Direkt zum Inhalt

Den Müllbergen das Wasser abgraben

30.06.2008

Die Griechen setzen auf österreichisches Know-how in Sachen Abfall – kein einfaches Unterfangen für die Techniker von Bilfinger Berger, denn die Müllmengen sind gewaltig und belasten längst weite Landstriche.

Bei über 30 Grad im Schatten quält sich der schwere Reisebus über die schmale Bergstraße durch die gebirgige Landschaft nahe der griechischen Küste. Sein Ziel: Die Mülldeponie Tagarades, nur wenige Kilometer entfernt von Thessaloniki, der zweitgrößten Stadt Griechenlands und Hauptstadt der Region Zentralmakedonien.

Trotz Klimaanlage und Geruchsfilter ist auch im Bus der beißende Gestank zu verspüren, der von den ungeheuren Abfallmengen im Talkessel verbreitet wird. Hunderte Tonnen Müll – in der Hauptsache Hausabfälle – werden täglich angeliefert und lassen die schon von weitem erkennbaren, bunt schimmernden Abfallberge immer weiter anwachsen. Für die starke Geruchsentwicklung ist weniger der stetig wachsende Müllberg selbst verantwortlich, sondern in erster LInie das austretende Sickerwasser, das sich in den Vertiefungen ansammelt und ständig neue, übel riechende Tümpel bildet. Der hohe Anteil an Plastikmüll sorgt dafür, dass die Deponieabwässer nicht im Erdreich verschwinden. Die sommerlichen Hochtemperaturen tragen das ihrige zur Geruchsentwicklung bei.

Um dem wachsenden Problem Herr zu werden, errichtet die Bilfinger Berger Umwelttechnik mit ihrer Griechenland-Tochter Bilfinger Berger Umwelt Hellas A.E., im Rahmen eines von der Europäischen Union geförderten Projektes, derzeit eine Sickerwasserbehandlungsanlage. Nach der Fertigstellung sollen täglich rund 200 Kubikmeter der übel riechenden Brühe aufbereitet werden können. „In Summe dürften bereits über 300.000 Kubikmeter Sickerwasser in der Deponie lagern“, schätzt Miltiadis Zygouras, Chef der Bilfinger-Berger-Griechenland-Tochter. „Im Bereich der Müll-entsorgung und Abfallverwertung hinkt Griechenland dem Land Österreich um rund 15 Jahre nach“, erklärt Zygouras offen. Aber die EU macht Druck auf Griechenland, nicht zuletzt in der Person des griechischen EU-Umweltkommissars Stavros Dimas, der die Müllprobleme seines Landes bestens kennt.

„Das Umweltbewusstsein in Griechenland ist derzeit noch eher unterentwickelt. Aber es gibt klare Willensbekenntnisse von Seiten der Regierung, in den kommenden Jahren die Müllproblematik in den Griff zu bekommen“, berichtet Friedrich Wilhelm Budde, Spartenleiter der Bilfinger Berger Umwelttechnik, der aufgrund des Know-how-Vorsprungs des österreichischen Mutterunternehmens große Wachstumschancen für die Bilfinger Berger Hellas ortet. In ganz Griechenland gibt es keine Verbrennungsanlagen für Hausmüll. Dementsprechend groß ist das Potential für Unternehmen, die über das nötige Wissen für eine sachgerechte Entsorgung verfügen.

„Natürlich wird auch in Griechenland Müll gesammelt und entsorgt. Aber die Frage wie und was deponiert bzw. entsorgt werden muss, ist noch nicht flächendeckend gelöst. In jedem Fall gibt es sowohl in der Bevölkerung als auch in der Politik eine wachsende Sensibilisierung auf das Thema Umwelt und Müllentsorgung. Und man ist sich mittlerweile auch darüber bewusst, dass die sachgerechte Abfallentsorgung etwas kostet“, berichtet Richard Metzenbauer, Geschäftsführer der Bilfinger Berger Bauges.m.b.H. Gute Voraussetzungen also für Bilfinger Berger, den griechischen „Müllmarkt“ zu erobern.

Wachsender Markt in Südosteuropa

Insgesamt drei Millionen Euro werden in die Sickerwasserbehandlungsanlage in Taragades investiert, womit diese zu einem der wichtigsten Projekte von Bilfinger Berger in Griechenland zählt. Seit Anfang der 1990-er Jahre ist die Österreich-Tochter der zweitgrößten deutschen Baufirma Bilfinger Berger AG im Bereich der Umwelttechnik aktiv – und ist damit eines der ersten Unternehmen, das sich im damals stark wachsenden und profitablen Markt etalieren konnte. Auch die Expansion nach Südosteuropa trägt mittlerweile Früchte.

Anfangs hauptsächlich über Niederlassungen, später über eigene Tochtergesellschaften wurde im Jahr 2002 in Griechenland, 2003 in Zypern und 2004 in Ungarn das Umweltgeschäft aufgenommen. Im vergangenen Jahr kam Rumänien dazu. Weitere Expansionsschritte sind geplant. Derzeit steht Bulgarien mit einer Niederlassung in Sofia auf dem Radar der Umweltspezialisten. Immerhin ist Sofia nur knapp drei Stunden von Thessaloniki entfernt.

Rund 41 Millionen Euro wird die gesamte Sparte Umwelttechnik im Jahr 2008 erwirtschaften, rund elf Millionen Euro entfallen dabei auf Griechenland und Zypern – so lautet die Prognose. Innerhalb von fünf Jahren nach der Gründung der Griechenland-Tochter konnte die österreichische Bilfinger Berger auf dem abgeschotteten und damit sehr schwierig zu erschließenden Markt in Griechenland Fuß fassen. Wurde im Jahr 2006 ein Umsatz von knapp drei Millionen Euro erzielt, so konnte das vergangene Geschäftsjahr 2007 bereits mit rund sieben Millionen Euro abgeschlossen werden. Für das laufende Jahr sieht der Business-Plan über elf Millionen Euro vor, was eine über 55-prozentige Steigerung bedeuten würde. Vor allem bei der Errichtung von Ver- und Entsorgungsanlagen ist der österreichische Know-how-Vorsprung spürbar.

Internationale Ambitionen

Gestärkt durch die Erfolge in Mittel- und Süd-Ost-Europa wagt die österreichische Umwelttechnik auch den Sprung über den großen Teich. Mit der Arge Bio-Puster – bestehend aus Bilfinger Berger Umwelttechnik, Hinteregger & Söhne Bauges.m.b.H. und Porr Umwelttechnik – soll der südamerikanische Markt erobert werden.

Das marken- und patentrechtlich geschützte Verfahren, das ursprünglich zur Behandlung von Deponie-Altlasten entwickelt wurde, soll in Südamerika im Bereich der Haumüllentsorgung eingesetzt werden. In der Stadt Maringa in Brasilien wurde vor wenigen Wochen eine Pilotanalge eröffnet. Damit wird die in Österreich beispielsweise bei der Sanierung der Fischer-Deponie oder der Räumung des Donauparks Erfahrung wie auch die angewandten Verfahren, unter den erschwerenden klimatischen Bedingungen – mit hohen Temperaturen und saisonal bedingten extremen Niederschlägen – auf die Probe gestellt.

Tom Cervinka

aus: bau.zeitung 26/08, S. 12f.

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
Werbung

Weiterführende Themen

News
25.03.2011

Forschung, Verkehr und Marktdurchdringung – das sind die Kernbereiche des Klima- und Energiefonds, dessen Jahresprogramm nun präsentiert wurde. Rund 150 Millionen Euro an Fördermitteln stehen zu ...

News
18.03.2010

Bis 2020 müssen alle EU-Mitgliedstaaten 70 Prozent der mineralischen Baurestmassen verwerten. ­Österreichs Bauwirtschaft erweist sich dabei bereits jetzt in puncto Baustoffrecycling als ...

Werbung