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Denkmalschutz:

03.09.2004

Im Zuge der Sanierung der Parlamentsrampe entsteht ein neues Besucherzentrum. Gleichzeitig wird das benachbarte Palais Epstein für Parlamentszwecke adaptiert.

Gerade in einer Stadt wie Wien, die zum Weltkulturerbe zählt und in der sich allein entlang der Ringstraße zahlreiche historische Bauten aneinander reihen, ist das Thema Denkmalschutz ein Dauerbrenner. Was sich diesen Sommer in puncto Sanierung und Denkmalschutz tut, wird im Folgenden anhand von zwei historisch bedeutungsvollen Großbaustellen abgehandelt.

Generalsanierung der Rampen- und Brunnenanlage
Das Parlamentsgebäude gehört zu den schönsten Bauten an der Wiener Ringstraße. Es wurde zwischen 1874 und 1883 nach den Plänen des dänischen Architekten Theophil Hansen erbaut. Eines der größten aktuellen Bauprojekte in Wien ist die Generalsanierung der Rampen- und Brunnenanlage des Parlamentsgebäudes. In den letzten Monaten hat sich der Platz vor dem Parlament in eine riesige Baustelle verwandelt.
Materialabnützung, Witterungseinflüsse und ein Bombentreffer im Zweiten Weltkrieg haben der gesamten Rampen- und Brunnenanlage des Parlamentsgebäudes enorm zugesetzt. Seit der in den Jahren 1955/56 vorgenommenen Instandsetzung wurden nur geringfügige und absolut notwendige Sanierungsarbeiten durchgeführt, sodass die Generalsanierung der gesamten Rampen- und Brunnenanlage unumgänglich wurde. Der Rampenbereich wird großteils abgebaut und neu aufgebaut. Gleichzeitig werden unter der Rampe ein zentraler Eingang für Besucher, ein Besucherzentrum sowie zusätzliche Räumlichkeiten für Archivierung und Verwaltung geschaffen. Mit jährlich 55.000 bis 65.000 Besuchern zählt das Parlamentsgebäude zu den bedeutendsten Fremdenverkehrsattraktionen entlang der Wiener Ringstraße. An Spitzentagen werden bis zu 1.400 Besucher gezählt. Diese enorme Belastungen für das historische Gebäude haben die Sanierung der Rampe vor allem in statischer Hinsicht notwendig gemacht.
Schadhafte Abdichtungen und ständiger Wassereintritt haben in den letzten vier Jahrzehnten vor allem die aus Ziegelpfeilern und Ziegelgewölben bestehende Tragkonstruktion der Rampe brüchig gemacht. Gelitten haben durch zu große Spannungen auch die Verbindungsteile, die die Rampe als eigenständiges Element mit dem Hauptgebäude verbinden. Die Elemente geben nach, wodurch sich die Rampe zunehmend neigt. Dadurch sind Verformungen und Risse an der Außenseite sowie im Gewölbe unter der Rampe entstanden. Einzelne Steinelemente von der Grundkonstruktion beginnen sich zu lösen oder zu verschieben und werden auch regelmäßig überprüft und wieder instandgesetzt. Die Statik der Rampe lässt daher derzeit nur Fahrzeuge mit maximal 3,5 t zu. Die notwendige Zufahrtsmöglichkeit für Autobusse und Transportfahrzeuge ist damit ausgeschlossen.
Ebenso sind die Ziegelgewölbe der Brunnenanlage unter der Pallas Athene völlig durchfeuchtet und beschädigt. Die Durchnässung der Gewölbe wird in erster Linie durch das undichte Becken des Athenebrunnens verursacht. Während der Wintermonate trocknen die einzelnen Granitelemente aus und bilden Fugen, durch die Wasser sickert. Der Wasserverlust beträgt pro Woche durchschnittlich 8.000 Liter.

Umbau- und Sanierungsarbeiten bis 2005
Mit der Generalplanung wurde Architekt Herbert Beier beauftragt. Seinem Projekt liegen größtmögliche Schonung des Bestandes und optimale Nutzung der Raumressourcen zu Grunde. Vom Standpunkt der Gebäudesicherheit, der technischen Betriebssicherheit und hinsichtlich der Haustechnik in umwelttechnischer, ökologischer und wirtschaftlicher Sicht entsprach es ebenfalls den Zielsetzungen der Parlamentsdirektion von allen in Frage kommenden Projekten am besten.
„Nach eingehendem Studium der Originalpläne von Theophil Hansen für die 1882 fertig gestellte Rampe und die 1902 errichtete Brunnenanlage ist es unsere Intention, an das ursprüngliche Aussehen des gesamten Umfelds so nah wie möglich heranzukommen. Natürlich müssen aber auch gleichzeitig modernen Sicherheitsstandards und der Notwendigkeit optimaler räumlicher Nutzung Rechnung getragen werden. Denn im Laufe der Jahre hat sich vor allem die Gestaltung des Vorplatzes verändert. So soll im Zuge der Sanierungsmaßnahmen die Höhenlage der Rampenfahrbahn inklusive der seitlichen Brüstungen neu festgelegt werden, nachdem sich die Schwünge durch Umbau der Ringstraße geändert haben. Der Vorplatz vom Ring bis zum Parlamentsgebäude soll durch eine Neugestaltung der Bodenoberfläche und durch die Anbringung einer den historischen Beleuchtungskörpern nachempfundenen Beleuchtung nahe an sein ursprüngliches Erscheinungsbild herankommen“, so der Architekt.
Gleichzeitig werden unterhalb der Rampe Infrastrukturmaßnahmen durchgeführt. Dadurch sollen rund 3.000 Quadratmeter Nutzfläche auf drei Ebenen dazugewonnen werden. Auf der ersten Ebene soll ein Besucherzentrum entstehen. Unter der Rampe entsteht ein Zentraleingang für die Besucher des Parlaments. Er soll neben architektonischen und optischen Anforderungen auch den Sicherheitsansprüchen der Gegenwart und Zukunft für Parlamentarier, Bedienstete und Besucher entsprechen.
Da die Parlamentsbibliothek und das Archiv derzeit aus allen Nähten platzen, wird auf der untersten Ebene ein Bibliotheks- und Archivspeicher geschaffen. Das Mittelgeschoß wird einen Medien- und Vortragssaal beherbergen. Für den ORF ist ein Stadtstudio vorgesehen, privaten Sendern soll darüber hinaus ebenfalls ein Studio zur Verfügung gestellt werden.

Restaurierungsarbeiten
Der umfassenden Sanierung der Rampenkonstruktion, der Rampenauffahrt, der Balustrade und der Steinverkleidung ging die Abtragung des Rampenbauwerks bis auf das tragende Mauerwerk beziehungsweise bis auf die Fundamente voraus. Restauriert werden ebenfalls die Rossebändiger und die Quadrigen auf dem Dach des Parlamentsgebäudes. Die Bronzegüsse wurden in der Kunstgießerei Josef Lax gegossen und 1899 nach dem Tod Hansens aufgestellt. Sie wurden zum Zweck der Restauration abgetragen. Weiters werden sämtliche Bildhauerarbeiten am Gebäude gereinigt, restauriert und konserviert. Die „Verjüngungskur“ der 5,5 m hohen Göttin Pallas Athene muss vor Ort vorgenommen werden. Das Brunnenbecken wurde zerlegt und wieder neu versetzt, um den durch die Fugen zwischen den Granitsteinen entstehenden Wasserverlust und die infolgedessen fortschreitende Durchnässung der Gewölbe in Zukunft weitgehend zu vermeiden. Diese speziellen Arbeiten wurden in Absprache mit dem Bundesdenkmalamt vorgenommen.
Bis 2005 sollen die gesamten Umbauarbeiten, deren Kosten rund 21 Millionen Euro betragen, abgeschlossen sein. Bis dahin wird die Baustelle durch eine Baustelleneinfriedung abgesichert. Sichtfenster und Informationen über die Bauarbeiten sollen das Baugeschehen möglichst transparent machen.

Außenfassaden-Instandsetzung
Seit dem Vorjahr sind auch umfangreiche Arbeiten an der Parlamentsfassade im Gange. Obwohl in den vergangenen Jahren die vier Außenfronten der Steinfassade instandgesetzt wurden, ist die Außenflächensanierung des Hohen Hauses damit noch nicht abgeschlossen. Es müssen auch jene Gebäudeteile, die sich zu den Innenhöfen orientieren, die beiden mächtigen kubischen Saalaufbauten und das Langschiff, erneuert werden. Mit den entsprechenden Arbeiten wurde 2003 begonnen, Ende 2004 wird das Projekt „Außenfassaden-Instandsetzung“ dann endgültig beendet sein. Die notwendigen Arbeiten sind vielfältig. So muss die Steinfassade, der Alter und Umwelteinflüsse zugesetzt haben, mit einem Microsandstrahlgerät gereinigt und überarbeitet werden. Dabei werden auch Fugen geschlossen und Fehlstellen ergänzt. Zum Schluss wird die Fassade hydrophobiert, um ein Eindringen von Niederschlagswasser wenigstens auf einige Jahre zu verhindern. Besonderer Behandlung bedürfen der reiche figurale Schmuck der beiden Saalbaublöcke und die dort angebrachten Steinfriese. Die Reliefs und Figuren wurden nach den Plänen von Parlaments-Architekt Theophil Hansen von verschiedenen Bildhauern geschaffen und repräsentieren unterschiedlichste Themengebiete. So ist beispielsweise zwischen den Sockeln der acht Bronze-Quadrigen ein ganzes Band von Reliefs zu sehen, 50 an der Zahl, die allegorisch die Kronländer, Flüsse und Städte der Donaumonarchie versinnbildlichen.
Über diesen Reliefs ragen 44 allegorische Figuren, gefertigt aus Carraramarmor und 2,20 m hoch. Sie personifizieren zum einen allerlei von Politikern geforderte Tugenden wie Ruhe, Mäßigung und Klugheit, zum anderen verschiedene Industrie- und Gewerbezweige sowie einzelne Berufe. Auf den acht Quadrigensockeln wiederum sind sechzehn Reliefs versetzt, die jeweils von zwei Statuen flankiert werden und gemeinsam mit diesen je einen Wirkungsbereich des öffentlichen Lebens symbolisieren.
Die rund 120 Jahre alten Figuren und Reliefs, die zum Teil stark abgewittert und extrem porös sind, werden von einem Steinbildhauer instandgesetzt. Besonders aufwändig gestaltet sich dabei die Restaurierung der Marmorstatuen. Sie werden mechanisch und mittels Laser gereinigt und anschließend unter Vakuum mit verdünntem Acrylharz gefestigt. Eventuell fehlende Steinteile werden ergänzt. Diese Arbeiten stehen unter der wissenschaftlichen Oberaufsicht des Bundesdenkmalamtes.
Das benachbarte Palais Epstein wurde ebenfalls nach den Plänen von Theophil Hansen und unter der Bauführung von Otto Wagner errichtet. Es diente Gustav Ritter von Epstein (1828 bis 1879) als Stadtpalais und Bankhaus. Bis 2001 war in dem Ringstraßenpalais der Wiener Stadtschulrat beheimatet, derzeit wird es von einem Restauratoren- und Architektenteam in enger Zusammenarbeit mit dem Bundesdenkmalamt restauriert und behutsam für parlamentarische Nutzung adaptiert.
Die Generalsanierung des Palais obliegt der Bundesimmobiliengesellschaft, die die Instandsetzungsarbeiten unter Beiziehung des Bundesdenkmalamtes durchführt. Den Maßnahmen ging ein offener Architekturwettbewerb voran, den das Projekt der Architekten Alexander van der Donk und Georg Töpfer im Juli 2002 gewann. Die vom Architekten Manfred Wehdorn geleitete Jury wertete das einstimmig ausgewählte Projekt als Beispiel einer klassischen Sanierung, deren Schwergewicht auf der Erhaltung der historischen Baustruktur liegt und dem künstlerischen Rang des Palais Epstein entspricht.
Der Bestand bleibt in seinem historischen Erscheinungsbild weitgehend unangetastet, auch die historischen Raumstrukturen werden grundsätzlich erhalten. Basis für die Adaptierung ist ein von der Parlamentsdirektion erstelltes Raumnutzungskonzept. Die gesamten Sanierungskosten werden von der Bundesimmobiliengesellschaft auf rund 14,53 Millionen Euro geschätzt. Die Adaptierung wird auf die zukunftsorientierte Erfüllung der Anforderungen eines Abgeordnetenhauses ausgerichtet. Entstehen sollen moderne und funktionale Arbeitsplätze für Abgeordnete zum Nationalrat und Mitglieder des Bundesrates sowie deren Mitarbeiter. Das Epstein hat eine wechselvolle Geschichte. Ursprünglich als Wohn- und Bankhaus gebaut, residierte schon bald die englische Gas-Gesellschaft im noblen Bau am Ring, um von hier aus Teile der Gasversorgung Wiens zu organisieren. Später, nach der Kommunalisierung der Gasversorgung, wurde sie vom Verwaltungsgerichtshof abgelöst, 1922 zog der Wiener Stadtschulrat ein. Er blieb 16 Jahre, bis 1938 die Nationalsozialisten das Gebäude okkupierten, um hier ihr Bauamt einzurichten. Dann, mit Ende des Zweiten Weltkrieges, kamen die Sowjets und schlugen im Haus den Sitz ihrer Zentralkommandantur auf. Zuletzt, von 1958 bis 2000, nutzte wieder der Wiener Stadtschulrat das Palais als Bürogebäude. Anfang 2006 wird nun, wenn die Renovierungsarbeiten nach Plan laufen, das Parlament in das repräsentative Haus am Ring einziehen. Bevor das Palais Epstein für Parlamentszwecke zur Verfügung steht, muss es allerdings umfassend saniert und von den zahlreichen Bausünden, die Vormieter hinterlassen haben, befreit werden. So wurden Zwischenwände in historisch geschützten Räumlichkeiten aufgestellt, EDV-Kabel über Putz verlegt und Zwischendecken eingezogen. In großen Bereichen ist noch die historische Dekoration vorhanden: Stuckmarmor, aufwändige Holzarbeiten, Deckenmalereien und -gemälde, Stuckdekoration an Decken und Wänden. Sie gilt es freizulegen. Die Planer haben bei der Erstellung des Raumnutzungskonzepts großen Bedacht darauf genommen, dass die historisch wertvollen Räume des Palais nicht hinter Bürotüren verschwinden und für die Öffentlichkeit zugänglich bleiben. So sind in der Bel-Etage Ausschusslokale und Sitzungszimmer untergebracht, das Erdgeschoß beherbergt einen großen Veranstaltungsraum für bis zu 120 Personen. Außerdem wird man das Palais wie auch derzeit das Parlamentsgebäude im Rahmen von Führungen besichtigen können.

H.B.-M.

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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