen Standards zurück. Die Kombination mit der mitunter nicht einfachen Mentalität trägt darüber hinaus dazu bei, dass die Einführung von westeuropäischen Bautechniken nicht reibungslos abläuft: „Das technische Know-how beschränkt sich auf Plattenbauten – Ökologie oder umweltfreundliches Bauen sind meist auch den großen Baufirmen in Russland fremd. Wenn man einen Partner von seinem Wissen einmal überzeugt hat, dann sind die Chancen gut, für Russland untypische Bauweisen einzuführen“, schmunzelt Wimmer. Es gibt Regelwerke und Normen in Russland – diese sind jedoch ebenso längst überaltert, Mitte 2010 sollen die Gost- und Snip-Normen durch moderne Regelwerke abgelöst werden.

Die Baupreise und Baukosten explodieren in Russland. „Die Baukosten in Russland sind deutlich höher als in Österreich, weil fehlendes Baumaterial aus dem Ausland importiert oder im eigenen Land von weit her transportiert werden muss und aufgrund der starken Nachfrage mit entsprechend hohen Gewinnmargen in Russland verkauft wird“, weiß Fuchssteiner.

Knallharter Wettbewerb

„Die Herausforderung in Russland ist das Wettbewerbsumfeld. Die lokalen russischen Anbieter liefern ihr Schalungsmaterial zu sehr niedrigen Preisen. Wir liefern hochwertigste Technik, die natürlich auch mehr kostet, und müssen zusätzlich die Einfuhrzölle an unsere Kunden weitergeben. Diesen Nachteil können wir nur durch erstklassige technische Lösungen und Dienstleistungen ausgleichen. Unser Trumpf ist die Kompetenz, die Doka in 50-jähriger internationaler Baustellenerfahrung aufgebaut hat“, erklärt Süßenbacher.
Russland passt ausgezeichnet in die Expansionsstrategie der Alpine, die bereits gut in den neuen EU-Ländern wie Bulgarien und Rumänien, aber auch in der Ukraine vertreten ist: „Russland ist für uns ein logischer Markt, auch wenn derzeit die Verwaltungsstrukturen noch nicht so effizient sind und Investoren sich erst zaghaft nach Russland wagen“, erklärt die Geschäftsführung der Alpine. Derzeit laufen einige große Ausschreibungen, an denen sich die Alpine mit Partnern beteiligen wird. Alpine ist noch nicht sehr lange in Russland tätig. Derzeit bewirbt man sich um Autobahnabschnitte. Die Ausschreibungen sind erst angelaufen. „In Russland sind die administrativen Hürden sehr hoch. Man benötigt lokale Partner. So ist Alpine u. a. in einem Joint Venture mit Asset Management Company Leader, der Gasprombank und Stroygasconsulting. Wir sind in Russland gut aufgestellt, um die Herausforderung des enormen Marktes anzunehmen“, erklärt Alpine.

Wenig Interesse an Russland hat hingegen die Porr: „Wir sind in ihren zentral- und osteuropäischen Kernmärkten mit der Umsetzung zahlreicher sehr guter Projekte mehr als ausgelastet. Vor diesem Hintergrund macht eine weitere geografische Expansion in den russischen Markt aus unserer Sicht aus Kapazitätsgründen derzeit keinen Sinn“, erklärt Josef Hesoun, Generaldirektor Porr.

Westliches Know-how beliebt

Die Baupreise haben nichts mit den erzielbaren Preisen zu tun: „Weil auch die vom Staat vorgegebene Inflation offiziell immer nur bei vier, 4,5 oder fünf Prozent liegt – inoffiziell sind es allerdings oft zehn bis zwölf Prozent“, so Wimmer. Aber auch das Leben ist teuer. „Außerhalb der Großstädte ist alles günstiger, aber eben in Moskau, St. Petersburg oder auch in Sotschi, dort ist alles extrem teuer, will man seinen gewohnten Lebensstandard aus der Heimat halten.“ Wimmer hat keine Mindestaufenthaltsdauer in Russland mit der Strabag vereinbart – ein extremes Entgegenkommen für den Familienvater. Wenn er zurück möchte, wird eine Möglichkeit gefunden. Aber derzeit ist keine Rede davon, er ist fasziniert von seinem Job.

Allein die Größe der anstehenden Projekte begeistert den jungen Baumeister. „Die Mentalität, so wie bei uns, dass man beispielsweise jahrelang mit einem anderen Bauunternehmen immer wieder in Arbeitsgemeinschaften kooperiert, die gibt es nicht in Russland. Das heißt, sobald die ‚russische Partnerfirma‘ das eingebrachte westliche Know-how verstanden hat, wird beim nächsten Bauvorhaben versucht, diese neuen Arbeitsweisen selbst auszuführen.“ Zurzeit beschäftigt sich Wimmer mit der Beauftragung für die Stadtautobahn von Norden nach Süden durch St. Petersburg, einen Vorvertrag gibt es bereits.

Weiters bemüht sich Wimmer zurzeit um den Auftrag für eine S-Bahn auf Stelzen von Ost nach West, 40 Kilometer durch die Stadt, das dritte aktuelle Projekt ist ein Autobahntunnel unter dem Fluss, der durch St. Petersburg fließt. Doch auch Sotschi ist für den Ingenieurtiefbau interessant. „Die Abläufe in Russland sind teilweise langwierig – üblich war bis dato, zu planen und irgendwann mal zu bauen. Jetzt gibt’s einen Fixtermin, 2014. Langsam merken die russischen Behörden, Planer, Olympiaverantwortlichen und Baufirmen, dass rasch gehandelt werden muss – und noch immer die Chance für ausländische Firmen besteht, zu einem Auftrag zu kommen.“
Fix beauftragt ist die Strabag Hochbau allerdings bereits mit dem Flughafenbau in Sotschi. Die Hauptniederlassung für Russland in Moskau gibt es bereits seit 15 Jahren. Während im Hochbau durchwegs private Bauherren die Auftraggeber sind, ist im Tiefbau hauptsächlich die öffentliche Hand die ausschreibende Stelle. „Mit einem privaten Auftraggeber wird ein Vertrag nach westlichem Muster gemacht, mit dem wir umgehen können – fertig, soweit“, erklärt Wimmer. Jeder stellt seine Vertragsbedingungen. Ein spektakuläres Bauvorhaben der Strabag in Moskau ist u. a. zurzeit das Projekt Hotel Moskau, das zwischen Rotem Platz und Kreml liegt und gegenüber dem russischen Parlament ist.

Doka ist ebenso vom Marktpotenzial überzeugt und rechnet bis 2015 mit einer Verdoppelung des Systemschalungsmarktes in Russland. „Da ist es gut, wenn man von Anfang an dabei ist und entsprechend der Erfahrungskurve möglichst schnell große Marktanteile gewinnt und Wettbewerbsvorteile erlangt“, erklärt Süßenbacher.

Umgangsformen rasch lernen

Was Russen meist am Beginn des Kennenlernens erstaunt, ist die Höflichkeit der westlichen Gesprächspartner. „Pünktlichkeit wissen sie sehr zu schätzen. Unsere Qualität, der Schriftverkehr wie auch die Gründlichkeit wird sehr geschätzt. Handschlagqualität gibt es allerdings nicht immer. Da muss man sehr vorsichtig sein – selbst ein Vertrag kann über Nacht null und nichtig sein“, gesteht Wimmer. Natürlich gibt es auch in Russland den Rechtsweg – der kann jedoch unabschätzbar lange dauern. Wimmer rät, alles was passiert, zu dokumentieren, den Schriftverkehr mit dem Bauherrn peinlichst genau zu führen und beim Einfordern bauseitiger Leistungen (Planungen, Bewilligungen, Zahlungen, etc.) äußerst hartnäckig zu sein und keine nichtvertraglichen Eingeständnisse zu machen.

Russen sind abergläubisch – so heißt es, man gibt einem Russen zum Beispiel nicht die Hand durch die Tür, gratuliert nicht am Vortag zum Geburtstag, verschenkt keine Messer u. ä. Schenken hingegen kommt gut an. Persönliche Geschäftsbeziehungen werden mit kleinen Geschenken gepflegt, das ist üblich, nett verpackte und regional typische Souvenirs aus Österreich erfreuen Russen. Das russische Volk ist stolz, viele empfinden sich ähnlich wie Amerika als Supermacht – Kritik an Russlands derzeitigen Regime obliegt einzig und allein den Russen selbst, Achtung! Ebenso sind Bemerkungen zum Zweiten Weltkrieg oder auch zu Tschetschenien oder Georgien zu unterlassen.

Die Sprache ist eine Barriere – die Strabag ermöglichte Wimmer den Besuch eines Russischkurses. Einkaufen und in einem Restaurant bestellen kann er – geschäftliche oder gar technische Diskussionen wagt er nicht allein. Wimmer ist bei jedem Geschäftstermin in Begleitung seiner Dolmetscherin. Auch wenn englisch gesprochen wird – nur so erfährt er, was die Partner zwischen den Zeilen miteinander sprechen. Besprechungskultur wie bei uns gibt es nicht: „Sie kommen zu spät, es wird mit dem Handy telefoniert, es wird rausgegangen und auch dazwischen irgendetwas ganz anderes gemacht – daran muss man sich gewöhnen“, lacht Wimmer.

Gisela Gary

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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