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Dachausbau - Statischer Balanceakt in Wien

09.04.2008

Die Auslegung der Erdbebennorm sorgt nach wie vor für Verunsicherung in der Bau- und Immobilienbranche. Im gemeinsamen, partnerschaftlichen Vorgehen wollen die Interessensvertretungen nun Rechtssicherheit schaffen.

Ausgebaute Dachgeschoße sind im großstädtischen Gebäudedschungel eine heiß begehrte und von finanzkräftigen Bauherren gut bezahlte Mangelware. Rund 20.000 Mehrfamilien-Wohngebäude im Wiener Stadtgebiet würden sich nach Schätzung des Wiener Landesinnungsmeisters Walter Ruck grundsätzlich für einen Dachgeschoßausbau eignen. Eigentlich ein enormes Bau- und Planungspotential für die ansässige Bauwirtschaft, wäre da nicht die ÖNorm B 4015 „Belastungsannahmen Bauwesen, Außergewöhnliche Einwirkungen – Erdbebeneinwirkungen“, die seit ihrer Überarbeitung im Jahr 2006 Immobilienmaklern, Planern und Ausführenden das Leben schwer macht.

Folgenschwere Vorgeschichte

Im Zuge der Überarbeitung der ÖNorm wurden die Rahmenbedingungen für erdbebengerechtes Bauen verschärft. Die Norm, die eigentlich die Erdbebensicherheit von Neubauten regeln soll, wird von der Wiener Baupolizei seit rund zwei Jahren auch für den Dachgeschoßausbau herangezogen. Die Wogen in der Bau- und Immobilienbranche schlugen hoch. Die Experten befürchteten ein Ende des boomenden Bausegments. Vor diesem Hintergrund erarbeitete die Baupolizei ein Merkblatt zur „Statischen Vorbemessung“, das „die Sichtweise der Baubehörde zur ÖNorm B 4015 erläutert und Planern wie Ausführenden als Orientierungshilfe dienen soll“, so Hermann Wedenig von der Baudirektion. Mit Ende des Jahres wird die ÖNorm B 4015 zurückgezogen und durch die entsprechenden Normen des Eurocode 8 ersetzt. Damit läuft gleichzeitig auch die Gültigkeit des Merkblattes ab, welches durch eine überarbeitete Neuauflage ersetzt wird. Die Landesinnung Bau Wien, die Wiener Länderkammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten, die Immobilien- und Vermögensverwalter sowie der Hauptverband der Sachverständigen sind an der Neugestaltung beteiligt.

Gemeinsame Ziele

Vor den Gesprächen mit der Baudirektion setzten sich die Standesvertreter der Wiener Bauinnung – in der Person von Walter Ruck – und der Ingenieur- und Architektenkammer – vertreten durch Erich Kern, Tragwerksplaner bei Vasko + Partner und stellvertretender Sektionsvorsitzender der Architekten und Ingenieurkonsulentenkammer für Wien – erstmals an einen Tisch und planten eine gemeinsame Vorgangsweise. „Bislang sind wir immer getrennt marschiert. Wenn wir gemeinsam an einem Strang ziehen, haben wir wesentlich bessere Karten, um unsere Ziele und Anliegen durchzusetzen“, erklärt Ruck. „Wir haben festgestellt, dass uns mehr verbindet als trennt und sich unsere Anliegen in weiten Bereichen decken“, ergänzt Kern. Ingenieurkammer und Bauinnung beschreiten eine neue Ära der konstruktiven Zusammenarbeit, die von beiden Seiten auch in Zukunft fortgesetzt werden soll. Sowohl die weitere Auseinandersetzung mit dem Thema Dachgeschoßausbau betreffend, als auch in den Normungsausschüssen. „Vielleicht kann man damit auch so manche Gräben überbrücken, die sich in der Vergangenheit – oft aufgrund mangelnder Kommunikation – aufgetan haben“, so Ruck optimistisch.

Konsens in Sicht

Vergangene Woche fand die abschließende Sitzung zum Thema Merkblatt mit Baudirektion und Baupolizei statt. „Das erarbeitete Papier ermöglicht einen Dachgeschoßausbau mit höchst möglicher Rechtssicherheit für alle am Bau Beteiligten, bei gleichzeitiger Sicherung des Bestandes“, so Kern. Gleichzeitig sieht er in der momentanen Regelung noch nicht das Ende der Diskussion: „Die Entwicklung geht weiter. Wir werden auch in Zukunft gemeinsam an dem Thema arbeiten und die konstruktive Zusammenarbeit mit der Behörde fortsetzen. Bis dahin wird das Merkblatt eine brauchbare Hilfestellung für die tägliche Arbeit liefern, mit der 80 Prozent aller Dachgeschoßausbauprojekte ohne Probleme von den Außenstellen der Baupolizei abgehandelt und realisiert werden können“, ist Kern überzeugt. So wurde auch für die bis zuletzt strittige Formulierung „maßgebliche“ bzw. „unmaßgebliche“ Veränderung eine griffigere Definition gefunden: Bis zu einem Flächengewinn von maximal 150 Prozent der obersten Geschoßdecke sind Erweiterungen, Um- oder Ausbauten demnach als nicht maßgeblich zu betrachten. Zusätzliche Terrassenflächen müssen nicht berücksichtigt werden, wenn statisch nachgewiesen wird, dass diese keine Mehrbelastung über die im bestehenden Merkblatt festgeschriebenen 720 Kilogramm bei 150 Prozent Flächengewinn verursachen. Laut Baudirektion soll das aktualisierte Merkblatt in den nächsten Tagen erscheinen – die bau.zeitung wird exklusiv berichten.

Tom Cervinka

aus: bau.zeitung 14/08, S. 12

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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