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Contracting

09.02.2004

Professionelles Energiemanagement mit geringem Risiko: Die Contracting-Welle erfasst Österreich. Und was hat die Bauwirtschaft davon?

Contracting, ein Modell zur Drittfinanzierung von Energiesparmaßnahmen und –management, kam Anfang der 90er Jahre von den Vereinigten Staaten nach Österreich. Unterschieden wird zwischen Einspar-Contracting und Anlagen-Contracting. Beim Einspar-Contracting führt der Contractor Maßnahmen zur Senkung der Energiekosten durch. Zu den Maßnahmen zählen Heizkesseltausch, Optimierung der Beleuchtung, Lüftung und Kühlung sowie Wärmedämmung und Umstieg auf erneuerbare Energieträger. Investitionen und Honorar des Contractors werden aus den erzielten Einsparungen finanziert. „Voraussetzung ist, dass die erzielbaren Einsparungen groß genug sind, sodass sich die Investitionen in einem vertretbaren Zeitraum amortisieren können“, erklärt Monika Auer, Leiterin des Themenbereichs Energie-Contracting bei der ÖGUT, Österreichische Gesellschaft für Umwelt und Technik. Beim Anlagencontracting schließt der Contractor mit dem Auftraggeber einen Nutzenergie-Liefervertrag. Er errichtet und betreibt eine energietechnische Anlage und übernimmt deren Finanzierung. Die Abrechnung erfolgt über die gelieferte Nutzenergie. Das erste Pilotprojekt gab 1997 die Stadt Wien in Auftrag und schuf damit die erste große Öffentlichkeit für diese moderne Form des Energiemanagements. Ein Projekt mit insgesamt acht Gebäuden – Amtshäuser, Schulen, Heime – wurde mit fünf verschiedenen Contractoren durchgeführt. Zu den technischen Maßnahmen zählten: Kesselerneuerungen, Erneuerung und Optimierung von Regel- und Lüftungstechnik, Wärmerückgewinnungsanlagen, Warmwasserbereitungsanlagen, Optimierung des Heizbetriebes, Einsatz zentraler Leittechnik, Dämmung von Fassadenteilen und Geschoßdecken, Lastmanagement und Einsatz leitungsgebundener Energieträger. Im Schnitt wurden 27% Energieeinsparungen erwartet, erreicht wurden in den ersten beiden Jahren rund 30%, die CO2-Reduktion betrug rund 890 Tonnen/Jahr. „Durch dieses Pilotprojekt ist Schwung ins Contracting gekommen, eine ständige Arbeitsgruppe Contracting wurde bei der ÖGUT eingerichtet, es wurde viel Informationsarbeit geleistet und zahlreiche andere Auftraggeber folgten dem Beispiel der Stadt Wien“, erklärt Monika Auer. Als hauptsächliche Vorteile sieht sie, dass die Auftraggeber professionelles Energiemanagement mit wenig eigenem Risiko bekommen, außerdem die Verringerung des Energieverbrauchs und damit der Emissionen und dass Auftraggeber Investitionen vorziehen können, wenn das Budget knapp ist. Ein Vorteil, der besonders für die öffentliche Hand gewichtig ist. Monika Auer: „Bei Gemeinden herrscht das Diktat der leeren Kassen. Diese Art der Finanzierung kommt ihnen daher sehr entgegen. In der Privatwirtschaft hingegen herrscht – teils wegen mangelnder Information, teils wegen fehlendem Leidensdruck – noch eine gewisse Zurückhaltung. Z.B. können im Geltungsbereich des Mietrechtsgesetzes Contracting-Raten nicht eins zu eins als Betriebskosten an die Mieter weitergegeben werden. Hier können aber Lösungen über den Paragraph 18 des MRG oder über freiwillige Vereinbarungen mit den Mietern gefunden werden. Für Wohnbau-Genossenschaften hingegen sind Contracting-Modelle gesetzlich ausdrücklich vorgesehen.“ Große Gefahren beim Contracting ortet die Expertin nicht, wobei sie jedoch für eine sorgfältige Auswahl der Contractoren plädiert. „Man sollte genau anschauen, mit welchen Partnern man einen Vertrag abschließt, wer für die jeweiligen eigenen Bedürfnisse das beste Angebot machen könnte und auf entsprechende Referenzen verweisen kann. Wer beispielsweise einem Contractor, der auf Einkaufszentren spezialisiert ist, einen umfassenden Pool-Auftrag erteilt, ist selber schuld.“ Mittlerweile gibt es mit der Österreichischen Umweltzeichen-Richtlinie 50 „Energie-Contracting“ des Vereins für Konsumenteninformation (VKI) auch Qualitätsstandards, die potenziellen Contracting-Kunden die Contractorensuche erleichtern soll. Die Richtlinie sieht unter anderem beim Anlagen-Contracting erneuerbare Energieträger zur Bereitstellung der Nutzenergie vor. Beim Einspar-Contracting muss der Contractor für sein prognostiziertes Einsparziel garantieren und trägt auch das finanzielle Risiko beim Unterschreiten seiner Garantie. Die Richtlinie setzt auch Qualitätsstandards in der Projektierung und Umsetzung der Contracting-Maßnahmen (Die gesamte Richtlinie ist nachzulesen unter www.umweltzeichen.at). Die Richtlinie ist am 1. Juli 2003 in Kraft getreten. Bis dato dürfen sich zwei Firmen – Ökoplan GmbH und nahwaerme.at – mit diesem Zeichen schmücken, mehrere Anwärter befinden sich im Prüfverfahren.

Contracting-Preis Energieprofi
Für die Umweltzeichen-Richtlinie erhielt der VKI heuer den Contracting-Preis Energieprofi 2003 in der Kategorie Marketing. Der Preis wird seit 2000 jährlich vom Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft und ÖGUT vergeben. In der Kategorie Contracting-Projekte ging der Hauptpreis an die Forschungsgesellschaft Joanneum Research GmbH für das Thermoprofit-Projekt „Einsparcontracting Joanneum Research Graz – Bauliche Sanierung und energetische Optimierung des Gebäudes Steyrergasse 17–19 mittels Contracting“. Besonders überzeugt hat die Einbindung der Wärmedämmung, eine Vereinbarung mit allen Mietern und Fruchtnießern bezüglich der Verwendung der Energiekosteneinsparungen und Maßnahmen, die pro Jahr 7400 m3 Trinkwasser einsparen.
In der Kategorie Innovationen ging der Hauptpreis an die Firma nahwaerme.at für die solarunterstützte, zentrale Wärmeversorgung mit Biomasse für das Baulandsicherungsmodell Obertrum. Die Gemeinde stellt ihr Bemühen um eine nachhaltige und umweltfreundliche Energieversorgung durch die Verpflichtung unter Beweis, die Grundstücke mit Anschlusszwang an das Nahwärmenetz zu verkaufen. Insgesamt gab es fünf Preisträgerobjekte (das sechste fiel in die Kategorie Marketing), die zusammen auf eine CO2-Einsparung von 2350 Tonnen pro Jahr bei einem Investitionsvolumen von 12,3 Mio Euro kommen. „Anhand dieser wenigen Zahlen wird deutlich, dass das Potenzial für Einsparungen und damit auch für die Auslösung von Investitionen in der Sanierung enorm ist“, ist man bei der ÖGUT überzeugt. Lassen sich aus den Einreichungen Tendenzen ablesen? Monika Auer: „Gemeinden zeigen zunehmend ihr Vertrauen, indem sie mehr Pools statt Einzelobjekte ausschreiben. Die Ideen werden innovativer und die Contractoren erschließen sich neue Geschäftsfelder. Auch die Industrie wagt sich bereits an umfassende Contracting-Projekte heran. Für die Zukunft wünschen wir uns eine Entwicklung in Richtung Integration des Contracting in Gesamtsanierungen.“

Sanieren mit Contracting-Modellen
Contracting-Modelle zu umfassenden Sanierungspaketen im Sinne von energetisch und ökologisch optimierten Sanierungsdienstleistungen weiterzuentwickeln, ist Ziel des Haus-der-Zukunft-Projektes „Contracting als Instrument für das Althaus der Zukunft“, das von 1.1. 2003 bis 31. 12. 2003 lief. Projektleiter DI Gerhard Bucar von der Grazer Energieagentur: „Insbesondere im Bereich der öffentlichen Gebäude kann Contracting aufgrund der dortigen Finanzierungsengpässe als Türöffner für weitergehende, innovativere Maßnahmen fungieren. Durch die Verknüpfung von Gebäudesanierungen mit Contracting-Modellen und die bestmögliche Nutzung des Sanierungszeitpunktes sind insgesamt kostengünstigere Sanierungen für die Nutzer mit höherer Qualität zu erwarten.“ Das Projekt beschäftigt sich intensiv mit der Frage, wie die Anbieterstruktur aussehen muss, um umfassende Sanierungspakete anbieten zu können. Der Contractor kann einerseits als Generalunternehmer auftreten, braucht dazu die nötigen Gewerbeberechtigungen. Oder es gibt eine Kooperation von Bau- und Energiepartnern in Form einer Arbeitsgemeinschaft oder eines Konsortiums. Immer moderner wird auch die Kombination Contracting und Leasing, vor allem im öffentlichen Bereich. „Wichtig ist in jedem Fall, über den haustechnischen Tellerrand hinauszublicken, denn bei Contracting geht es um mehr als nur Haustechnik. Auch Wärmedämmung gehört dazu. Wichtig sind außerdem die laufende Betreuung, das Energiecontrolling und die Nutzermotivation. Denn es ist wenig sinnvoll, wenn bei offenem Fenster die Heizung voll aufgedreht wird. Contractoren müssen daher auf die Nutzer zugehen.“
Das Projekt soll auch dazu führen, die Bereitschaft bei Contractoren, der Bauwirtschaft sowie bei Architekten und Planern diese erweiterte Contracting-Modelle einzusetzen. Seitens der Bauunternehmen ist derzeit noch starke Zurückhaltung zu spüren. „Das Thema Dienstleistung ist vielleicht noch nicht genug in den Köpfen verankert, die Firmen setzen noch zu wenig Energie in die Weiterentwicklung ihres Angebots“, so DI Bucar. „Dabei wäre Contracting eine einmalige Chance, den Dienstleistungsbereich zu erweitern. Denn normalerweise ist ein Bau seitens des Bauunternehmens mit der Fertigstellung abgeschlossen. Mit Contracting könnten Bauunternehmen darüber hinaus eine Leistung anbieten in Form von garantierten Betriebskosten.“ Contracting-Expertin Auer von der ÖGUT ergänzt: „Bauunternehmen sollten sich überlegen, ob sie die nötigen Kompetenzen selber aufbauen oder sich ein entsprechendes Partner-Netzwerk schaffen.“

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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